Society of Rudeness
Only the winds - Druckversion

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Only the winds - Otis Rhode - 20.01.2022

Cyneburgs heiserer Atem folgte mir, ich konnte sie humpeln hören, aber ich drehte mich nicht zu ihr um. Ben hatte den Kopf in die Grube an meinem Hals gepresst. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, aber er hatte aufgehört zu weinen, was ein gutes Zeichen war - schätzte ich jedenfalls. Mein Blick ging über unsere Umgebung, ich wusste, dass wir nicht anhalten sollten. Ich wusste wie gefährlich die Straßen bei Nacht waren - wenn einer wie ich es nicht wusste, wer dann? Aber genau aus diesem Grund musste ich anhalten. Gerade bei all der Gefahr und mit Ben in meinen Armen brauchte ich Cyneburg bei voller Kraft. Und das bedeutete, dass ich sie füttern musste. Im Schatten eines Hauses hielt ich inne, sah mich noch einmal um und setzte Ben dann ab. Er war wach, aber hielt sich trotz allem nur mühsam auf den Beinen. Meine Hand streifte über seinen Rücken, vorsichtig, bis ich sicher war, dass er nicht fiel, dann über seine Schulter, strich ihm zittrig über das dunkle Haar. Knochig und mager war er und ich erinnerte mich an den Anblick seiner Wunden und blauen Flecke und wünschte mir so inständig meine hexerische Fähigkeit wäre das Heilen. Doch ich war keine dieser sogenannten Weißen Hexen, mein Können war von weit destruktiverer Natur. Ben klammerte sich an Cyneburgs massiven Körper fest, seine Finger in ihrem dichten Fell vergraben und ich ließ ihn los, drehte mich weg von ihm. Das Messer fand so routiniert in meine Finger, es fühlte sich fast vertraut an. Beruhigend, während die Anspannung mir wie winzige Käfer unter der Haut juckte. Mir den Atem dünn werden ließ. Ich schob meinen linken Ärmel hoch, Cyneburgs riesenhafter Schädel wandte sich mir zu. Ihre dunkle Nase zuckte gierig, als ich den Schnitt setzte und das Blut zu fließen begann. Die raue Zunge der Hündin leckte jeden Tropfen von meiner Haut und ich wartete, bis ihr Hunger gestillt war.

Natürlich hörte der tiefe Schnitt deswegen nicht auf zu bluten, aber ich hatte nichts bei mir, die Wunde zu versorgen. Keine Zeit dafür. Unbedeutend. Ich zog den Ärmel grob wieder nach vorne, steckte das Messer nach einem kurzen absichernden Blick über die Umgebung wieder ein. Zurück zu Ben drehte ich mich, der sich noch immer an Cyneburg fest klammerte, als hätte er vor sie nie wieder los zu lassen. Er kannte die Hündin seit er ein kleiner Wurm gewesen war, ich erinnerte mich daran, wie ich das Vieh zum ersten Mal dabei ertappt hatte, dass sie wie ein dunkle Wächterin Seite an Seite mit dem Jungen geschlafen hatte. Erst da hatte sie Judiths Wohlwollen erringen können. Judith... Taub und orientierungslos schloss ich für einen Moment die Augen. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte ich unwirsch den Kopf. Ging vor Ben in die Hocke, blickte in seine fast apathisch dahin starrenden rehbraunen Augen und nahm ihn vorsichtig in den Arm, während Cyneburg für uns beide Wache hielt. Kleine Arme erwiderten die Umarmung, ein warmer, schwacher Körper, der sich an mich presste und der Gedanke traf mich mit entsetzlicher Klarheit: Ich musste den Jungen von der Straße bekommen. Ich war ziellos umhergewandert seit ich die Wohnung meiner Schwägerin hinter mir gelassen hatte. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, durchbrochen nur von den sporadischen Lichtkegeln der Gaslaternen. Der Junge musste von der Straße. Aber ich hatte nur meine eigene klamme Wohnung, die ich in den frühen Morgenstunden schon wieder würde verlassen müssen, zu einer Arbeit, die so bedeutungslos sie mir seit den vergangenen Wochen auch erscheinen mochte, doch des Jungen und mein einziges Brot war. Aber was, wenn ich in wenigen Stunden zu gehen hatte, was dann? Wer würde dann auf meinen armen, geschundenen Jungen Acht geben? Ich hatte nur Cyneburg und was sie auch bereit wäre für den Jungen zu tun, sie war nun mal nicht von menschlicher Gestalt.

„Na, komm“, flüsterte ich heiser, nahm den Jungen wieder hoch, trug ihn weiter durch die dunklen Gassen und Straßen, bis seine tiefen Atemzüge gegen meine Brust mir irgendwann sagten, dass er eingeschlafen sein musste. Und meine Füße trugen mich weiter, immer noch weiter durch die Nacht. Und dass sie ein Ziel gefunden hatten, erreichte meinen leeren Schädel erst, als sie endlich anhielten. Meine Arme fühlten sich längst taub an, meine linke Hand feucht von meinem eigenen Blut und ich bemerkte erst, dass ich zitterte, als ich die Faust hob und an die Tür vor mir klopfte, mit der anderen Hand weiter meinen schlafenden Jungen haltend, Cyneburg dicht an unserer Seite. Und mein gehetzter Blick, der unstet nach irgendeinem entfernten Fokus suchte.


RE: Only the winds - Ardin James - 20.01.2022

Ich war wach. Weil ich immer wach war. Und ich ging nach unten als es an die hölzerne Haustür klopfte, weil es immer ich war, der nach unten ging wenn es nachts unten klopfte. Weil ich ihnen gesagt hatte, dass ich auf dieses Haus achtgeben würde. Bei Tag und bei Nacht. Jeder der Familien, die mit uns in diesem Haus lebten. Dafür bezahlten sie mich. Und ich war kein schlechter Verkäufer, ich hatte die Ressourcen, das zu tun was es brauchte. Und deshalb war ich wach. Voll bekleidet ohne an diesem Abend auch nur ein Auge zugemacht zu haben. Als ich das Karambit einsteckte, die Bohle unter der Tür wegschlug und ins Treppenhaus ging, konnte ich Margory im Augenwinkel in Nachthemd und mit Schlafmütze aus unserem Zimmer kommen sehen. Sie war müde aber ihr Blick wurde rasant wacher. Ich sah zu ihr, sie wusste wo die Waffe lag, die ich noch aus der Bow Street hatte herüber retten können. Ich hatte ihr gezeigt wie man schoss, sie würde wissen, was zu tun war.

Jackdaw wurde lebhaft, flatterte mir auf die Schulter, bereit für den Angriff. Ich konnte ihr Herz klopfen fühlen. Schüttelte nur kurz den Kopf, machte die zwei Schritte zurück in unsere Stube, drückte das Fenster einen Spalt auf, die Dohle hüpfte meinen Arm hinunter und zwängte sich hindurch. Erst als ich sie durch die Nacht flattern fühlte, drehte ich mich wieder um, verließ nun endgültig raschen Schrittes die Wohnung und hastete die Treppenstufen hinunter. Im Zweiten Stock hatte sich eine Tür geöffnet, ein greises Gesicht sah hindurch. „Bleib wo du bist, Abe, und mach die Tür zu.“, fuhr ich den Alten im Vorbeihasten an. Hinter mir fiel die Tür wieder ins Schloss.

