Mein Blick löste sich von meinem zweiten Glas Ale und ging hinüber zu Otis‘ Hand, die fünf Pence auf den Tisch schob und damit die Schankwirtin bei uns zum Innehalten brachte. Was war das, wollte er sich jetzt etwa in sein Schicksal fügen, der Herr Rhode? Nein. Gin. Gin und ein Glas. Das war Rhodes Technik mich zum Schlafen zu bringen?! Was, wollte er die Sache etwa beschleunigen? Ich wusste nicht, warum mich der Gedanke so seltsam enttäuschte. Einen Moment überlegte ich etwas zu sagen, aber im Endeffekt kam es auf das selbe hinaus. Absturz, aber in der Schnellfassung. Und Rhode zahlte. Wer stellte da noch Fragen? Machten wir es meinetwegen auf die schnelle Tour. Auch gut. Sollte mir ja doch alles egal sein. Und immerhin musste ich dann vielleicht nicht doch noch wie geplant das Irenzeug hinunter kippen, das neben meinem leeren ersten Ale Glas noch immer unangetastet auf dem dreckigen Tisch stand.
Aber wir planten offenbar nicht nur die beschleunigte Version einer versoffenen Nacht, nein, offenbar hatte jemand im Pub herum erzählt, dass ich gerne mein Augenlicht verlieren wollte. Selbst gebrannt. Ich begegnete Rhodes Blick und schmatzte nur bedient, nicht zeigend wie erleichtert ich dann doch darüber war, dass er keine Freudensprünge machte. Als wäre es ihm zuzutrauen gewesen, dass er mir das übelste andrehte was er finden konnte, nur weil er meinte, dass ich es verdient hätte. Oh es war ihm zuzutrauen. Gerade deshalb war es so erstaunlich, dass er sich ganz offensichtlich dagegen entschied und das gute Zeug für mich bestellte. Auch wenn er damit drohte den Zorn der Schankwirtin direkt von Neuem auf uns zu ziehen. Ich wandte den Blick zurück zu der üppigen Frau. Vielleicht kam ich ja doch noch zu meiner ersehnten Auseinandersetzung mit dem Weibsstück. Aber sie murrte nur. Und Rhode zog die Grenze.
Ungerührt ließ ich den Knall über mich ergehen, den es durch den Pub jagte als Rhode auf den Tisch schlug. Aber das Geräusch verhallte direkt in dem allgemeinen Lärm, der in der Schankstube herrschte. Stattdessen ging mein Blick wieder zu der Wirtin. Ich atmete tief und gesittet ein. „Jetzt!!“ Rhode konnte ja richtig deutlich werden… Und tatsächlich nahm sie das Geld und zog ab. Wieder folgte ich ihr einen Moment mit den Augen, bevor ich fast anerkennend die Brauen auf meiner gleichgültigen Visage hochzog. „Du willst es ja wissen.“, kommentierte ich sowohl Rhodes verhältnismäßigen Wutausbruch der Wirtin gegenüber und gleichzeitig seine plötzliche Entschlossenheit die Sache abzukürzen. Aber ich würde weiterhin nicht Nein sagen. So dumm war ich nicht. Nicht wenn ein Mann deine Drinks bezahlt und dann auch noch das gute Zeug ordert. Sowas lehnst du nicht ab. Selbst wenn ich Rhode damit potenziell für einen kürzeren Zeitraum auf die Nerven gehen würde als ich das ursprünglich vorgehabt hatte. Dem musste auch mal was Gutes passieren. „Was soll das werden? Hast du vor, Heimatgefühle in mir zu wecken?“, spottete ich träge zynisch und sah doch ein wenig feixend fort vom Tresen und hin zu Rhode.
Tatsächlich war ich schon so lange nicht mehr in Plymouth gewesen, dass ich nicht einmal sicher war ob man das was ich mit dieser Stadt verband noch als Heimatgefühl bezeichnen konnte. Ich hatte den Ort mit dreizehn Jahren verlassen und seitdem nie wieder betreten. Selbst meine Geschwister hatte ich das letzte Mal bei meiner Hochzeit gesehen und seitdem kam alles was ich von ihnen hörte über Briefe. Briefe, die zu schreiben mich so viel Zeit kosteten, dass ich sie nutzte um die Nächte mit ihnen zu verbringen statt mit meiner Frau. Aber das war nur ihr praktischer Nebeneffekt. Wahrscheinlich konnte man, wenn man in diesen Begriffen redete, London mittlerweile noch so viel mehr als meine Heimat bezeichnen. Diese Stadt, die ich wie meine Westentasche kannte. Ganz besonders die Labyrinthe ihrer dunkelsten Ecken. Das hätte ich mir früher niemals träumen lassen. Nicht hier. Nicht in Whitechapel. Eine Wahl hatte ich nie gehabt. Aber wer hatte schon je danach gefragt? Und was brachte es jetzt damit zu hadern? Whitechapel war Whitechapel. Und wir hatten es uns mithilfe der Coster und der Dustmen immerhin so gemütlich gemacht wie es für unsereins nur irgendmöglich war. Es war fast ein bisschen wie damals in der Bow Street. Man sollte dankbar dafür sein. Wäre da nicht meine Familie gewesen.
Meine Familie, für die ich eine Gefahr war.
Für meine Familie war das ganze verdammte Viertel eine Gefahr.
Ich hob das Glas Ale und setzte es von neuem an die Lippen. Den Gedanken musste ich dringend ertränken.
„Du willst es ja wissen.“ – „Mh“, brummte ich nur unbeeindruckt. Gar nichts wollte ich wissen. Außer vielleicht, warum wir diesen Abend in einem kleinen, übelkeitserregenden Pub verschwendeten. Aber was sollte es schon. Ich lehnte mich gelangweilt zurück, sobald ich der massigen Gestalt der Wirtin nicht mehr mit den Augen folgen konnte. Cyneburg unter dem Tisch stieß mich mit der Nase an und jammerte, über meine Entscheidung, meinen ‚Bruch der Prinzipien‘ wie sie es nannte. Aber ich trat unwirsch mit dem Fuß nach ihr und sie ließ es beleidigt sein. Gut für sie. Vielleicht sollte ich auch beginnen nach dem James zu treten, denn der plapperte direkt weiter. „Was soll das werden? Hast du vor, Heimatgefühle in mir zu wecken?“ – „Sag’s du mir, was das werden soll?“, stieß ich ihm den Ball zurück, eine gewisse Müdigkeit in der Stimme. Aber ich entschied mich dazu, dass zu viel Denken die falsche Wahl war an diesem Abend, also konzentrierte ich mich auf Ardins zweite Frage. Der sollte sich mal nichts einbilden. „Wenigstens ordentliches Wasser habt ihr Janner doch“, gab ich zurück und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen.
