Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness

The verification mission


Um es vorweg zu nehmen: es gibt Dinge, mit denen ich rechne. Und es gibt Dinge, mit denen ich nicht rechne. Ich sage mir dann vielleicht hinterher, hey, du hättest es wissen können, aber in Wirklichkeit habe ich es schlicht eben nicht wissen können und jedes Vortäuschen des Gegenteils ist reine Einbildung. Ich bin auch nur ein Mensch, was soll ich machen? Wir können aus Erfahrung sprechen. Wir können versuchen aus Erlebnissen zu lernen und Schlüsse für die Zukunft ziehen. Und ich gebe zu, manchmal wäre ich darin gerne besser, es würde mein Leben um einiges erleichtern. Aber hellsehen, das steht leider in keinem mir bekannten Handbuch für die Spezies „Mensch“. Nascha würde euch jetzt sagen, dass das Leben ohne einen gewissen Überraschungseffekt viel zu langweilig wäre. Aber sie hat gut reden, sie muss ja nur zusehen. Ein Wunder, dass sie nicht jedes Mal Häppchen zu sich nimmt und mit einer Teetasse wedelt, wenn ich wieder einmal in eine dieser Überraschungen laufe. Aber fangen wir von vorne an.

„Herein…“, dringt eine Stimme aus dem Raum auf der anderen Seite der hölzernen Tür. Ich habe angeklopft, jetzt trete ich ein. Das Licht ist warm, aber ein wenig zu grell, wie es typisch ist für anbarisches Licht. Es ist wie in die Sonne zu sehen und dennoch hat es diese warmen Schattierungen an den Rändern. Man gewöhnt sich daran. Aber wenn man Öllampen gewöhnt ist, dann fühlt es sich lange Zeit unnatürlich hart an. Der Raum ist holzgetäfelt, der Boden mit einem großen weichen Teppich bedeckt. Ich schließe die Tür, den Kopf ein wenig gesenkt. Nascha sitzt auf meiner Schulter. Ein angenehm gewohntes Gefühl. Es gibt mir Sicherheit, auch wenn ich sie nicht bräuchte. Sie hat die Augen fast gänzliche geschlossen. Es sieht aus als sei sie nicht wirklich da. Aber ich weiß, dass sie zuhört, jedes Wort und jede Bewegung wahrnimmt. Es gehört zu unserem Waffenstillstand, dass sie sich ruhig verhält wenn wir uns in der Öffentlichkeit befinden. Sie hat es auf die harte Tour gelernt und ich habe es auf die harte Tour gelernt. Es gibt Dinge, die die Menschen nicht über uns wissen müssen. Es reicht wenn sie meinen uns zu kennen. Sie müssen nicht vom Gegenteil erfahren. Tatsache ist, dass ich Angst um Nascha habe wenn sie in engen Räumen nicht auf meiner Schulter sitzt. Ich mag es nicht wenn sie aufspringt, von Möbel zu Möbel fliegt und sich selbstständig umsieht. Niemand würde sie anfassen, das weiß ich, aber entgegen jeder Vernunft lässt sich diese Angst nicht abschalten. Es ist wie ein Instinkt. Wenn ich es könnte würde ich sie in meiner Wohnung einsperren, jedes Mal wenn ich aus dem Haus gehe. Als Jugendlicher habe ich das ein paar Mal versucht. Habe versucht es zu trainieren. Ich dachte mit Geduld wäre es möglich. War es nicht. Ich habe es nicht wieder versucht. Ich liebe Nascha, aber ich hasse sie auch.

Die Krallen der Eule drücken sich vertraut in den Stoff meines Sakkos über der Schulter. Ich trage Anzug und Krawatte, mit einer goldenen Nadel und Manschettenknöpfen. Mein Haar ist im Nacken zusammen gebunden. Es ist kein besonderer Anlass, aber ein ordentliches Äußeres gehört im Magisteriumsgebäude in London zum guten Ton. Das Büro das ich betrete kenne ich gut. Ich betrete es jede Woche mindestens zehn Mal. Ich kenne jede Ecke, jeden Teppich. Ich sehe wenn das Personal auch nur einen Staubkorn verrückt. Dabei war das nie meine Absicht. Es passiert einfach wenn du deinem Vorgesetzten direkt unterstehst. Und damit meine ich einzig und allein direkt unterstehst. Ich habe so etwas wie einen Sonderstatus. Oder die schlechteste aller Karten, die du aus einem gemischten Stapel ziehen kannst. Ganz nach Betrachtungsweise. Außer Professor Doktor John William Davies, seines Zeichens Chaplain des Magisteriums und Chef des Stabes jener Männer, die das Magisterium im britischen Oberhaus vertreten, habe ich von niemandem Befehle oder auch nur Anweisungen entgegen zu nehmen. Ich unterstehe ausschließlich ihm. Sein ganz persönlicher Laufbursche. Ich bin bekannt dafür schlechte Nachrichten zu überbringen. Ich bin der Mann für die Drecksarbeit. Und ich muss zugeben, es bringt mir zuweilen gehörigen Spaß. Aber es gibt auch Tage an denen hasse ich es, denn nein, so habe ich mir mein Leben, geschweige denn meine Karriere nicht vorgestellt. Sie sollte hoch hinaus gehen, mir Freiheiten und Möglichkeiten, vielleicht meinen eigenen Forschungsbereich ermöglichen. Stattdessen hänge ich hier fest und spiele Botenjunge. Aber auch meine Ziele haben sich mit der Zeit verändert. Es gibt Dinge, die ich gesehen habe, die mich meiner Ziele nicht mehr so sicher sein lassen. Und ihnen sind Überlegungen gefolgt über die ich nicht einmal mit Nascha offen spreche. Sie spürt es trotzdem, aber deshalb muss man es ja nicht gleich aussprechen. Hauptsache sie ignoriert es. Fazit des ganzen: ich bin mittlerweile nicht mehr immer gerne hier, aber ich weiß auch nicht wo ich sonst hingehen sollte. Und das ist eines dieser vielen Dinge, die ich an meinem Leben nicht mag. Diese verdammte Ziellosigkeit. Nascha weiß das, aber sie weiß wann sie den Schnabel zu halten hat. Immerhin, auch das haben wir beide gelernt.

Ich durchquere den Raum, vorbei an einer weich gepolsterten hellen Sitzecke mit dunklen hölzernen Applikationen, vorbei an hohen Fenstern mit dicken Schals und Vorhängen, vorbei an einem Ölgemälde, das den Urgroßvater meines Vorgesetzten darstellt, und komme an einem breiten dunklen Schreibtisch an, auf dessen einer Seite ein Schreibtischstuhl, hölzern und neumodisch zum Drehen vor der Holzwand thront, und auf dessen anderer Seite der mir bekannte gepolsterte Stuhl steht. Ich trete an den Schreibtisch heran und bleibe in angemessenem Abstand stehen. Nascha sitzt noch immer unbewegt auf meiner Schulter und da wird sie für den Lauf des gesamten Gesprächs bleiben wenn sie weiß was gut für sie ist. „Sir?“„Langdon, bitte.“ Eine ausgestreckte Hand richtete sich flüchtig auf den Stuhl. Wie immer wenn ich hier stehe. Wie immer setze ich mich höflich auf die Aufforderung hin, ziehe kurz meine Hosenbeine etwas hoch damit die Knie sie nicht ausbeulen und sehe meinem Vorgesetzten möglichst ausdruckslos entgegen.

Da sitzt er also. Professor Doktor John William Davies. Ein Mann Mitte Fünfzig mit Halbglatze und Doppelkinn, aber Augen wie ein Raubtier und weit davon entfernt an so etwas wie Ruhestand zu denken. Selbstgefällig sitzt er da vor seinen Unterlagen. Und – ein Wunder – sein Daemon sitzt in der Gestalt eines Habichts etwas abseits auf einer goldbeschichteten mannshohen Sitzstange und betrachtet Nascha kritisch von dort oben. Er mag sie nicht sonderlich, so viel weiß ich. Aber er war auch noch nie offen aggressiv. Ein sauberes Arbeitsverhältnis würde ich sagen. Trotzdem habe ich den unbestimmten Eindruck, dass er vor heute noch nie diesen starrenden Blick gezeigt hat. Als könnte er Nascha nicht trauen. Ich zwinge mich nicht hinzusehen, sondern ausdruckslos Davies‘ Worte entgegen zu nehmen. „Nun, ich will nicht lange um die Tatsachen herum reden. Nachdem Mister Wymark unerwartet ausgefallen ist, fehlt unserer Abteilung ein Vertreter auf dem Kongress von Sheffield. Ich möchte, dass Sie diese freie Stelle übernehmen.“ Ich spüre meine Augen ein wenig schmaler werden. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. „Darf ich fragen weshalb, Sir? Sicherlich nicht um dem Gastgeber mitzuteilen, dass wir seine Bemühungen nicht länger finanziell unterstützen.“ Ein fast amüsiertes Lächeln gleitet über Davies‘ Gesicht. Er lacht kurz leise. „Nein, diesmal keine schlechten Nachrichten. Im Gegenteil. Geben Sie ihnen das Gefühl wichtig für unsere Sache zu sein. Sie vertreten das Magisterium Londons. Es werden internationale Vertreter anwesend sein. Sie sollten sich über diese Gelegenheit freuen.“ Mein Blick bleibt an seinem hängen. Ich antworte nicht, soweit bin ich noch nicht. Vielleicht verrät mich das, aber ich lasse es darauf ankommen. Ich benötige diese Gelegenheit um das zu verarbeiten. Sie schicken mich raus. Als offiziellen Vertreter. Den Laufburschen für die Drecksarbeit. „Wieso? Weshalb fiel die Wahl auf mich?“„Muss ich Sie an ihre herausragenden Referenzen erinnern?“ Ich wende den Blick etwas ab. Frustriert. Ja. Wütend? Vielleicht. Ich spüre wie sich der Druck von Naschas Krallen auf meiner Schulter verstärkt. „Nein. Verzeihen Sie.“„Trösten Sie sich. Wenn Sie diese Aufgabe gut ausführen, wirkt sich das positiv auf Ihr Portfolio aus. Ich kann so viel verraten, als dass ich ein gutes Wort für Sie eingelegt habe. Anschließend werden sie selbstverständlich mir berichten, wenn Sie verstehen.“ Ich sehe auf und begegne einem auffällig unverbindlichen Lächeln. Jetzt beginnt die Sache Sinn zu ergeben. Davies will seine Fühler ausstrecken und sich exklusive Informationen sichern. Deshalb will er mich dort haben. Gut, das ist ein Grund mit dem ich durchaus leben kann. Ich erwidere das Lächeln nun doch. Nicke. Es wird beides ein wenig böse. Nur wenn man so will. „Ja, das verstehe ich gut, Sir. In dem Fall werde ich mich für die korrekte Ausführung der Aufgabe einsetzen.“ Davies nickte zufrieden. „Sehr schön, nicht weniger habe ich von Ihnen erwartet. Da es sich um einen hochoffiziellen Anlass handelt ist auch die notwendige Garderobe sowie angemessenes Personal geboten. Ich habe Ihnen einige neue Anzüge bei meinem persönlichen Schneider anfertigen lassen.“„Dankesehr, Sir.“ Das ist mir zwar nicht recht und ich weiß jetzt schon, dass ich diese neuen Kleidungsstücke nach diesem Anlass nie wieder anfassen wollen werde, aber immerhin für ein Wochenende wird es reichen. Ich kenne den Termin. Das ist keine kleine Veranstaltung. „Außerdem werden Sie mit einem persönlichen Valet aus dem Personal des Magisteriums ausgestattet.“ Auch das noch.

Davies erhebt sich, also stehe auch ich auf. Seine Hand liegt an einem kleinen Goldglöckchen, das er nun einmal kurz klingeln lässt, kurz bevor sich die Dienstbotentür auf der anderen Seite des Büros öffnet. „Dies ist Larkin, er wird Sie zu diesem Termin begleiten und für Ihr Wohlergehen aufkommen sowie den Magisteriumsstandard wahren. Er wird sie von hier aus direkt begleiten. Brechen Sie alsbald als möglich auf. Das Wochenende rückt bereits gefährlich nahe heran und Sie haben noch eine kleine Reise mit dem Zug bis Sheffield vor sich.“ Mein Gesichtsausdruck ist immer noch möglichst bar jeder Emotion, aber ich starre zu dieser Tür, durch die mein vorübergehender Valet getreten ist. Ich kann den Blick nicht abwenden. Ich spüre wie Nascha neben meinem Kopf das Gefieder aufstellt. Zum ersten Mal hat sie jeden Anschein des Schlafes abgelegt und die großen Eulenaugen weit geöffnet. Ich fühle wie die Begeisterung durch Nascha schießt, während in mir das blanke Entsetzen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Zu spät bemerke ich wie Nascha das Gewicht verlagert und die Flügel hebt, sich von meiner Schulter abstößt. Bevor sich Nascha weit von mir entfernen kann, schießt meine Hand nach oben. Ich packe sie an den Beinen, deren Krallen sich scharf in meine Finger graben und fische sie aus der Luft, um sie direkt zurück auf meine Schulter zu drücken. Soweit kommt es noch, dass sie mich jetzt verlässt. Wir haben ein verdammtes Abkommen. Das hier ist keine Ausnahme. Wütend schreit sie auf, aber ich sehe sie nicht einmal an. Mein Blick liegt immer noch auf Larkin. Nikola Larkin. Meinem Bruder.

[Bild: anisim10.png]
Ein Tag ohne Arbeit ist mehr als ich in jeder anderen Anstellung als Hausdiener hätte erwarten können. Ich hatte jetzt bereits zwei und nach den vergangenen drei Monaten ohne mehr als ein paar wenigen Stunden freier Zeit fühlt es sich seltsam an mit einem Mal über derart viel davon zu verfügen. Nicht unangenehm aber ungewohnt. Die Stunden schreiten so langsam voran, dass ich mich frage, weshalb sie mir an anderen Tagen nur so leicht ausgehen können. Ich stelle mir vor, dass es einfacher wäre, würde ich Gordon House verlassen. Den Tag in der Stadt verbringen. Aber das ist nur ein Gedankenspiel. Ich habe vielleicht keine Arbeit zu erledigen, aber das bedeutet nicht, dass ich freigestellt wäre. Ich hätte darum bitten können. Die Chancen stehen gut, dass sich keiner darum kümmern würde und es mir gewährt wurde. Nach allem stehen die Chancen sogar gut, dass es nicht einmal auffallen würde, sollte ich einfach für ein paar Stunden verschwinden, solang ich nur pünktlich zu den Essenszeiten wieder da bin. Aber es wäre ein riskantes Unterfangen und ich frage mich, ob es sich lohnen würde. Mein Blick geht hinüber zu Asya, die mit den Vorderpfoten auf dem Fenstersims steht, den Weg, den man von diesem Fenster aus sehen kann, beobachtet und über jene feixt die den Weg entlang gehen. „Father Colbert ist bestimmt schon zum dritten Mal vom Hauptgebäude zum Bethaus gelaufen. Sollte er eines Tages seinen Kopf verlieren, geht er bestimmt noch fünf Mal auf und ab, ohne zu wissen was fehlt, bevor er tot umkippt.“„Was kein zu großer Verlust wäre“, murmle ich, denn die eigene Vergesslichkeit versucht der Father stets einem anderen Zuzuschieben, wenn man der Dienerschaft in Gordon House glauben kann, die der Hauptsitz des Magisteriums in London unterhält – so wie sie auch mich beschäftigen. Mein Blick fällt zurück auf das Buch in meinen Händen und ich schüttle den Kopf.  Früher als ich noch Soldat war, konnte Asya endlos regungslos auf einem Beobachtungsposten neben mir ausharren, aber sobald ich versuche ein paar Zeilen zu Lesen bringt sie kaum mehr als fünf Minuten fertig ohne unruhig umherzuwandern. Wie um meinen Gedanken Lügen zu strafen, lässt Asya sich mit einem Mal mit den Vorderpfoten zurück auf die Holzdielen fallen und klettert neben mir aufs Bett. Ihr großer Hundekörper drückt sich gegen mich, als ich wieder versuche den enggedruckten Buchstaben Worte und den Worten Sätze und einen tieferen Sinn zu entlocken. Geistesabwesend streiche ich mit einer Hand über die feinen Vernarbungen, die sich über Asyas weiche Schnauze ziehen wie dünne knotige Bindfäden. Mein Daumen fährt die Furche ihrer Stirn ab und kommt auf ihrem Rücken zu liegen.
 