Jackdaw hatte endlich das Haus umrundet, war auf der Seite der Tür angekommen und jetzt erst wurde mein Schritt langsamer. Nahm ich die letzten Stufen in angemessenerem Tempo, nicht mehr hastig. Das Karambit blieb wo es war, in meinem Hosenbund. Jackdaw ließ sich auf der erloschenen Gaslaterne an der Wand über der Tür nieder. Ich zog den Riegel der Tür zurück, öffnete sie, und sah Otis Rhode in die Augen.

Er sah fertig aus. Ich konnte ihn im Dunkeln nur halb erkennen, aber Jackdaw sagte mir, dass er zitterte und von seinem linken Arm tropfte in regelmäßigem Takt das Blut, das immerhin konnte ich riechen. Wichtig aber war nur sein rechter Arm. Sein rechter Arm, auf dem er das Bündel eines kleinen Jungen trug, der sich um seinen Hals geschlungen hatte und schlief. Es war Jackdaw, die mir sagte, wie übel der Kleine, Otis‘ Sohn, zugerichtet war. Mein ernster Blick traf die Gestalt. Hätte am Liebsten nach dem Jungen gesehen. Aber nicht hier, nicht hier draußen. Ich warf einen weiteren ernsten Blick auf die Straße hinter Rhode. Ich brauchte keinen zweiten. Machte Platz um Otis vorbei zu lassen und Cyneburg mit ihm. „Hoch mit dir.“, sagte ich nüchtern, aber ich glaube es hätte keine Worte gebraucht um das zu sagen. Ich war nicht einmal sicher, ob Otis mich verstand.

Otis, mein Fluch der letzten fünf Jahre. Der Grund weshalb sie mich dieses Jahr in die H Division versetzt hatten. Als wäre ich Rhodes Bediensteter und könnte nicht ohne den Mann leben, der sich seit dem Tod seiner Frau im Selbstmitleid suhlte und nur schwer dazu zu bringen war, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ich war es längst Leid, ihn regelmäßig anzuschreien. Auch wenn es gut getan hatte, ihn meine Wut darüber spüren zu lassen, dass wir heute beide dort waren, wo wir nun einmal waren. Aber er hatte getan, was ich ihm gesagt hatte. Er hatte sich um seinen Jungen gekümmert. Und jetzt war er hier. Und egal was passiert war, ich würde nicht zulassen, dass er oder der Junge mir abkratzten wenn er einmal das tat, worum ich ihn gebeten hatte. Auch wenn bitten vielleicht das falsche Wort dafür war. Ihn draußen auf der Straße zu lassen, hätte bedeutet, ihn abkratzen zu lassen. Früher oder später.

Hinter Otis warf ich noch einmal sicherheitshalber einen Blick auf die Straße, ließ Jackdaw einen Rundflug machen, wartete dann, bis sie durch die Tür geflattert kam und sich in Cyneburgs Nackenfell einnistete, stumm wie ein Fisch dabei ausnahmsweise, und schloss dann wieder ab. Es war noch nie ein so seltsames Gefühl gewesen, eine Holztür zu schließen.


RE: Only the winds - Otis Rhode - 20.01.2022

„‘konnte da nich‘ blei-b-b-en“, kam es mir stockend über die Lippen sobald die Türe sich öffnete und ich Ardins untersetzte Statur ausmachen konnte. Ich nuschelte – ausnahmsweise mal nicht, weil ich getrunken hatte, sondern weil Septembernächte bereits ziemlich kalt sein konnten. Wenigstens wenn einem der Schock so tief in den Knochen saß. Wenn man seit Wochen kaum mehr etwas aß. Wenn man seine letzte Kraft in einen Ausbruch der Gewalt gesetzt hatte. Wenn man seit Stunden einen kleinen Jungen durch die Nacht trug. Wenn man besagtem Jungen seinen Mantel umgeschlungen hatte. Wenn man blutete wie Schlachtvieh. Mein lahmer Blick traf meine blutende Hand. „‘s tropft“, wies ich auf das Offensichtliche hin, weil es ein Grund sein könnte, aus dem James mich nicht im Hausflur wollen würde und ich nicht weiß, was ich tun würde, wenn ich einmal von der Wärme eines Hausinneren gekostet hätte, nur um dann wieder hinausgeworfen zu werden. Womöglich wäre ich einfach auf der Schwelle zusammengebrochen. Ich konnte hier und jetzt umdrehen und einfach weiterlaufen bis meine Kraft mich endgültig verlassen hätte, aber wenn ich einmal von der Straße war, wusste ich nicht, ob ich meinen Jungen wieder zurück in die Kälte tragen könnte. Doch Ardin stand noch immer so merkwürdig neben der Türe, nicht ganz als ob er mich einladen wollte einzutreten, aber auch nicht so als ob er mich daran hindern wollte. Irgendwelche Worte kamen aus seinem Mund, aber ich konnte ihnen so wenig Bedeutung beimessen, als hätte er in einer anderen Sprache gesprochen.

Und dann machte Cyneburg den ersten Schritt, ging uns vertrauensvoll voran. Die Dohle saß ihr im Nacken, ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie sich uns genähert hatte. Mein Herz klopfte scharf gegen meinen Hals, als ich sie so beobachtete. ‚Nicht‘, hätte ich am liebsten gerufen, aber mir fehlte die Kraft und warum war ich eigentlich hier, wenn nicht um einzutreten? Warum war ich eigentlich hier? Ja, das war die Frage und die ernüchternde Antwort, die Cyneburg mir gab, während sie im Dunkeln des Hauses verschwand war: Weil wir keine andere Chance haben als diese hier. Keine andere Chance für Ben und das bedeutete alles für diese Chance zu geben. Ich schüttelte knapp meine blutende Hand, so dass ich sie in den Ärmel zurückziehen konnte, griff dann meinen Jungen wieder fester und folgte Cyneburg ins Innere des Hauses, hinauf in Richtung von James Wohnung. Mrs. James stand dort, bekleidet nur mit einem Nachthemd. Ich blieb wie angewurzelt stehen, gestoppt von einem – in Anbetracht der Umstände meines Erscheinens völlig lächerlichen – Anflug des Anstandes und senkte den Blick. „‘schuldigung“, murmelte ich betreten, meinen Jungen noch immer in den Armen, nicht wissend, ob ich ihn je noch einmal würde los lassen können.


RE: Only the winds - Ardin James - 20.01.2022

„Otis“, erwiderte Margory verwundert über uns am Treppenabsatz. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit meinem Kollegen aus der H Division. Da war sie nicht die einzige. Es war wie Zufall, dass sie ihn beim Vornamen nannte, war er doch sonst immer Inspector Rhode oder wenigstens Mister Rhode gewesen. Aber sie hatte mit angesehen wie der Mann die Seele des Jungen, den er jetzt auf dem Arm trug, an den Teufel verkauft hatte. Dass sie ihn jetzt, da er blutend und zitternd in ihrem Treppenhaus stand, beim Vornamen nannte, war nur ihr gutes Recht. Und so familiär das auch klingen mochte, sie mochte dazu stehen. Ich sah es in ihren Augen als ich an Otis vorbei sah. Sah es in der Art wie sie die Situation erfasste, keine langen Fragen stellte und sich keine Sekunde dafür schämte, halbnackt im Dunkeln vor diesem verwundeten Mann zu stehen.

