Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
18.09.1850, Die James Wohnung in Whitechapel
Society of My judge and jurors Rudeness
Wegen dem Golden Horse? Ein wenig erstaunt legte ich den Kopf in den Nacken um zu Rhode hochzusehen und zog die Brauen hoch. Aber Otis‘ Erklärung brachte Licht in die Sache. Natürlich. Wie konnte es auch anders sein? Die Whitechapel Road kam bis an die Ohren der Stadtverwaltung und Mulligan rächte sich freundlich an uns indem er uns vorschickte. Raffiniert, der alte Irenhund. Ich richtete den Blick geradeaus ins Nichts und schob anerkennend die Lippen vor, nickte sacht, aber das war keine gute Idee. Es brachte den wackeligen Frieden mit meinem Gleichgewichtssinn ins Schwanken und so ließ ich die Bewegung bald wieder bleiben. Dann durfte Rhode das auch gerne alleine machen. Sie hätten mich in dem Fall ja doch nicht meine Meinung sagen lassen. Und selbst wenn hätte es bei Friedkin wegen der Whitechapel Ärger gebracht, auch wenns mir nicht gefiel. Jackdaw fügte hinzu, dass ich auch noch viel zu wackelig auf den Beinen war, um einem Friedkin entgegen zu treten. Die sollte mich mal sehen wie ich einem Friedkin entgegen trat. Auch nach einer Flasche Gin. Den steckte ich locker ein. Sie gackerte draußen. Ich hätte sie gerne geschlagen, hätte sie nicht draußen vor der Scheibe gesessen. Aber wahrscheinlich hatten sie alle Recht. Rhode. Die Dohle. Das Universum. Besser ich schlief.

Als hätte ich das nicht schon längst eingesehen, wurde ich von Rhode direkt angefahren als ich wegen den Costers fragte. Immerhin, bei den Costers, bei ihm… die goldene Tür zum Frieden war also doch noch nicht auf ewig verschlossen. Aber wenn ich mir das vorstellte, noch einmal zu Rhode, in dessen Bett schlafen… Ich wäre ihm noch so viel mehr schuldig als wenn ich mich nur bei den Costern abliefern ließ. Die Blöße wollte ich mir nicht geben. Auch wenn der Gedanke an das sichere Bett erschreckend verlockend erschien. Nein, das ging nicht. Aber Rhode fügte noch etwas hinzu. Diesmal leiser aber dadurch nicht minder intensiv und ich hob den Blick. „Aber lass dich nicht so sehen, das vergessen sie dir nämlich nicht.“ Einen Moment sah ich Rhode einfach nur an. Leer und ausdruckslos, wie Jackdaw mir attestierte. Starrte ihn an. Das vergessen sie dir nicht. Otis Rhode gab mir einen Rat. So einen Rat. Und ich starrte ihn an.

Schließlich senkte ich den Blick. Betreten. Befeuchtete meine trockenen Lippen. Nickte, ohne Rhode noch einmal anzusehen. Dagegen konnte ich nichts mehr sagen. Nicht so wie Rhode das gesagt hatte. „Is gut.“, bestätigte ich heiser. Hob dann den Blick, riss mich zusammen, bereit nach da draußen zu gehen. Das beste draus zu machen. Nickte dann, entschlossener. Blickte kurz zu Rhode dann zur Tür. „Lass mich bei den Costern. Is in Ordnung.“ Ich war gefasst. Und ich würde es bleiben. So lange zumindest bis wir hier raus waren. Ich konnte nicht sagen weshalb, aber wenn ein Otis Rhode mich vor den Konsequenzen eines betrunkenen Auftritts in der Leman Street warnte, dann machte mich das unangenehm betreten. Besser wir brachten das schnell hinter uns. Ich zog die Nase hoch. Ich wollte nicht der Partner sein, für den sich Rhode schämen musste. Nicht dafür. Für alles andere, ja. Jederzeit. Aber nicht dafür.