Die Wirtshausfrau kam zurück, ein Glas für mich, das sie scheppernd auf den Tisch knallte, dann die Flasche, die nicht viel liebevoller abgestellt wurde und ohne ein einziges Wort war sie wieder verschwunden. Ich betrachtete die Flasche misstrauisch, begutachtete das Siegel am Flaschenhals, aber es schien alles in Ordnung zu sein. Also öffnete ich die Flasche, goss mir ein großzügiges Glas ein und schob die Flasche zu Ardin hinüber. Mit einer Hand griff ich nach meinem Glas, hielt es einen Moment vor mir in der Luft, betrachtete es nachdenklich, folgte mit den Augen den verwaschen dreckigen Schlieren darauf. „Nicht wie in diesem Drecksloch“, murmelte ich dann kaum hörbar. Wo auch immer es mit dieser Stadt hinging, wenn du nicht einmal mehr das Wasser trinken konntest. Ich wusste, dass James einigen Stolz darauf verbrauchte, dass die Pumpe vor seinem Haus, das Wasser von außerhalb von London bezog. Und ich war dankbar darum, denn dasselbe Wasser bekam mein Junge zu trinken. Aber was war das schon für eine Zukunft. Irgendwann würde man das Wasser auch nicht mehr von weit genug herkarren können, irgendwann würde es auch am Arsch der Welt – hier bitte Plymouth einsetzen – keine saubere Quelle mehr geben... Bis dahin sollte ich noch ein paar Flaschen von diesem Gin getrunken haben. Noch als ich das Glas zu den Lippen führte, konnte ich die fruchtige Bitterkeit der Flüssigkeit wahrnehmen, irgendwie fast wie Zitronen, das hätte kein Londoner Gin gekonnt. Ich spürte meinen Körper auf etwas reagieren, das er einst in rauen Mengen gewohnt war und inzwischen nur noch in enggesteckten Grenzen. Grenzen, konnte ich Cyneburg wie ein Echo durch meine Gedanken geistern hören. Grenzen, erwiderte ich ihr verbissen, wie als Trinkspruch und leerte das halbe Glas darauf in nur einem Zug ohne viel mehr dabei zu spüren als ein Gefühl der alten Vertrautheit. Sich das exzessive Saufen abzugewöhnen war in gewisser Weise wie sich das Atmen abzugewöhnen. Am Anfang meinst du es ist unmöglich, später lernst du diesem ständig an dir nagenden Drang immer länger zu widerstehen, aber kaum einer hält es auf ewig aus. Je näher du der Aussicht nach Luft kommst, desto verzweifelter reagiert dein Körper auf die Entbehrung und der erste Atemzug bleibt immer der Beste, egal wie lange du auch darauf verzichtet hast. Danach kann es nur noch bergab gehen. So ist es jedes Mal.
Und wenn du es wider Erwarten doch auf ewig aushältst: Tja, vielleicht solltest du dann einmal überprüfen, ob du überhaupt noch am Leben bist. Das dazu.
Was das werden sollte? Ich schob nur kurz die Lippen vor. War das nicht offensichtlich? Keine weiteren Erklärungen notwendig. Ich besoff mich oder nicht? Und dann würde ich schlafen. Und ich würde keinen Deut auf die Piepen geben, die ich dabei aus dem Fenster werfen würde. Es würde mir egal sein, dass es unser Haushaltsgeld war. Margorys Haushaltsgeld. Und ich würde meine Familie den ganzen Abend nicht mit meiner Anwesenheit und der damit ständig durch mich drohenden Gefahr belästigen!
Ich hatte nicht einmal bemerkt wie mir die Lippen vor Wut über die Vorderzähne gerutscht waren. Ich nahm den nächsten Schluck Bier und es tat gut die Wärme von neuem in mein Inneres zu spülen.
„Wenigstens ordentliches Wasser habt ihr Janner doch“ Ich schnaubte geräuschvoll in mein Bierglas bevor ich es wieder absetzte. Dann hob ich den Blick und sah spöttisch finster zu Rhode hinüber. „Was? Sind das etwa lobende Worte für das gute alte Devon?“, fragte ich und verfiel ganz absichtlich in den Devon Akzent, den ich nur noch sprach, wenn ich Otis ärgern wollte oder ich mich wirklich aufregte. Nicht einmal die Streits mit Margory schafften das immer. London mochte ein Schmelztiegel der Kulturen und Nationen sein – jeden spülte es von irgendwoher an. Aber wenn du in der Stadt für Ordnung sorgen willst, lässt du dir das besser nicht anhören wenn du von woanders bist. Das hatte ich schnell gelernt.
Ich grinste noch einen Moment über meinen eigenen Spott, bevor die Schankfrau zurück kam. Mit Glas und Flasche. Wie versprochen. Mein Blick fiel auf das Etikett. Plymouth Gin. Zumindest das stimmte. Konnte nur noch sein sie hatten das Zeug umgefüllt. Aber ich würde es drauf ankommen lassen. Bevor ich jedoch auch nur die Hand gehoben hatte, um nach der Flasche zu greifen, hatte Rhode sie genommen, scharfen Blickes geprüft und mit einer routinierten Bewegung geöffnet, um das Glas zu befüllen. Was war das? Sogar Bedienung in dem Laden, oder was?! Konnte ich mir nicht mehr selber ein Glas einschenken?! Musste ich jetzt schon gefüttert werden wie ein Kleinkind?! Meine Wut nahm erst ab als Rhode das Glas in die Hand nahm und keineswegs zu mir herüber schob, sondern stattdessen die Flasche vor mich stellte und selbst das Glas vor sich anhob. Ich zog die Brauen hoch. Ach so war das… Damit hatte ich jetzt aber wirklich nichts zu tun. Kurz ging mein Blick runter zu Cyneburg unter dem Tisch, aber die rührte sich nicht. Ich sah zurück zu Rhode. „Nicht wie in diesem Drecksloch“ Ein schiefes Lächeln kam mir doch auf die Lippen. Ich sah zurück zu der Flasche. Nahm sie in die Hand während Rhode bereits das Glas kippte. Also gut, schlafen, nicht wahr? Auf unsere allergnädigste Majestät, dachte ich spöttisch, setzte die Flasche an die Lippen und schluckte hinunter was ich konnte bevor ich das Gefühl hatte mir würde der Hals explodieren.
Mit tiefen Atemzügen senkte ich die Flasche und betrachtete den Inhalt, der mir seltsam schummrig vorkam in diesem Moment. Mein Schädel drohte zu zerspringen. Aber das war gut so sagte ich mir. Das würde sich jeden Moment legen. Nur atmen. Immerhin die halbe Flasche leer. Ich roch das verdichtete Aroma von Zitronen und Kräutern und schmeckte das scharfe Feuer von Alkohol, das nur noch von dem hübschen kleinen Lagerfeuer des Gregor unten in seiner heimeligen Hölle übertroffen werden konnte. Ich sah weiter auf die Flasche und atmete während sich der Schmerz langsam legte und die Hitze, die in meinem Magen brannte, sich von der Mitte meines Körpers in meine Gliedmaßen ausbreitete. Ich spürte den Schweiß auf meine Stirn treten und lehnte den Kopf hinter mir an die Wand. Leckte mir über die Lippen. Ließ das einen Moment wirken.
Mein Blick ging ohne dass ich den Kopf rührte rüber zu Rhodes leerem Glas. Wie oft hatte ich ihn aus dem Suff geholt? Aber diesmal, das, da war ich nicht schuld dran. Ich hatte für mich bestellt. Nur für mich. Nicht für ihn. Das mit dem Glas war er gewesen. Das konnte mir hinterher keiner vorwerfen. Ich setzte die Flasche gleich nochmal an um einen weiteren verzweifelten Schluck zu nehmen.