Stattdessen wandte sie sich ab, wie von einer Minute zur Anderen aus einer Starre befreit, die sie bis eben fest im Griff der Überraschung gehalten hatte, öffnete unsere Wohnungstür und hielt sie Otis auf um einzutreten. „Komm rein. Komm rein!“, sagte sie, zaghaft erst und dann energischer, als formte sich in ihrem Kopf ein Plan. Und ich wusste, dass ich mich nicht sorgen musste, was ich ihr antat – sie hätte mich geschlagen, hätte ich diese Formulierung auch nur einmal in den Mund genommen. Sie wusste was sie an mir hatte, dass ich ihr blutendes Gesindel mitten in der Nacht ins Haus schleppte. Aber sie wusste, wer dieses Gesindel war. Und sie konnte nicht zusehen, wenn jemand in Not war. Und wäre sie gänzlich nackt gewesen, sie hätte noch geholfen. Das war Margory. Das war sie schon immer gewesen. „Komm schon rein!“

Ich folgte Otis die letzten Stufen nach oben, warf noch einen letzten Blick in den Flur und wartete dann darauf dass alle in der Wohnung verschwanden. An Otis und Margory vorbei konnte ich Patrick in der Stube stehen sehen, ebenfalls im Nachtrock, der scheinbar gerade erst aus dem Kinderzimmer gekommen war. Vermutlich hatte er die Stimmen gehört und sich gesorgt. Er war ein guter Junge. Der beste. Er würde nach den Kleinen sehen, damit sie nicht vor die Tür kamen. Dabei immerhin war ich mir sicher.


RE: Only the winds - Otis Rhode - 20.01.2022

Die Wohnungstür öffnete sich noch ein Stück weiter, gab mir den Weg frei, trübes Licht drang in das dunkle Treppenhaus, das Versprechen nach Wärme, der Sicherheit einer geordneten Familie. Und dort stand ich. An der Schwelle zu dieser Wohnung, dieser friedlichen Familie, die ich aus der Ruhe des Schlafes gerissen hatte. Blutend, mit meinem verletzten Jungen im Arm, wie zwei ausgehungerte Wölfe am Rande des sicheren Lichtkegels eines Dorfes. So unsagbar fehl am Platz, gar eine Bedrohung des Friedens. Mrs. James forderte mich auf hinein zu kommen, ich hatte den Blick noch immer gesenkt, wäre gerade jetzt gerne im Erdboden versunken. Selbst die Hölle musste ein angenehmer Ort sein gegen mein unseliges Tun hier. Aber es gab kein zurück. Keine andere Chance, erinnerte ich mich an Cyneburgs Worte. Ich trat ein, trug meinen Jungen ins Innere der Wohnung, Cyneburg folgte mir auf dem Fuß. Ich kannte James‘ Wohnung in Whitechapel noch kaum. Dort wo er zuvor mit seiner Familie gewohnt hatte, war ich einige Male zu Besuch gewesen, zum Abendessen eingeladen, nie ohne Judith. Aber alle Wohnungen armer Leute waren irgendwie ähnlich aufgebaut – vermutlich galt dasselbe für die Anwesen wohlhabender Leute, aber von denen hatte ich noch nicht ansatzweise so viele betreten, um das beurteilen zu können, und hatte sie mehr als undurchblickbare Labyrinthe riesigen Ausmaßes in Erinnerung. James‘ Ältester stand vor einem Zimmer, das wohl den Kindern als Schlafstätte diente, ich mied nach kurzem Nicken bescheiden seinen Blick ebenso wie den von Mrs. James. Wie ein Hund, der sich bewusst war, dass er in fremdes Revier eingedrungen war und als Frucht seiner unsäglichen Tollkühnheit schon nichts mehr weiter tun konnte als ergeben die Kehle zu zeigen und auf Milde zu hoffen.

Ich wäre im Inneren erneut stehen geblieben, aber Mrs. James‘ energisches Nicken trieb mich weiter ins Innere und je mehr Schritte ich tat, desto mehr spürte ich wie dünn meine verbliebenen Kräfte waren. Ich zitterte jetzt heftiger als noch zuvor, schaffte es bis zu einem Stuhl und ließ mich darauf sinken. Erst als ich Ben mit den Beinen abstützte und sein Gewicht nicht mehr länger nur von meinen Armen getragen wurde, spürte ich wie das Blut in meine tauben Muskeln zurückströmte und ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich den schlafenden Jungen so lange hatte tragen können ohne das enorme Gewicht seines erschlafften Körpers zu spüren. Ich tat es jetzt und ich spürte seine kleinen Fäuste, die sich selbst im Schlaf noch an mich klammerten. Mit der rechten Hand setzte ich den Hut ab, aber mein Blick galt nur meinem Jungen, seinem ausgezerrten kleinem Gesicht, all dem Kummer in diesen jungen Zügen, ich strich ihm über das Haar, fühlte an seiner Wange, seinem Hals, unter  seiner dünnen Kleidung, sanft, ohne ihn zu wecken, doch Ben schien ohnehin zu schlafen wie ein Stein. Der Junge war nicht unterkühlt, wie ich erleichtert feststellte, der Mantel und die Nähe zu meinem Körper schienen ihn warm genug gehalten zu haben. „Haben Sie vielleicht etwas Warmes, Mrs. James, für den… für den Jungen? Einen… einen Tee vielleicht…?“, fragte ich dennoch, die Stimme rau und heiser. Ich wagte nicht nach etwas Anderem zu fragen, selbst wenn es entkräftet wie der Junge war, sicher besser gewesen wäre. Selbst Tee erschien mir so unendlich vermessen. Aber ich hatte den Kleinen so lange durch die kalten Dunkelheit getragen, wusste nicht zu sagen was oder wann er zuletzt etwas zu sich genommen hatte. Ich musste wenigstens fragen. Flehentlich sah ich zu Mrs. James auf, mir bewusst, dass ich nicht hätte hier sein dürfen, aber keinen anderen Ort an den ich hätte gehen können.


RE: Only the winds - Ardin James - 20.01.2022

Ich folgte Otis ins Innere der Wohnung, die Blutspur ignorierend, die er kontinuierlich im Treppenhaus gelegt hatte. Darum konnte ich mich auch noch bei Tageslicht kümmern. Jeder, der sich daran störte, durfte gerne selbst zum Scheuertuch greifen. Ich verschloss die Wohnungstür wieder, schob die Holzbohle zurück unter die Klinke. Dann drehte ich mich zu meinem Sohn um. „Hol deiner Mutter etwas zum überziehen, Patrick, sei so gut.“, bat ich ihn leise. Er drehte sich ohne weitere Fragen zu stellen um, verschwand in unserem Zimmer und kehrte bald darauf mit Margorys Morgenmantel zurück, den er ihr reichte. Während dessen nahm ich eine Öllampe vom Küchenregal und entzündete sie an den Kerzen am Tisch, um für etwas mehr Licht zu sorgen. Mochte sein, dass ich beim Brüten im Dunkeln nicht mehr nötig hatte als das, aber das hier war etwas anderes.