Natürlich war der James eingeschnappt gewesen, aber immerhin hatte er sich auf den Plan eingelassen. Etwas anderes zählte ohnehin nicht. Es war mir dennoch seltsam unangenehm gewesen Ardin so kleinlaut zu erleben, so schweigsam mit einem Mal, dabei hätte es mir ein Fest sein sollen. Aber solche Dinge waren etwas anderes, wenn Ardin James völlig dicht war. Oder sie waren etwas anderes, wenn... Ich wusste es ja auch nicht. Ich war jedenfalls froh gewesen Ardin bei den Costers lassen zu können und das unangenehme Gefühl, das mir seit der Sache in der Leman Street gefolgt war, von mir hatte drängen können. Es war schon nach Mittag gewesen, als ich auf einer Transportkiste der Costers gehockt und eine von Tom zubereitete Kartoffel gegessen hatte, ein Stück entfernt von der Stelle, wo sie Ardin einquartiert hatten, aber den James noch im Blick. Ich hatte das Treffen mit dem Friedkin wahrgenommen und im Gegensatz zu sonst war ich nicht erpicht gewesen es so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Ein historisches Ereignis, aber dieses eine Mal konnte es mir recht sein, wenn die Zeit ungetanen Werkes verstrich, es bedeutete einen guten Grund zu haben nicht zurück in die Leman Street zu müssen und Mulligan womöglich ein weiteres Mal wegen dem James Rechenschaft ablegen zu müssen. Nachdem ich von dem Friedkin weg war, hatte ich mich vergewissert, dass der Sergeant am Hafen alles unter Kontrolle hatte. Lief alles gut, stellte nachher keiner Fragen wo DI James wohl gewesen sei, nur schief gehen durfte nichts, denn dann war ich genauso dran, doch danach sah es nicht aus. Also war ich zu den Costers, bei denen der James untergekommen war. Nachdem er am Morgen direkt einen davon hatte bedrohen müssen, dass der ihn nicht im Schlaf abstechen solle, hatte ich doch einen Blick darauf werfen müssen, ob der James nicht wen auf eine Idee gebracht hatte. Und wenn ich schon einmal dort war, dann hatte ich auch etwas zu Mittag essen können.

Cyneburg hatte vor mir gesessen und mich angebettelt, dass ich ihr doch etwas abgeben solle. Zur Abwechslung mal nicht mein Blut, auch wenn sie dazu auch nicht Nein sagen würde, wie sie mich hatte wissen lassen. Ich hatte das spöttische Schnauben in einem weiteren Bissen erstickt. Blut würde es erst wieder geben, wenn Mister Plymouth-Gin da drüben auf der Pritsche sich wieder mit seiner Frau ausgesöhnt hatte - wovon, Satan weiß warum, auch mein Stand in diesem Haus abhing. Aber Cyneburg war im Moment ohnehin mehr an Kartoffel mit Butter interessiert gewesen. Doch ich wusste und sie wusste, dass sie alles was sie zu sich nahm, das nicht aus meinem Blut bestand am Ende wieder auskotzen würde. Was nicht bedeutete, dass es ihr nicht kurzfristig schmecken könnte, hatte Cyneburg eingewandt. Nein. Ich hatte für 24 Stunden genug an wieder ans Tageslicht gebrachten Mageninhalt gesehen, ganz ohne eine unvernünftige Hündin. Beleidigt hatte Cyneburg sich vor meinen Füßen abgelegt. Weder Ardin ein zweites Mal wecken durfte sie, noch etwas Kartoffel abbekommen. Die Welt war schon wirklich ein ungerechtes Fleckchen. Nicht zu vergessen, dass ich ihr noch bevor wir die Residenz des Friedkin erreicht hatten, verboten hatte mit hinein zu kommen, was sie mir den gesamten Vormittag unablässig vorgehalten hatte. Ja, ja, was war ich nicht für ein vertrautenhassender, böser Mensch. Selbstzufrieden aß ich mein Mittagessen alleine. Nachdem ich fertiggegessen hatte und Ardin noch immer im Land der hoffentlich-nicht-Träume weilte, war ich wieder gegangen. Ich hatte den Costers noch etwas Geld zugesteckt, das ich noch bei mir hatte, damit sie mir den Ardin nicht doch noch abstachen und zu Pasteten verarbeiteten und versprach am Abend wieder zu kommen und ihn dann endgültig mitzunehmen. Immerhin brauchte ich mir so keine Gedanken darum machen Margory über den Zustand ihres Mannes zu informieren. Die Costers hätten das bis heute Abend längst erledigt.