Die Flasche wieder auf dem Tisch abstellend, fuhr ich mit dem Daumen über das Etikett. Als hätte ich Angst sie könnten mir die Flasche wieder wegnehmen, hielt ich sie fest. Ja, das war Plymouth Gin. Nichts von dem gepanschten Zeug. Dann hätte ich jetzt wirklich nichts mehr gesehen. Hiervon würde mir nur schlecht werden. Und ich begann bereits nicht mehr scharf zu sehen. Da hatte Rhode seine Beschleunigung. Aber wenn ich daran dachte, dass ich schlafen würde, nach alledem schlafen… Unausweichlich warteten jetzt bereits die Dämonen auf mich, die hochkamen wann immer ich die Augen schloss. Und sie würden mich verfolgen bis an mein Lebensende. Kein Entrinnen. Jedes Bett war wie ein Symbol für einen Albtraum. Ich spürte meine Kehle eng werden. Nahm noch einen Schluck – viel zu schnell – um sie wieder zu weiten. Ich war kein Säufer. Nie gewesen. Nicht so wie Rhode es auf die Spitze getrieben hatte. Ich trank in kurzen heftigen Attacken. Wenn ich es nicht mehr aushielt. Wenn ich der Welt den Rücken kehrte. Dann trank ich. Um der Welt zu zeigen was ich von ihr hielt. Nur um am nächsten Morgen die Hölle zu bereuen, die ich mir selbst bereitet hatte. Aber ich war mittlerweile der Meinung, dass nichts schlimmer sein konnte als diese Träume. Warum nur wollte das niemand verstehen? Warum um alles in der Welt interessierte das niemanden?! Nicht Rhode, nicht Margory. Sie warfen es mir vor. Dass ich nicht schlief. Dass ich mich verhielt wie ein Feigling. Rhode weil er mich für dienstuntauglich hielt, Margory weil sie meinte ich wäre eine Gefahr für meine Kinder. Wie sich ihre Worte in meinem Schädel wiederholten. Immer und immer wieder. Dass sie das herausgeholt hatte. Diese ultimative Keule. Alles hätte sie mir an den Kopf werfen können, wirklich alles. Aber das? Alles was ich wollte war meinen Kindern ein vernünftiges Leben zu ermöglichen. Das war alles was ich je gewollt hatte. Dass Margory glücklich war. Und dass meine Kinder ein besseres Leben haben würden. Ich riss mir jeden einzelnen Tag den Arsch dafür auf. Und jetzt sollte ich darin versagt haben? Nur weil Margory meinte ich hätte mit dem Messer nicht aufgepasst. Und das schlimmste daran war, dass sie Recht hatte. Dass ich es nicht bemerkt hatte. Ich hatte es nicht gefühlt wie ich davon gedriftet war. Es war erst Bentleys Schrei gewesen, der mich hatte wecken können und die Grenzen zwischen wach und schlafend verschwammen häufig so fließend vor meinen Augen, dass ich manchmal nicht mehr sicher war wann ich wachte und wann ich schlief. Als ich wieder klar gesehen hatte, da hatte das Messer längst im Boden gesteckt. Und seit Margory das gesagt hatte… das mit Jacob… Ich musste es mir ständig vorstellen. Mein Junge, nichts böses denkend, wie er sich neben mich stellte, seinem Vater, ihn beobachtete weil er Messer derart liebte. Und dann am Boden. So plötzlich. So unbeabsichtigt. Ich hatte schon so viele tote Kinder in ihrem eigenen Blut gesehen. Es war alles nur Illusion, das wusste ich. Aber Margory hatte es gesagt und ich bekam das Bild nicht aus dem Kopf. Ich setzte die Flasche noch einmal an und spürte längst die Tränen meine Wangen hinunter rinnen, ohne dass ich sie aufgehalten hätte. Setzte die Flasche ab. Spürte wie das Schluchzen meine Brust erschütterte. Versuchte es mit einem tiefen Atemzug zu überwinden, es zu beruhigen, zu überspielen. Mein Blick ging über die Menschen, die ohne uns weiter machten. Grölten und lachten. Und all das Chaos, das unser Leben war, ging einfach weiter. Jeden Tag, unaufhörlich. Als hätten wir nie einen Handschlag getan. Ich konnte nicht sagen weshalb dieses Schluchzen dort in meiner Kehle war. Aber es war der Ausdruck von etwas, das ich nie wieder loswerden würde. Und diese Tatsache alleine machte mir so unendliche Angst, dass ich mich in diesem Moment am liebsten in Rhode gekrallt und ihn nicht mehr losgelassen hätte, nur um etwas lebendiges zu spüren. Aber ich sah ihn nicht einmal an. Und zum vielleicht ersten Mal bedauerte ich wirklich von tiefstem Herzen, dass Jackdaw draußen vor der Tür war und nicht bei mir hier drinnen im Chaos der Welt. Als die einzige Seele, die diese Gedanken kannte. Und sie verstehen konnte.
Als Ardin nach der Flasche griff, wollte ich schon ein warnendes Wort aussprechen, das Glas vor ihm war noch voll von dem Whiskey, das konnte er also schlecht mit Gin füllen. Aber es stellte sich heraus, dass der James das gar nicht vor hatte, der Herr trank direkt aus der Flasche. Und er tat es mit der zügellosen Inbrunst eines halbverdursteten Kindes an den Titten seiner Mutter. Vielleicht, wenn ich es rückblickend betrachtete, war das das ersten Anzeichen. Jeder Mann hatte seine eigene Art zu trinken, aber es gab etwas, zwischen trinken und sich ersäufen, selbst wenn man nur auf den Absturz, die benebelnde Eigenschaft des Alkohols aus war. Aber es gab ihn, diesen Unterschied, bei ersterem willst du vielleicht dich selbst für ein paar Stunden los werden, aber bei letzterem da würdest du am liebsten die gesamte Welt ausschalten. Es wird dir doch nicht gelingen und das Erwachen danach wird nur umso trostloser. Ich starrte auf mein halbleeres Glas und bezweifelte zum ersten Mal an diesem Abend meine Entscheidung. Nicht um meinetwillen. Ich hatte eine gewisse Kontrolle über das, was ich tat, das hatte ich bis zu einem gewissen Grad immer gehabt. Aber Ardin, der war gerade ganz offensichtlich darauf und daran jede Kontrolle zu verlieren.
Ich trank die letzten Schlucke aus meinem Glas, langsamer jetzt. Keiner davon war so gut wie der erste. Die tröstliche Vertrautheit hatte deutlich abgenommen. Aber war das nicht immer so? Du trinkst, um dich besser zu fühlen, aber du merkst es kaum, dass es dir besser geht, bis die kurze Phase schon wieder vorbei ist und ab da trinkst du einfach immer weiter. Aber besser wird es nicht mehr. Trocken und rau fühlte sich meine Kehle an, selbst wenn ich das Brennen nach all den Jahren kaum mehr spürte, aber auf die alles durchströmende Wärme oder ein Gefühl von Benommenheit wartete ich erfolglos. Nicht bei der geringen Menge. Mein Blick glitt zu der Flasche, die Ardin umklammerte hatte, wie den letzten Strohhalm auf einem kontinuierlich sinkenden Schiff. Nicht einmal Teilen konnte der Bastard, dachte ich missgünstig bei mir und stellte das leere Glas vor mir ab, lehnte mich wieder zurück. Ob ich jetzt zufrieden sei, fragte Cyneburg. Ich starrte unbestimmt in die Leere vor mir, meine Mundwinkel wanderten fast mitleidig über diese Frage höher. Nein... Die Antwort sollte sie doch kennen, oder?
Immerhin mein Magen hatte durch das Glas Gin aufgehört gegen seinen Inhalt zu rebellieren. Das war doch auch schon etwas. Ich schwieg, ließ Ardin die traute Zweisamkeit mit der Flasche. Und der schwieg nicht minder. Ich dachte daran mit welcher Verzweiflung er den Gin aus der Flasche gekippt hatte. Ich dachte daran, dass Ardin James schwieg und ich dachte, was für ein seltenes Glück das war, ganz besonders sobald der ein paar hinter der Binde hatte. Aber das hier, das war anders. Ich bemerkte, wie es sich aufbaute ähnlich einer düsteren Gewitterwolke. In Mitten der Stille, die Ardins Hälfte des Tisches war. Wie es sich aufbaute über halb gegessene Bohnen mit Speck, ein halbgetrunkenes Ale und einen stiefmütterlich verachteten Whiskey. In dieser stickigen, lärmenden Spelunke. Mit einer Hand rieb ich mir über die Schläfen und ließ sie fast unmittelbar wieder sinken, als ich das Schluchzen neben mir hörte und sich all das, was sich aufgebaut hatte, sinnflutartig neben mir entlud. Im ersten Moment dachte ich James hätte sich vielleicht verschluckt, aber nein. Hemmungslos liefen ihm die Tränen über die Wangen und ich konnte ihn nur anstarren. In Mitten dieses schäbigen Pubs und mir denken, dass ich die Anzeichen hätte erkennen müssen. Mein Herz raste und ich leckte mir verunsichert über die trockenen Lippen, bevor ich, um wenigstens etwas zu tun, James mit der blanken Hand vor die Brust schlug. „Reiß dich zusammen, James!!“, zischte ich und konnte zu meiner Schande die eigene Angst in der Stimme hören. Verdammt nochmal, das war James Viertel! Ich sah mich um, den Blick glühend vor Zorn, hätte nur einer in unsere Richtung gesehen, er hätte Cyneburgs Zähne zu spüren bekommen, so wahr mir der Gregor helfe. Das hätte mir gerade noch gefehlt, wenn sie den James Heulen sahen. Einen Peeler, bekannt in ganz Whitechapel und hier im Blue Bull’s brach er über einer Flasche Gin zusammen, keine fünf Minuten entfernt von der Leman Street. Ich sah zurück zu James, wenn der nicht aufhörte zu Heulen, dann musste ich ihn verdammt nochmal hier rausschaffen um den Schaden zu begrenzen.