Ich habe keine zwei Zeilen gelesen, bevor Asyas Körper neben mir sich anspannt. Ihr Kopf ruckt mit gestellten Ohren in die Höhe. „Leg das weg“, zischt sie scharf und ohne weiter nachzudenken, schiebe ich das Buch unter mein Kissen. „Der Steward.“ Schnell stehe ich auf, streiche die Bettdecke glatt und überprüfe, dass das Betttuch auch ordentlich unter der Matratze steckt. Die Feindschaft zwischen Butler oder in einem derart großen Haus der Steward und dem Valet ist vermutlich so alt wie die Herrenhäuser selbst. Während der Steward grundlegend den höheren Rang bekleidet und der männlichen Dienerschaft vorsteht, hat der Valet mehr Freiheiten und steht dem Herrn des Hauses näher. Er hat nur von diesem seine Befehle entgegen zu nehmen, was den Steward neben der Bedrohung seines Status im Haus mit dem Dilemma hinterlässt, dass er an und für sich auch für die ordnungsgemäße Arbeit des Valets verantwortlich ist, ohne ihm wirklich etwas sagen zu können. In Gordon House liegt das Problem noch an einer anderen Stelle. Valets wie ich einer bin, unterstehen hier wechselnden Herren, die meist in anderen Häusern der Stadt unterkommen. Der Einfluss des Stewards auf unsere Arbeit ist schon rein räumlich gesehen verschwindend gering, denn selbst wenn wir dann einmal in Gordon House sind, steht es ihm nicht zu uns zu niederer Arbeit einzuteilen. Das wäre nicht angemessen für ein Mitglied der höheren Dienerschaft und würde wiederum neben dem Status des Valets auch den des Stewards untergraben. In der Zeit in der wir keinen Herren dienen haben wir also neben der obligatorischen Teilnahme am Morgengebet und den Mahlzeiten der Dienerschaft kaum mehr zu tun als unsere eigene Kleidung zu richten, Arbeitsmittel auszubessern oder neu aufzufüllen und dergleichen. Ich habe das meiste davon gestern erledigt. Aber um beschäftigt zu wirken liegt eine Hose und Nähutensilien auf dem Tisch an der Wand. Die Nähte sollte ich tatsächlich dringend ausbessern, aber das Nähen hat mir nie gelegen und ich schiebe es schon eine Weile vor mir her. Während die Schritte des Stewards jetzt auch für mich hörbar näher kommen tue ich dennoch so, als wäre ich schwer in meine Arbeit vertieft. Der Steward klopft nicht an bevor er eintritt und ich sehe erst auf, als er im Zimmer steht. Ganz als wäre ich von seinem Kommen überrascht. Ruhig lege ich meine Arbeit weg und stehe auf.
 
Mit steifer Haltung geht der Steward die Reihe der Betten ab, sein Daemon, ein halbhoher Terrier inspiziert witternd den Raum. Ich teile mir dieses Zimmer mit fünf anderen Männern. Aber ich weiß, ich habe Glück. Glück weil Gordon House ausschließlich für die Unterbringung von Dienstboten existiert und dieses Zimmer daher in der Mitte des Hauses angeordnet ist, mit Fenstern und einer angenehmen Raumhöhe. Ein fast unvorstellbarer Luxus in einer Stadt die so sehr unter Raummangel leidet wie London. Auf dem Land mag es in den höheren Haushalten üblich sein einen Teil des Hauses oder gar einen ganzen Flügel völlig der Unterbringung und Organisation der Dienerschaft zu überlassen. In den Haushalten der brytannischen Großstädte ist dies kaum möglich, weder in höheren Schichten, noch den Neureichen der oberen Mittelschicht. Quartiere für Dienstboten finden sich in London in den dunklen, durch die zahlreichen Flüsse, welche die Stadt durchziehen meist feuchten Kellern oder aber in den Dachstuben, die im Winter zugig und im Sommer unerträglich heiß sind. Gordon House ist eine Ausnahme, eines der Häuser, welche das Magisterium unterhält und sieht man von der obersten Behörde der Kirche ab, gönnt wohl nur noch der König persönlich sich solch einen verschwenderischen Umgang mit Platz. Im Übrigen hält mein Glück sich ohnehin in Grenzen, immerhin verbringe ich nur wenig Zeit in Gordon House. Für diese Zeiten jedoch stehen die Chancen gut, dass ich das Zimmer mit kaum einem Anderen teilen muss, gehen die anderen Valets doch derselben Arbeit nach wie ich und leben daher meist im Haushalt ihres vorübergehenden Herrn – oder dort wo dieser zu Gast ist.   
 
„Du hättest gestern Zeit dafür gehabt“, ist mit einem kurzen Blick auf meine Arbeit die Begrüßung des Stewards. Ich widerspreche ihm nicht, aber ich bin ihm auch keine Antwort schuldig und das weiß er selbst. Sein Daemon hat sich in unverkennbaren Dominanzgebärden schräg zu Asysa positioniert und es fehlt nicht viel, dass der Terrier versucht hätte ihr den Kopf aufzulegen. Asyas Lefzen zucken. Sie kann die Berührung nicht leiden, das weiß ich. Mir geht es ähnlich. Mit zusammengekniffenen Augen stiert der Steward mich noch einige Momente an, bevor er sich die Lippen leckt und in eine andere Richtung sieht. Meine Reaktionslosigkeit ärgert und verunsichert ihn zugleich, das weiß ich. Ich unterdrücke jeden Anflug eines Lächelns. „Jetzt wirst du das auf jeden Fall nicht fertig machen. Pack deine Sachen, du wurdest neu eingeteilt.“ Ich finde ‚neu eingeteilt‘ eine nette Formulierung dafür, dass man mich für die nächsten Tage, Wochen oder Monate einem fremden Herren unterstellt hat, den ich nie zuvor gesehen und den ich mir nicht ausgesucht habe. Aber ich schätze es war nicht die Absicht des Stewards pietätvoll zu klingen. Wir stehen uns noch immer gegenüber. Der Steward und ich. Schweigend. Wir wissen beide, dass er mir noch einige Dinge wird mitteilen müssen. Aber scheinbar genießt er sein Wissen noch etwas für sich zu behalten. Ich kann nur raten, dass er die niedere Dienerschaft mit solchen Spielchen dazu verleitet unaufgefordert zu sprechen und ihnen dann den Kopf zu waschen. Das ist nicht so grausam wie es vielleicht klingt, immerhin merzt es Fehler aus, die dir sonst womöglich vor den Herrschaften passieren. Aber ich mache diesen Job schon zu lange um in eine so offensichtliche Falle zu tappen und ich gehöre nicht mehr zur niederen Dienerschaft. Dem Steward gegenüber brauche ich nicht zu warten angesprochen zu werden. Ich warte dennoch. Weil ich keine Lust habe von mir aus zu fragen, was er mir ohnehin sagen muss und – sollte das tatsächlich ein Test sein – so lässt es den Steward am Abend womöglich ruhiger schlafen, wenn ich ihm nicht das Gefühl gebe, dass ein Valet, für den er verantwortlich ist, sich bei erster Gelegenheit um Kopf und Kragen redet. Den Gedanken ihn anderenfalls schweißgetränkten Alpträumen zu überlassen amüsiert mich gegen meinen Willen…
 
 
Als ich vor der Tür des Chaplains stehe, erinnere ich mich noch immer an das Gefühl vage amüsiert zu sein, während ich darauf wartete, dass der Steward zu sprechen begann. In etwa auf die Art wie man sich Jahre später noch daran erinnert ein Glas Wasser getrunken zu haben, bevor der Blitz niederging, der das eigene Haus in Flammen gesetzt hat. Fassungslos irritiert davon wie sich völlige Belanglosigkeit so rabiat hat wandeln können. Natürlich hat es mich interessiert wie lang und zu was meine Arbeit angelegt war, aber auf die Art wie man sich fragt, wie wohl das Wetter in den nächsten Tagen werden wird. Ich muss diese Dinge wissen, um vorbereitet zu sein, aber es sind Dinge, die ich nicht bestimmen und schon gar nicht ändern kann – im Gegenteil sie sind einem stetigen von außen bestimmten Wandel unterzogen, dem ich besser spontan gegenüber stehe. Sie laufen also peripher an mir vorbei, ich merke mir die Fakten und warte was folgen wird. Für den Moment entscheidender ist der Titel meines vorübergehenden Herrn und die Ansprache, die sich daraus ergibt. Für einen nicht-Geistlichen, der dennoch dem Magisterium angehört, ergibt sich dabei regelmäßig nur ‚Mr.‘, egal ob er aus dem Adel oder der Mittelschicht stammt. Und… schlussendlich – weil nichts peinlicher ist, als wenn ein Valet den Namen seines Herrn vergisst – der Name, den ich mir um jeden Preis einprägen muss, als ob ich schon seit Jahren in seinem Dienst stehe… „Denkst du…?“ Ich werfe Asya einen Blick zu den sie erwidert, wir sprechen es beide nicht aus. Langdon ist kein ausgesprochen seltener Name. Im Gegenteil. Ich kann meinem Herzschlag nachfühlen, während ich warte. „… Mr. Ansisim Langdon…“, habe ich die betonte Aussprache des Stewards wieder in den Ohren, die es schwer macht sich verhört zu haben. Ich werde den Vornamen nie direkt gebrauchen, aber ich muss ihn für eventuelle Anfragen oder Reservierungen oder dergleichen kennen. Nur für einen Moment schließe ich die Augen, bemüht ruhig und langsam zu atmen. Anisim ist alles andere als ein häufiger Name. Nicht einmal in der Region aus der er stammt und die liegt weit außerhalb der Brytannischen Inseln. Das Läuten lässt mich beinahe zusammen zucken. Im ersten Moment starre ich nur unbeholfen auf das dunkle Holz der Tür. Ich weiß, dass ich eintreten muss und bin doch kurz wie gelähmt. „Mach schon“, knurrt Asya leise. Ich mache einen Schritt vorwärts, dann noch einen und spüre die Routine zurückkehren. Ich öffne die Tür, halte die Klinke gedrückt, während ich eintrete, greife auf der anderen Seite um und schließe die Türe gewohnt leise wieder. Über die Jahre habe ich ein gewisses Gespür dafür entwickelt, wie weit ich in einen Raum treten sollte, um mich weder ungebührend in den Mittelpunkt zu stellen noch an der Wand herumzudrücken, vor allem wenn ich vorgestellt werde. Ich folge dem schlicht, versuche jedes Denken möglichst zu unterdrücken. Niemanden direkt anzusehen macht es einfacher. Kurz senke ich den Kopf, als mein Name genannt wird. Versuche mich im weiteren nur auf den Gehalt der Worte zu konzentrieren. Asya hat sich wie üblich neben mich gesetzt. Ich spüre ihr Fell bei jedem Atemzug gegen den Stoff meiner Hose. Flache Atemzüge und ich muss sie nicht ansehen um zu wissen, dass sie Mr. Anisim Langdon und dessen Daemon fixiert hat. Bemüht unauffällig berühre ich sie kurz am Hinterkopf. Hoffe inständig, dass sie den Blick senkt.
 
Und dann enden die Worte mit einem Mal. „… Zug bis Sheffield vor sich“, wiederhole ich die letzten Worte lahm in Gedanken, klammere mich förmlich daran fest. Zug. Bis. Sheffield. Sheffield. South Yorkshire. Sheffield. Kongress. Zug... Anisim. Noch immer sehe ich niemanden direkt an, bis sich dieser dunkle Schatten im Rand meines vage gehaltenen Blickfelds löst. Gegen meinen Willen muss ich der Bewegung folgen. Es ist ein Vogel. Eine dunkle Eule, die sich von Mr. Anisim Langdons Schulter gelöst hat – oder besser hatte lösen wollen. Ich zucke unter der Brutalität zusammen mit der die Eule bereits im Ansatz aus der Luft gerissen wird und Asya stößt ein unterdrücktes Winseln aus als das Tier zu Kreischen beginnt. Nicht das Tier, erinnere ich mich voll Grauen. Das ist ein Daemon. Ich habe Narben von Malen an denen Asya mich zu heftig gezwickt hat und ich hab sie schon mehr als einmal im Nackenfell oder am Ohr packen müssen, bevor sie eine Dummheit begangen hat. Ich kann also nicht sagen, was genau mich an dieser Szene derart verstört. Vielleicht liegt es in dieser kalten Präzision, der fast schon routinierten Alltäglichkeit darin. Jetzt sehe ich ihn doch an. Den Daemon, besser die Gestalt zu der sie geworden ist. Eine Schleiereule, aber mit ungewöhnlichem dunklen Gefieder. Selbst in diesem vor Wut starrendem Zustand strahlt sie noch eine würdevolle Eleganz aus, die mich sie gern länger betrachten lassen würde. Doch da begegne ich bereits dem Blick von Mr. Anisim Langdon. Ich hatte nicht erwartet, dass er mich so direkt ansieht. Vielleicht hatte ich auch nicht erwartet, dass er… was…? Dass er mir ähnlich sehen würde? Das war bereits unübersehbar gewesen, als wir noch Kinder gewesen waren. Aber tut er das denn noch? Mir ähnlich sehen? Sein Haar ist dunkel, wie das seines Vaters. Nicht rötlich braun wie das meiner… unserer Mutter gewesen ist. Nicht so wie mein Haar. Seines ist lang, im Nacken zusammen gebunden. Es wirkt nicht ungepflegt, aber ungewöhnlich, seltsam altmodisch dabei. Vor allem macht es es mir schwer zu entscheiden, ob wir uns ähnlich sehen oder ich mir das nur einbilde. Ich spüre Asyas Schnauze warnend an meiner Hand und erinnere mich an den Chaplain hinter seinem Schreibtisch. Erinnere mich an die ganze Situation. Weshalb er da ist. Weshalb ich da bin. Und daran, dass mein Starren mehr als unhöflich ist. Sorgsam senke ich kurz den Blick. Vage sehe ich schließlich in Richtung des Chaplains, der sich in seinem Sessel zurückgelehnt hat und ungeniert die Situation beobachtet. Die Hände dabei auf die Kante seines Schreibtischs gelegt, während sein Daemon fast schon in Jagdhaltung den Kopf gereckt hat, das Gefieder dabei dicht angelegt. Der Chaplain hätte die Möglichkeit gehabt die Situation mit ein paar abschließenden Worten zu beenden, aber seinem Blick nach scheint er sich dafür viel zu sehr zu amüsieren. Es ist die Haltung seines Daemons, die mir sehr viel unangenehmer ist und mich unwillkürlich zu einer unguten Frage führt… Und dem Wunsch hier weg zu kommen, diese ganze Lange nicht noch ungewöhnlicher und unangenehmer zu machen. Ohne dass jemand mich angesprochen hat, gibt es nur eine Möglichkeit dafür, die erschreckend nah an die Alpträume des Stewards heranreicht. Aber immerhin ist es eine wichtige Frage, die es zu klären gilt. Wenn Mr. Langdon sie nicht anspricht und der Chaplain auch nicht vor zu haben scheint darauf hin zu führen, liegt es an mir das zu tun. Also folge ich dem schmalen Grad, der mir bleibt, um diesen Moment irgendwie zu überbrücken. „Sir, darf ich fragen, wann es Ihnen recht ist, dass ich mich um Ihr Gepäck kümmere?“ Während ich weiß, dass es nicht gerade höflich ist einem Herrn das Anbringen des Zeitplans vorwegzunehmen, ist es auch nicht unbedingt unangemessen danach zu fragen, sollte er es nicht von sich aus tun. Es nicht zu tun, würde wiederum für meine schlechte Arbeit zeugen. Immerhin musste ich es gemeinsam mit dem exakten Zeitpunkt der Abreise wissen, um alles weitere zu koordinieren, einmal davon abgesehen, dass der Chaplain nach einem zügigen Ablauf verlangt hatte. Erfahrungsgemäß würde mir vor der Abreise ohnehin noch ein kurzes Gespräch mit Father Ibrim bevorstehen. Und in diesem Fall würde ich eine Menge darauf setzen, darum heute ganz sicher nicht herum zu kommen. Ich spüre die ungute Frage in mir drängender werden…