Ich kam am späteren Abend zurück zu den Costers, das Licht der spärlichen Gaslaternen vermischte sich bereits mit den letzten Streifen der Dämmerung. Es war so spät, dass die Costers mir selbst das letzte Geld noch abnahmen. Geldgierige Hunde, aber ich wusste es besser als mit ihnen zu feilschen, nicht wegen so etwas. Es war zu elementar, dass sie ohne Nachfragen den James bei sich schlafen ließen, ihn in Ruhe ließen obwohl er ein Peeler in so verletzlicher Lage war, das durfte ich mir für das nächste Mal nicht verdorben haben. Ich ließ mich auf eben jene Kiste sinken auf der ich schon am Mittag gesessen hatte, und rieb mir über das Gesicht. Ich ließ die Hand sinken und betrachtete sie einen Moment. Die Haut am Handrücken schlug bereits Blasen und war rötlich geschwollen von einem Brandmal. Am Unterarm hatte ich einen Hundebiss, der nicht weiter der Rede wert war, aber mir Löcher in den guten Anzug gerissen hatte. Was am Mittag noch recht vielversprechend ausgesehen hatte, war kurz darauf eskaliert und ich hatte den Rest des Tages am Hafen verbracht und mich im wahrsten Sinne des Wortes mit den Gewerkschaften herum geschlagen. Eine Initiative aus einigen jungen Radikalen hatte einen Aufruhr angezettelt und letztlich gedroht das Eastern Dock Lager anzuzünden. Aber hellichten Tage, Herr in der Hölle! In was für Zeiten lebten wir eigentlich?!

Früher hätten sie den Zirkus von ein paar Trupps Rotröcke mit Flinten niederschießen lassen und jetzt sollten ein paar Peeler mit Schlagstöcken denselben Effekt erzielen?! Mit Sicherheit. Den Brand immerhin hatte ich abwenden können, denn bedauerlicherweise kannte ich den Feuerteufel und seinen Komplizen nur zu gut - und sie hatten mir zum Dank dafür ihre Grüße hinterlassen, ich rieb mir über den Arm. Aufknüpfen hätte ich die Bengel sollen, stattdessen hatte ich doch wieder mein Möglichstes getan ihnen eben das Schicksal zu ersparen und nachdem ich sie erst einmal bei Vernunft hatte - oder was man bei diesen jungen Burschen von der Gewerkschaft so Vernunft nannte - war auch die hitzige Stimmung langsam abgeklungen. Irgendwann gegen Abend hatten sich die Proteste aufgelöst. Ich glaubte zwar noch nicht so ganz daran, dass der Streik damit gebrochen war aber das war ein Problem für Morgen. Immerhin hatte das Chaos dafür gesorgt, dass ich erst am Abend zurück in die Leman Street gekommen war, als Mulligan längst in seinem verdienten Feierabend war. Außerdem würde am Ende keiner mehr so genau sagen können, ob ein DI James nun irgendwo mit in diesem Tumult gesteckt hatte oder nicht. Was doch wirklich wundervoll war, während der Mann seinen Rausch aus schlief. Was hätten wir uns denn anderes wünschen können?