Ein Schlag vor die Brust und Otis‘ gezischte Worte. Ich bemerkte wie er sich umsah. Fast darauf heischend, dass jemand den Fehler machte, in unsere Richtung zu blicken. Aber war mir in diesem Moment gleichgültig wer mich sah und was der dachte. Whitechapel, die Leman Street, das war alles so unendlich weit weg als gehörte es zu einem anderen Leben. Ich wollte mir die Seele aus dem Leib heulen wenn nötig. Und wenn sie mich dafür lynchten, dann sollte es eben so sein. Und trotzdem stoppte das Schluchzen in dem Moment in dem Rhodes Hand auf meine Brust schlug. Presste ich die Lippen zusammen wie der erbärmliche Tropf der ich war. Und dann waren da mit einem Mal Jackdaws Gedanken in meinem Kopf. Ihr vertrautes Genörgel und Gezeter. Ich musste die Verbindung zu ihr wieder geöffnet haben in all meiner Sehnsucht. Und sie fühlte diese Sehnsucht und hielt vollkommen perplex inne in ihrem Geschimpfe, nur um wenige Atemzüge später panisch zu fragen wo Cyneburg steckte und ob Otis nicht aufpasste. Wie sie mich jetzt regelrecht anschrie draußen von ihrer Dachkante aus, ich sollte dem nicht nachgeben. Ganz wie Rhode. Reiß dich zusammen, James. Ich riss mich mein ganzes verdammtes Leben lang zusammen. Warum durfte ein Mann nicht zusammen brechen wenn ihm danach war?
Fast stur sah ich jetzt geradeaus ins Nichts, ohne einen Punkt zu fokussieren. Blicklos nahm ich noch einen Schluck aus der Ginflasche, presste die feuchten Lippen aufeinander, zog dann die Nase hoch, um schließlich den Blick wandern zu lassen. Jetzt suchte ich nach den Blicken. Nicht mehr Rhode. Nach den Leuten, die in unsere Richtung sahen. Um ihnen die Lektion ihres Lebens zu erteilen. Oh ich war bereit dafür! Aber den Gefallen tat mir niemand. Alle waren sie mit sich selbst beschäftigt. Wie es so häufig war. Ich sollte froh sein fand Jackdaw. Aber sie wusste wie gerne ich mich jetzt geprügelt hätte. Störrisch presste ich die Lippen zusammen und wandte den Kopf zu Rhode. “Denkst du, dass ich ein Feigling bin?“, fragte ich geradeheraus. Es hatte kampflustig klingen sollen, aber in meinen eigenen Ohren klang es nur verzweifelt und erbärmlich. Als könnten Rhodes Worte über alles entscheiden das ich war und das ich jemals gewesen war. “Denkst du ich bin einer, Otis-Road?“ Dabei hatte Otis‘ Wort nie etwas für mich bedeutet. Aber wenn ich es genau bedachte, dann war das Quatsch. Was Otis dachte war schon immer so viel wichtiger gewesen als der Rest dieser vermaledeiten Stadt.
Das Schluchzen stoppte, die Tränen versiegten und ich hätte meine Erleichterung darüber nicht in Worte fassen können. Noch immer irgendwie peinlich berührt, blickte ich zu James hinüber, der blicklos vor sich hin und schließlich vollkommen ziellos um sich guckte. Und dann, mit einem Mal sein Blick in dem meinen, die eine Frage: “Denkst du, dass ich ein Feigling bin?“ Eine zweite Frage folgte und er nannte mich wieder so, wie damals, als wir noch halbe Kinder gewesen waren. Ich starrte Ardin an. Ein Herzschlag verging. Ein Zweiter. Ich konnte sie über den Lärm des Pubs nicht hören, aber ich spürte sie bis in die letzte Faser. „Nein.“ Meine Stimme war kaum mehr als ein einziges raues Knurren des unwilligen Eingeständnisses. „Du hast…“, ich riss grob die Hand in Richtung meiner eigenen Stirn, „… sie nicht alle beisammen, aber wer würd‘ dich für einen Feigling halten, James, he?“ Ich zog unwirsch die Nase hoch und schob die Oberlippe dabei etwas über die Zähne. „Der hätt‘ das Glück dich nicht zu kennen.“ Es gab nicht eine Sache vor der Ardin James im Laufe der Zeit in der wir uns inzwischen kannten vor etwas aus Angst heraus zurückgeschreckt wäre – selbst dann wenn’s klüger gewesen wäre. Selbst dann, wenn ich längst den Rückzug angetreten hätte, wenn er nicht gewesen wäre und ich mir die Blöße nicht hatte geben können. Was ich ihm auch vorwerfen konnte – und die Liste war lang – feige zu sein gehörte nicht dazu.
Erst deutlich später registrierte ich, weshalb Ardin diese Frage wohl stellte. Ob ich ihn für einen Feigling hielt, weil er heulte? Spöttisch schüttelte ich bei mir den Kopf. Blöd vielleicht, das sicher, sich in so exponierter Lage solche Anzeichen der Schwäche zu erlauben. Aber auch nicht blöder als würde er wieder einen in diesem Pub mit meinem Köter bedrohen. Sich selbst im Griff zu haben oder in die Zukunft zu sehen, dass waren nie die vornehmsten Stärken des James gewesen. Aber wenn, dann gehörte Furchtlosigkeit dazu, nichts darauf zu geben, was seinem Handeln wohl folgen mochte. Die Selbstgewissheit einen Weg zu finden, egal was auch geschehen mochte. Die hatte ich nie gehabt, ich brauchte meine Pläne, ich brauchte meine Zurückhaltung, um auf jeden möglichen Ausgang der Situation vorbereitet zu sein. Ich hatte auf die harte Tour gelernt, dass es tatsächlich irgendwie immer weiter ging, egal ob einem das wie gefiel oder nicht, und dass man auf manches einfach nicht vorbereitet sein konnte. Hätt‘ ich’s mir aussuchen können, ich hätt‘ einiges dafür gegeben mehr wie der James zu sein. Aber der Gregor bewahre, dass der je davon erfuhr.
Und in diesem Moment, noch während ich das dachte. Noch während ich in einem unsagbar schwachen Moment bereit gewesen wäre, Ardin in all seinem Elend womöglich einen Funken dieser Anerkennung wissen zu lassen – schon weil er sich morgen wohl nicht mehr daran würde erinnern können –, da regte sich Cyneburg unter dem Tisch. Ich konnte nicht sehen, was sie tat. Ich hatte nicht die geringste Chance es vorherzusehen und es traf mich wie das blanke, kalte Entsetzen. Sie legte Ardin für einen Moment den massigen Kopf auf das Bein. Anbrüllen hätte ich sie können, was sie da tat, aber ich schwieg, noch immer zu entsetzt. Dabei und ich hoffte sie war sich diesem Zugeständnis nicht zu bewusst, traf diese stumme Geste wohl besser, was ich hätte Ausdrücken wollen, als jedes Wort. Beschämt starrte ich vor mir auf die Tischplatte, stieß ungelenk das leere Glas ein Stück auf dem dreckigen Tisch vorwärts.
