Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Mein Blick lag noch immer auf Ardins Zügen, dem Ausdruck den ich darin fand, der mir bis tief ins Mark ging. Das war kein Versprechen, dass ich hier abgab, das begriff ich mit einem Mal, es war ein Schwur.

Erst die hektischen Bewegungen, der bisher nicht minder als wir erstarrten Dohle konnten meinen Blick losreißen. Zwar wusste ich nicht, was sie so plötzlich in Aufregung versetzt hatte, aber Ardin schien es dafür umso schneller zu begreifen. “Es wird Zeit, sie werden bald aufstehen.“ Sie. Ardins Familie. Zeit. Diese Wohnung zu verlassen. Hinaus zu gehen. Zu Arbeiten. Meinen Jungen hier zu lassen. Ich senkte den Blick auf die Tischplatte vor uns, nickte dann. Ardin überprüfte die Zeit anhand seiner Taschenuhr und an jedem anderen Tag wäre ich wohl versucht gewesen mir selbst Gewissheit zu verschaffen – wenigstens in Form eines Uhrenvergleichs, wenn schon nicht der offenen Zweifel an Ardins Fähigkeiten des Uhrenlesens – aber nicht heute. Ich stand auf, nachdem Ardin es getan hatte, folgte seinem Blick hin zu Ben und Cyneburg. Nur für einen Moment, denn im nächsten schoss eben dieser Blick schon wieder zu Ardin. Es war gut, dass ich noch sehen konnte, wie er den Mund schloss, als Beweis, dass die Worte tatsächlich von ihm stammten. Ich nickte, die Kehle wie zugeschnürt. Dann, als ich begriff, dass James das ja nicht sehen konnte, räusperte ich mich trocken. „Ich würde mich freuen“, brachte ich heraus und dann: „Danke.“ Nie zuvor – nicht Ardin gegenüber, nicht Judith und nicht einmal Margory, von der jede bisherige Einladung gestammt hatte – hätte ich meine Freude über eine Einladung ins Hause James‘ zum Ausdruck gebracht und nie zuvor hätte ich von mir behaupten können, dass ich sie empfand. Aber gerade jetzt, an diesem Morgen, gab es kaum etwas, das mir einladender erschien. War der Gedanke fast befremdlich diesen Ort überhaupt wieder verlassen zu müssen und war die Aussicht für ein Abendessen zurück zu sein, bevor ich wieder in die Einsamkeit meiner eigenen Wohnung einkehrte, ein fast unvorstellbarer Trost.

Ich machte die paar Schritte zu Ben hinüber, kniete mich neben ihm auf den Boden und weckte ihn. Cyneburgs geisterhaft hellen Augen entdeckten mich zuerst und sie sah mir fast verärgert entgegen, ich erwiderte ihren Blick unbeugsam. Ich wusste, sie hielt nichts davon den Jungen in der Obhut eines Anderen zu lassen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Was Cyneburg im übrigen ebenso wenig gelten ließ. Aber diese Teufelsbrut von einer Vertrauten hätte auch keinen Schmerz mich als verschlagenen Taugenichts auf den Straßen zu sehen, meine hexerischen Fähigkeiten dazu nutzend den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, wie so viele andere Hexen, denen Ardin und ich schon begegnet waren. Doch noch hatte ich diese Unannehmlichkeit, die man Seele, die man ein Gewissen nannte. Was für Cyneburg die wunderbare Weite an Möglichkeiten war, war für mich keine Option. Nicht einmal für meinen Jungen, gerade wegen ihm nicht. Sollte er noch so sehr in wenigen Jahren bereits dem Teufel gehören, aber bis dahin wollte ich ihn zu Aufrichtigkeit und Anstand erziehen. Und wie hätte ich das tun sollen ohne mir selbst ein paar letzte Reste dessen zu bewahren? Ben erwachte allmählich, ich spürte, wie seine Muskeln sich unter meiner Hand verspannten, aber als er meine Stimme hörte, lösten sie sich wieder, er rappelte sich auf und ich legte ihm sacht die Hände an die Schultern.