Schlussendlich hatte ich in der Leman Street noch ein paar der ausstehenden Berichte geschrieben. Vermutlich hätte ich den James anderenfalls persönlich abgestochen, wenn ich ihm direkt vom Hafen aus gegenüber gestanden hätte. Die Brandmale und den Biss hätte der sich mal schön selbst abholen können. Ich hatte meine Schuldigkeit getan in den ich dem James bei seinen Saufeskapaden bei Seite gestanden hatte, davon mir auch noch seine Schläge einzufangen hatte ich nicht gerade geträumt. Ich starrte hinüber zu dem schlafenden Bündel, ließ den Atem stoßweise entweichen.

Die Sache war nur... besonders erpicht darauf Margory gegenüber zu stehen war ich auch nicht. Mein Blick glitt ab in die Leere. Ardin hatte schlafen wollen, also hatte ich ihn schlafen lassen, auf die effizienteste Art, die es dafür gab. Nur neigten gute Frauen in meiner Erfahrung dazu, das etwas anders zu sehen. Und mochte sein, dass es dem James zwischen die Beine stieg seine Herzensdame toben zu sehen, ich konnte darauf verzichten Margorys Zorn auf mich zu ziehen. Nicht bei allem, was sie für mich getan hatte. Grund genug es noch ein wenig herauszuzögern ihr ihren resttrunkenen Mann abzuliefern.

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„Wenn du mich im Schlaf abstichst, dann verfolg ich dich bis ans Ende deiner Tage in dein‘n Träum‘n, hast du verstand‘n, Harold?!“ Das waren meine Worte gewesen. Gerichtet an den Coster, bei dem ich nach Empfehlung von Black-Eyed Tom untergekommen war. Oder besser gesagt, bei dem Rhode mich abgeliefert hatte, nachdem wir die Leman Street verlassen hatten. Aber sollte es mir recht sein. Brummend hatte ich mich auf der Kiste niedergelegt, die Harold mir zugewiesen hatte und ihn ein letztes Mal finster angefunkelt, bevor ich die Augen geschlossen hatte. Halt Wache, hatte ich Jackdaw gesagt, und ich würde sie in ein Brathähnchen verwandeln, wenn sie diesen einen Job, den ich ihr gegeben hatte, nicht erfüllen würde. Sie hatte gemault über so viele Stunden, die sie würde tatenlos verbringen müssen und sich auf eine Dachrinne an den Dachkanten verzogen, um die Straße im Blick zu behalten.

Rhode war längst fort gewesen als ich wieder schlief. Er gefiel mir nicht, dieser Deal. Aber was hatte ich schon zu sagen? Und ich schlief auch diesmal. Traumlos, als hätte mich jemand in vollem Lauf mit einer Dachpfanne erschlagen.

Ich konnte nicht sagen, dass ich mich besser fühlte als ich später wieder erwachte. Aber ich fühlte mich anders. Und angesichts der Umstände war das wahrscheinlich schon ein gutes Zeichen. Ich erinnerte mich wach geworden zu sein zwischendurch, aber ich konnte nicht mehr genau sagen was da gewesen war. Jackdaws großzügiges Angebot, meine Erinnerung wieder einmal aufzufrischen, lehnte ich nach wie vor entschieden ab. Auch die Information, dass Otis schon wartete, konnte sie sich sparen. Ich sah absichtlich nicht hin, während ich aufstand und in die Aufrechte fand. Jackdaw dagegen flatterte erleichtert, von ihrer Wächtertätigkeit erlöst zu sein, herab vom Dach und landete zielsicher in Cyneburgs Nackenfell, die ich genauso wie Otis keines Blickes würdigte. Nicht bevor ich nicht die nächste Wand angepisst hatte. Nicht, dass ich die heute nicht schon ein paar Mal angepisst hätte.