[Bild: nico-s.png]
Larkin ist kein Name, den ich in Verbindung mit Nikola erwartet hätte. Drozdov. Nikola Drozdov. Ja. Mit dem Namen unserer Mutter. Hätte ich diesen Namen gehört, hätte ich mich wappnen können. Dann hätte ich zumindest wenige Sekunden vorher gewusst, was folgen würde. Aber Larkin? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Wie gesagt: es gibt Dinge mit denen ich rechne und es gibt Dinge mit denen ich nicht rechne. Und gerade in diesem Moment kann ich es gerade noch abwenden, dass Nascha die metaphorische Teetasse herausholt und mich verrät. Aber es ist zu spät. Ich bin zu langsam. Alleine schon ihr Versuch zu entkommen und wie ich sie eigenhändig wieder einfangen muss, verrät mich, obwohl es das Gegenteil hätte bezwecken sollen. Und das spüre ich schmerzhafter als es hätte sein können, wenn ich sie hätte fliegen lassen. Es wäre größer gewesen, Nascha fliegen zu lassen und dazu zu stehen. Es hätte nicht weniger Angriffspunkte bedeutet, aber es hätte weniger Emotionen verraten. Das hier verrät Davies so viel mehr über mich. Ich bemerke es an der Art wie der Blick des Habichts in meinem Augenwinkel auf mir liegt. Wie er mich gierig anzustarren scheint. Ich sehe nicht hin aber sein Blick jagt mir einen Schauer über den Rücken und noch während ich Nikola unentwegt ansehe, wird mir bewusst, dass ich die Situation falsch eingeschätzt habe. Dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Naschas Flügel schlagen heftig gegen meinen Schädel, bringen mein Haar in Unordnung und bringen mich dazu, nur ein wenig den Kopf wegzuneigen. Aber ich halte sie weiterhin fest. Fehlentscheidung hin oder her, jetzt kann ich nicht mehr zurück und es wäre inkonsequent, jetzt etwas anderes zuzulassen als die Ausdruckslosigkeit, die ich krampfhaft versuche zu wahren.

Trotzdem: mein Bruder in Diensten. Das hier ist der letzte Ort an dem ich ihn erwartet hätte. Dabei ergibt es Sinn. Unsere Mutter ist in Diensten, warum sollte er es nicht sein? Aber nicht mit diesem Namen. Ich habe ihn jahrelang nicht gesehen. Fast habe ich vergessen, dass es ihn gibt. Zumindest bin ich bis zu diesem Moment davon ausgegangen, dass es so ist. Dass alles was wir erlebt haben nichts als ein ferner Traum ist, etwas das nicht bestehen kann gegenüber der harten Realität. Und da ist er nun. Als Teil dieser Realität. Dort wo er nicht hin gehört. Und dennoch kein Teil mehr irgendeines Traums. Er ist erwachsen geworden. Sein Daemon hat eine feste Gestalt. Die eines Hundes wie es bei so vielen Dienern der Fall ist. Ich weiß nicht warum ausgerechnet dieser Anblick mir so viel Bedauern versetzt. Als hätte irgendjemand meinen Bruder genommen und ihn zerstört. Ihn zu nichts erklärt als einer kindischen Naivität aus meinen Erinnerungen. Willkommen in der wirklichen Welt. Auf seinen Zügen liegt eine fast beängstigend sachliche Kühle. Vom Leben gestählt, bereit zu tun was getan werden muss. Es liegt in seiner ganzen Haltung. Das ist nicht unüblich für einen Valet. Als höhere Diener repräsentieren sie ihren Herrn und haben dabei eine strikte Haltung einzunehmen. Aber es passt nicht zu dem Jungen, den ich in Erinnerung habe. Etwas zieht quer durch meine Brust. Ich hätte lieber meine Erinnerungen behalten.

Nascha faltet endlich ihre Flügel und beruhigt sich etwas. Ich lasse ihre Krallen los. Sie unternimmt keinen erneuten Versuch, sich von mir zu trennen. Aber sie senkt etwas den Kopf und stößt drei schwere klagende Töne aus. Wie ein tiefes trauriges Seufzen während sie sich meinem Wunsch ergibt. Ich lasse sie gewähren. Für dieses Mal. Aber darüber müssen wir noch reden und ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leichtfallen wird.

Während ich noch damit beschäftigt bin meine Gedanken zu sortieren, ergreift Nikola das Wort. Larkin, versuche ich mich zu erinnern. Larkin. Einen Valet rufst du nicht bei seinem Vornamen. Einen Moment starre ich ihm nur weiterhin in die Augen während sich in meinem Kopf ganz langsam der Verstand wieder einschaltet. Natürlich. Er tut das Richtige. Gepäck. Wir sind hier nicht allein. Wir haben ein Protokoll zu befolgen. Wir sind längst keine Brüder mehr. Wir sind ein Herr und sein Valet. Nichts anderes als das. Und der Valet wird von seinem Herrn ungeniert angestarrt. Ich schlucke, wende kurz aber gewaltsam den Blick ab um nachzudenken. Nascha ist jetzt ruhig auf meiner Schulter, aber ich weiß was sie mir sagen würde, wenn sie meine Vorschriften brechen würde. Konzentrier dich. Sie tut es nur nicht, weil wir nicht allein sind. Und ich kann ihre Wut auf mich spüren. Das macht es nicht einfacher. Gepäck. Zug nach Sheffield. Der nächste würde heute Mittag gehen. Am Abend der letzte. Ich muss meinem neuen Valet eine Vorgabe machen. Er hätte schon gar nicht erst sprechen dürfen um mich an meine Pflichten zu erinnern. Dass er es muss ist schlimm genug. Meine Unzulänglichkeit, die ihn etwas kosten könnte. Und ich habe das ungute Gefühl Davies giert nur danach. Es beschämt mich regelrecht wie viel besser Larkin mit der Situation umzugehen scheint als ich. Ich räuspere mich, dann sehe ich ihn ernst und so abgeklärt geschäftlich an, wie es mir möglich ist. „Gegen elf Uhr, bitte. Ich nehme den Zug um dreizehn Uhr vom Hauptbahnhof aus. Lassen Sie gegen zwölf um einen Wagen bitten. Danke sehr.“ Einen Moment noch sehe ich ihn an. Ich verspüre den Drang ihm die Nummer meines Zimmers mitzuteilen, das ich hier bewohne, aber er wird es von den Dienstboten erfahren, wenn er es nicht längst schon weiß. Damit sollten die Dinge erledigt und das Protokoll erst einmal erfüllt sein.

Konsequent wende ich jetzt den Blick wieder ab. Ich habe nicht vor ihn noch einmal anzusehen. So viel Schwäche werde ich nicht noch einmal zulassen und ihn damit als unzulänglicher Versager, der ich bin, in Verlegenheit bringen. Stattdessen sehe ich stählern konzentriert zu Davies zurück. Mein Blick sachlich, fast abweisend. Ich möchte diese Geschichte nun so schnell wie möglich hinter mich bringen. „Gibt es irgendwelche letzten Instruktionen, Sir?“, frage ich und reize damit auch meine Befugnisse unnötig weit aus. Davies sammelt sich wieder, es macht mir fast den Eindruck als sei er enttäuscht und nicht darauf vorbereitet, sich nun wieder in ein Gespräch mit mir zu begeben. Aber gemütlich wie er ist, setzt er sich betont entspannt wieder in seinem Schreibtischstuhl auf, zieht gemächlich die Brauen hoch und beginnt dann endlich zu sprechen, während der Habicht auf deiner Stange noch immer so untrüglich den starren Blick auf mich gerichtet hat. Nun, zum ersten Mal sieht er fort, hinüber zu Larkin. „Nun, die gibt es. Selbstverständlich.“ Nun sieht auch Davies zu Larkin und nickt einmal mit dem Kopf. „Danke sehr, Larkin.“ Damit entlässt er meinen Bruder. Eine Sorge weniger. Ich versuche nicht hinzusehen, sondern meinen Blick auf Davies zu nageln. Selbst wenn der das als ebenso unhöflich empfinden wird, aber ich habe das vage rebellische Gefühl, dass er es verdient hat.

[Bild: anisim10.png]
Es bleibt mir jetzt keine andere Möglichkeit mehr, ich muss Mr. Anisim Langdon direkt ansehen. Er schweigt so lange, dass ich mich frage, ob er mir aus Prinzip eine Antwort verweigert. Ob er mir damit etwas lehren will. Aber in diesem Fall hätte er mich wohl gänzlich ignoriert und nicht weiterhin angestarrt wie einen Geist. Ich hatte Geister gesehen. Rastlose verlorene Überbleibsel, die in dieser Welt gefangen sind. Ich hoffe ich gebe nach außen hin in diesem Moment kein ähnlich armseliges Bild ab, aber ich hätte mich nicht darauf verlassen. In diesem Moment hätte ich mich auf gar nicht mehr viel verlassen. Und dann ändert sich etwas in Mr. Langdons Zügen. Ich kann nicht sagen was, immerhin ist es nicht so, als hätte er sich davor besonders viele Emotionen erlaubt. Aber es war doch etwas Rohes in seinem Blick gewesen, etwas… Verletzliches. Das hat sich geklärt, wie das Wetter in den Bergen sich innerhalb kürzester Zeit klären kann. Ist einer klaren Wand der Sachlichkeit gewichen als hätte jemand ruckartig die Vorhänge zu einem Fenster zugezogen.
 
„Sehr wohl, Sir“, erwidere ich auf seine Worte hin knapp, ebenso sachlich. Froh darum den Blick in einem respektvollen Nicken wieder senken zu können. Meine Sachen sind gepackt, ich hätte ihn direkt begleiten können. Aber ich bin froh es nicht zu müssen. Froh und gleichzeitig nicht froh. Hätte er darauf bestanden, dass ich ihn direkt begleite, hätte ich kein Gespräch mit Father Ibrim führen können. Selbst wenn ich weiß, dass der Father andere Wege findet mich zu kontaktieren, doch ich hätte ihm nicht persönlich begegnen müssen. Nicht mit dieser unguten Frage, nicht mit dem Gefühl, dass die Wahrheit so offensichtlich auf meiner Stirn geschrieben steht, als müsste nur jemand genau hinsehen, um sie in Großbuchstaben dort lesen zu können. Aber ob ich es deswegen vorgezogen hätte Mr. Anisim Langdon direkt zu begleiten? Womöglich den ersten Moment mit ihm allein zu sein? Um den würde ich nicht umhin kommen, irgendwo in mir weiß ich, dass das Aufschieben es nur noch schlimmer machen wird. Dass mir die Zeit bis elf Uhr nun bleibt mir all die zahlreichen Szenarien auszumalen, wie wir uns das erste Mal allein gegenüber stehen werden. Ob es bereits in London sein würde oder erst später. In aller Regel bin ich gerne auf so viele Eventualitäten vorbereitet, wie möglich, denn um der Wahrheit die Ehre zu lassen: Ich bin nicht sonderlich spontan. Ich habe Angst vor allzu unerwarteten Wandel und Ungewissheiten. Aber ich bin auch ein Zweifler und die Angst die ich habe, macht mich zu einem vorsichtigen Mann. Zu einem dessen Gedanken fast ununterbrochen arbeiten, ständig dabei sind die verschiedenen ‚wenns‘ und ‚abers‘ abzuwägen. Die ‚wie könnte es sein‘ und ‚was könnte passieren‘. Ich schätze, die meisten Menschen, Menschen die spontan sind oder solche die es nicht sind und danach leben, würde das wohl verrückt machen. Und vielleicht bin ich das ja. Verrückt. Aber es führt dazu, dass ich durch diese ständigen Gedankenspiele, eine allgemein gute Intuition und eine wachsende Erfahrung auf einen Großteil aller möglichen Szenarien vorbereitet bin. Über den Rest helfen mir erlernte Reflexe und Automatismen hinweg. In aller Regel. Ich weiß nur eines bereits jetzt: In dem Fall wird es nicht so sein. Die Gedankenspiele werden mich eher umbringen, als in irgendeiner vernünftigen Weise vorbereiten. Der rationale Teil in mir weiß, dass die Zeit die mir geschenkt wurde mehr Folter als Erleichterung ist. Ich kann es dennoch nicht verleugnen. Dieses warme Flattern von Erleichterung, das mich bis in die Fingerspitzen durchflutet. Einen Moment schwebend leicht fühlen lässt. Und als die Herrschaften ihre ‚letzten Instruktionen‘ zu klären ansetzen und der Chaplain mich dafür frei gibt, wäre ich vor Glück am liebsten los gerannt. Stattdessen liegt mein Blick die wenigen Worte, die er an mich wendet, beinahe automatisch auf dem Chaplain. Ich lasse mich weiter von antrainierten Reflexen leiten und senke noch einmal gefasst den Kopf, um mich dann ruhig zu entfernen. Der Chaplain ist die Kirche, er ist mein Herr und der Herr meines vorübergehenden Herrn. Also verzichte ich auf einen vergewissernden Blick zu Mr. Anisim Langdon, ob ich auch in seinen Augen entlassen bin. Es wäre höflich gewesen, aber in diesem Rahmen kaum mehr als eine belanglose Formalität, womöglich hätte es den Chaplain gar in seiner Ehre verletzt. Immerhin rede ich mir das zur Beruhigung meines Gewissen ein, als ich die Türe leise hinter mir schließe.
 