„Gehen wir jetzt nach Hause?“, murmelte Ben schlaftrunken. Ich strich ihm das wirre Haar aus dem Gesicht, den Schlaf vorsichtig aus den Augenrändern und ließ ihm noch einen Moment wach zu werden. Mir noch einen Moment Worte zu finden. Cyneburg, dieses verräterische Stück, ließ uns allein zurück und ich hatte ein ungutes Gefühl, dass es eine geschwätzige Dohle war, zu der es sie hinzog. Aber es sollte mir für den Moment egal sein, ich blickte meinen Jungen an. „Das geht nicht, Ben. Ich muss arbeiten gehen, verstehst du? Und du, kleiner Mann, brauchst jemanden, der auf dich Acht gibt.“„Bu kann das“, flüsterte Ben kleinlaut. Ich seufzte, schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Nein, kann sie nicht.“„Bitte...“„Ben, ich habe es dir erklärt. Es geht nicht. Aber du darfst hier bleiben, bei Tante Margory und Onkel Ardin und, Ben, ich werde dieses Mal da sein, ganz oft.“„Du bist nicht da gewesen!“ Die Verzweiflung ließ Bens Stimme zittern. „Ich weiß...“„Warum?“ Langsam ließ ich den Atem entweichen, bevor ich zu Worten ansetzte, die es nicht gab und die ich meinem Jungen dennoch schuldig war. „Ich vermisse deine Ma und ich bin sehr, sehr traurig. Und weißt du, Ben, ich möchte, dass du deine Ma nie vergisst, hörst du? Aber ich möchte auch, dass du lachen und froh sein kannst. Das hätte auch deine Ma gewollt. Und ich wollte nicht, dass du traurig bist, weil ich traurig bin.“ Bens Augen wanderten aufmerksam über mein Gesicht. „Ich vermisse Ma auch“, sagte er dann und ich nickte sanft. Aber da schien noch etwas anderes zu sein, etwas das ihm schwer zu fallen schien in Worte zu fassen. „Will sie nicht auch, dass du froh bist?“, fragte er dann im gewichtigen Ernst eines Kindes. Ich musste blinzeln unter der Frage, senkte für einen Moment den Blick unter der unendlichen Last dieser Worte, aber als ich wieder aufsah, stand in Bens Blick noch immer dieselbe Frage. „Ich weiß es nicht“, erwiderte ich wahrheitsgemäß, heiser.

„Dir wird es gut gehen hier, Ben, dir wird es gut gehen“, sagte ich dann eindringlich. Ben sah mich an mit diesen Augen, die Judiths so ähnlich waren, seine Unterlippe zitterte noch immer. „Das hast du letztes Mal auch gesagt“, hauchte er kaum hörbar. Ich konnte nichts als ihm entgegen sehen, seinem kleinen, ausgezehrtem Gesicht und für Augenblick um Augenblick verschlug es mir die Sprache. Er hatte recht, so unsagbar recht. Ich hatte es damals ebenso für die Wahrheit gehalten, aber dieses Mal war es anders. „Ich weiß...“, gab ich erschlagen zurück. „Aber, hör mal, Ben... Fred ist dein Freund, oder? Würde er zulassen, dass es dir hier schlecht geht?“ Ben verdrehte den Kopf, als suche er mit dem Blick nach Fred, der noch nicht im Raum war, dann schien er einen Entschluss zu fassen und schüttelte entschieden den Kopf. „Und du warst doch schon oft bei Tante Margo, sie hat schon oft auf dich aufgepasst, mh?“„Tante Agnes hat nie auf mich aufgepasst...“, flüsterte Ben. Es stimmte, wann immer Judith jemanden gebraucht hatte, um nach Ben zu sehen, hatte sie ihn zu Margory gebracht. Für kurze Zeit auch einmal in die Obhut der netten, älteren Frau, die damals in einer Wohnung neben unserer gelebt hatte, aber meistens zu Margory. Bei Agnes war Ben nie ohne uns gewesen. Sie hatte nie zuvor auf ihn aufgepasst – und sie hatte das ganz sicher nicht getan, während der Junge dann in ihrer Obhut war. Und ich fragte mich, wie sehr Ben sich der Wahrheit seiner Worte bewusst war. „Das stimmt, hat sie nie“, brachte ich hart mit belegter Stimme hervor. Ben sah auf zu mir, ich fasste ihn noch ein wenig fester. „Hör zu, du gehst nie wieder zu Tante Agnes, hast du mich verstanden? Onkel Ardin und Tante Margo passen jetzt auf dich auf und sie werden das gut machen. Und Bu und ich werden ganz oft kommen und nach dir sehen. Heute Abend werden wir zum Abendessen da sein. Aber du musst mir auch etwas versprechen, hörst du?“