Ich schloss meine Hose wieder, ließ den misstrauisch verschlafenen Blick die Straße auf und ab wandern, musste dabei feststellen, dass es bereits zu dämmern begonnen hatte und sogar der Nachtwächter schon da gewesen war, um die Gaslaternen anzuzünden, und kam dann doch zu Rhode hinüber, um mich neben ihm auf die Kiste zu setzen, die er in Beschlag genommen hatte. Ich stützte die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und fuhr mir mit den Händen über den Schädel und durchs Haar. Ich sollte mich schämen, fand Jackdaw, meine hygienischen Manieren wären letzte Nacht endgültig versackt, aber sie sollte sich nur einmal die anderen Bewohner dieses Viertels ansehen, dann würde sie an mir kein krummes Haar mehr finden im Vergleich. Als ich den Kopf wieder etwas hob und die Arme wieder sinken ließ fiel mein Blick auf Rhodes Hände und ich hielt inne. Irritiert zog ich die Brauen zusammen über den Anblick von Brandblasen und Schwellung. Einen Hundebiss hätte er auch, meinte Jackdaw, Cyneburg hätte es ihr gerade erst brühwarm erzählt und sie beschuldigte mich direkt von Neuem, den ganzen Tag dazu gezwungen gewesen zu sein, in einer Dachrinne festzuhängen. An den Kais wäre es viel spannender zugegangen und wieder einmal hätte Jackdaw den ganzen Spaß verpassen müssen. „Gewerkschaft?“, fragte ich knapp und dann huschte doch noch ein schiefes Grinsen über meine Züge. „Haben sie versucht, dich am Spieß zu braten?“

Der James hatte nicht einmal den Anstand zu fragen, was geschehen war, als er sich schließlich frisch von den Ginleichen auferstanden zu mir auf die Transportkiste gesellte. Er sagte es mir gerade heraus und das schlimmste war, dass er recht damit hatte. Wie sah das denn aus? Als könne ich nicht einmal die Halbstarken der Gewerkschaft bändigen, wenn James nicht dabei war? Mürrisch spuckte ich aus und drehte die Hand weg. „Wie kommst du darauf? Nur abgerutscht als ich mir gemütlich eine Pfeife anzünden wollte“, knurrte ich in missmutigem Sarkasmus und starrte auf den Dreck vor meinen Schuhen. Würde ich nur eines Tages vergessen können, was Anfang der 20er damals bei dieser Gewerkschaft geschehen war, in die man den James und mich eingeschleust hatte, dann würde ich auch endlich lernen unter den jungen Burschen durchzugreifen. Aber ich würd’s nicht mehr vergessen. Nicht bei allem Gin der Welt und so lange würde ich doch irgendwie versuchen deren dürren Hälse aus der Schlinge zu ziehen. Besonders die der zwei denen ich Brandblasen und Bisse zu verdanken hatte. „Jaaah, Gewerkschaften“, gestand ich dem James dann zu richtig geraten – oder gepetzt bekommen, ich stieß Cyneburg mit dem Fuß ein Stück von mir und sie verzog sich brummend hin zu der Dohle – zu haben.

„Du warst da im Übrigen auch“, ließ ich den James dann wissen und rieb mir noch einmal mit zwei Fingern über die Stirn. „Hatten mal wieder einen Streik am Hafen organisiert. Peterson hatte die Sache in deinem Namen ganz gut im Griff, bis… naja…“, ich hob einen Moment die verbrannte Hand und der Satan weiß weshalb zuckten meine Mundwinkel für einen Moment höher. So viel Dreistigkeit verlangte fast Anerkennung, wenn sie die Jungen nicht eines Tages ins Grab bringen würde. „Dieses Mal hatten sie das Lager an der New Gravel Lane anzünden wollen. Schlag drei Uhr im Tageslicht. Kennen wirklich nichts…“ Meine Züge verfielen zurück in schlaffe Müdigkeit. „Am Abend haben sich die Reihen aufgelöst, Mulligan war schon gegangen. Aber ich schätze es ist noch nicht vorbei.“ So. Damit war der James informiert, sollte Mulligan am nächsten Morgen etwas über seinen beliebten Stand der Dinge wissen wollen.