Ich drehe mich um und weiß von einem Moment auf den Anderen nicht weiter, jedes vorangegangene Glücksgefühl der Flucht, jede vorübergehende Erleichterung ist verflogen. Die innere Anweisung meines Kopfes an meine Beine sich in Bewegung zu setzen verebbt irgendwo in seinen Ansätzen. Beinahe unerträglich drückt mir die plötzliche Stille im Gang auf die Ohren und ich finde keinen Fokus gegen die dunklen schmucklosen Wände, verliere für einen Augenblick jede Orientierung. Fahrig stütze ich mich mit einer Hand gegen die Wand ab, zwinge mich ruhig zu atmen – bis Asya mir in den Unterarm zwickt. Mein Blick schießt in die Höhe, ich sehe mich um. Da steht jemand. Ich verenge etwas die Augen. Iann Calvin. Er hat gewartet. Mich nur stumm beobachtet. Aber nicht aus Rücksichtnahme, das ist mir bewusst. Hart presse ich die Zunge gegen meine Frontzähne, sehe ihm stur entgegen und er setzt sich gemächlich in Bewegung, kommt vom Ende des Gangs zu mir hinüber. Ich stoße mich von der Wand ab, straffe die Schultern. Calvin ist etwas kleiner als ich, aber kräftig gebaut und selbst wenn sein sorgsam geglättetes Haar bereits silbergraue Ansätze zeigt, strahlt er die Kraft und Agilität eines zähen Löwen aus. Sehr viel älter als ich kann er nicht sein, fünf Jahre höchstens. Aber um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung. Jedenfalls steht er deutlich länger im Dienst des Magisteriums. Er sagt mir, was ich ohnehin bereits weiß. „Father Ibrim will mit dir sprechen.“„Jetzt?“„Ach, nein, wann immer dir danach ist“, erwidert Calvin in salbungsvollen Sarkasmus und sein Daemon, Lavinia, ein braun gesperbertes Merlin-Weibchen, schüttelt missbilligend ihr Gefieder. „Natürlich jetzt!“ Ausdruckslos begegne ich Calvins Blick, ich weiß selbst, dass ich nicht ganz auf der Spur bin. Die Erkenntnis frustriert mich und die Frustration macht mich reizbar. Meine Fingernägel graben sich nur für einen Moment in meine Handballen. Ein Mal hat Lavinia den Fehler begangen Aysa im Spott zu dicht über den Kopf zu fliegen und sie hat das Merlin-Weibchen mit einem schnellen Sprung aus der Luft geholt und ihr beinahe den Flügel ausgerenkt bis Calvin sich vor Schmerz gewunden hat. Die Erinnerung gibt mir selbst unter diesen Umständen ausreichend Genugtuung um jetzt nur zu nicken und mich von Calvin in den Fünften Saal begleiten zu lassen.
 
Ich hätte den Weg auch alleine gefunden, aber ich schätze Calvin hat den Auftrag dazu oder er spekuliert darauf den ein oder anderen Brocken an Informationen abgreifen zu können – oder beides. Das liegt ihm einfach zu sehr im Blut. Er ist ein Valet, inoffiziell im Dienst der Inquisition, ebenso wie ich. Tatsächlich schläft er sogar ein Bett neben mir, wenn wir beide in Gordon House sind und die himmlischen Kräfte bewahren, dass dies allzu häufig vorkommt. Wir teilen uns einen Schrank und ich hasse die Tatsache allein. Er kennt jeden Gegenstand, den ich dort aufbewahre, was so ziemlich mein ganzer Besitz ist, so wie ich den seinen. Es ist einfacher das zu ignorieren, wenn wir uns so selten wie möglich sehen. Wir machen die selbe Art von Job und kennen uns viel zu gut, dafür dass wir uns nie haben leiden können. Nimmt man den Steward dazu kann man meinen ich hasse das halbe Haus. Aber dafür kenne ich das Haus vermutlich zu wenig. Selbst nach fünf Jahren. Der Großteil der Dienerschaft kommt und geht oder ich habe nicht viel mit ihr zu tun. Mit denen komme ich deutlich besser zurecht, was wohl vor allem daran liegt, dass wir uns nur oberflächlich auseinandersetzen müssen. Keine Ahnung, was das über mich aussagt, vielleicht bin ich einfach kein besonders sozialer Mensch. Was schätze ich schon sehr ironisch wäre bei meinem Job.

 
Father Ibrim gehört zu diesen Männern deren Äußeres beinahe zeitlos ist. In fünf Jahren kann ich nicht sagen, dass er auch nur um einen Tag gealtert wirken würde und an besseren Tagen schließen Asya und ich manchmal Wetten ab, wie alt der Father wohl sein mag. Aber das ist nicht das einzige, was Father Ibrim unter den anderen Geistlichen der Magisteriumsbehörde abhebt. Vergleicht man ihn sagen wir mal mit Father Colbert, so könnte man ebenso gut das von Zuckerstücken ernährte Pony der kleinen Tochter eines wohlhabenden Lords neben ein Englisches Vollblut stellen, das für die Jagd ausgebildet wurde, und behaupten sie gehören derselben Gattung an. Oberflächlich betrachtet mochten beide Pferde sein, aber der Unterschied ist für einen Blinden ersichtlich. Father Ibrim ist kein sonderlich großer Mann, aber von einer sehnigen Kräftigkeit. Der Blick aus seinen dunklen, fast onyxfarbenen Augen strahlt eine immerwährende Wachsamkeit aus mit der er stetig seine Umgebung taxiert. So stehen wir da also. Calvin und ich. Unter Father Ibrims strenger Präsenz. Den Blick gesenkt, Seite an Seite. Wie zwei nervöse Schuljungen, ohne auch nur das geringste ausgefressen zu haben. Nun, Calvin zumindest nicht – schätze ich. Ich habe durchaus etwas zu befürchten. „Danke, Calvin.“ Ohne aufzusehen, höre ich, wie Calvin den Saal verlässt. Bei all seiner unbarmherzigen Ausstrahlung, überrascht es mich immer wieder wie hell und weich Father Ibrims Stimme klingt, aber ich weiß, sie ist die Zuckerlösung, die man aufstellt, damit die Fliegen darin ertrinken. Langsam setzt Father Ibrim sich von der Stelle an der er gestanden hatte aus in Bewegung, ich höre seine ruhigen, festen Schritte und wünsche ich könnte den Blick heben. Minimal verenge ich die Augen unter der Anstrengung es nicht zu tun, fixiere eine bestimmte Musterung in dem gekachelten Boden vor mir. „Keine Besonderheiten dieses Mal.“ Es klingt wie eine Feststellung, aber ich bin mir augenblicklich unsicher, ob es nicht doch eine Frage ist – oder Father Ibrim mich damit testen möchte. Wenn er mich verunsichern will, dann ist ihm das ohne Zweifel gelungen, doch dazu braucht es heute auch nicht mehr viel, schätze ich. Ich frage mich, ob er erwartet, dass ich etwas sage. Ich hatte nicht geglaubt, dass es noch etwas aus meinem Leben gibt, dass die Kirche nicht kennt. Nichts von gravierender Bedeutung jedenfalls. Eine angenehme Vorstellung ist das nie gewesen, aber sagen wir eine an der es nicht viel zu ändern gibt, die ich irgendwann aufgehört habe zu hinterfragen und manchmal… manchmal hat sie fast beruhigende Wirkung. Ich bin jemand der ein fast schon instinktives Bedürfnis nach Geheimnissen hat. Ich habe nie herausgefunden weshalb. Es ist nicht einmal so, dass sie mir besonders wichtig wären oder ich es besonders genießen würde ein verschlossener Mensch zu sein. Es ergibt sich einfach. Hat sich schon immer ergeben. Ich rede über etwas nicht und zack ist da ein Geheimnis. Etwas das nur mir allein gehört. Etwas, das vielleicht, aber auch nur vielleicht von außen verletzt werden könnte und so behalte ich es für mich. Es kann jedoch eine gleichermaßen anstrengende Aufgabe sein. Eine Anstrengung von der die Kirche mich sozusagen entbunden hat. Fragt sich zu welchem Preis. Aber wenn ich eines in ihren Diensten gelernt habe, dann dass es besser ist, über manche Dinge nicht zu gründlich nachzudenken. Ein zweifelhaftes Fazit, ich weiß. Und das wiederum bleibt mein Geheimnis.
 
Wenn man es so betrachtet, habe ich akzeptiert, dass es nichts mehr in meinem Leben gibt, das ich vor den Augen der Kirche wirklich hätte privat halten können, wenn sie es sehen möchten (glücklicherweise wollen sie gar nicht alles so genau sehen). Aber ich habe mich nie so sehr gefragt, was es geben könnte, das sie nicht wissen können. Vielleicht weil ich mir nie falsche Hoffnungen machen wollte. Nie in Versuchung geraten. Ich frage es mich jetzt. Ich frage es mich seit ich im Büro des Chaplains Anisim Langdon gegenüber gestanden habe. Ich frage mich ob jemand wissen kann, was unsere Eltern damals vertuscht haben. Was meine Mutter – so weit ich weiß – ins Grab genommen hat. Ich frage mich, ob man es uns ansehen kann. Ob jemand mit bloßem Auge erkennen könnte, dass er und ich Brüder sind. Söhne derselben Mutter mit demselben Vater.  
 
„Ich erwarte Berichterstattung nach deinem üblichen Rahmen und gegebenen Möglichkeiten.“„Ja, Father.“ Ich sehe selbst jetzt nicht auf. Nicht einem Father gegenüber. Dafür hätte es schon besondere Umstände gebraucht, beispielsweise wenn er mir die Beichte abgenommen hätte. Aber das ist eine rein dienstliche Unterredung. Noch. Also halte ich den Blick demütig gesenkt und bin für den Moment entsetzlich froh, dass er mir nicht in die Augen sehen kann und dass Asya fast wie versteinert neben mir sitzt, sich mit fast schon trotziger Verbissenheit nicht einen Milimeter rührt, als könnte das unser letzter Widerstand werden. „Außer du willst noch etwas hinzufügen?“ Für einen Augenblick stockt mir der Atem. Ich muss mich aktiv daran erinnern wieder die Luft in meine Lungen strömen zu lassen. Muss mich förmlich dazu zwingen. Da sind wir also. Der Moment in dem ich ein Geheimnis wahren kann oder offen sprechen. Wie gesagt, es gibt da meine instinktive Neigung. Egal ob sie klug ist oder nicht. Das Problem ist nur, ich bin nicht besonders dumm. Ich denke manchmal es wäre so viel einfacher, wäre ich es. Und vielleicht ist es auch weniger meiner Intelligenz geschuldet, als dieser Angewohnheit alles bis ins kleinste Detail zu überdenken und anzuzweifeln. Jedenfalls, ich weiß, dass es keine so simple Entscheidung ist. Es geht nicht nur darum ein Geheimnis zu wahren oder es auszuplaudern. Vielleicht wäre es das, wenn ich sicher sein könnte, dass Father Ibrim besagtes Geheimnis nicht kennt. Aber das kann ich nicht. Schon gar nicht, da er für seine Art so ungewohnt plakativ danach fragt. Vielleicht weiß er alles und will meine Loyalität auf die Probe stellen, will testen wie gut ich über die Jahre gelernt habe. In diesem Fall wäre das beste für mich, ihm zu sagen, was er ohnehin bereits weiß. Ich würde nichts verlieren dabei und könnte meine Integrität der Kirche gegenüber wahren. Ebenso gut möglich wäre es jedoch, dass Father Ibrim allein einen Verdacht hat. Ihm alles zu erzählen wäre in die Falle zu tappen, die er ausgelegt hat. Ihm die letzten Informationen zu geben, die er noch nicht über mich hat. Ihm noch mehr gegen mich in die Hand zu geben, mit dem er mich zerstören könnte, sollte ich je wagen aus der Reihe zu stolpern. Bei allem, was er bereits weiß, wäre das vielleicht der geringere Verlust, gegen das Risiko mich potentiell als unehrlich zu entlarven. Doch es betrifft in diesem Fall nicht nur mich. In dieser Hinsicht habe ich – ganz nüchtern gesehen – schlicht nicht mehr viel, was ich verlieren kann. Nicht im Vergleich zu meinem… zum Earl of Kentfordshire und seiner Familie und zu Mr. Anisim Langdon. Und damit bleibt die letzte Möglichkeit, dass Father Ibrim nicht das geringste weiß. Dass er nur eine Nervosität oder dergleichen an mir bemerkt hat und ich Gespenster sehe. Das alles ein riesiger Zufall ist und ich mich und andere um Kopf und Kragen rede, wenn ich… Ja. Ich hatte es erwähnt, einen normalen Menschen würden meine Gedanken wohl wahnsinnig machen. Das tun sie ja schon Asya, wann immer ich ihr von ihnen erzähle. Ich entscheide mich im Bezug auf Father Ibrim zu einem Mittelweg, einer der mir hoffentlich helfen wird die Situation besser einzuschätzen. Ich schweige noch einen Moment, lege mir in antrainierter Manier die Worte zurecht, bevor ich spreche. „Meine Mutter war im Haushalt des Earl of Kentfordshire angestellt, Father. Ich bin dort aufgewachsen.“ Ich stelle die Worte einfach in den Raum, überlasse es dem Father weiter darüber zu verfügen. Doch er schweigt. Er schweigt so lange, dass ich irgendwann doch verstohlen den Blick hebe. Sein Daemon bemerkt es, aber er sieht mich nur aus unergründlichen Reptilienaugen an. Father Ibrim steht am Fenster, die Augen nach draußen gerichtet, die Hände auf den Rücken verschränkt. Er bemerkt meinen Blick nicht oder lässt mich zumindest gewähren. Nichts in der Haltung des Fathers gibt mir den geringsten Aufschluss. Ich sehe wieder zu Boden. „Ist das ein Problem?“, fragt er irgendwann. Seine Stimme klingt geistesabwesend. „Nein, Father“, erwidere ich ordnungsgemäß.
 
Doch selbst nachdem Father Ibrim mich längst den nötigen Vorbereitungen überlassen hat, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir beide wissen, dass ich das nicht deswegen erwähnt habe.

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Larkin geht, verlässt den Raum. Ich sehe ihm nicht hinterher, ich bin froh, dass die Sache erledigt ist. Nascha nicht. Ihr Blick klebt fast an der geschlossenen Tür und ich kann es im Augenwinkel wahrnehmen, aber ich zwinge mich nicht hinzusehen. Mich mehr blamieren als sie es bereits getan hat, kann sie kaum. Auf meiner Schulter bleibt sie sitzen und das ist die ganze Zeit über bereits meine Bedingung. Endlich hält sie sie auch ein. Ich zwinge meine Gedanken fort von Nikola Larkin, hin zu diesem Mann, meinem Vorgesetzten in seinem Schreibtischstuhl. Versuche ihn zu sehen, nicht nur meine Augen auf ihn zu richten, sondern auch das Bild wahrzunehmen, das sie mir liefern. Mühsam gelingt es mir. Und endlich beginnt Davies zu sprechen.

Wenig später verlasse ich das Büro. In Sheffield geht es um die Internationalen Beziehungen mit anderen natürlichen Theologen, die in anderen Machtbereichen des Magisteriums die Erkenntnisse voran bringen. Ich habe einen Haufen Unterlagen mitbekommen, den ich durchsehen muss. Im Zweifelsfall muss ich bereit sein, Fragen dazu zu beantworten. Ein Repräsentant muss auch das nötige Fachwissen besitzen. Und ich weiß, was ich nicht habe.