Immer wieder fiel mein Blick während meinem Tun auf Rhode. Rhode wie er sich setzte. Rhode wie er nach seinem Jungen sah ohne eine Sekunde acht auf sich selbst zu geben. Margory entfachte das Feuer im Ofen neu um etwas Wärme zu spenden. Bentley mauzte leise davor und strich ihr träge um die Beine, durch den Tumult geweckt. Sie schloss den Morgenrock, dann beugte sie sich besorgt über Otis und seinen Jungen während ich die Öllampe über dem Tisch an einen Haken hängte. „Ein Tee lässt sich sicher machen. Und Otis, ich bin Margory, hörst du?“, sagte sie ruhig und liebevoll mit ihrer bestimmten, aber beruhigenden Stimme und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, wie um ihm die Ruhe zu geben, die sie verspürte. Dann wandte sie sich ab, setzte den Kessel auf.

Im Nebenzimmer war es in der Zwischenzeit unruhig geworden. Eine verschlafene Kinderstimme quiekte aus dem Zimmer aus dem Patrick gekommen war. „Siehst du nach ihnen? Pass auf dass sie weiterschlafen, ja?“ Patrick nickte und gehorchte. Er verschwand durch die Tür zurück ins Kinderzimmer und augenblicklich wurde es ruhiger drüben. Es war nicht so, dass ich ihn nicht hierhaben wollte. Wenn ich einem meiner Kinder erlaubt hätte zu bleiben, dann wäre es Patrick gewesen. Patrick, der schon ein halber Mann war. Aber es war besser, wenn er nach den Kleinen sah. Besser wenn Otis nicht noch mehr Zuschauer hatte. Unwirsch wandte ich mich bei dem Gedanken ab, zurück zu Margory und Otis am Tisch. Ich beobachtete sie kurz auf der Suche nach etwas, womit ich sie unterstützen konnte, aber ich fand nichts.

Ich wollte mir gerade einen Stuhl vom Tisch ziehen, als mir die spiegelnden Blutstropfen wieder ins Auge stachen, die Otis wie eine unpassende Dekoration verfolgten. Meine Hände ließen den Stuhl stehen wo er war, öffneten stattdessen mit ruhigen Bewegungen den Schrank gegenüber, in dem wir neben Laken und Bettwäsche auch alte Leinenstücke lagerten, zog zwei lange Stücke daraus hervor. Ich schloss den Schrank wieder, reichte dann Margory die Leinenstücke. „March?“ Sie drehte sich zu mir um und nahm sie mir ab.

Diesmal zog ich mir den Stuhl heran, setzte mich, verschränkte abwartend die Hände auf dem Tisch ineinander und sah Otis an. Ich beobachtete, wie er seinen Jungen ansah. Beobachtete weiter wie Margory neben ihn trat, ihn behutsam an der Schulter seines verletzten Arms berührte und ihn bat ihr seine Wunde zu zeigen, damit sie sie mit den Leinentüchern verbinden konnte. Ich blieb stumm dabei. Beobachtete nur. Und fragte mich was beim dunklen Herrn Rhode und dem Jungen passiert war.

Jackdaw schien da bereits weiter zu sein als ich. Bislang war sie zu beschäftigt gewesen, um sich mit mir zu befassen – ich war dankbar dafür gewesen bis zu diesem Augenblick – aber diesen Aufhänger konnte sie unmöglich gleiten lassen. Munter hüpfte sie über Cyneburgs Rücken, die sich hinter Otis bei Bentley vor dem Herd niedergelassen hatte und scheinbar bereits einen fröhlichen Tagesbericht abzugeben wusste. Finsteren Blickes beobachtete ich weiter wie Margory sich um Otis‘ Arm kümmerte, nachsichtig mit dem geringfügigen Widerstand umgehend, den er ihr bot, und ließ mir von Jackdaw die Schlagzeilen der Vertrauten Post erzählen. Sie waren bei der Familie gewesen, bei der Ben untergekommen war. Otis‘ Schwägerin. Jackdaw bezeichnete es stolz als „die Abrechnung“ und ich konnte mir vorstellen, was sie darunter verstand. „Hat es Tote gegeben?“, fragte ich ohne jede Emotion in der Stimme. Margory sah ruckartig auf, warf mir einen wütenden Blick zu. Ich reagierte nicht darauf. Mochte sein, dass ich zu direkt war. Mochte sein, dass es nicht der richtige Augenblick war. Aber der würde nie kommen. Besser ich wusste, ob jemand Otis verfolgen würde. Vielleicht bis hierher.

Der Teekessel pfiff und zwang Margory dazu, ihre Aufmerksamkeit von mir abzuwenden. Auch von Otis‘ Arm. Sie warf das verbliebene Tuch mit Schwung auf die Tischplatte. Dann wandte sie sich dem Herd zu um den Tee zu retten und etwas von der „Suppe“ hinzuzugeben. Sie stellte zwei Tassen vor Otis und seinem Jungen ab, nahm dann Topflappen zur Hand und goss die Flüssigkeit ein. „Hier, das wird eure Wunden heilen.“, erklärte sie und in ihrer Stimme lag eine Wärme, die sie für mich heute Abend nicht mehr übrig haben würde.


RE: Only the winds - Otis Rhode - 20.01.2022

Margory. Verständnislos sah ich Mrs. James entgegen. Ja. Margory. Ich kannte ihren Vornamen. Erst im nächsten Moment registrierte ich, dass sie mich Otis nannte, dass sie mich wohl aufforderte sie ebenfalls beim Vornamen zu nennen. Ich nickte langsam. Viel bedeutender war ohnehin, dass sie mir den Tee gewährte. Ich atmete erleichtert auf, den Blick wieder auf meinen Jungen gesenkt, als wäre all mein Existenzgrund ihn in den Armen zu halten. Einfach still hier zu sitzen in diesem warmen Raum, Ben haltend und darauf achtend, dass er nicht in seinem verdienten Schlaf gestört wurde. Die Sekunden verstrichen, wurden zu Minuten, wurden bedeutungslos. Ich spürte kaum, dass Margory nach meinem blutenden Arm verlangte. Aber ein Arm genügte, um meinen Jungen zu halten, also konnte ich ihr den geben, ohne ganz zu registrieren weshalb oder dass Margory meine Wunde versorgte. Es war so unendlich bedeutungslos im Vergleich zu der Aufgabe, die ich hatte. Die Aufgabe für die mein Körper seine letzten Kräfte mobilisierte, alles was er noch zu geben hatte, darin fokussierte. Bis Ardins Worte den Schleier durchbrachen hinter den sich meine Sinne zurückgezogen hatten. Ich hob langsam den Blick, starrte in die unbestimmte Leere des Raumes.