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Pfeife. Aha. Ich grinste während ich beobachtete wie Rhode die Hand wegdrehte und auch den Blick abwandte als wäre rein gar nichts geschehen. Aber der Sarkasmus in seiner Stimme sprach Bände. Als er dann auch noch zugab, dass es die Gewerkschaften gewesen waren, die ihn das hatten spüren lassen – genau genommen zwei uns wohlbekannte Individuen – als müsste er mir das Offensichtliche erklären, fühlte ich mich schon um einiges besser. Es gab doch nichts schöneres als den guten alten Otis Rhode wenn er dabei war eine Schwäche zu gestehen… Aber das Grinsen verblasste zu einem Lächeln während ich wieder geradeaus sah, den Blick auf Cyneburg und Jackdaw gerichtet. Ich wusste warum die Gewerkschaft eine Schwäche war. Und so schön es auch war, dass Rhode welche hatte, an dieser Stelle war es wohl oder übel auch die meine.

Wie aufs Stichwort erklärte Rhode mir, dass ich in der Tat ebenfalls dort gewesen wäre. “Ach ja? Kann mich gar nicht erinnern…“, scherzte ich und grinste Rhode wieder an, aber ich ließ das Scherzen bald bleiben und sah wieder geradeaus. Ich wusste wie viel es bedeutete, dass Rhode mir in dieser Weise den Rücken freihielt. Und obwohl ich ebenfalls wusste, dass die Coster Rhode mit Sicherheit nicht ohne einen eingeforderten Obulus zurück gelassen hatten, wäre es letztendlich wahrscheinlich egal gewesen ob ich bei Rhode im Bett oder hier auf dieser Kiste geschlafen hätte. In Rhodes Schuld stand ich so oder so. Egal wie ich es drehte und wendete. Und du kannst es nie wieder zurückzahlen, befand Jackdaw genüsslich. Ich griff einen dreckigen Kiesel vom Boden auf und warf ihn nach ihr, aber sie ging rechtzeitig hinter Cyneburg in Deckung.

Peterson, ich versuchte mir das zu merken, in dem Anflug von Ahnung, dass das wichtig sein könnte. Immerhin war ich ja da gewesen, oder? Mein Blick fiel auf Rhodes Hand als der sie hob. Dazu brauchte der nichts mehr sagen. Die Bengel… Margory hätte sie adoptiert wenn sie gekonnt hätte, aber ich wusste was sie waren. Und Rhode auch. Unruhestifter, die mit dem Feuer spielten. Hätten sie es nur im Geheimen getan. Stattdessen wiegelten sie ganze Arbeitergruppen auf, diese Unholde… New Graval Lane am hellen Mittag. Ich schnaubte amüsiert und grinste doch ein wenig dabei, eine Nachahmung von Rhodes kurzem Anflug von Amüsement.

Mulligan war raus, immerhin eine gute Nachricht. Ich richtete den Blick geradeaus und atmete tief durch. Vermutlich hätte ich mich jetzt bedanken sollen. Aber es wollte mir nicht über die Lippen. Ich schwieg. “Weiß die Nachtwache bescheid?“, fragte ich stattdessen. Immerhin war sie es der die Gewerkschaft das Leben schwer machen würde wenn Otis Recht behielt.