Ben nickte, die Lippen kaum sichtbar, so sehr presste er sie zusammen. Aber er widersprach mir nicht und er weinte nicht, mein tapferer großer Junge. „Das du gut sein wirst zu Tante und Onkel und zu Fred und seinen Geschwistern, tust du das, ja? Sie werden dir ein gutes Zuhause geben, das weiß ich ganz sicher. Und deshalb darfst du ihnen keine Sorgen bereiten, du wirst helfen und du wirst anständig sein, wirst du das, mein Junge? Versprichst du mir das?“ Bens dunkler Haarschopf wippte unter seinem artigen Nicken. „Ich versprech‘s“, gab er scheu zurück. Ich schluckte. „Und, Ben, vergiss nie, wie sehr ich dich liebe. Oder deine Ma, hörst du? Sie wird nie aufhören dich lieb zu haben, selbst wenn sie nicht mehr hier ist, um dir das immer wieder zu sagen. Deshalb... deshalb muss ich das jetzt machen. Wir haben dich lieb, mein Junge, und ich werde jetzt besser auf dich aufpassen, das verspreche ich dir.“ Bens kleiner Körper sank gegen den meinen und jetzt weinte er doch ein wenig. Ich nahm ihn in den Arm, drückte ihn sanft an mich, bis er sich beruhigt hatte. Erst dann gab ich ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. „Komm, steh auf, mein Großer“, forderte ich ihn auf und als Ben bereits auf der Suche nach Cyneburg um den Tisch herumwanderte, nahm ich Jackett und Mantel vom Boden, hängte sie über einen der Stühle. Und keinen Moment zu früh, denn hinter den Türen der beiden anschließenden Räume, regten sich nun die Geräusche. Ardin behielt recht damit, dass sie bald aufstehen würden. Ich wandte mich ab von den Türen, den Blick gesenkt, zupfte rastlos meinen Verband zurecht, noch nicht so recht bereit dazu, so vielen Menschen zu begegnen, denen ich schon wieder dabei war so viel aufzubürden. Aber mir blieb keine andere Wahl, steif blieb ich am Tisch stehen, hob den Blick wieder an. Es war das einzige was ich tun konnte, oder? Ihnen dabei wenigstens ins Gesicht zu sehen.
Otis Rhode dabei zuzusehen wie er seinem Jungen sagte, dass er jetzt hier zuhause sei, war eine Qual. Es war wie etwas privatem zuzusehen, das nicht für meine Augen bestimmt war, obwohl es nur diesen Ort gab um diese Worte zu sagen. Ich wandte gewaltsam den Blick ab, versuchte mich mit Jackdaw abzulenken, die sich mit einem Mal nicht mehr für mich interessierte sondern nur noch Augen für Cyneburg hatte, vor der sie nun aufgeregt über die Sitzflächen unserer Küchenstühle hüpfte. Ich hätte den Jungen anlächeln können als der sich auf der Suche nach Freddie umsah. Aber davon hätte Ben sich auch nichts kaufen können, er hätte nichts davon gehabt. Ich hielt mich raus so gut es ging und spürte doch die tiefe Unbehaglichkeit der Situation, die mich wünschen ließ, an einem anderen Ort zu sein.