Ich zog die Mundwinkel bitter herunter bei Rhodes Worten, presste die Lippen fest aufeinander um nicht wieder in dieses grausame Schluchzen zu verfallen. Kein Feigling. Wenn Rhode das von mir dachte, wenn er mir sogar den Gefallen tat und es sagte, auf die ehrlichste Art, die ich von ihm kannte, dann konnte es noch nicht so schlimm um mich stehen wie ich dachte. Und trotzdem. Ich sah ihn weiter an wie ein Ertrinkender das Rettungsseil, ohne mich zu rühren. Irgendwo zwischen Zusammenbruch und Standhaftigkeit. Schwankend gar, als könnte ich mich nicht entscheiden in welche Richtung ich kippen sollte. Was Rhode dachte war wichtig. So unendlich wichtig. Und doch war so fraglich, wie qualifiziert Rhodes Meinung sein konnte. Er war hier bei mir oder? Er erlebte all das hier mit. Leibhaftig. Wie ich davon rannte. Vor allen meinen Problemen. Wie ein Feigling. Und er sah es jeden Tag mit an. Wie ich nicht schlief, wie ich vor den Träumen davon rannte. Anstatt sie zu ertragen wie jeder vernünftige Mann. Wie ich versuchte, ihnen auszuweichen wie ein Feigling. Wie konnte er da noch vom Gegenteil überzeugt sein? Sagte er all das am Ende nicht doch nur damit ich ihm nicht für den schlechten Ruf der Leman Street sorgte indem ich in einem Public House zusammenbrach. Ich hätte es ihm nicht einmal verdenken können. So ein Ruf war schwer aufzubauen und schwer wiederherzustellen wenn er einmal zerstört war, ich kannte seine Vorträge. Und ich ließ ihm seine Sorge berechtigt sein, mochte ich sie sonst noch so sehr ignorieren.
Plötzlich schob sich etwas warmes auf mein Bein. Ich senkte den Blick und erkannte Cyneburgs Schnauze. Ihren Kopf auf meinem Schenkel. Ihre großen hellen Augen durchdringend und ruhig auf mich gerichtet. Ein trauriges, dankbares Lächeln schob sich bei dem Anblick auf meine Züge und ich fühlte das Schluchzen wieder in der Brust, wie es mich übermannen wollte. Aber ich presste die Lippen zusammen und lächelte traurig und dankbar auf diese wunderschöne, grobe Hündin hinab, die mit keinem Geld dieser Welt zu bezahlen war. Meine Hand wanderte ganz von selbst auf ihre Stirn, strich ihr liebevoll und dankbar über das raue Fell, mit langsam sanften Bewegungen, wie kein Mann den Hund eines anderen streicheln sollte.
Sie war die Liebe selbst in diesem Augenblick. Ein Tier der Hölle und mit einem Mal das Gute der Welt in sich vereint. Und doch konnte selbst sie, die gute raue Cyneburg, die Tatsachen nicht verändern. Jackdaw hörte diese Gedanken und beschwor mich, auf Cyneburg zu hören. Wer denn nicht Recht haben sollte wenn nicht sie. Ich sollte das nicht zerstören. Aber wie hätte ich das so stehen lassen können? Wie hätte ich schweigen können, ohne meine Probleme zu benennen, von denen jeder sagte sie wären nicht mehr da wenn ich nur ausreichend hilfsbedürftig aussah? Es hatte einen Grund, dass ich hier war. Dass ich saß, betrunken, bereit mir die Seele aus dem Leib zu heulen.
Also hob ich den Blick, die Hand noch immer in Cyneburgs strohigem Fell, und sah Otis verzweifelten Blickes an. “Dann sag mir, Otis, wenn ich kein Feigling bin, warum habe ich dann solche Angst davor die Augen zu schließen, dass meine eigene Frau mir sagt, ich wäre eine Gefahr für meine Kinder?“ Meine Hand auf Cyneburgs Stirn zitterte und ich fühlte meine linke Gesichtshälfte unangenehm prickeln. Aber nichts davon konnte mich ablenken oder davon abbringen, diese Frage zu stellen. Es war die wichtigste aller Fragen. Die eine, die niemand stellte und doch alle so leichtfertig zu beantworten wussten. “Warum habe ich so eine Angst?“, wiederholte ich verzweifelt und suchte die Antwort in Rhodes Augen. Aber ich würde dort nichts finden. Die einzige, die wirklich wusste was ich sah war Jackdaw. Und die machte nun Anstalten durch die Tür hinein zu kommen sobald sie sich öffnete. Fast verzweifelt flatterte sie gegen das Glas der Tür und wurde doch nur wieder von einem Betrunkenen abgewehrt.
Rhode sah mich an und schwieg. Er konnte es mir nicht sagen. Er kannte die Welt nicht, die sich wie ein Schlund vor mir öffnete wann immer ich die Augen schloss. Ich presste von Neuem die Lippen aufeinander während Jackdaw ein weiteres Mal gegen die Tür flog wie ein verirrter Sperber. Ich sah Rhode an und begann den Versuch etwas zu erklären, das sich nicht erklären ließ. Und ich wusste das. Und versuchte es trotzdem. Beherrschte mich dafür so gut es ging, hielt mich an Cyneburg fest als wäre sie ein Anker. “Was die Leute tun.. Hier auf unseren Straßen… Was wir jeden Tag sehen… Was sie in der Realität tun, das ist das eine.“ Das waren Bilder, die Rhode kannte. Bilder, die wir teilten. Über die man nicht sprach. Nicht wenn es nicht sein musste. Konnte er sich auch nur annähernd vorstellen was die Menschen taten wenn sie nicht in den engen Grenzen der Wirklichkeit wandelten? “Aber was sie in ihren Köpfen tun…“ Ich tippte mir mit dem Zeigefinger der freien Hand gegen die Schläfe ohne den Blick von Rhode zu lösen. “Das ist etwas ganz anderes.“ Ich schwieg, presste die Lippen zusammen, aber ich sah nicht mehr fort. Es war die Wirklichkeit der Unwirklichkeit. Und wenn ich kein Feigling war, wenn es mir trotzdem Angst machte, vielleicht hatte es dann doch einen Sinn. Konnte Rhode das nicht sehen? Wie unmöglich es war mit so etwas im Schädel zu leben? “Ich sehe kaum einen Traum, der nicht in Chaos, Tod und Zerstörung endet. Und es sollte mich nichts angehen. Ich sollte diese Menschen nicht leiden sehen. Und es sollte mir egal sein solange sie nicht auf Whitechapels Straßen leiden und rasen. Aber ich fühle sie Otis…“, erklärte ich ihm und mir standen längst schon wieder die Tränen in den Augenwinkeln. Wer hatte behauptet, dass ich kein Feigling war? “Ich fühle ihre Angst und ihre Wut und ihre Wünsche und ihre Mordlust.“ Ich schluckte um meine trockene Kehle zu befeuchten. Aber meine Hand lag längst wieder unbewegt um die Flasche Plymouth Gin, ohne dass ich von ihr trank. Das hier war zu wichtig. “Als wären es meine.“ Wieder schlucken. Ich hatte das Gefühl zu ersticken, atmete fast dagegen rebellierend durch. Nahm nun doch die Flasche vom Tisch, löste den Blick von Rhode und nahm einen großzügigen Schluck Gin. Verzog das Gesicht unter dem Brennen als ich sie wieder absetzte. Ließ die Augen auf dem Etikett liegen, das einmal Heimat verkündet hatte. Als ich wieder sprach war meine Stimme so düster wie ich mich fühlte. “Ich frage mich manchmal ob Menschen so sind wenn sie nicht in der Wirklichkeit gefangen sind. Und ich frage mich ob das die Welt ist, die auf uns wartet, wenn sich der Gregor uns irgendwann holt.“ Bitter starrte ich blicklos über die tobenden Menschen um uns herum und es war als säßen wir in einer Blase, die sich um uns herum legte. Die uns loslöste von allem was um uns herum geschah. Als könnte es uns nicht berühren. Ich hob den Blick schließlich und sah Rhode an. Mit all der Bitterkeit und Angst, die ich über den Gedanken verspürte. Und all der Verachtung darüber, dass es diese Gedanken waren, die ich nicht abzuschalten, nicht unter Kontrolle zu bringen wusste. Der Grund aus dem ich wegrannte. Der Grund warum ich hier saß, die eine Hand um eine Flasche Gin gekrallt, die andere auf dem Schädel eines Hundes.