Ja, konnte der James sich nicht mehr dran erinnern? Meine Lippen verzogen sich beinahe zu etwas wie einem Grinsen. Aber egal an was der James sich erinnerte, morgen würde er Mulligan Rede und Antwort stehen müssen. Also bedeutete es Ardin über den Stand der Dinge zu informieren. Ich betrieb diesen ganzen Zirkus schließlich nicht, um ausgerechnet in Mulligans Büro damit aufzufliegen. Dafür musste schon ein wenig mehr passieren. Selbst wenn Ardin das einzigartige Talent hatte, mich meine Mühen direkt wieder bereuen zu lassen. Ob ich was getan hätte? Ich lehnte mich so ruckartig zurück als hätte Ardin nach mir geschlagen, zog die Brauen eine Spur höher. Was war das denn jetzt? Das Vertrauen in meine Kompetenz nahm wohl signifikant ab je mehr man dem Burschen einen Gefallen tat. ''Ja'', antwortete ich gedehnt. Natürlich war die Nachtwache informiert. Ehrlich. Mit so einer Frage hätte der James nicht einmal einen Constable beleidigt. Wir kamen wohl wieder ganz nett auf Kurs, jetzt da wir nicht mehr vollkommen dicht waren. Ich wusste ehrlich nicht, welche Variante des James weniger an meinen Nerven zehrte. Ich drehte mich einen Moment hin zu der Richtung aus der über den Dächern das Licht und die Rauchsäule eines Feuers aufsteigen müsste, sollten die Bengel in der Nacht zu ihrem Vorhaben zurück gefunden haben. Aber es war nichts zu erkennen. Mein Blick fiel wieder auf meinen verbrannten Handrücken, mit dem Daumen der anderen Hand fuhr ich über die gereizten Ränder der Wunde. ''Wie kann es sein, dass solche Drecksbälger so gut mit ihren Fähigkeiten umgehen können, mh?'', kam es mir dann unvermittelt über die Lippen. Mehr eine rhetorische Frage. Ich wusste, dass die Beiden damit geboren worden waren und dass Margory sie zusätzlich unterrichtete. Aber trotz allem... Die setzten ganze Gebäude mit bloßer Willenskraft in Brand und andere Leute... Ich sah hinüber zu dem James. Die konnten erst nach einer Flasche Gin wieder schlafen. Und das war keine Lösung.

Nicht für den James jedenfalls, mit Sicherheit. Aber wenn diese jungen Burschen ihre Fähigkeiten so unter Kontrolle hatten, dann... Dann konnte es nicht alles gewesen sein. Ich dachte an etwas, was James einmal gesagt hatte. ''Es muss mehr geben als Sprüche und Blutopfer'', griff ich Ardins Worte von vor bald zehn Jahren auf. ''Muss einfach...'' Nur dass wir bisher nichts dazu gefunden hatten. Aber wie gut hatten wir denn tatsächlich gesucht? Hilfsarbeiter für diese Hexe beim Brockwell Park waren wir geworden, aber die hatte es mit umherirrenden Geistern von Toten oder so etwas. Und davon abgesehen? Was hatten wir schon erreicht in all den Jahren...

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Dieses gedehnte Ja. Ein eindeutiges „was fragst du so blöd“. Stur sah ich weiter gerade aus, nach vorne gebeugt und auf meine Ellenbogen gestützt, nickte nur zur Bestätigung, dass ich zufrieden war. Gut so, der Rhode hatte an alles gedacht. Wir schwiegen einen Moment lang und es war mir unangenehm, aber mir wäre nichts in den Sinn gekommen, das es zu sagen gegeben hätte. Ich begnügte mich damit, Jackdaw dabei zuzusehen wie sie über Cyneburgs Rücken hüpfte und mit dem Schnabel in ihrem Fell stocherte um es glatt zu legen. Als wäre sie die Mutter eines zu groß geratenen Kindes.

''Wie kann es sein, dass solche Drecksbälger so gut mit ihren Fähigkeiten umgehen können, mh?'', kam es plötzlich von der Seite und ich wandte den Blick noch ein Stück weiter ab, verlagerte unruhig das Gewicht auf der Kiste und sah in die andere Richtung die Straße hinab. Weg von Rhode. Weg von dieser Frage und dieser Überlegung. Was fing er denn jetzt damit an? Warum konnte er es nicht gut sein lassen? Musste das sein? Mich noch einmal auf all meine Schwächen hinzuweisen? Ich hatte ihm die ganze letzte Nacht die Ohren damit vollgeheult, kommentierte Jackdaw ungefragt meine ungehaltenen Gedanken. Danke, herzlichen Dank, das hatte er sich also gemerkt, ja? Um es jetzt noch einmal über mir auszuschütten? All die Informationen, die er an diesem Abend über mich gesammelt hatte, damit er mich für die nächsten Jahre damit verfolgen konnte? Heiß und wütend bereute ich es jetzt, Rhode am Abend zuvor zum Saufkumpanen erhoben zu haben. Es war mir egal gewesen in dem Moment, darauf musste Jackdaw mich nicht erst aufmerksam machen, aber das hieß doch nicht, dass es mir jetzt auch egal war, oder?! Konnte Rhode es nicht einfach gut sein lassen?! Ein Zusammenbruch im Jahr und danach ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Hatte ich ihn je wegen Judiths Geburtstag mit solchen Fragen verfolgt?! Was war er nur für ein ehrloser Bastard…