Ich überließ Jackdaw die Wache des Raums in dem Wissen, dass sie sich kaum dafür interessierte, ging zur Wohnungstür und schob die Bohle unter der Türklinke weg bevor ich sie öffnete und durch die Tür hinaus in den Flur ging, Otis, seinen Jungen und meine Familie drinnen zurück lassend. Ich schloss die Wohnungstür wieder hinter mir, sah kurz den leeren Flur hinunter, dann ging ich rüber zur Toilette.

Der Vorwand würde nicht lange vorhalten, ich würde zurück kehren müssen, das wusste ich. Aber mit etwas Glück hatte sich Margory bis dahin schon der Sache angenommen. Zurück im Flur ließ ich mir einen Moment Zeit, lehnte mich mit dem Rücken gegen die kaputte Wand und fuhr mir mit den Händen über das ausgelaugte Gesicht. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und fühlte der Müdigkeit in meinem Schädel nach. Das Echo des vergangenen Traums war längst fort. Weg gewischt durch Rhodes und meine Worte, aber die Kutsche, die mich gefühlt mitgezerrt hatte, konnte ich noch an der nächsten Straßenbiegung verschwinden sehen, da war ich mir sicher. Ich fuhr mir mit der Hand durchs zottelige Haar, dann kehrte ich zurück in die Wohnung.

Ein guter Moment. Ben stand bereits brav und aufrecht an Otis‘ Seite, tapfer und pflichtschuldig, und die Tür zu Margorys Zimmer öffnete sich bevor meine Frau vollständig bekleidet und die Haare hochgesteckt für die Arbeit des Tages daraus hervor kam. “Guten Morgen“, wünschte sie uns mit einem Lächeln, ich wandte den Blick ab, betrachtete noch einmal kurz den Sonnenstand bevor ich mich abwandte um Hut und Mantel vom Haken zu nehmen. “March, machst du Ben und den anderen etwas zu essen?“ Sie betrachtete mich einen Moment kritisch. Sie wusste, dass die Frage überflüssig war, sie wäre nicht auf die Idee gekommen es nicht zu tun, und doch nickte sie schließlich. “Natürlich.“ Ihr Blick fiel auf Ben und ein Lächeln glitt auf ihr Gesicht. Sie kam herüber um vor dem Jungen in die Hocke zu gehen. “Guten Morgen, Ben. Möchtest du mir vielleicht helfen?“ Sie lächelte ihn warm und unaufdringlich an, bevor sie eine Hand ausstreckte damit der Junge sie ergreifen konnte. “Otis kommt heute Abend zum Essen.“, erklärte ich nüchtern und setzte meinen Hut auf. Sie sah kurz zu mir auf, lächelte dann anpassungsfähig wie sie war. “Sehr gerne, darauf freuen wir uns.“ Dann sah sie zu Rhode, um ihn auf die selbe liebevolle Art anzulächeln wie noch am Abend zuvor.