Die Tür schließt sich hinter mir und ich begebe mich den Gang hinunter, biege um Ecken mit einer Sicherheit als wüsste ich ganz genau was ich tue. In Wahrheit fühlt es sich an als würde ich schlafwandeln. Mein Körper trägt mich den gewohnten Weg fort von Davies Büro, durch die Türen und Flure von Gordon House bis über die Galerie, vorbei am Treppenhaus. In mir herrscht Leere. Absolute Leere. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Es ist wie dieser Moment, in dem du dich mit einem Messer schneidest, aber die Haut noch weiß und aufgetrennt vor dir liegt, kurz bevor das Blut einsickert. Als müsste der Körper erst einmal realisieren, dass er verletzt worden ist. Mit der selben Heftigkeit, mit der eine Schnittwunde zu bluten beginnt, übermannen mich die Gefühle. Keine klaren Gedanken. Nur Gefühle. So alles überschattend, dass die Welt um mich herum jede Bedeutung verliert. Sie ist da, jeder Stein, jedes Stück Holz, jeder Spiegel ist noch immer da, aber sie alle haben zeugen von purer Ausdruckslosigkeit. Wie Zuschauer starren die Wände auf mein Leiden hinab. Ich packe die nächstbeste Tür, öffne sie. Es ist nur ein Besenschrank dahinter. Ich denke nicht nach, trete hinein, ohne eine weitere Vorsichtsmaßnahme und bin vom Flur verschwunden.

Gegen die geschlossene Tür gelehnt, sacke ich zu Boden. Der Anzug zieht über meiner Schulter während ich die Arme vor das Gesicht presse, den Kopf auf meine Handgelenke und meine Handgelenke auf die Knie stütze. Ich spüre die Tränen in mir aufkommen, das Schluchzen schüttelt meinen Körper. Aber Nascha ist nicht still. Sie lässt mich nicht leiden. Sie stößt sich von meiner Schulter ab, ihre Flügel schlagen gegen meinen Kopf. Dann wirft sie aus der Luft die Greife nach mir, ihre Klauen bohren sich in meinen Hals, ihr Schnabel zieht an meinem Ohr und sie zischt dabei vor Wut. Unermüdlich schlägt sie auf mich ein. Ich drehe den Kopf weg, hebe einen Arm um mich halbherzig vor ihr zu schützen, aber das Schluchzen hört nicht auf. Wie ein kleines Kind sitze ich da und bin am Heulen und Nascha schlägt auf mich ein wie ich es verdient habe. „Du Taugenichts! Das ist deine Lösung?! Das ist deine erbärmliche Reaktion?!“, zischt sie zwischen zwei Schlägen. „Hältst mich fest und brichst dann so zusammen?! Ist das eine Art deinen Bruder wieder zu begrüßen, du Scheusal?! Schämen kann man sich für dich!!! Jetzt steh endlich auf!!! Steh auf!!!, kreischt sie jetzt. Wütend senke ich den Arm und schlage nach ihr. Aber sie weicht mir rechtzeitig aus. „Wir hatten eine Abmachung!“, presse ich bebend hervor. Ich denke gar nicht daran aufzustehen. Mag sein, dass ich mich gerade verhalte wie ein kleiner Junge, damit hat sie vielleicht gar nicht Unrecht, aber ich schaffe es wenigstens das nicht in aller Öffentlichkeit zu tun. Ganz im Gegensatz zu ihr. „Du wolltest fliegen! Direkt unter Davies Augen! Was denkst du was das über uns gesagt hätte?!“, presse ich voller Hass hervor. Mit wütend aufgeplustertem Gefieder landet Nascha endlich auf dem Rand eines Eimers. Ihre Augen reflektieren im Halbdunkel. „Und du hast mich festgehalten! Was denkst du, sagt DAS über uns aus?! Jetzt hat er gesehen was er sehen wollte!!!“„Einen Menschen, der sich unter Kontrolle hat.“„Einen Menschen, der etwas zu verbergen hat!“ Wütend knirsche ich mit den Zähnen und wende den Blick ab. „Siehst du? Du weißt, dass ich recht habe. Du bist so verklemmt.“ In ihrer Stimme klingt Abscheu. Ich kenne das gut genug. Einen langen Moment schweigen wir einfach wütend vor uns hin. Immerhin hat das Schluchzen aufgehört. In all meiner Wut fühle ich mich leer und ausgelaugt. Ich könnte einfach für immer in dieser Besenkammer bleiben, alles wäre wunderbar… „Und? Was hast du jetzt vor, großer Mensch, der sich unter Kontrolle hat?!“, bricht Nascha kiebig die Stille. Ich schnaube nur zur Antwort. Soll sie lästern. Sie weiß nicht wie das ist. „Oh, ich sehe. Wir verkriechen uns also in der Besenkammer solange bis uns das Personal findet und die Gerüchte wieder im gesamten Gordon House die Runde machen.“ Wütend hebe ich den Blick und funkle Nascha an. Sie starrt unbarmherzig zurück. Noch wütender als meine Wut auf sie macht mich die Tatsache, dass sie Recht hat. Ich hasse es so sehr, von ihr belehrt zu werden. Es gibt mir das Gefühl genau so unwürdig zu sein wie sie es mir vorwirft. Sie kann jedes Selbstwertgefühl innerhalb von wenigen Sekunden zerstören. Leider auch jede Dummheit. Jedes Drama. Jede unnötige Schwäche. Der Gedanke besänftigt. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe. Etwas in mir kommt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich fühle die Ruhe zu mir zurück kehren. Nascha sitzt da immer noch und wartet. Zum ersten Mal seit einer Weile hält sie den Schnabel, aber ihr Blick ruht nach wie vor auf mir. „Wenn ich dich daran erinnern darf, Aksinya ist genauso meine Schwester wie Nikola dein Bruder ist. Und ich habe nicht vor, sie für den Rest dieses Kongresses in Sheffield anzuschweigen, also lass dir gefälligst etwas einfallen.“

Nachdenklich betrachte ich den Reisigbesen, der links von mir in einer der Ecken steht. Wenn sie das so sagt klingt das ungewollt absurd. Sie hat Recht. Schon wieder. Tatsächlich habe ich aber Angst vor dem Moment in dem wir reden. Nikola und ich. Was soll ich ihm schon sagen. Und das mit Asya wird auch nicht so leicht klappen, wie Nascha sich das vielleicht vorstellt. Was sagt man sich nach bald dreißig Jahren wenn man sich zuletzt als Kinder gesehen hat? Ich bin nicht mehr der selbe wie damals. Damals war ich frei und habe geträumt, ich war unbedarft und bereit die Welt zu erklimmen. Heute bin ich alles andere als das. Nikola wird enttäuscht sein. Er wird feststellen müssen, dass ich weniger geworden bin. Er wird mich wie ich heute bin neben den Jungen von damals stellen, genau wie ich es mit ihm getan habe und er wird sich genauso fragen wie ich, was aus mir geworden ist. Nur, dass ich in ihm einen stählernen Mann gefunden habe, der zwar nicht mehr der Junge von damals ist, aber doch gegen jede Unwegbarkeit des Lebens gewappnet ist. Und was wird er in mir finden? Ja, was mache ich hier eigentlich? Wer bin ich eigentlich geworden? Ich bin sechsunddreißig Jahre alt und nichts als der Überbringer schlechter Botschaften. Ich hätte längst Chaplain sein können. Meine eigene Abteilung leiten… Die Dinge voran bringen, etwas bewegen. Stattdessen hänge ich hier fest und lasse mich vorführen wie ein Pferd auf dem Zuchtmarkt und das nur indem man mir einen ehemaligen Bediensteten aus dem Hause meines Vaters vor die Nase setzt. „Davies hat ziemlich selbstgefällig gewirkt, findest du nicht?“, frage ich schließlich ernst und nachdenklich, den Blick noch immer auf dem Besen liegend. „Selbstgefällig ist gar kein Ausdruck. Merimma sind beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen vor Gier. Hätte sie sich nur noch ein Stückchen weiter vorgebeugt wäre sie von ihrer goldenen Stange gefallen. Das arme Ding.“ Nachdenklich wende ich den Blick zu Nascha, ihren Zynismus ignorierend. „Er weiß etwas.“„Davon ist auszugehen. Und du hast ihm den besten Beweis geliefert, dass er auf der richtigen Spur ist. Egal wie viel es ist das er weiß, er hat die Bestätigung, dass du nicht willst, dass er davon erfährt.“ Ich brumme unwillig. Könnte sie bitte aufhören, ständig Recht zu haben?! Ich weiß ganz genau, warum ich sie sonst vornehmlich schweigen lasse sobald wir in der Öffentlichkeit sind. Ich sehe nachdenklich weg. „So wie er es angelegt hat wirkt es wie ein Test…“„Oder wie der Genuss eines kalkulierten Momentes.“, wirft Nascha trocken ein. Wenn sie Recht hat, dann weiß er längst mehr als mir lieb ist. Woher auch immer. Was auch immer er damit anstellen will. „Aber warum mich dann mit Larkin – Nikola – auf den Kongress schicken?“„Kollateralschaden.“„Oder um mir zu beweisen, dass er etwas gegen mich in der Hand hat.“„Und?“„Was ‚Und‘?“„Was wäre, wenn er davon wüsste? Das ist kein echtes Druckmittel, findest du nicht? Es hatte schon seine Gründe, dass deine Frau Großmamá die Sache so wasserdicht arrangiert hat. Wenn irgendein Magisteriumschaplain auf die Idee kommt, deine Identität in Frage zu stellen und in der Welt verbreitet du seist ein Bastard, dann geht das höchstens als wildes Gerücht durch.“ Finster hebe ich den Blick und sehe Nascha an. „Ein wildes Gerücht, das die Familie lange genug verfolgt bis es widerlegt ist.“ Ungestüm hebt Nascha den Kopf. „Und?! Was bindet dich noch an sie?! Aus der Erbfolge bist du so oder so raus. Sie wollen nichts mehr von dir wissen. Du willst nichts mehr von ihnen wissen. Wer verliert etwas?!“„Wir. Ich erinnere dich freundlich an die ‚Gerüchte im Gordon House‘.“„Pah, ein bisschen Ungemach… ein wenig Sagenbildung hat noch niemandem geschadet.“ Einen Moment lang schweige ich und sehe in die Dunkelheit. Das gefällt mir alles nicht. „Trotzdem, er führt etwas im Schilde.“ Nascha sieht zu mir hinüber und schweigt. Nur einen Moment. „Also? Wie lautet dein brillanter Plan?“ Tief stoße ich die Luft aus den Lungen aus. Das ist eine gute Frage. Aber viel Handlungsspielraum bleibt mir nicht. „Weitermachen wie bisher.“, antworte ich ergeben. „Uns in der Öffentlichkeit nichts anmerken lassen, wachsam bleiben und darauf warten, dass Davies einen Fehler macht oder wir anderweitig erfahren was er vorhat.“„Aber im privaten Rahmen darf ich mit meiner Schwester umgehen wie es mir gefällt?“ Ich ahne, dass ich um dieses Eingeständnis nicht herum komme. Also gebe ich kraftlos nach. „Meinetwegen…“ Nascha plustert fröhlich die Federn und gibt ein siegreiches Fiepen von sich, dann hüpft sie von ihrem Eimer zu mir zurück und ist mit einem Sprung von meinem Arm zurück auf meiner Schulter angekommen. Immerhin achtet sie diesmal darauf, mich nicht mit ihren Schwingen zu schlagen. „Na dann los! Was machen wir noch in der Besenkammer?!“, fragt sie mit plötzlichem übersprühendem Enthusiasmus. Ich weiß jetzt schon, dass ich das bereuen werde. Aber für den Moment ist es mir Recht. Ich lege die Hände auf den Boden und stoße mich ab um wieder auf die Beine zu kommen. Nascha gleicht meine Bewegungen gekonnt aus, während ich steif in den Knochen wieder in eine aufrechte Position gelange. Ich klopfe meine Hosenbeine ab, straffe die Weste und das Sakko. Dann wische ich mir über das längst trockene Gesicht, fahre mir ein letztes Mal mit der Hand über die Augen. Dann öffne ich vorsichtig die Tür der Besenkammer. Draußen ist niemand zu sehen. Ich trete hinaus und schließe langsam die Tür hinter mir. Dann gehe ich ernst und gelassen den Gang hinunter als wäre nichts gewesen.

In meinem Zimmer angekommen spritze ich mir erst einmal kühles Wasser ins Gesicht. Ich habe ein kleines eigenes Badezimmer – was mir sehr wichtig ist. Gordon House verfügt über fließendes Wasser, sowohl kalt als auch warm und so gibt es keine Waschschüssel, die ein Hausmädchen regelmäßig auffüllen müsste, sondern ein angenehm leicht sauber zu haltendes Keramikwaschbecken. Das mag vielleicht ein gewisser Luxus sein. Aber immerhin nehme ich auf diese Art und Weise nur ein Zimmer ein und koste Gordon House nicht den Unterhalt eines gesamten Hauses. In meinem Besitz befindet sich eine kleine Wohnung, die sich in der Nähe von Covent Garden in einem Dachgeschoss befindet. Eine Mansarde. Man könnte meinen, sie sei eher einem Dienstboten angemessen, aber sie ist geräumig und als Kind sind mein Bruder und ich viel durch die Räume der Dienstboten getollt. Ich habe kein Problem mit engen Räumen. Im Gegenteil, ich finde sie gemütlich. Sie beschützen. Von meiner Wohnung kann man das wirklich sagen. Aber ich sehe sie nicht oft. Meist sind meine Dienste so häufig und in so kurzen Abständen im Gordon House von Nöten, dass es kaum Sinn ergeben würde, es für die kurzen Zeitspannen, die mir bleiben zu verlassen. Daher das Zimmer. Ich behalte die Wohnung dennoch. Einfach weil ich es kann. Sie ist mein kleiner Teil Selbstbestimmung. So etwas wie meine wohlgehegte Würde. Sie gibt mir einen Grund, mich von niemandem, nicht einmal dem Chaplain angreifen und aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich weiß, dass es da diesen Ort gibt, an den ich mich zurück ziehen kann. Diesen Ort, der nur ganz allein mein ist. So sehr mein wie es mein Kopf ist. Und das lässt alles andere, das man mir an den Kopf werfen könnte zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus rauschen. Nichts als Worte. Nichts das mich treffen könnte. Denn ich weiß so viel mehr als sie wissen. Diese Wohnung ist wie ein Schutzschild. Wenn auch nur im Geist. Sie ist der kleine säuberlich ausgefeilte Teil meines Lebens, der ganz allein mir untersteht und über den niemand sonst Macht verfügt. Wenn es auch nicht viel gibt, das ich im Leben erreicht habe, die Mansardenwohnung im Covent Garden ist das Schmuckstück davon. Sie macht mich unangreifbar. Normalerweise. Meinem Bruder zu begegnen, das ist eine ganz andere Kategorie.

Ich trockne mir das Gesicht ab, dann kehre ich in mein Zimmer zurück. Nascha dreht dort lautlose Kreise über dem Bett. Einfach weil sie es kann. Das Zimmer ist eigentlich zu klein für gute Flüge, aber wenn ihr langweilig ist nutzt sie jedes bisschen Platz, das sie nutzen kann. Und seit ich zugesichert habe, dass sie zumindest im privaten Rahmen mit Aksynia Kontakt aufnehmen darf ist sie in Höchstlaune. Ich kann mich nur damit trösten, dass es diesen privaten Rahmen kaum geben wird. Höchstens beim An- und Auskleiden. Und das werde ich meinen Bruder entweder gar nicht erst ausführen lassen oder schlicht schweigen. Ich bin nicht gezwungen zu reden. Nein. So viel nehme ich mir vor. Soll Nascha tun was sie für richtig hält. Deswegen bekommt sie mich noch lange nicht dazu mir komplett jede Blöße zu geben und etwas zu tun das ich nicht möchte.