Geistig machte ich bei mir eine Notiz: Ardin James nie wieder eine Flasche Gin zu überlassen.
Der vertrug das Saufen einfach nicht.
Hatte er noch nie getan, aber heute nahm es einen neuen Höhepunkt an.
Und ich wusste noch immer nicht so ganz, mit was ich das verdient hatte.
Während ich mit einer gewissen Kontinuität und zu einem Zweck trank, waren es bei Ardin jedes Mal vollkommen unberechenbare Zusammenbrüche aus dem Blauen heraus. Grenzen, wiederholte ich es zynisch, kannte der nicht. Aber das interessierte Cyneburg gar nicht, bei dem James interessierte sie das kein bisschen. Ich saß noch immer zurückgelehnt da, den Blick beschämt auf der Tischplatte vor mir und tat so, als würde ich gar nicht mitbekommen, wie Ardin meinen Köter streichelte. Als könne ich es gar nicht spüren, was Cyneburg tat, was Ardin tat. Ich hätte meine Verbindung zu Cyneburg blockieren müssen, aber es wäre ja doch nur eine feige Flucht gewesen, die sie mir später vorgehalten hätte. Besser ich tat so, als wäre es mir gleichgültig. Doch das war deutlich schwerer als ich hätte ahnen können.
Mein Seitenblick fiel auf Ardins Finger, welche die Flasche umklammert hielten. Blieben an den Symbole hängen, die an drei davon prangte und über denen längst ein gräulich verwaschener Schleier hing – wie über den meinen, die selben Symbole, die selbe Stelle, die selbe Herkunft. Ich erinnerte mich daran, wie wir sie mit dünner Nadel gestochen bekommen hatten. Auch damals hatte man jedem von uns einen guten Zug aus der Flasche gegeben, mehr um den Pakt zu besiegeln, der mit der Tätowierung einherging, die Hingabe und unbedingte Loyalität einem ausgewählten Kreis gegenüber, aber auch um dem Fieber vorzubeugen. Ich hatte den Geschmack noch heute auf der Zunge, so intensiv wie das Bild vor Augen. Der Unterschied hätte nicht härter sein können. Natürlich war das damals kein Gin gewesen, nicht bei Fieldings Einstellung gegen dieses Gesöff und bei der Art, wie der Gründervater der Bow Street Runner noch all die Jahrzehnte nach seinem Tod verehrt worden war. Aber es hatte auch aus anderen Gründen nicht so geschmeckt wie heute. Weil es nun mal anders war, wenn man soff um irgendetwas auszuschalten und ich wusste nicht mehr zu sagen, wann ich zuletzt aus einem anderen Grund gesoffen hätte. Nur dass ich das Saufen eben vertrug, nicht so wie der James. Ich dachte an den Unterschied, den es gab, ob man soff um sich selbst zu vergessen oder um die Welt zu vergessen. Und vielleicht, vielleicht lag es auch daran, dass das Saufen meine Probleme lösen konnte, Ardins dagegen nicht. Ich hatte nie so sehr mit der Welt gerungen, wie er es tat. Wenn ich soff, dann weil ich mich selbst nicht ertragen konnte, weil ich mir selbst für ein paar Stunden entkommen musste, wenn alles andere unerträglich wurde. Es war wie unter den chronischen Schmerzen einer alten Verwundung zu leiden. In der ersten Zeit hilft es dir den Schmerz immer mal wieder für ein paar Stunden mit Morphium zu betäuben, um die Kraft zu sammeln ihn im Anschluss wieder ertragen zu können – und eines Tages ist er dir so vertraut, dass es dir immer länger gelingt mit ihm zu leben. Zu saufen, sich zu betäuben, ändert rein gar nichts, aber das war auch nie meine Erwartung gewesen. Mir ein paar Stunden Ruhe zu erkaufen war alles, was ich je hatte wollen und das Saufen war das Mittel gewesen, das mir genau das hatte liefern können. Aber Ardin… Ardin würde eine Flasche nichts bringen und das begriff ich jetzt. Vielleicht sprach er davon sich in den Schlaf saufen zu wollen, aber das war nicht, was er wirklich wollte. Sein Problem war nicht der eigene Kopf. Sein Problem waren die Köpfe der Anderen. Sein Problem war die Welt, all die kranken Geister, die sie füllten.
Die machten ihm Angst und die Quelle für diese Angst würde sich durch nichts auf der Welt auslöschen lassen. Außer der Gewöhnung. Und Gewöhnung war ein zweischneidiges Schwert. Ohne sie wären weder Ardin noch ich heute hier. Was wir gesehen hatte im Laufe unseres Lebens, was wir getan hatten, das ließ sich nicht ertragen ohne Gewöhnung. Die Frage war nur, an welche Dinge sollte man sich nicht gewöhnen. Denn das was auf den Straßen geschah sei das eine, doch in den Köpfen der Menschen, abseits der begrenzenden Möglichkeiten der Realität, da trieben sie wohl noch so viel grausamere Dinge. Ich dachte daran, wie sich der Grad der Grausamkeit allein schon dadurch verschob, wenn die Menschen meinten keine andere Möglichkeit oder aber schon gar nichts mehr zu verlieren zu haben. Wie viel mehr Freiheit musste die eigene Fantasie einem dann liefern? Genug um einen Ardin James mit all seiner Erfahrung, all seiner Gewöhnung in ein wimmerndes Häuflein Elend zu verwandeln.
“Ich frage mich manchmal ob Menschen so sind wenn sie nicht in der Wirklichkeit gefangen sind. Und ich frage mich ob das die Welt ist, die auf uns wartet, wenn sich der Gregor uns irgendwann holt.“ Ich blickte noch immer zu Ardin hinüber, auch als er längst aufgehört hatte zu sprechen. Irgendwann hob der Andere den Blick, sah mich wieder an und ich entgegnete all der Hoffnungslosigkeit darin, all der Verzweiflung und Scham. Ich hätte sagen können: Ja, wahrscheinlich ist das die Welt, die auf uns wartet. Aber was hätte es schon gebracht das auszusprechen? Das war uns beiden klar. Das war der Preis gewesen, mit dem wir all das erkauft hatten. Wenn die Seele der Weg in eine bessere Welt war, dann konnte auf uns nur die Dunkelheit warten, jetzt da der Gregor sie in Händen hielt. Aber es ging nicht darum, was auf uns wartete. Denn das würde, so der dunkle Herr denn wollte, noch ein wenig hin sein. Es ging um das hier und das jetzt, das für Ardin bereits Hölle genug zu sein schien und irgendwie gefiel mir der Gedanke nicht, dass der James mir am Ende etwas voraus hätte, wenn wir einmal mit all den anderen kranken Gestalten in der Hölle einsaßen. Nein, dass der jetzt schon an höllenähnlichen Verhältnissen litt, das gehörte sich nicht und das würde ich dem Gregor wohl sagen, wenn er das nächste mal zum Teetrinken bei Margory vorbei sah. So etwas konnte ich schließlich nicht hin nehmen. Aber auch das sprach ich nicht aus, schob die tobende Wut, die ich deswegen empfand von mir, löste die Finger, die sich um mein leeres Glas gelegt hatten mühsam, betrachtete wie in die weiß gewordenen Knöchel das Blut zurückströmte.