Ich zog meinen Mantel über, dann öffnete ich die Wohnungstür. Ich wollte gehen so schnell ich konnte und konnte doch nicht sagen weshalb. Die Zimmertür der Kleinen öffnete sich, Patrick kam mit den Kindern heraus, das Jüngste auf seinem Arm. Ich sah ihn kurz an als er freundlich einen guten Morgen wünschte und Otis dann neugierig musterte. Fred war schneller bei Ben als man ihm mit den Blicken folgen konnte. Zeit zu gehen. Ich sah fort von Patrick, hin zu Otis. Jackdaw flatterte auf meine Schulter. Irgendetwas am Leben hatte mich gerade sehr schnell wieder eingeholt. Ob es die Realität war, vermochte ich nicht zu sagen.
Das war jetzt alles. Dazustehen, neben dem Tisch. Mein Junge mittlerweile wieder an meiner Seite, sich schüchtern gegen meine Seite pressend, auch wenn er dafür eigentlich schon zu alt war, aber wer wäre ich gewesen ihn in diesem Moment zurecht zu weisen? Versichernd legte ich ihm die Hand auf die Schulter. Margory tauchte auf, Patrick und die Kinder tauchten auf und allen sah ich entgegen. Erwiderte ihre grüßenden Worte als wäre wir uns auf der Straße begegnet und nicht in ihrem eigenen Heim. Ja, das war jetzt alles. Ardin war inzwischen wieder da und ich konnte sehen, wie die neugierig glotzenden Blicke der Kinder jetzt hilfesuchend zu ihrem Vater wanderte. Ich hatte das Bedürfnis etwas zu sagen, etwas zu erklären, aber ebenso wie die Kinder wusste ich, das dies dem Herrn des Hauses oblag. Es wäre anmaßend gewesen ihnen mitzuteilen, dass Ben nun in ihrer Mitte wohnen würde, wäre es nicht? Erwartete James, dass ich das jetzt machte? Seiner Familie das zu erklären? Die wenigen Worte, die James für seine Frau übrig hatte, waren schnell gesagt und damit war er auch schon halb aus der Tür und die neugierigen Blicke lagen wieder auf mir und meinem Jungen. Ich sah zu Margory, der nächsten Machtinstanz in diesem Haus und sie sah mir entgegen, fast so etwas wie ein Kopfschütteln andeutend unter ihrem liebevollen Lächeln. „Geht schon, ich werde das machen“, versicherte sie mir. „Danke“, flüsterte ich kaum hörbar vor Verlegenheit. Mein Hand, wanderte von Bens Schulter auf seinen Kopf, fuhr ihm über das dunkle Haar und er sah zu mir auf. „Geh der Tante helfen, Ben. Wir sehen uns am Abend, ja?“ Er nickte und ich konnte sehen, wie seine Augen wässrig wurden. „Nicht weinen, Ben, nicht…“, brummte ich mit so viel Schärfe, wie ich in der Situation aufbringen konnte, und er zog brav die Nase hoch und reihte sich bei Margory ein.

Ich zog das Jackett wieder über, den Mantel, griff nach meinem Hut, wusste noch immer nicht, ob ich nicht irgendetwas sagen sollte, aber Ben ließ sich bereits unter Margorys wachsamen Augen von Fred in die Geheimnisse der Frühstücksvorbereitung im Hause James‘ einweihen. Patrick, der einzige der alt genug sich nicht so unbescholten jeden Gegebenheiten anzupassen, sah noch immer reichlich verwirrt drein, aber ich konnte nur zum Abschied knapp nicken und Ardins aufforderndem Blick folgen.