Nascha summt leise über mir in der Luft während ich meine Sachen aus dem Schrank nehme und in den ledernen Koffer lege. Ich werde nicht zulassen, dass mein Bruder meine Sachen packt. So tief bin ich noch nicht gesunken. Personal hin oder her. Auf dem Bett habe ich einen neuen Frack und einen Smoking gefunden als Nascha und ich angekommen sind. Beide reisefertig in Schutzhüllen gelegt. Sie werden beide passen, Davies Schneider kennt meine Maße. Sie sind hübsch, in Dunkelblau und schwarz gehalten, was beides meinen Geschmack trifft. Es fühlt sich dennoch fremd an, sie zu meiner Garderobe zu zählen. Als sei ich nicht selbst in der Lage dazu einen Schneider aufzusuchen. Als wüsste ich nicht selbst was sich gehört. Fühlt es sich an wie bevormundet zu werden? Ja. Es gab eine Zeit in der ich es genossen habe, einige Entscheidungen nicht selbst treffen zu müssen. Lange Zeit war ich schlicht daran gewöhnt. Aber je älter ich werde desto mehr widerstrebt es mir.

Als es elf Uhr wird habe ich das Zimmer längst verlassen. Ich will Larkin nicht begegnen, wenn er die Koffer abholt. Überhaupt mag ich den Gedanken nicht, dass er dieses Zimmer betritt. Aber immerhin, nicht meine Wohnung. Also kann es mir im Grunde gleichgültig sein. Bewusst habe ich jeweils eine Stunde Zeit zwischen den Terminen gelassen. Ich möchte nicht, dass etwas knapp wird. Zum einen gerät ein Gentleman nicht in Eile und zum anderen gerate ich nicht gerne in Eile. In Eile verliert man die Kontrolle. Dinge laufen nicht geregelt und ich bekomme das Gefühl, wichtige Dinge zu vergessen, ohne dass es unbedingt der Fall ist. Und viel schlimmer: wenn es schnell gehen muss, tue ich die Dinge lieber selbst. Als seien Andere nicht in der Lage dazu, die Dinge ordentlich auszuführen. Es ist als hätte ich kein Vertrauen in meine Mitmenschen. Und dabei weiß ich, was Personal alles vollbringen kann. Viel besser als meinereiner es je könnte. Und doch kommt diese irrationale Hektik und das Gefühl des Kontrollverlusts empor, jedes Mal wenn ich einen zu knappen Zeitplan ansetze. Also plane ich aus Erfahrung großzügig.

Die Stunde bis der Wagen vorfährt verbringe ich auf einer Bank im Innenhof des weitläufigen Hauses. Dort ist ein kleiner Park angelegt. Nicht groß, aber groß genug um eine symmetrische Figur aus Kieswegen zu bilden wenn man aus einem der Zimmerfenster hinunter schaut. Ich habe die Mappe mit Unterlagen bei mir, die mir Davies zur Durchsicht ausgehändigt hat. Aktuelle Projekte und Themen des Magisteriums, die potenziell in Sheffield zur Sprache kommen werden. Damit werde ich eine Weile beschäftigt sein. Und noch eine unnötige Weile mehr, denn meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Zu Davies. Und dem was er vorhaben könnte. Ich zwinge mich, nicht an die bevorstehende Zugreise zu denken. Aber es hilft mir, mich an meinen Vorsatz zu erinnern, nach außen hin die Haltung zu wahren. Der Plan ist wie ein Grashalm, an dem ich mich verzweifelt festklammere. Nascha sitzt brav auf meiner Schulter und hat die Augen geschlossen. Während sie die Augen geschlossen hält, fiept sie leise jedes Mal wenn jemand den Hof durchquert, damit ich ihn im Auge behalten kann. In Gordon House kann man nie wissen.

Pünktlich kurz vor zwölf begebe ich mich in die Eingangshalle. Der Steward soll nicht nach mir suchen müssen. Oder womöglich Larkin. Der Wagen steht rechtzeitig zur Stelle, die Vordertür von Gordon House steht einladend offen. Der Steward sieht mich kommen. „Sir, der Wagen steht bereit.“ Ich nicke ihm dankend zu und er senkt respektvoll den Kopf. Ich trete hinaus. Ein Butler hält die Wagentür offen. Ein dunkelblauer Rolls Royce. Vermutlich um die fünf Jahre alt. Auf den Straßen von London findet man nur gelegentlich Autos zwischen den Kutschen. Sie gelten als extravagant. Aber das Magisterium fördert diesen Fortschritt und hat sich direkt bei Markteinführung mit einigen Modellen eingedeckt. Im Gegenteil: im Magisterium wirkt man auf der anderen Seite als extravagant wenn man eine Kutsche anfordert. Selbstverständlich lässt es sich auch der Adel nicht nehmen, diesem Trend zu folgen. Generell aber etwas langsamer und mehr auf dem Land als in der Stadt – man möchte sich schließlich vom Magisterium abgrenzen. Aber die Technologie ist dennoch zu verlockend um ihr ganz zu entsagen. Das übliche Muster.

Bewusst werfe ich keinen Blick nach vorne auf den Bock. Neben dem Fahrer erkenne ich im Augenwinkel eine zweite Gestalt. Larkin, Naschas Unruhe nach zu urteilen. Sie klettert über meinen Nacken auf die andere Schulter während ich einsteige, was äußerst unpraktisch ist. Ich habe nicht vor ihr mit dem Türrahmen einen Schlag zu verpassen. Aber sie gibt sich Mühe, diese Pläne zu durchkreuzen. Jetzt sitzt sie auf meiner anderen Schulter. Der Wagen fährt ab. Mein Blick liegt konsequent auf der Straße. Ich will bewusst nicht nach vorne sehen. Das macht die Dinge um einiges einfacher.

Mein Plan, jede private Situation mit Nikola Larkin zu meiden funktioniert sogar bis zum Zug ohne größere Zwischenfälle. Im Grunde ist das besser als ich es erwartet habe, aber ich erlaube mir bewusst nicht darüber nachzudenken. Während der Fahrer und Larkin gemeinsam das Gepäck verstauen verabschiede ich mich bereits in den Zug und lass mir die Nummer meines Abteils geben. Die Zweiundzwanzig. Dunkles Holz und helle Vorhänge. Quasten und Toddeln an den Fensterschals. Goldfarbene Messingbeschläge und Türklinken. Der Gang erlaubt wenig Platz, aber ich benötige auch keinen Platz. Ich finde mein Abteil. Öffne die Tür. Zwei sich gegenüberliegende Sitzbänke mit rotem Stoff bezogen. So scharlachrot wie die Uniformen der Royal Marines. Rasch trete ich ein und schließe die Tür hinter mir. Ich setze mich ans Fenster. Als hätte ich einen Schalter umgelegt, erwacht Nascha wieder zum Leben. Sie klettert von meiner Schulter auf meinen Arm. Vom Ellenbogen aus springt sie auf das Sitzpolster neben mir. Ich verfolge ihre Bewegungen einen Moment lang mit dem Blick. Mit wackelnden Schritten inspiziert sie den Sitz, aber fürs erste scheint ihr das zur Beschäftigung zu reichen. Ich richte den Blick aus dem Fenster und verfolge das geschäftige Treiben des Bahnhofs. Überall qualmt der Rauch der Dampflocks. Pfeifen tönen. Menschen hasten von A nach B.

Sheffield also. Immerhin haben Nascha und ich für eine Weile unsere Ruhe. Zwei Stunden Dreißig Minuten Fahrt von Kings Cross aus. Das ist mehr als genug Zeit um wieder zu Atem zu kommen. Oder zu viel zu denken. Ganz wie man es betrachtet. „Sie werden wenigstens einmal mit dem Speisewagen vorbei kommen, oder?“„Ich denke, ja…“, antworte ich abwesend. Aber im Grunde ist es mir egal. Für Nascha mag es langweilig werden. Ich aber bin froh um die Ruhe. Selbst wenn sie mich zerfleischen sollte.

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„Was soll das heißen?!“„Das heißt `s gibt keinen Platz zu der Karte.“„Es gibt keinen… was?! Bitte, was?!“„Scheint `n Fehler zu sein. Machen Sie sich da mal keine Gedanken, das kommt vor. Öfter als Sie denken.“ Der Schaffner kichert, als wäre das eine Art Scherz. Das ist es wohl. Nur dass ich kaum darüber lachen kann. Mein Blick schweift einen Moment ab, ich atme tief durch. „In Ordnung. Es ist mir vollkommen egal, wie Sie das lösen, aber ich brauche einen Platz in diesem Zug.“„Nun ja, die Sache ist die…“ Der Schaffner ist ein schlanker Mann mit hellem rotblonden Haar und Augen so hell und leer wie ein Glas Wasser. Jetzt kratzt er sich am Hinterkopf. Nicht bekümmert, mehr als Produkt seiner Beiläufigkeit. Sein Daemon in Gestalt eines Hermelins hängt gelangweilt auf seiner Schulter. „…es gibt keinen.“„Es gibt keinen…“, wiederhole ich langsam, muss mir selbst vor Augen führen, was er mir da für eine Absurdität andrehen will. „Wie um alles in der Welt kann es in diesem gesamten Zug nicht einen Platz mehr geben, den ich haben kann?“„Tja,“ erwidert der Schaffner mit einem Schulterzucken. Seine Gleichgültigkeit steigert mein Level an Gereiztheit beständig. Und meine Nerven sind gegenwärtig ohnehin wie gehäutet. Nicht zuletzt durch die Autofahrt hier her. Ich kann die Dinger noch immer nicht leiden, vor allem wenn Asya sich dabei in den Fußraum zwängen muss. „Aber Sie haben doch noch `ne Karte.“ Im ersten Moment bin ich tatsächlich vollkommen von der Möglichkeit vor den Kopf gestoßen, dass er meinen könnte, ich wäre mit zwei Karten hier angekommen. Bin ich. Aber das bedeutet nicht, dass sie beide für mich wären. Die unteren Klassen werden zuerst kontrolliert, so dass ein mitreisender Diener die Karten seiner Herrschaften vorzeigen kann, damit deren Abteile vor jeglicher Störung durch einen Kontrolleur verschont bleiben. „Das ist nicht meine Karte“, erläutere ich, endgültig pikiert von seiner Ignoranz. „Diener, mh?“ Ich beantworte aus Prinzip keine Fragen, deren Antwort offensichtlich ist. Nicht wenn ich nicht dazu gezwungen bin. „Haben euch vermisst vor einigen Tagen.“ Ich begreife nicht sofort, was er meint. Erst im nächsten Moment erinnere ich mich an die heftigen Arbeiteraufstände, die es in London gegeben hatte. Gewerkschaften… Es gibt ein paar Wenige unter den Dienern, die versuchen ähnliches zu organisieren. Im Haus in dem mein letzter Herr zu Gast war, habe ich ein paar von ihnen kennen gelernt. Aber sie werden allgemein als Spinner abgetan. Die an Utopien arbeiteten wie einem 12-Stunden-Arbeitstag, wie die Fabrikarbeiter in jüngst erreicht haben, derlei Sachen. Doch sie scheitern bereits an simplen Dingen wie der Organisation regelmäßiger Treffen. Aber was willst du deinem Herrn schon sagen, wenn du ihn um einen freien Abend bittest? Und was sagst du ihm oder dem Butler wegen deines Zeugnisses, wenn du das erste Mal von der Polizei auf einem aus dem Ruder gelaufenen Gewerkschaftler-Treffen statt im von dir benannten Gebetskreis aufgegriffen wurdest? „Ich brauche einen Platz“, führe ich zurück zum Thema. „Nun, ich schätze…“ Der Schaffner kratzt sich schon wieder am Hinterkopf, sein Daemon räkelt sich auf seiner Schulter. „…es gibt keinen.“ Er will an mir vorbei gehen, aber ich schneide ihm den Weg ab. Nur ein knapper Schritt, aber zum ersten Mal bemerke ich einen Anflug von Nervosität bei dem Schaffner. „Naja, wär das `ne Maus, ja, dann gäbs vielleicht noch `n Platz. Aber nich‘ so.“ Sein Blick liegt auf Asya. Ich brauche nicht hinzusehen, um zu wissen, dass sie daraufhin in aggressiver Haltung die Zähne entblößt hat, dafür genügt mir ein Blick auf den Daemon des Schaffners. Sie ist groß, das wissen wir selbst. Mit einem Mal etwas wachsamer ergänzt der junge Mann nun mit einem erneuten Blick auf die Karten: „Ah, aber das ist ein großes Abteil, da können Sie auch zu zweit sitzen.“„Mag sein, aber das ist nicht meine Karte“, zische ich wütend darüber mich wiederholen zu müssen. Der Schaffner beugt sich vor, gibt mir die Karten zurück, ich sehe den Anstecker den er unter seiner Uniform trägt. Unmöglich, dass ich an einen Gewerkschafter geraten bin. „Musst eben lernen für deine Belange einzustehen“, erwidert der junge Mann fast mitleidig und klopft mir auf die Schulter wie einem treudoofen Hund, bevor er mich endgültig stehen lässt.
 
„Dann stehe ich e-…“, will ich dem Schaffner noch wütend hinter herwerfen. Mehr sarkastisch über dessen Unfähigkeit, als in tatsächlicher Erwägung dessen – wobei, so sicher bin ich mir darüber nicht. Asya auch nicht. Sie schneidet mir den Weg ab, damit ich dem Mann nicht folgen kann. „Du willst den Weg bis Sheffield stehen?“, feixt sie ehrlich amüsiert. „Mach dich nicht lächerlich. Das ist keine Straßenbahn von Piccadilly bis zum Parlament.“„Und was schlägst du vor?“„Tun was der Kerl gesagt hat. Erklär es ihm. Es ist ja nicht so, als hättest du die Karten gekauft.“ „Und du denkst das interessiert irgendjemanden…?“, erwidere ich mutlos. Ich weiß warum ich Dinge gerne selbst erledige. Sie drückt mir die Schnauze gegen meine Hand. Nur einen Moment. „Und du denkst du kannst etwas ändern?“, fragt sie fast sanft für ihre Begriffe. Meine Mundwinkel zucken freudlos in die Höhe, ich weiß dass ich geschlagen bin. Wir hatten diese Gespräche. Asya hält nichts davon unmöglich gewordenen Optionen nachzuheulen und ich weiß ja wie recht sie damit hat. Ich kann nichts ändern und ich habe keine Alternativen. Weder kann ich bis Sheffield im Zwischenabteil stehen, noch irgendwo im Gang rumlungern wie ein Landstreicher. Damit hätte ich meinen Herrn dann erst recht bloßgestellt. Mir bleibt nur die eine Möglichkeit und die muss ich mit Fassung tragen – oder es komplett verhauen. Es ist ganz egal, ich muss sie angehen.
 