„Hat es Tote gegeben?“„‘sin Whitechapel“, erwiderte ich, als wäre das eine Antwort. In gewisser Weise war es das auch, nur nicht auf die Frage die James ausgesprochen hatte. Ich kannte ihn lange genug, um die Fragen zu kennen, die er nicht aussprach. Fällt das heute auf dich zurück? Oder eher noch: Fällt das deswegen dann auf mich zurück, weil du hier bist? Ich respektierte die Frage. Aber dass die Familie meiner Schwägerin Whitechapel waren, bedeutete, dass jeder potentielle Zeuge wusste, was eine Aussage gegen einen Polizisten hier wert war. Es hätte ihnen nur Prügel eingebracht. Vielleicht würde man mich zur Kasse bitten, wenn man mich in der Division beschützte, aber das war es dann auch schon. Entgegen Ardins konstanten Schlosshundegejaul über diese Versetzung – es gab einige Dinge, die mich an unsere Bow Street Tage erinnerten. An die guten, wirklich guten Tage. Geistesabwesend rieb ich die Knöchel der drei tätowierten Finger gegen die Innenfläche meiner anderen Hand. Sei es drum. „Un‘ Schafe“, fügte ich dann hinzu. Schafe bedeutete, dass sie niemand waren, der mir freiwillig folgen würde. Die nicht. Nicht einmal um Rache zu nehmen oder was immer ihnen in den Sinn kommen würde. Wenn sie noch lebten, denn um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung. Es war mir auch schlicht und ergreifend egal. Ich senkte den Blick wieder auf Ben, beobachtete den schlafenden Jungen.

Der Teekessel pfiff, das Geräusch ließ mich zusammenzucken und Ben regte sich schläfrig, ich legte ihm eine Hand auf das dunkle Haar, streichelte sanft darüber und lehnte mich mit dem Kopf zu ihm hinunter, nahm all meine verbliebene Kraft und Konzentration zusammen, um mich mit mehr Erfolg auszudrücken als bisher. „‘musst aufwachen, Ben“, flüsterte ich rau, „Komm schon, mein Großer.“ Ich rieb ihm über den Rücken, bis er zaghaft erwachte. Schlaftrunken löste sich eine seiner Fäuste von mir und rieb er sich über das blasse Gesicht. Ich ließ ihm die Zeit wach zu werden. Seine haselnussfarbenen Augen fanden mein Gesicht, wanderten aufmerksam darüber hinweg, als müsse er erst realisieren, dass ich es war. Er sah Judith so unsagbar ähnlich von den seidig-dunklen Haaren bis über die hellen, braunen Augen. Dann endlich löste sich sein Blick von mir und er drehte den Kopf. Im ersten Moment geschah nichts, dann, sobald er die vermeintlich Fremden entdeckte, schreckte mein einst so mutiger, fast draufgängerischer Junge in sich zusammen, vergrub das Gesicht an meiner Brust und wimmerte leise. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. „Shh… Benno, mh, erinnerst du dich nicht an Onkel ‘din? Den Paps von Freddie, mit dem du immer gespielt hast, huh? Und Tante Margo?“ Trotz Judiths und meiner besten Bemühungen hatte Ben lange Zeit nicht geschafft Ardin oder Margory beim richtigen Namen zu nennen. Aufmunternd rieb ich ihm weiter über den Rücken, bis er endlich wieder den Blick hob. Schüchtern um sich blickte. Ich rieb ihm ein paar Tränen aus dem Gesicht, setzte mich aufrechter und schob Ben gleichzeitig so zurück, dass er auf meinen Oberschenkeln zum Sitzen kam.

Mrs. James… Margory kam mit dem Tee herbei. Ich drehte mich zu ihr. „Danke“, sagte ich nur, kaum in der Lage ihr in die Augen zu sehen bei so viel warmer Güte, die ich nie würde zurückzahlen können, sah dann doch zögerlich auf, nur um fast sofort wieder weg zu sehen. Ich nahm eine der bereitgestellten Tassen. Heiß und mit dem wohligen Geruch nach Kräutern. „Mhhh“, machte ich und pustete ein wenig, probierte einen kleinen Schluck um abwägen zu können, wie heiß die Flüssigkeit war, aber Margory schien bereits eine gut trinkbare Mischung aus dem heißen Tee und - wie ich aufgrund ihrer Worte annahm - der heilenden Mixtur abgestimmt zu haben. „Mh, weißt du wonach das schmeckt?“, fragte ich. „Nein!“, protestierte Ben und ich konnte irgendwo unter seiner abgeschlagenen Erschöpfung den Trotz über eine so absurde Frage und die Neugierde meines Jungen erahnen. „Probier mal“, forderte ich ihn auf und tatsächlich trank er zwei vorsichtige Schlucke. „Süß“, schmatzte er dann zufrieden und tatsächlich war auch mein Verdacht, dass Margory etwas Zucker untergemischt hatte, um den zweifelhaften Geschmack von dem zu Überdecken was Ardin 'die Suppe' nannte. „Was noch?“, fragte ich und brachte Ben so dazu noch mehr von dem Tee zu trinken. „Warm“, murmelte er. „Ist das ein Geschmack?“, fragte ich lächelnd und Ben schüttelte nach kurzem Nachdenken den Kopf, nur um dann doch wieder abwägend zu nicken und ich wusste, was er meinte, was er wohl so eben empfand. Die wärmende, heilende Wirkung des Trankes, den Margory herzustellen wusste und die sämtliche Sinne überlagerte. Ben schien wohl instinktiv zu spüren, dass der Tee ihm gut tat oder aber es war die Süße des Zuckers, die meinen Jungen lockte, jedenfalls nahm Ben die nächsten Schlucke ganz von sich aus und trank schließlich gierig den ganzen Becher bis zu Neige aus. „Willst du noch?“, fragte ich, denn Margory hatte in weiser Voraussicht noch einen zweiten Becher mitgebracht. Ben nickte und trank noch etwa die Hälfte des zweiten Bechers, was mich zufrieden lächeln ließ. Das sollte seine körperlichen Blessuren heilen lassen und was immer man ‚der Suppe‘ nachsagen mochte, sie war nahrhaft, der Zucker war es auch, das bedeutete, dass mein Junge jetzt immerhin etwas im Magen hatte. Ich glaube ich habe Magie und all dem verfluchten Hexentum nie mehr abgewinnen können, als genau in diesem Moment. „Schlaf noch ein bisschen“, murmelte ich, aber das musste ich Ben gar nicht sagen, er hatte sich bereits wieder eine bequemere Position gesucht und lehnte sich schläfrig gegen meine Brust. Ich trank den Rest des Tees, spürte die kribbelnde Wirkung an meinem verbundenen Arm, in meinem Körper, spürte die Abgeschlagenheit ein wenig weichen und fühlte mich fast im selben Moment schuldig deswegen. Weil ich es gar nicht verdient hatte, dass es mir besser ging, nicht mit dem Jungen in meinen Armen, den ich, nach allem was ich ihm schon angetan hatte, nicht einmal vor seinen eigenen Verwandten hatte beschützen können. Nicht nach… Ich spürte Cyneburgs kalte Schnauze an meiner Hand, sie hatte mir müde den Kopf auf den Oberschenkel gelegt und ich wusste, was sie mir sagen wollte: Hör auf. Hör auf dich umzubringen, wegen Dingen an denen du nichts ändern kannst. Das ist nur verschwendete Energie. Es musste schön sein, wenn man kein Gewissen hatte. Ich hob trotz allem den Kopf, fuhr mir unwirsch über die brennenden Augen und nahm dann einen tiefen Atemzug.