Da war noch immer die Frage, die der James mir gestellt hatte. Unwirsch zog ich die Nase hoch und schob die Mundwinkel dann wieder voll Verachtung tiefer. „Du hast Angst, weil du keiner von diesen kranken Bastarden bist. Verflucht, Ardin, bei allem was du sagst, solltest du Angst haben. Ich hät‘ Angst, hättest du keine.“ Was würde es schon bedeuten, wenn man davon keine Angst hätte? Wenn man sich womöglich darauf freute und jeden dieser perversen Träume genoss? Dann hätte ich Angst und wie ich sie hätte. Mein Junge lebte in diesem Haus. Mein Leben hing häufig genug von Ardins Teil der Arbeit ab. Gefiel es mir ihn dabei übermüdet und unkonzentriert zu haben? Ganz sicher nicht. Weder bei der Verantwortung, die er für meinen Jungen übernommen hatte, noch bei der Arbeit. Aber entgegen von Margorys Einschätzung, hätte ich die größere Angst, würde der James sich bei all den Träumen, die auf ihn warteten seelenruhig zur Ruhe legen. Ich schob unruhig mein leeres Glas auf dem Tisch hin und her und sprach dann mehr zu der Tischplatte gewandt als zu James hin. Nüchtern, aber die Stimme hohl dabei. „Du gewöhnst dich an die Arbeit, schätze du kannst dich auch irgendwann an die Träume gewöhnen.“ Ich nickte einen Moment bei mir, sah dann wieder zu Ardin hinüber. „‘bin froh, dass du’s noch nicht getan hast.“ Die Arbeit war etwas anderes, das hatte der James gesagt, aber ich fragte mich, ob sie nur deswegen etwas anderes war, weil Ardin schon länger damit lebte. Sicher, es war etwas anderes all diese kranken Dinge zu sehen, anstatt sie selbst zu empfinden. Aber wie häufig verschwamm diese Grenze. Wie häufig tust du in dieser Arbeit etwas, das du nie für möglich gehalten hättest und gewöhnst dich so schnell daran, dass es bereits zu spät war, wenn du dann einmal inne hältst und dich selbst hinterfragst. Geistesabwesend rieb ich mir über die tätowierten Finger. Wie häufig hatte ich mich später gefragt, ob… bei Judith… Wäre mir das Messer wohl so leicht in der Hand gelegen, wenn ich mich der Arbeit wegen nicht so sehr daran gewöhnt hätte? Unruhig schüttelte ich den Gedanken ab.
Und dann sprach ich es aus, was mir keine Ruhe ließ, dabei hätte es mich schon nicht mehr überraschen sollen. „Haben sie denn gar nichts anderes im Sinn? Nicht einmal in ihren satansverfluchten Träumen?“ Ruhelos ging mein Blick über die versammelten Leiber, die in diesem Pub grölten und lärmten, und ich schüttelte den Kopf, ohne eine Antwort von James zu erwarten. „Nicht einmal in ihren Träumen...“, wiederholte ich es tonlos und wusste selbst kaum, weshalb es mich überhaupt noch derart desillusionieren konnte.
Tief war der Atemzug, der meine Lunge erschütterte als Rhode das sagte. Dass ich keiner von denen war. Dass es mich auszeichnete, dass ich Angst hatte. „Vielleicht wär ich besser einer…“, gab ich tonlos zu bedenken und nahm noch einen Schluck aus der Flasche, den Blick auf diese Menschen um uns herum gerichtet. Lächelte dann doch bitter traurig als ich sie längst wieder abgesetzt hatte. Was tust du wenn du nicht mehr weglaufen kannst? Ich sah über die Gesichter dieser Menschen. Über die Emotionen darauf. Über die Kragen ihrer zu dünnen Jacken. Über die Flicken in ihrer Kleidung. Wenn einer keine Flicken auf die Löcher setzt, dann ist es ein Ire. So viel konnte man sicher sein.
„Du gewöhnst dich an die Arbeit, schätze du kannst dich auch irgendwann an die Träume gewöhnen.“ Wieder ein trauriges Lächeln von mir als Otis das sagte. Aber ich sah Rhode nicht an dabei, ließ die Augen weiter blicklos wandern. Dreizehn Jahre und ich hatte mich nicht daran gewöhnt. „‘bin froh, dass du’s noch nicht getan hast.“ Ich grinste schief, aber im nächsten Moment musste ich schon wieder tief durchatmen um nicht wieder ins Schluchzen zu geraten. Scheiße, Otis, dieser verfluchte inkonsequente Bastard. Erst ein Gewöhn dich dran und dann ein Ist gut, dass du dich nicht dran gewöhnt hast? Was wollte er denn nun?! Was beim Gregor sollte ich denn jetzt machen?! Ich schluckte und starrte vor mich hin. Aber was hatte ich mir auch erhofft? Dass Rhode mir sagen konnte, was ich tun sollte? Wie sollte er?
Es war nicht immer so gewesen. Es hatte Zeiten gegeben in denen ich mir genau das selbe gesagt hatte wie Rhode jetzt. Du wirst dich dran gewöhnen. So schlimm kann es nicht werden. Ich hatte mich zu Anfang noch schlafen gelegt. Ich hatte versucht es zu üben. Weil es eine Gabe des Gregors gewesen war. Und weil es uns dorthin gebracht hatte, wo wir hin gemusst hatten. Weil es uns zu diesem Bastard geführt hatte, der die Waschfrauen damals geschändet hatte. Eine Waffe, die so wirkungsvoll war… Es war nur logisch, dass so etwas trainiert werden musste. Aber wenn ich kein Ziel hatte, dann driftete ich hin zu Träumen, die mehr mich überfielen als ich sie. Und ich hatte begonnen Dinge zu sehen, an die man sich nicht gewöhnen konnte. Nicht wenn man im Kopf nicht schon tot war. Mittlerweile waren dreizehn verfluchte Jahre vergangen. Fred war fast erwachsen. Es würde nicht mehr lange dauern und auch er würde mein Haus verlassen wie Patrick es getan hatte. Und in all der Zeit hatte ich es nicht geschafft den Frieden mit diesen Träumen zu finden. Ich hatte begonnen zu fliehen. Und das war meine beste Strategie nach all der Zeit. Das Schlafen zu vermeiden so gut es ging. Und eine ganze Zeit hatte das gut funktioniert. Aber jetzt… Jetzt hatte es mich hierher gebracht. An diesen Tisch, in diesen Pub. Und was um alles in der Welt sollte ich jetzt noch tun?
„Haben sie denn gar nichts anderes im Sinn? Nicht einmal in ihren satansverfluchten Träumen?“ Ich ruckte träge ein wenig den Kopf in Rhodes Richtung um ihm zuzuhören als er sprach. Mein Blick wanderte auf die Tischplatte. Ich konnte die Reste einer verschütteten Mahlzeit darauf erkennen und es erinnerte mich daran, dass ich meine Bohnen noch nicht mal gegessen hatte. Ich hatte auf nüchternen Magen getrunken. Aber jetzt war es auch egal. Noch waren sie mir nicht weg gerannt. Ich fragte mich, ob mein Magen die Nahrung jetzt noch vertragen würde. „Nicht einmal in ihren Träumen...“ Nun hob ich doch den Blick, sah Rhode einen Moment nachdenklich an. Stellte er sich das etwa wirklich vor? Besser er hatte keinen Erfolg damit. Ich drehte den Kopf wieder weg, folgte Rhodes Blick zurück zu den grölenden, lärmenden Gesichtern. Ließ den Eindruck einen Moment wirken, bevor ich schluckte und doch noch etwas sagte. „Nicht alle. Einige werden von Dingen verfolgt, von denen man sich fragt, wie sie im Wachen zustande kommen konnten. Und ein paar… ein paar haben gute Träume. Die gibt es auch. Aber ihre Zahl ist gering. Ich weiß nicht, ob es an Whitechapel liegt. Ich hatte das Gefühl, dass es in Covent Garden nicht so… schlimm war.“ Müde nahm ich die Berührung von Cyneburg, fuhr mir jetzt mit der Hand über das Gesicht, schloss für einen Moment die Augen. Hatte sie auch noch geschlossen als ich müde hinzufügte: „Keine Ahnung ob es nur einen bestimmten Radius hat…“ Ich schüttelte mit weiterhin geschlossenen Augen den Kopf. Öffnete sie dann erst zaghaft wieder, setzte die Flasche an die Lippen und trank einen Schluck. Bald würde sie leer sein. Nicht mehr lange bis ich schlafen würde. Nicht mehr lange bis ich pissen müssen würde.