Immer wieder ertappe ich mich dabei aus Gewohnheit zu zügig zu werden, dann gehe ich wieder langsamer. So langsam wie nur möglich. Ich ertappe mich sogar bei dem Gedanken, ob, wenn ich nur ganz langsam gehe, ich es vielleicht doch schaffen könnte die Fahrt bis Sheffield zu überbrücken. Aber ich weiß Asya würde das nicht zulassen. Ich kann mir ihren Spott schon ausmalen, wüsste sie auch nur von diesem Gedanken. Ich habe noch einen anderen Gedanken. Nicht viel angenehmer vielleicht und Father Ibrim würde es kaum gut heißen, doch wenn mein Vorhaben gelingt, hätte ich schließlich keine andere Chance, nicht wahr? Meine Chancen, dass es klappt, stehen nicht schlecht. Immerhin wirkt Mr. Langdon alles andere als erpicht ausgerechnet mich zu seinem Valet zu haben und das wiederum kann ich ihm kaum verdenken. Was bin ich denn als die Erinnerung an den Fehler seines Vaters, an den Makel in seinen eigenen Adern und an alles, was er verlieren könnte? Ich weiß, dass Asya mir darauf eine Antwort geben würde, aber die will ich nicht hören. Und ich bin froh noch keine Zeit gefunden haben mich damit auseinander zu setzen oder mehr als ein paar Worte mit Asya zu wechseln und irgendwie meidet sie das Thema so sehr wie ich, was ihr nicht ähnlich sieht. Dabei war es nicht so, als hätte ich besonders viel zu tun gehabt. Mein eigenes Gepäck hatte ich bereits gepackt gehabt, das Gespräch mit Father Ibrim war kürzer verlaufen als erwartet und ich hatte das Glück, dass Mattis als Fahrer verfügbar war. Ich kenne ihn, er ist ein guter Fahrer, nicht dass ich mich je in so einer motorisierten Kiste sicher fühlen würde, aber bei Mattis kommt das dem immerhin so nah wie möglich. Außerdem hat er fast immer etwas Interessantes zu berichten, es war einfach gewesen mir den Klatsch anzuhören, den er zu erzählen hatte und mich davon ablenken zu lassen. Als ich um elf wiederum bei Mr. Langdon angekommen war, hatte der bereits gepackt und war persönlich nicht zu gegen. Mein Job war also getan – und, sagen wir so, das war ein eindeutiges Zeichen. Der Steward hatte darüber hinaus darauf bestanden in seinem eigenen Haus auch persönlich das Auto anzukündigen. Ich hatte ihn nicht aufgehalten. Daraufhin bei Mattis im Wagen zu warten, war schon beinahe respektlos, aber immerhin hatte Mr. Langdon mir zu verstehen gegeben, dass er meine Arbeit nicht für nötig – oder zumindest nicht für angemessen – hielt. Was ich ihm wie erwähnt kaum verdenken kann. Und doch stehe ich jetzt vor seinem Abteil. Kann förmlich spüren, wie sich mir fast der Magen umdreht, als ich anklopfe und schließlich so diskret wie möglich die Abteiltüre öffne. „Sir“, setze ich schlicht an, „bitte verzeihen Sie die Störung, es… gab ein Problem bezüglich meines Platzes. Er… ist nicht verfügbar und es gibt keinen alternativen freien Platz mehr im… ganzen Zug.“ Ich habe Mühe die Worte einigermaßen flüssig vorzutragen. Mir ist ja selbst bewusst wie unwahrscheinlich das klingt. Es ist der Mittagszug und wie der Chaplain erwähnt hatte, es ging auf das Wochenende zu. Dennoch… nicht ein Platz in diesem ganzen Zug… wie viel Pech muss man dafür schon haben? Oder was für ein ungeeignetes Tier zum Daemon... „Ich kann an der nächsten Station aussteigen und den nächsten verfügbaren Zug nehmen.“ Bitte nimm die Option an, flehe ich dabei in Gedanken. Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie es wäre an der nächsten Station zu stehen. Zu warten, dass der nächste Zug am Abend Richtung Sheffield fahren würde. Vielleicht gäbe es keine Karten mehr. Vielleicht wäre es mir nicht möglich in absehbarer Zeit in Sheffield einzutreffen. Ich frage mich, ab wann man meine Arbeit wohl als gescheitert ansehen und mich zurück nach London rufen würde. Aber im selben Atemzug spüre ich Asyas drängende Präsenz neben mir. Hätte sie mich streng angesehen, es hätte nicht mehr Wirkung gehabt. Also spreche ich nach kurzem Zögern und so respektvoll wie möglich die Alternative aus: „Oder ich müsste in Ihrem Abteil reisen. Sir.“ Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie Asya den Fang vorstreckt. Es irritiert mich so sehr, dass ich beinahe den Blick gesenkt hätte, nur um zu sehen, was sie da macht. Ich weiß nicht ob sie einen besseren Blick in das Abteil erreichen will oder ob sie wittern will. Ich weiß nur: Sie macht so etwas für gewöhnlich nicht mehr. Früher. Als wir noch jünger gewesen sind. Sie hat ständig den Kopf vorstrecken müssen, hat immer vor mir voraus laufen wollen, alles erkunden und sämtliche Gerüche im Raum aufnehmen. Sie hat inzwischen subtilere Wege gefunden ähnliche Ergebnisse zu erzielen. Vor allem jedoch sind wir älter geworden und das Leben, das wir geführt, die Wege, die wir gegangen sind, waren nicht immer nett zu Asya gewesen. Sie hat mehr Opfer gebracht als ich. Ich bin schon immer ein Feigling gewesen, jemand der sich an die gegebenen Umstände anpasst und seine Fragen und Zweifel tief in sich begraben kann. Ich weiß, dass ich in der Lage bin Dinge zu tun, die mir zutiefst zu wider sprechen, ohne dass sie mich tiefer beeinträchtigen würde, so lange ich die Welt um mich nur auf einem oberflächlichen Level halte. So lange ich nur meine wahren Gedanken und Gefühle und Werte tief in mir begraben halte, wo sie sicher und geschützt sind. Asya kann so etwas nicht. Sie hat gelernt, so zu tun. In langen, qualvollen Lektionen, an die wir uns nur ungern erinnern. Sie ist darauf gedrillt mir nicht von der Seite zu weichen. Zu sitzen, wenn ich stehe. Ruhig und kontrolliert zu wirken, wie es sich für den Daemon eines Dienstboten gehört, wie es für den Daemon eines Soldaten notwendig ist. Immerhin mag diese Art der Disziplin strikte Abläufe und diese wiederum sein Überleben sichern. Und wenn man es so sieht bedeutet die Grundausbildung vor allem einem Haufen unkontrolliert durcheinander laufender und mit einander agierender Daemonen beizubringen unter sämtlichen Umständen in Reih und Glied mit ihren Menschen zu stehen. Es ist etwas, dass uns ins Blut übergegangen ist und ich merke erst jetzt, dass ich nicht mehr darüber nachgedacht habe, bis ich ihre dunkle Schnauze so ungewohnt im Rand meines Blickfelds wahrnehme.

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Während sie wackelnd über das dicke rote Polster stakst, das unter jedem ihrer Schritte ein wenig nachgibt und droht sie einsinken zu lassen, fiept Nascha schließlich leise. Ich drehe den Kopf ohne darüber nachzudenken. Und als sich die Tür öffnet, liegt sowohl Naschas, als auch mein Blick auf dem Gesicht, das darin erscheint. Es ist Nikola und für einen Moment benötige ich alleine schon Zeit um nur diesen Fakt alleine zu realisieren. Ich dachte ich hätte es geschafft, das Schicksal auszutricksen und ihm bis Sheffield nicht mehr zu begegnen. Aber darüber lachen die himmlischen Mächte nur. Was mich aber viel mehr befremdet ist das „Sir“, das er verwendet als er mich anspricht. Auf seinem Gesicht liegt sachliche Sorge. Er wirkt blass, aber das kann auch nur das Licht sein. Wir sind allein, wenn nicht gerade jemand auf dem Gang steht und seinen Worten lauscht. Ihn mich mit „Sir“ ansprechen zu hören, fühlt sich seltsam unangemessen an. Er ist mein Bruder. Aber offenbar ist er das nun schon eine Weile nicht mehr. Er setzt es eisern fort, dieses „Sir“ zu verwenden. Er will es also anscheinend so. Er ist höflich, sage ich mir, er weiß besser was sich gehört als ich.

Nur langsam realisiere ich was es bedeutet, was er mir sagt. Ich wende den Blick ab, nur um nachzudenken, sehe stattdessen auf die Sitzbank mit gegenüber ohne sie wirklich zu sehen. Nascha sitzt immer noch auf der Polsterung, sieht zu Larkin und rührt sich nicht. Aber ich weiß, dass sie nur auf die Gelegenheit wartet. Dass sie mühsam kontrolliert unser Abkommen einhält und dabei genauso pingelig ist wie ich es gerne hätte: die Tür ist noch nicht geschlossen, das ist kein privater Raum. Kein Platz mehr im ganzen Zug. Auch wenn es mir weder sinnvoll erscheint, noch ich von solchen Fällen bereits gehört habe, überrascht mich diese Nachricht nicht. Menschen sind fehlbar. Viel zu fehlbar für meinen Geschmack. Ein Zugticket ohne Sitzplatz passt dabei erschreckend gut ins Schema. Nikola will aussteigen und auf den nächsten Zug warten. Ja, das ist es was ein guter Valet tun würde. Konsequenzen ziehen. Mit dem Unterschied, dass er um einiges später ankommt als sein Herr und nichts vorbereiten kann, was für uns nun wirklich keine Einbuße ist. Auf der anderen Seite ist er mein Bruder. So verlockend der Gedanke ist, für längere Zeit einen Bogen um ihn machen zu können, ich bin nicht so herzlos, ihn in einen anderen Zug zu setzen. Ihn einen halben Tag warten zu lassen. Nein, nicht ganz so herzlos. Das kann ich nicht tun. Aber was ist die Alternative? Larkin spricht sie aus, in dem Moment in dem meine Gedanken an diesem Punkt ankommen.

Stille tritt ein. Ich spüre das Unbehagen, das plötzlich in der Luft liegt, die Notwendigkeit einer Entscheidung. Ich sehe noch immer auf das Sitzpolster, aber nun habe ich den Kopf ein wenig mehr in Richtung Tür gewandt, weiterhin ohne Larkin anzusehen. Zwei Stunden Zugfahrt mit Larkin auf engstem Raum. Ich spüre wie mein Herz schneller schlägt vor Nervosität als ich darüber nachdenke was das bedeutet. Nicht länger fliehen. Keine Chance mehr. Ich zwinge mich zur Ruhe. Dennoch wirkt der spätere Zug plötzlich schrecklich verlockend. Eine Bewegung in meinem Augenwinkel. Ich sehe hin. Nascha sieht mich direkt an. Ich sehe zurück. Sie sagt nichts, aber ihr Blick ist eindeutig und ich weiß woran sie mich erinnern will. Unser Abkommen. Es wäre unfair ihr nicht die Chance zu geben. Sie weiß, dass ich nie vorhatte ihr die Chance zu geben. Aber jetzt hat sie Zeugen auf ihrer Seite. Sie weiß, dass ich in der Öffentlichkeit ungerne das Gesicht verliere indem ich das tue was ich eigentlich gerne tun würde. Dass ich ganz genau weiß wie das aussehen würde. Sie erinnert mich daran oft genug. Auch jetzt. Noch mehr. Ich habe das Gefühl diese Worte in ihrem Blick zu lesen. „Er ist dein Bruder.“ Und ein unverkennbares „Verhalte dich gefälligst wie sein Bruder“. Ich schlucke, atme tief und lautlos durch. Aber ich wende den Blick ab. Damit habe ich schon fast verloren. Ich sehe hinter Nascha, wo sich eine dunkle Hundeschnauze durch die Tür schiebt. Ich habe Naschas Worte plötzlich wieder im Kopf. Dass Aksinya ihre Schwester ist. Dass sie sie nicht anschweigen wird. Ich gebe nach. Unwirsch wird der Ausdruck auf meinem Gesicht. Ich fühle es, aber ich kann nicht anders als ich antworte ohne Larkin direkt anzusehen. „Kommen Sie schon rein…“ Ich freue mich nicht gerade darüber, so viel hört man mir an. Aber es erscheint mir trotzdem als die beste Lösung. Auch wenn ich keine Ahnung habe was darauf passieren soll und ich spüre mein Herz nach wie vor unnatürlich heftig in meiner Brust schlagen. Als müsste ich mich jeden Moment wirklich physisch auf die Flucht begeben. Dabei werde ich mich für die nächsten zwei Stunden wohl erst einmal nirgendwohin begeben.

Mein Eingeständnis ist wie ein Startschuss für Nascha. Sie hat gewonnen, unser Abkommen ist erfüllt. Wenn ich sie jetzt noch aufhalten würde, wäre ich unfair. Und sie weiß, dass ich nicht gerne unfair bin. Nur wenn es nicht anders geht und ich bin es ihr schuldig nachdem ich sie in Davies‘ Büro aufgehalten habe. Obwohl sie das Abkommen gebrochen hat, fühlt es sich so an. Sie ist immer wieder erschreckend gut darin mich zu manipulieren und wie immer bemerke ich es erst als es zu spät ist. Flatternd hüpft sie von der Sitzbank. Ein Federball, der sich direkt auf die Hundeschnauze wirft, die sich durch die Tür geschoben hat. „Asyaaaaaaa!“, erklingt es freudig, fast euphorisch aus dem Eulenschnabel und sie landet triumphierend auf dem Kopf des Hundes, obwohl in der Tür viel zu wenig Platz ist. Beschützend wirft sie die Schwingen über den Hundekopf, knapp hinter den Ohren und schmiegt sich mit der Brust zärtlich an das weiche Fell dazwischen, bevor sie freudig aufspringt und spielerisch die Klauen in das dichte lange Nackenfell gräbt. Das hat sie noch nie getan. Bei niemandem. Nie. Vielleicht zuletzt als wir Kinder waren. Und das ist der Punkt. Ich wende absichtlich den Blick ab. Finster sehe ich hinaus, will nicht dabei zusehen wie sich Nascha mit der Hündin vergnügt, will nicht sehen wie Larkin ins Abteil kommt. Das ist jetzt Naschas Teil des Abkommens. Ihr Auftritt. Alles andere interessiert mich nicht. Ich halte mich da raus. Sitzt sie sonst stumm auf meiner Schulter, bin ich es jetzt der schweigt. Es ist mir ganz recht so. Ich habe nicht vor, irgendetwas daran zu ändern. Schließlich gilt es eine Zugfahrt zu überstehen. Eine ganze Zugfahrt, in der ich wohl oder übel irgendwann etwas sagen müssen werde. Zeit, diesen Moment möglichst lange hinaus zu zögern. Ich würde es nicht ertragen, belanglose Alltagsgespräche mit meinem Bruder zu führen als wäre nichts zwischen uns. Und gleichzeitig will ich nicht erfahren wer er geworden ist oder was er über mich denkt. Es muss schlimm genug sein. Ich hebe einen Arm, stützte den Ellenbogen auf dem unteren Rahmen des Fensters ab und drücke die geballte Faust gegen meinen Wangenknochen um mein Gesicht abzustützen, während ich ernst und verschlossen hinaus sehe. Eine kleine Stütze nur, ein klein wenig Schutz, während meine Brust weiterhin schwer ist und mein Herz darin rast als wäre ich auf der Flucht vor Dieben.