Wir ließen das Haus hinter uns und mein Blick wanderte zu dem ungewöhnlich klarem Himmel an diesem Septembertag, atmete langsam die kohlestaubschwere Luft der Stadt ein. Cyneburg trabte an meiner Seite und es hatte lange nicht mehr so lange gedauert, bis ich unter ihren sich überschlagenden Gedankengängen hätte erkennen können, was sie mir mitteilen wollte. Dass sie mich für verrückt hielt, das wusste ich. Dass sie es falsch fand den kleinen Welpen irgendwo zu lassen, wo wir ihn nicht im Augen hatten, wusste ich ebenso. Und sie wusste, dass sie das alles wusste und ich das alles wusste. Nein, das war nicht der springende Punkt. Es ging um einen neuen Zug des Wahnsinns, den sie mir nicht zugetraut hätte und der sie in helle Aufregung versetzte. Was am Morgen geschehen sei, zwischen Ardin und mir. Was? Bitte, was?! Die Dohle hätte ihr das erzählt, aber sie konnte es nicht glauben. Das war neu. In aller Regel glaubte Cyneburg fast jeder Nachrichtenquelle mehr als mir, ganz besonders der Dohle – und das ließ ich sie auch feixend wissen. Ich solle nicht vom Thema ablenken. Konsequent verbannte ich die Hündin aus meinen Gedanken. Mir war an diesem Morgen nach allem möglichen, aber sicher nicht danach meine sensationsgierige Vertraute über das aufzuklären, was sie am Morgen verpennt hatte. Was zwischen mir und James gewesen war. Und das mir schon in diesem Moment hier draußen auf der Straße wie aus einer anderen Wirklichkeit vorkam. Vielleicht war ich ja zusammen mit James eingenickt und danach ein wenig zu hart auf dem Boden aufgekommen.
Vielleicht hätte ich etwas sagen sollen. Zu Patrick mit seinem nachdenklich verwunderten Blick, der schon so viel älter war als seine Geschwister, bereit um zu verstehen was vor sich ging, hätte ich ihn nur eingeweiht. Zu dem kleinen Frederick, der seinen Spielkumpanen zu einer so ungewohnten Uhrzeit in der familieneigenen Küche wiederfand und ihn doch ohne zu zögern mit sich zog. Zu Margory, die sich der Situation annahm als sei sie selbstverständlich. Vielleicht hätte ich das tun sollen, ja. Im Nachhinein betrachtet. Aber in dem bewussten Moment war ich nur noch dankbar gehen zu können. Dankbar dafür, dass March sich kümmerte. Wissend, dass die es den Kindern erklären würde und wenn nicht, sie sie wenigstens bis zum Abendessen hinhalten würde, wenn Otis Rhode wieder mit am Tisch saß, wir einen langen Arbeitstag hinter uns hatten und ich vielleicht wieder dazu in der Lage wäre geradeaus zu denken und den Rest der Familie darüber aufzuklären was es mit dem neuen Mitglied in ihrer Mitte auf sich hatte.

Vielleicht.

Ich war froh darum unten anzukommen. Und es brauchte nur einen kurzen Schluck von der Wasserpumpe im Hof um meine Lebensgeister sachte zurück zu holen. Alles andere würde folgen. Wir würden uns Frühstück bei den Costern holen. Einen Penny für ein gekochtes Ei und Kaffee bei den Frühstückswagen. Wie in alten Zeiten. Auch wenn unser Kaffee in der Bow Street noch aus Pflanzenwurzeln hergestellt worden war. Aber mir wollte der Name des Gesöffs nicht mehr einfallen.

Es war nicht tragisch. Wir schwiegen. Die ganze Straße hinunter und über die nächste Kreuzung. Jackdaw schien immer noch abgelenkt, in vollem Eifer damit beschäftigt, Cyneburg davon zu überzeugen, dass das was sie erzählte wirklich passiert war. Ich hätte es ihr selber nicht geglaubt wenn ich es von ihr gehört hätte. Ich schenkte ihr einen knappen nüchternen Seitenblick. Sie hatte sich wieder in dem vermaledeiten Nackenfell der Hündin eingenistet. Als wäre fliegen zu anstrengend wenn man doch reden musste. Und was sie sich um Kopf und Kragen redete. Das Vieh hörte gar nicht mehr auf zu schnattern. Es hätte mein Glück sein sollen, dass es ihr nie geglaubt werden würde. Weder von Cyneburg, noch von Margorys fettem Kater Bentley. Aber selbst mir erschien die Erinnerung jetzt hier draußen in den rußigen Straßen Whitechapels wie ein ferner Traum. Und vielleicht brauchte ich diese Worte, die ich Otis irgendwann rau zu knurrte, einfach um mich daran festzuhalten und mich zu vergewissern, dass all das wirklich passiert war. Mochten sie auch der eine Grund sein, weshalb Cyneburg überhaupt jemals Zweifel kamen ob Jackdaw nicht doch Recht haben könnte mit ihrem Gequassel. Aber die paar Worte waren das wert.

“Wenn du jemals irgendwem sagst, dass ich dich einen Freund genannt habe, bring ich dich um.“ Und bei dieser Abmachung sind wir bis heute geblieben.




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