Mehr geben als Sprüche und Blutopfer… Der Satz sollte mir bekannt vorkommen meinte Jackdaw. Ach ja, woher? Und da war das Bild wieder wie wir da saßen an unserem Küchentisch und nachsannen, aus der Perspektive einer Dohle, die über den Tisch vor uns hüpfte. Danke, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Vermaledeite Dohle. Gern geschehen, meinte sie. Mhm. Sie mich auch. Ich machte die Augen schmal, verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Anspannung und sah dann doch wieder vage in Rhodes Richtung, ohne ihn direkt anzusehen. „Können wir das einfach bleiben lassen?“, fragte ich in müdem, aber angespanntem Tonfall, bemüht darum ruhig zu klingen. Als redeten wir über belanglose Dinge. Und nicht über den Grund warum wir nach einer durchsoffenen Nacht und einem verpennten Tag hier auf dieser Transportkiste saßen.

Ich hatte laut nachgedacht und wie üblich konnte ich das nur bereuen. Ich stieß die Luft aus, spürte die Kopfschmerzen der Müdigkeit wiederkehren. Ob wir das bleiben lassen konnten. Nein, lag es mir auf der Zunge. Nein, bestätigte mich auch Cyneburg. Nein, konnten wir nicht. Gerade jetzt nicht, da der James noch nach Gin und Erbrochenem stank und zum ersten Mal seit der Satan weiß wie lang geschlafen hatte. Gerade jetzt konnten wir das nicht einfach bleiben lassen. Weil es nicht weiter ging, damit nicht zu schlafen, die Kontrolle zu verlieren, sich zu besaufen, den Tag zu verschlafen und wieder von vorne zu beginnen. Es ging nicht. Nicht in seinem Job und nicht in der Familie. Und nicht einmal in ersterem würde ich ihn auf ewig decken können. Nicht bei dieser ewigen Übermüdung und nicht bei so etwas wie dem heute. Das würde dem James noch alles kosten, was er zu haben meinte. Und ich wusste, dass er das wusste. Ich wusste nur nicht, weshalb er sich so hartnäckig dagegen stemmte dafür zu kämpfen. Eine Lösung zu finden. Dabei hatte ich gerade einmal die Richtung angedeutet. Keinen der plakativen Ratschläge, die er mir so gerne gab, wie ich mein Leben denn wieder in den Griff bekommen könnte und was ich nur zu tun brauchte. Vermutlich wäre er mir bei der Erwähnung solchigem direkt an die Gurgel gegangen. Aber die Lösungen zu kennen, das behauptete ich ja gar nicht. Finden wollte ich sie. Denn irgendwie musste es sie geben. Es ging gar nicht anders. Nicht wenn andere es auch schafften. Ich rieb mir noch einmal mit dem Daumen über die schmerzende Brandwunde. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Und in dieser Gewissheit, hätte ich noch hier und jetzt an einem Plan arbeiten können die Antworten zu finden, die uns bisher durch die verdammten Finger gerutscht waren. Nein. Wir konnten das nicht einfach bleiben lassen. Weil ich mir Sorgen machte, verdammte Sorgen, meinte Cyneburg und dieses eine Mal widersprach ich ihr nicht.
Die Frage verlangte nach einer Antwort. Konnten wir das einfach bleiben lassen? Ich sah den James an.

Nein.

Ich nickte.

Noch immer blickte ich dem James emotionslos entgegen, er war eindeutig wieder nüchtern genug nach Hause zu finden. Ich stand auf und ich ging. Und Cyneburg folgte mir widerwillig.

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