Schlagartig wurde ich mir wieder dem bewusst, wo ich mich hier befand, in James‘ Wohnung. Hielt nicht nur ihn vom Schlaf – oder was auch immer der nachts tat, schlafen war es ja scheinbar nicht, voll bekleidet, wie er mir bereits die Tür geöffnet hatte – ab, sondern auch seine Frau und seinen Ältesten. Und ich hatte noch nicht einmal eine Erklärung deswegen gegeben. Gleichzeitig wusste ich, was James mir wohl genau in diesem Moment vorwerfen würde: Wenn du mit deinem Jungen sprechen kannst, dann kannst du auch mit mir sprechen. Ja. Konnte ich… Musste ich zumindest. Ich sah zu ihm hinüber. Nur noch einen Moment, versuchte ich ihn stumm zu bitten, nur bis der Junge schläft und das nicht mitanhören muss.


RE: Only the winds - Ardin James - 20.01.2022

Whitechapel. Schafe. Tief atmete ich aus und wandte ungeduldig den Blick ab, hin zu dem kleinen Küchenfenster, hinter dem die dunkle Nacht lag und mir nichts entgegen blickte als mein eigenes Spiegelbild. Ich sah wieder fort. Beobachtete finster Margorys Handgriffe. Immerhin der Ärger würde uns verschonen. Aber ich fragte mich ob das jetzt zum Tagesgeschäft wurde für Otis. Jeden in der Luft zerreißen, der nicht seinen Job machte, wie er ihn gemacht hätte. Ein Blick auf den Jungen in seinen Armen, den er jetzt weckte als der Tee bereit stand, trieb mir das schlechte Gewissen über diesen Gedanken in die Schläfen. Ich senkte die Augen auf die Tischplatte vor mir und sog kurz unschlüssig die Wangen zwischen die Kiefer. Der Junge wurde wach, erblickte mich und zuckte zusammen, sich angstvoll an seinen Vater drückend. Zu Recht, dachte ich. Zu Recht. Ardin James, du verrohtes Stück Scheiße, dass du so etwas über einen kleinen Jungen denkst. Wäre es dein Sohn gewesen, den sie gefoltert hatten, dann hättest du genauso reagiert. Du hättest jeden zu Kleinholz gemacht, der es gewagt hätte, Hand an deine Kinder zu legen. Und du verurteilst Otis Rhode dafür, dass er ein einziges Mal so etwas wie Vaterinstinkt zeigt.

Jackdaw flatterte von Cyneburgs Rücken hoch zu meiner Schulter. Ich wagte es nicht, sie fortzuschieben, aus Angst Ben zu erschrecken wenn ich mich zu schnell bewegte. Stattdessen beobachtete ich den Jungen. Mit engem Hals. Während sich der Kleine zaghaft beruhigte und von Otis ablenken ließ. Mit Tee. Mit so etwas einfachem wie Tee. Und Otis dabei so liebevoll mit dem Jungen umging, wie ich ihn in den letzten Monaten gerne nur ein einziges Mal mit seinem Kind hätte umgehen sehen wollen. Ich sah zu Margory als diese sich mir gegenüber an den Tisch setzte mit einer eigenen Tasse Tee. Sie legte ihre schlanken Finger darum um sie zu wärmen. Mir stellte sie demonstrativ keine Tasse hin. Ich sah von der Tasse zu ihr hoch. Sie sah mich an, legte kurz den Kopf schief, als wollte sie sagen ‚du weißt wofür das ist‘ und nahm dann bescheiden wie die Unschuld vom Lande einen Schluck von ihrer Tasse, bevor sie zu Otis und Ben blickte.

Erneut atmete ich tief durch. Zu faul mich selbst zu bedienen, hätte ich dazu doch aufstehen müssen, ließ ich das Schicksal über mich ergehen und wartete weiter. Worauf? Ich wusste es langsam selbst nicht mehr. Jackdaw hatte gesagt was es zu sagen gab. Otis war fort von der Straße. Für den Moment war es gut. Ich hatte keinen Tee… Wer wäre unglücklich gewesen? Aber vielleicht wollte ich es von Otis hören. Was er vor hatte. Jetzt, da er einen Haushalt in Whitechapel in Schutt und Asche gelegt hatte. Ja, was kam dem großen Otis Rhode als nächstes in den Sinn? Ich begegnete seinem Blick, der stummen Bitte darin. Wandte ungeduldig die Augen ab, begegnete dabei unfreiwillig auch Margorys Blick, der einen herrisch mahnenden Ausdruck trug ohne dass sie ein Worte sagte. Stumm gab ich mich unwirsch geschlagen. Gut, dann warteten wir eben. Von mir aus… Ich streckte eine Hand aus und begann mit dem Fingernagel eine Kerbe in der Holzmaserung des Küchentischs nachzuziehen, den Unterkiefer ganz unfreiwillig ein wenig vorgeschoben. Ich war geduldig. Oh ich war sowas von geduldig…


RE: Only the winds - Otis Rhode - 20.01.2022

Ardins Blick war voll wütender Ungeduld, aber er schwieg, das war alles, was zählte. Er schwieg noch ein wenig länger und gab Ben die Zeit einzuschlafen. Ich streichelte dem Jungen sanft über den Rücken, brummte leise die Melodie eines Wiegenliedes, das Judith ihm einst vorgesungen hatte und dessen Text ich mir nie hatte merken können. Ben war längst zu alt dafür, aber manchmal, wenn er Alpträume gehabt hatte, dann hatte sie noch immer für ihn gesungen. Und nach all dem, was ich mir nicht ausmalen wollte, was mein Junge in den letzten Wochen ertragen hatte, wenn es nur etwas gab, das ich tun konnte, damit er ohne Angst einschlafen konnte, ich würde es versuchen. Wenn es schon nicht die Sicherheit eines Heims war. „Er hat mich gefragt, ob ich ihn jetzt nicht mehr allein lasse…“, flüsterte ich heiser, sobald ich meinte, dass Ben eingeschlafen war. Den Blick leer ins Nichts gehend. Nicht wirklich zu irgendjemanden, nicht einmal zu mir selbst. Ich wünschte in diesem Moment so sehr, ich hätte die Fähigkeiten einer Frau. Die Fähigkeiten für ein Kind zu sorgen, wie nur eine Frau es konnte. Aber das konnte ich nicht. Ich war ein Mann und Männer hatten für den Lebensunterhalt eines Hauses zu sorgen, Frauen hatten sich um das Leben in diesem zu kümmern, mit allen vielgestaltigen Fertigkeiten, die dazu gehörten. Die mir fehlten. Die ich nie im selben Maße hätte erfüllen können. Männer kümmerten sich um etwas, Frauen sorgten für etwas. So war diese Welt nun mal. Und – sollte ich von ihm auch halten was ich mochte – wer wäre ich schon gewesen abzustreiten auf welche Art Gott uns nun einmal geschaffen hatte? Mich darüber hinweg zu setzen und zu behaupten dasselbe für meinen Sohn leisten zu können wie eine Frau? Das wäre vermessen gewesen und selbst wenn ich nicht die ungezählten Stunden eines Fabrikarbeiters zu leisten hatte, so hielt mich der Broterwerb, den ich zu leisten hatte, doch für mindestens acht Stunden jeden Tag vom Haus fern. Auch Judith hatte gearbeitet, aber sie hatte den Jungen dabei immer bei sich haben können, er hatte mit den Kindern anderer Wäscherinnen spielen oder ihr bei der Arbeit zur Hand gehen können. Das war nichts, das bei meiner Arbeit möglich gewesen wäre. Ich hatte all diese Überlegungen schon einmal angestellt, unmittelbar nach Judiths Tod und war nur zu dem einen Schluss gekommen, Ben zu seinen Verwandten zu geben, einer geregelten Familie, einer sorgenden Frau, die auf ihn Acht gab, ohne einen Vater, der ihm so viel Unglück bereitet hatte. Auf dass er die Vergangenheit vielleicht vergessen und für die Jahre, die ihm blieben, ein normales Leben führen konnte – wie sehr ich mich darin getäuscht hatte.