Ich zog die Brauen zusammen, stützte mich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab und sah vage in Rhodes Richtung. „Lass uns gehen, ja?“, bat ich müde. Und ich wusste nicht, wohin ich wollte. Ich wusste nur, dass ich hier nicht mehr sein wollte.
Und dann wurde Ardin wieder still. Es war wie ein Riss in einer dieser Wasserleitungen gewesen, die sich mittlerweile durch die gesamte Stadt zogen und fast jedes Haus erreichten. Nur hier in Vierteln wie Whitechapel, da schafften sie den Ausbau überdurchschnittlich schlecht. Aber hier in Whitechapel, da war fließendes Wasser in jeder Wohnung auch eins der geringeren Probleme. Es war immer eine Frage der Verhältnisse. Aber bei der Leitung, die sich durch Ardin James zog, da war das Loch, durch das spitzend und zischend das Wasser getreten war, so schnell wieder geflickt worden, wie es aufgetreten war. Ich erwartete schon kaum mehr etwas das über ein mitleidiges Lächeln hinweg ging. Und ich kannte es, dieses Lächeln, ich wusste, wie es sich auf den Lippen anfühlte, aus diesen Zeiten, da Ardin mir noch täglich hatte erklären wollen, wie ich mit Judiths Tod hätte umgehen sollen. Ich konnte mir denken, was Ardin mir wohl gesagt hätte, wäre er nicht betrunken und in Mitten all dem Selbstmitleid versunken. Es war dasselbe, was ich mir selbst jedes Mal dachte: Das wirst du nie wissen und sei froh, das es so ist. Das war ich. Das einzige, was ich mich fragte war, ob ich mich tatsächlich zu guten Ratschlägen hatte hinreißen lassen. Das war nicht meine Absicht gewesen. Ich fragte mich jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde später zum ersten Mal, ob es das war, was Ardin sich erhofft hatte. Tatsächlich erhofft hatte. Einen Ratschlag, eine Lösung seiner Probleme. Ich sah auf die Tischplatte vor mir, meine vernarbte Finger, die noch immer unweit meines leeren Glases dort auf dem rauen Holz lagen. Es hätte sich nie so bitter anfühlen sollen, keine Lösung für Ardin James zu haben, die über eine Flasche Gin hinaus ging. Cyneburg gratulierte mir zynisch zu dieser ganz neuen Erkenntnis. Sie sollte mir nur noch ein einziges Mal zu nahe kommen. Ich schüttelte das Gefühl ab. Das waren noch immer Ardins Probleme und ich hatte meine eigenen. Für nicht eine Seite davon hatte ich Lösungen und alles andere zu behaupten wäre Anmaßung.
Und dann kamen doch noch einmal Worte. Hatten die Straßenarbeiter mal wieder das falsche Material zum kitten der Leitung verwendet, dachte ich spöttisch bei mir, aber der Spott blieb mir nicht lang auf den Zügen. „Nicht alle. Einige werden von Dingen verfolgt, von denen man sich fragt, wie sie im Wachen zustande kommen konnten.“ Ich biss den Kiefer so hart und so unmittelbar zusammen, dass es sich anfühlte, als würde ich den Knochen dabei zermalmen. Zum ersten Mal hob Cyneburg wieder den Kopf von Ardins Oberschenkel. Ein seltsamer Laut kam ihr über die Lefzen und ich wusste, dass dieser Laut in Wahrheit tief in mir wohnte. Ich war froh, dass Ardin so gleichmütig weiter sprach. Ich war froh, dass er das nicht auf mich gemünzt hatte. Ich wollte keiner der perversen Spinner aus seinen Träumen sein und wusste doch gleichzeitig, das es so war. Dass ich die Alpträume der Anderen gar nicht kennen brauchte, um die Hölle bereits auf Erden zu erleben. Dass ich Dinge in der laut Ardin so eng gesteckten Realität getan hatte, die man nicht einmal in einem Traum hätte denken sollen. „Und ein paar… ein paar haben gute Träume. Die gibt es auch.“ Ich nickte. Ein wenig zu hart, ein wenig zu verzweifelt klammerte ich mich an den Gedanken. Dass es sie gab, die mit den guten Träumen. War das nicht meine Frage gewesen? Genau. „Aber ihre Zahl ist gering. Ich weiß nicht, ob es an Whitechapel liegt. Ich hatte das Gefühl, dass es in Covent Garden nicht so… schlimm war.“ Ich sah Ardin immer noch an. Bewegungslos. Erwartete um ein Haar den ewig währenden Vorwurf wieder zu hören. Aber er kam nicht. Das bedeutete nicht, dass er nicht trotzdem im Raum stand, aber ich war seltsam froh ihn hier und jetzt nicht noch einmal laut zu hören. In Covent Garden… in Covent Garden war so vieles besser gewesen. Nur allmählich ließ ich die Luft zurück in meine Lungen strömen. Aber wir waren nicht mehr in Covent Garden. Viele Jahre schon nicht mehr. Unsere Kinder, für die wir immer etwas besseres hatten wollen, waren die meiste Zeit ihres Lebens auf den dreckigen Gassen von Whitechapel aufgewachsen, dort wo kaum einer gute Träume haben konnte. Ardin träumte jetzt die hoffnungslosen Fieberträume der gebrochenen Kreaturen aus eben jenen Straßen, in die man uns nach allem, was mit meinem Leben damals geschehen war, verbannt hatte.
„Es tut mir Leid“, lag es mir vielleicht zum ersten Mal seit 1842 so dicht auf den Lippen, aber kein Ton schaffte es über meine brennende Kehle und schon einen Moment später sprach Ardin noch einmal.
„Lass uns gehen, ja?“
Ich nickte. Froh keine Gelegenheit gehabt zu haben die dummen Worte auszusprechen, die auch keinem halfen und gleichzeitig hasste ich mich so sehr dafür, es nie getan zu haben.
Grob konzentrierte ich mich auf Ardins letzte Worte. Ich war fast überrascht von der formulierten Frage in diesen Worten, aber ich machte mir keine Illusion darüber, dass meine Meinung in dieser Sache gefragt wäre. Ich stand auf. Cyneburg tauchte unter dem Tisch auf, aber sie war tatsächlich so klug Abstand zu mir zu halten. Was erwartete sie auch?! Nachdem sie Ardin auf dem Knie gehangen hatte, wie eine läufige Hündin. Unwirsch wandte ich den Blick ab. Um irgendetwas tatsächlich tun zu können, beglich ich an der Theke die Zeche. Das würde ich mit der nächsten Zahlung abgleichen, die Ardin mir meines Jungen wegen stellen würde. Würde ich wohl doch nicht tun. Darauf achtend, dass James in seiner Trunkenheit den Weg fand, die Säufer am Eingang bei Seite stoßend, bahnte ich mir einen Weg nach Draußen, wo mich beinahe ein dunkler Schatten in voller Wucht am Schädel getroffen hätte, ich zuckte zurück und bemerkte erst im zweiten Moment die Dohle. Verfluchter Satan. Ardin und diese Viecher, das würde noch mein Tod sein.
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