Judith war immer diejenige gewesen, die Kontakte pflegte, zu ihrer Familie, zu Freunden, darauf hatte ich mich immer verlassen, hatte mich zurückgehalten in diesen Dingen, die ich ohnehin nicht mit ihrem Geschick hätte erfüllen können. Aber jetzt wagte ich mich an niemanden aus Judiths Familien- oder Freundeskreis mehr zu wenden, nicht nach dem, was mir heute Gewahr geworden ist. Meine eigene Familie war weit entfernt, ich konnte vermutlich nicht einmal erwarten, dass mein Bruder noch lebte, noch hätte ich ihm bei all seinem gottgegebenen Leiden noch ein weiteres hungriges Maul unterschieben können, gleichgültig ob ich ihm jedes Geld geschickt hätte, das ich hatte. Es war keine Alternative Ben nach Braunston zu schicken, wo ich endgültig jedem Einfluss darüber beraubt wäre, wie es ihm erging. Aber was blieb mir denn noch? Weder in ein Armenhaus konnte ich meinen Sohn geben, noch konnte ich ihn den Tag über in einen Schrank einsperren, bis er alt genug wäre, um über so viele Stunden hinweg für sich selbst zu sorgen. Aber eines von diesen unmöglichen Dingen würde ich wohl tun müssen. Ich bemerkte etwas feuchtes auf Bens Kittel, starrte es irritiert an, bis ich dieselbe Feuchtigkeit auch auf meinen Wangen spürte, bis ich registrierte, dass ich mich nass geheult hatte, während ich schweigend dagesessen und ins Leere gestarrt hatte. Ich schluckte hart, senkte den Kopf in dem beschämten Versuch mir selbst Einhalt zu gebieten. Grob rieb ich mir den Ärmel über das Gesicht, der nicht von Blut verkrustet war, versuchte die Tränen irgendwie zu stoppen, aber die endgültige Erschöpfung, die mich hier in dieser relativen Sicherheit und nachdem Ben fürs erste versorgt war überkommen hatte, nährten sie wie Kiefernzweige ein Feuer.

Und noch immer war ich eine Erklärung schuldig geblieben. Eine Erklärung, die ich nicht hatte. Die nur aus diesem einen lächerlichen Satz bestand, den Cyneburg mir jetzt in die Leere meines Schädels diktierte: „Ich habe keinen anderen Ort, an den ich gehen kann.“ Mein trüber Blick kam bei Ardin zum Halt, voll Trotz sah ich ihm entgegen, bereit für all den Spott, all die Häme, die mich dort erwarten würden, und ich nichts daran ändern konnte. Weil es die einzige, gottverfluchte Wahrheit war: Otis Rhode kannte im ganzen großen London nicht einen einzigen Ort, an den er seinen verletzten Jungen hätte bringen können. Keine Familie, keine Freunde, keinen Kontakt, dem er weit genug über den Weg getraut hätte. Keine andere Stelle als das Herdfeuer von Ardin James‘ Wohnung. „Ich konnte ihn dort nicht lassen. Ich kann zu niemanden aus… J…“, ich biss mir auf die zitternde Lippe, schaffte es erst beim zweiten Versuch ihren Namen auszusprechen, „… Judiths Familie. Ich kann das kein zweites Mal zulassen. Ich weiß nicht, wo ich… Ich weiß nicht, wo ich Ben unterbringen soll. Ich habe hier keine Familie, niemand, der für ihn sorgen würde. Dem… denen…“ Ich brachte die Worte kaum hervor, so trocken fühlte sich meine Kehle dabei. „… ich vertrauen könnte…“ Ich sah Ardin noch immer an, den Blick vollkommen blank dieses Mal. Wenn ich nicht einmal den Leuten vertrauen konnte, die dasselbe Blut hatten wie der Junge, wem dann? Wem dann außer dem Mann, der mir trotz allem Hass und Neid zwischen uns so viele ungezählte Male den Rücken gedeckt hatte, wenn es hart auf hart gekommen war. Dem ich so viele ungezählte Male blind mein Leben in die Hand gegeben hatte. An dessen Seite ich so viele ungezählte Male gekämpft und geblutet und dem Tod entronnen war. Mit dem gemeinsam ich meine Seele verkauft hatte. „… außer dir.“ Mein Blick ging zu Margory. „Euch.“ Ich sah sie weiterhin an, weil ich Ardins Antwort wohl kannte, aber weil ich wusste, wer diese Entscheidung treffen würde und weil ich wollte, dass sie sie mit Bedacht traf. „Würdet ihr Ben eine Bleibe geben? Ich würde sagen, es ist nur, bis ich eine andere Lösung gefunden habe, aber das wäre eine Lüge. Ich habe keine Alternative. Keine die… ich…“ Mein Blick brach doch einen Moment, was wäre mir geblieben, als offiziell anzuerkennen, dass ich nicht für den Jungen sorgen konnte und ihn in die sogenannte Fürsorge eines Armenhauses zu geben? Ich konnte die Worte nicht aussprechen, die ohnehin jedem hier bewusst waren. Ohne Familie oder ältere Kinder, die bereits für die Jüngeren sorgen konnten, was blieb alleinstehenden Männern unserer Klasse schon, vor allem wenn ihre Frauen dem Verbrechen des Selbstmords überführt worden waren? Es war unsinnig es auszusprechen. Alles was mir blieb, war die letzten Wege zu gehen, die mir blieben, um das möglicherweise zu verhindern. „Ich werde für alle Kosten aufkommen, die der Junge verursacht, und für die Mühe, so du denn einen Preis dafür festlegen kannst, den ich zahlen kann, Margory. Aber es ist…“ Ich schüttelte den Kopf, verbiss all die letzte Hoffnung, die in meinem Versuch hier lag, um die Worte aussprechen zu können: „Ich verstehe, wenn ihr das nicht auf euch nehmen könnt. Ich weiß, dass ich um mehr bitte, als ich je werde gut machen können. Aber, würdet ihr meinen Jungen bei euch aufnehmen?“


RE: Only the winds - Ardin James - 20.01.2022

Ich hatte bisher alles von Otis Rhode gesehen. Aber nicht wie er weinte. Nicht wie er sich die dem Teufel geweihte schwarze Seele aus dem Schädel heulte. Jede einzelne seiner in Selbstmitleid vergossenen Tränen hatte etwas an sich, das mich nur noch wütender machte. Und dabei konnte ich nur dasitzen und ihn anstarren.

Es hatte mich müde gemacht, das warten. Da ist dieser Punkt nach der Aufregung eines Kampfes, wenn die Energie verebbt und man einfach in sich zusammen bricht. Ein gefährlicher Punkt. Besonders wenn die Sonne längst untergegangen ist. Jeder Moment der Schwäche kann dir dann das Genick brechen.

Ich ließ die Ritze auf dem Tisch Ritze sein, wandte mich Otis zu als er zu sprechen begann. Sah ihn an, ruhig, abwartend. Legte die geschlossene Faust auf der Tischplatte ab, lehnte mich mit der Schulter an den Stuhl. Bis mein abwartender Blick sich versteinerte. Gefror, unter dem Anblick von Otis Rhodes Tränen. Und mein Ansehen zum Anstarren wurde. Nicht schockiert, nicht berührt wie Jackdaw auf meiner Schulter das gerne gehabt hätte. Sondern eisern. Die disziplinierte Maske über dem was in mir tobte. Es fühlte sich leer an und gleichzeitig als würde jemand schreien. Und über beides wusste meine Dohle ihren Kommentar abzugeben.

Es konnte einfach nicht sein, dass Otis Rhode an meinem Küchentisch saß und weinte. In all der Zeit, die ich ihn kannte, und in all der Zeit seit Judiths Tod hatte er mir trotz all der Antriebslosigkeit in seinem Verhalten niemals derart nah am Abgrund gewirkt. Es war wie in den inneren Schlund eines Mannes zu blicken ohne je danach gefragt zu haben. Und das war es, was mich daran so derart störte. Dass Rhode hierher kam, seine Probleme auf meinem Tisch ablegte und sich daran erfreute, für fünf Minuten der Nabel der Welt zu sein. Sich ausheulen zu können und nicht einmal genügend Anstand zu besitzen die Tränen vor meiner Frau zu verbergen. Ein erwachsener Mann. Ich hätte gerne abfällig geschnaubt, aber in mir war keine Bewegung mehr. Als hätte mich jemand gelähmt.

Und dann kamen diese Worte. Keinen anderen Ort an den ich gehen kann. Ben unterbringen. Ich weiß nicht wo. Schön für dich, Otis Rhode, da hast du dein glorreiches Werk! Was hast du gedacht, wohin das führen würde, wenn du die einzige Familie, die sich um deinen Jungen kümmert, dem Erdboden gleich machst?! Aber ich sprach nichts davon aus. Das war jenseits aller Worte. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Aber ich hörte auch Jackdaw. Und ich wusste, dass sie recht hatte wenn sie sagte, dass Otis nichts dafür konnte. Dass niemand hatte wissen können, dass Judith derart reagieren würde. Und dass niemand hatte wissen können, dass ihre Familie versuchen würde, den Teufel aus einem kleinen Jungen zu vertreiben. Und dass Otis Recht hatte wenn er sagte, dass er nirgendwohin gehen konnte. Ich hätte selbst alles unternommen was möglich war, um meine Kinder zu beschützen. Aber warum, warum musste Rhode damit an meinen Küchentisch kommen?! Diese ganze große Stadt London, warum?! Zu mir. Mir, dem er nichts gönnte. Von dem er wusste, dass ich ihm nichts gönnte. Das mit der Hexerei, das war… das war eben gekommen, wie es gekommen war. Aber unsere Versetzung. Er wusste, dass ich ihn dafür hasste, dass ich ihn nicht loswurde. Warum in Dreiteufelsnamen kam er zu mir?

Niemand dem ich… vertrauen könnte… außer dir. Und ich konnte weiter nichts tun, als Otis anzustarren. Nicht länger aus Wut, sondern aus… innerer Leere, Sprachlosigkeit, wie sollte man das schon nennen?! Ohne dass sich in meinem Gesicht ein Muskel regte. Plötzlich, endlich, spürte ich die Wut in einer letzten, riesigen Welle über mich hinwegspülen. Wut über die Frechheit, die Otis Rhode an den Tag legte. Diese unendliche Frechheit. Und dann war sie fort. Dann war da nur noch Stille. Und Jackdaws Worte. Er meint es ernst, Ardin. Und du weißt, dass er es ernst meint.

Papperlapapp.

Otis sah bereits zu Margory als ich endlich den Blick senkte, tief durchatmete. Was denkst du, warum er sonst hier wäre? Denkst du nicht, er wäre überall anders hingegangen anstatt zu dir, wenn er gekonnt hätte? Wenn er gekonnt hätte, ja, hätte er es besser mal getan. Ich presste kurz heftig die Kiefer aufeinander, während Otis sein Wort längst an meine Frau richtete. Ich hätte ihn gerne angeschrien, er sollte mich ansehen wenn er schon gedachte meine Tasche derart zu belasten. Aber ich war zu müde dafür. Zu erschlagen von dieser Nacht. Und so sah ich nur zur Seite, mit gesenktem Kopf, und begegnete finster Margorys Blick. Sie sah mich an und es war fast höflich von ihr, sich auch nur einen Moment mit mir zu befassen. Ihre Entscheidung war längst gefallen. Sie war in dem Moment gefallen in dem Otis Rhode seinen Jungen über unsere Schwelle getragen hatte. Und ich wusste, was auf mich zukam, wenn ich den Versuch wagte, dagegen an zu argumentieren. Ich war zu müde dafür. Es war Jackdaws Feststellung, nicht meine. Und ich war auch zu müde um mit der verdammten Dohle zu diskutieren. Ich fuhr mir mit der freien Hand über das Gesicht. Nickte dann schicksalsergeben.

Margory verschwendete keinen weiteren Augenblick mit mir, sah stattdessen zurück zu Otis, streckte eine Hand aus um die seine zu drücken, ihn tröstlich anzulächeln. “Natürlich Otis. Mach dir keine Sorgen um den Jungen, wir nehmen Ben gerne. Freddie wird glücklich sein, in ihm einen weiteren Bruder zu haben.“ Das würde er, ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Für ihn würde Weihnachten verblassen neben diesem Geschenk. “Ihm soll kein Leid mehr geschehen. Genauso wenig wie dir.“ Jetzt sah Margory Otis fest und ernst in die Augen, als würde sie ihm einen Schwur leisten. Einen verdammten Schwur. Ich schluckte und senkte den Blick, aber ließ sie machen. Ich ließ meiner Frau ihren Willen. Zu tun, wozu ich nicht die Größe hatte. Und auch Jackdaw schien enttäuscht. Das hätten deine Worte sein sollen, Ardin. Ach zum Teufel mit ihnen allen. Ich sah zwischen meinen Beinen hindurch wie beiläufig auf die Dielen unter meinen Stiefeln, als hätte ich dort etwas sehenswertes entdeckt. Vielleicht wollte ich Otis auch einfach nicht mehr in die Augen sehen nachdem ich wusste wie es aussah, wenn er wirklich am Boden angekommen war.