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„Kommen Sie schon rein…“ Es klingt wie „Hauen Sie bloß ab“ und das Herz sinkt mir bis zum Boden in dem ich gerne versunken wäre. Einen Augenblick. Einen erschreckend langen Augenblick stehe ich so da, aus Angst, sollte ich nur einen Schritt machen, würde ich nicht in das Abteil treten, sondern so weit es mir nur möglich wäre von hier fliehen. In diesem Moment schießt eine Eule auf uns zu. Sie kommt mir so nah, dass ich es körperlich spüren kann, landet Asya auf dem Kopf, die einen Laut von sich gibt, den ich Jahre nicht mehr von ihr wahrgenommen habe. Irgendetwas zwischen einem Jaulen und Winseln. „Naschaaaaa!“, erwidert Asya dann. Sie schlägt den Kopf zurück, aber die Eule ist schon wieder in der Luft, versucht Asya die Krallen in das Nackenfell zu schlagen, die sich statt zu ducken noch danach aufbäumt, dabei halb um die eigene Achse dreht und spielerisch nach dem Vogel schnappen will. Ihre Zähne schnappen klackend in der Luft zusammen, sie versucht es gleich nochmal, springt dabei wie ein ausgelassener Welpe. „Spinnst du, Asya?“, zische ich ihr halblaut zu, schlicht und ergreifend vollkommen fassungslos. Sie wird den Daemon meines Herrn verletzen. Doch die Eule ist flink und sie… ist nicht irgendein Daemon. Diese Gewissheit überfällt mich mit einer unerwarteten Heftigkeit, die mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegzieht und ich bin froh, aus Gewohnheit die Klinke noch gedrückt in der Hand zu haben, mich daran festhalten zu können. In letzter Geistesgegenwärtigkeit geht mein Blick den Gang auf und ab. Er ist leer, aber wir müssen trotzdem hier weg. Keine Ahnung ob Asya ihn zu ihrem Spielgrund ernennen würde, im Moment traue ich ihr alles zu. Asya und… Nascha. Zum ersten Mal erlaube ich mir ihren Namen zu denken – oder besser: Er ist einfach da. Ich habe alle Mühe Hund und Eule in das Abteil zu bugsieren und die Türe hinter uns zu schließen. Die Euphorie durchströmt mich bis in die Fingerspitzen und ich lasse die Messingtürklinke zu schnell wieder los, das Schließen gelingt mir nicht annähernd so geräuscharm wie üblich. Meine Gedanken sind wild und ungeordnet und als ich mich umdrehe, bin ich nicht ich selbst. Ich kann es mir nicht anders erklären. „Ich denke w-…“, bringe ich halb lachend hervor, die Hand dabei verlegen im Nacken, bis… mein Blick An-… mein Blick Mr. Langdon trifft und mein Denken endlich wieder einsetzt. Während sein Daemon Asya stürmisch und ohne jede Zurückhaltung begrüßt hat und die beiden noch immer miteinander spielen, sitzt er fast teilnahmslos am Fenster. Die Hand aufgestützt, den Blick abgewandt, als bemerke er nichts von dem ausgelassenen Fiepen und Winseln um uns, als bemerke er nichts von diesem Gefühl der unbändigen Wiedersehensfreude, das Asya und damit auch – freiwillig oder unfreiwillig – mich vollkommen überwältigt hat nach Naschas Offensive. Ich begreife es kaum, doch es ist als könnte ihn das vollkommen kalt lassen. Was hatte ich auch erwartet? Dass sich etwas geändert hat? Ich die Zeichen der falsch gedeutet habe? Die Antwort ist: Nein, das habe ich nicht. Das tue ich nur selten. So selten, dass es mich selbst mit unter überrascht, wenn es dann doch vorkommt. Es mich kalt erwischt, wie vorhin als Nascha sich auf Asya gestürzt hat. Ich hatte nichts Klares gedacht in diesem Moment, aber ich hatte doch… ich realisiere erst jetzt, dass ich einen Moment tatsächlich unter der Annahme agiert habe, dass die vorangegangene Abweisung, die Mr. Langdon gezeigt hatte, nichts als gespielt oder von mir eingebildet gewesen war. Automatisch senke ich den Blick, meine Hand sinkt hinab. „Verzeihung, Sir.“ Ich schaffe es nur knapp, dass meine Stimme nicht in der Hälfte der Worte wegbricht. Mechanisch setze ich mich neben die Türe, an der ich noch immer stehe, dabei wäre ich jetzt endgültig am liebsten davon gerannt. Aber Asya wäre mir in diesem Moment wohl kaum gefolgt. Sie scheint nicht einmal zu bemerken, was mit mir ist und ich fühle mich klamm und entsetzlich einsam dabei. In meinem Blickfeld hat Asya sich inzwischen hingelegt, um trotz der Enge des Abteils hingebungsvoll mit Nascha balgen zu können, aber es ist mit einem Mal als würde ich alles nur durch eine Glasscheibe beobachten. Ich fühle mich taub und leer, als würde Asyas Glück ganz unabhängig von mir existieren. Mir wird fast schwindelig davon. Ich bin bemüht mich mit Routine aufrecht zu halten. Die Sitzbank unter mir ist weich und mit makellos samtig rotem Stoff bezogen. Als Valet bin ich gewohnt mit Luxus konfrontiert zu werden, ich weiß, dass ich dabei weder zu wohl noch zu unwohl wirken sollte. Möglichst ruhig sitze ich da, habe locker die Hände ineinandergelegt. Oder… naja… versuche es zumindest so aussehen zu lassen, während die Fingernägel meiner linken Hand sich so schmerzhaft wie möglich in meinen rechten Handballen bohren. Ich habe keine Ahnung, wann ich Asya das letzte Mal so habe spielen sehen. Sie spielt allgemein kaum mehr, meidet Körperkontakt zu anderen Daemonen. Sieht man von Kämpfen oder wenigen Ausnahmen ab und auch bei denen hat sie allgemein eine ruppige Art. Nascha gegenüber ist sie fast schon zärtlich. Unschuldig…, ertappe ich mich bei dem Gedanken, während sie vor Freude jault und winselt wie ein Welpe. Den Fang übermütig aufreißt und nach dem Vogel schnappt, ihn liebevoll anknibbelt, wenn Nascha nur einen Moment still hält und die Eule dann doch wieder auffordernd anstupst.
 
„Ich habe gewusst, dass ihr es seid! Ich habe es einfach gewusst!“, behauptet Asya dabei im Brustton der Überzeugung, während sie liebevoll einen Moment den Kopf gegen Naschas Gefieder presst. Hat sie nicht, das weiß ich. Ich hab ihre Unsicherheit gespürt, als sie mich danach gefragt hat vor dem Büro des Chaplains. Es kommt mir unendlich lang entfernt vor. Aber ich weiß, das würde sie nie zu geben. Sie ist stur in diesen Dingen. Ebenso wie ich. Mein Blick verliert den Fokus. Über zwei Stunden bis Sheffield. Ich zwinge mich nicht auf die Uhr zu sehen. Eine Armbanduhr. Langsam geraten sie in Mode. Bei mir ist es ein Überbleibsel aus meiner Zeit beim Militär, die Notwendigkeit eines Scharfschützen. Taschenuhren sind dabei schlicht zu empfindlich gegen Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Ich versuche meine Gedanken mit solchen Belanglosigkeiten zu füttern, dabei so wenig Präsenz wie möglich in diesem Abteil einzunehmen. In aller Regel bin ich gut in diesen Dingen. Nicht weiter aufzufallen liegt mir im Blut und ich habe es beständig perfektioniert. Aber in diesem Fall ist jede Bemühung vergeblich. Nicht zuletzt durch Asya. Bitter frage ich mich, ob die gesamte Zeit in Sheffield so laufen wird. Betretenes Schweigen und das Gefühl, dass selbst meine bloße Anwesenheit eine entsetzliche Qual für Mr. Langdon darstellt. Nun. Zur Not können wir ja über unsere Daemonen kommunizieren… oder so...

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Ohne hinzusehen höre ich, dass Larkin alle Mühe hat, die spielenden Daemonen in das Abteil zu schieben. Hart schließt er die Tür und die Körper der beiden Tiere stoßen hart gegen die Einrichtung als zählt nichts außer ihrem Spiel. Als gäbe es nichts das außerhalb von ihnen existiert. Ich zwinge mich weiterhin hinaus zu sehen, ohne dort auch nur eine der vielen Bewegungen fokussieren zu können. Nikolas Stimme erklingt zum zweiten Mal und während er zuvor noch seinen Daemon angezischt hat, so ist da nun ausgelassene Euphorie in seinen Worten. Das zu hören bricht mir beinahe das Herz. Es macht meine ohnehin schon schwere Brust noch schwerer. Aber seine Worte brechen ab. Als er sich plötzlich entschuldigt, scheint der glorreiche Moment der Wiedersehensfreude vorüber. Ich höre die Veränderung, nehme am Rande meiner Sicht wahr wie er sich setzt und trotz der ungerührt weiter tobenden Daemonen fühlt es sich an als habe sich die Luft im Abteil verändert. Und all diese Zeit, kann ich mich kaum rühren. Eisern sehe ich hinaus als wäre es das einzige, das mich aufrecht hält. Es wäre so einfach gewesen, mich zu lösen, den Moment der Freude in Nikolas Stimme zu nutzen und all meine Vorbehalte beiseite zu schieben. Ich hätte nur aus meiner Haut gemusst. Alle Sorgen Sorgen sein lassen. Ein einziges Mal etwas von Naschas Impulsivität die meine werden lassen müssen. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht und ich kann es auch jetzt nicht. Der Moment ist vorüber, der Graben, der zwischen uns liegt wieder zu groß. Ich bin zu stolz. Zu stolz und zu ängstlich. Wenn ich nur eine Sekunde vergessen könnte, darüber nachzudenken wie er mich sehen muss. Und wenn er nur ein einziges Mal mit diesem albernen „Sir“ aufhören könnte. Die Wut darüber lässt mich tief durchatmen. Als sei dieser Atemzug das was die Gefühle aus meiner Brust schieben würde. Aber das vermag nicht einmal die Luft, die sich atme. Nicht einmal das Leben konnte diese Eitelkeit aus mir heraus prügeln. Ich weiß ganz genau, weshalb er sich so plötzlich an seine Position als Valet erinnert gefühlt hat. Natürlich weiß ich das. Welches Bild liefere ich ihm auch? Steif sitze ich am Fenster, wie kann das schon auf ihn wirken? Und dabei hat er jedes Bild, das er von mir hatte beiseite schieben wollen. Ich habe ihm diesen Moment zerstört. Mit meinem Stolz. Mit meiner Steifheit. Mit meiner Unfähigkeit, mich selbst ein einziges Mal nicht so anzustellen. Was tue ich meinem Bruder an? Ich bin es, der ihm dieses „Sir“ aufzwingt. Ich bin es, der keine Sekunde damit gerechnet hat, mein Bruder könne sich auch nur im Traum Naschas Euphorie anschließen. Ich hatte erwartet, dass er mich mit Kühle straft. Mit Abweisung und Verachtung. Ja, vielleicht habe ich erwartet, dass er mich hasst. Wer würde mich nach allem was geschehen ist nicht hassen? Bin ich es doch, der auf Dode Manor leben bleiben durfte. Bin ich doch der Ältere. Bin ich doch derjenige Sohn, den unser gemeinsamer Vater anerkannt hat. Wurde er doch Zeit seines Lebens verleugnet. Musste lügen wohin er ging. Gezwungen zum Leben unserer Mutter. Und ich, der ich das privilegiertere Leben von uns beiden genießen durfte, ich hätte es nutzen und etwas von unseren Träumen umsetzen sollen. Nach jedem bisschen von den Sternen greifen sollen, das sich mir geboten hat. Und wenn es war um ein Leben für ihn mit zu leben. Seinen Fall zu rechtfertigen. Unserer Geschichte einen Sinn zu geben. Eine Aufgabe. Das Handeln unserer Eltern zu bestätigen. Stattdessen habe ich nie eine Gelegenheit erhalten nach irgendetwas zu greifen. Habe mich durchgeschlagen und jede Verbindung zu meiner Familie verachtet seit sie mich fortgeschickt haben. Ich habe mich gegen den Adel in England gestellt, wurde zum Verräter und zum einfachen Mann, habe jeden Titel verloren und bin Teil des Magisteriums geworden ohne je eine wirkliche Wahl gehabt zu haben. Und selbst an diesem Punkt angekommen habe ich nichts von den Dingen, die wir als Kinder für möglich hielten, erforscht oder berührt. Ich bin längst nicht dort angekommen, wo ich sein sollte und habe selbst jeden Glauben daran verloren, dass ich es irgendwann einmal dorthin schaffen könnte oder dass es einen Zweck hätte, es zu versuchen. Ich schimpfe immer nur mit Nascha über Davies. Aber wirklich um eine andere Stelle bemühe ich mich nicht. Im Gegenteil, es bringt mir Spaß das Unheil zu verbreiten, das er säht. Und vielleicht ist das meine gerechte Strafe. Ich alleine kann damit klarkommen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, meinem Bruder noch einmal zu begegnen. Nicht so. Ich habe nicht erwartet noch einmal einem Menschen unter die Augen zu treten, den ich liebe und vor ihm Rechenschaft ablegen zu müssen.

Und dann war da diese Euphorie in Nikolas Stimme. Dieser Funken, der mir sagte, dass ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht habe. Schon wieder. Dass ich ein Narr bin, so von meinem Bruder zu denken. Von dem Menschen, mit dem ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht habe. Dass er mich wiedersehen wollen würde ohne auch nur auf eine dieser dummen Kleinigkeiten zu achten. Dass er nicht ist wie alle anderen. Und nun habe ich es eigenhändig zerstört, das was in meinem Kopf nicht sein konnte. Oh ich bin ein so unendlich großer Dummkopf, ich hätte in diesem Moment in Tränen ausbrechen können über meine Dummheit. Aber der Graben ist bereits wieder zwischen uns. Jetzt denkt er das über mich, was ich die ganze Zeit über fälschlicherweise erwartet habe. Herzlichen Glückwunsch, Mister Langdon, das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiiung. Was bist du doch für ein Narr?! Wäre Nascha nicht so sehr mit spielen beschäftigt, es wären diese Worte, die sie mir sagen sollte. Stattdessen tollt sie mit Asya herum wie eine liebeskranke Eule und erinnert mich schmerzlich an das, was ich vor wenigen Sekunden weggeworfen habe. Wir habe ich es nur die letzten sechsunddreißig Jahre geschafft zu überleben? Ich spüre den Schmerz so tief sitzen wie Naschas Wiedersehensfreude mit Asya und beides gemeinsam gibt mir so einen schmerzhaften Stich, dass ich erstrecht nicht mehr hinsehen kann.

Asyas Worte dringen an meine Ohren und ohne es zu wollen muss ich ihr zuhören. Ihrer Stimme. Sie sollte weit weg sein, mich gar nicht berühren, aber sie dringt zu mir durch wie der Pfeil einer Armbrust. Sie klang wie früher. Sie hatte noch die selbe Stimme. Und sie hatte die selbe übermütige Unschuld. Nikolas Stimme ist nicht mehr so. Sie ist dunkler. Ich höre seine kindliche Stimme noch in meinen Ohren und muss sie miteinander vergleichen. Mit fast wissenschaftlichem Interesse bemerke ich die Veränderung. Ich weiß, dass ich mich nicht mehr fragen muss, ob ich ihn noch wiedererkenne, ich habe die Antwort erhalten. Und es war eine andere als ich sie erwartet habe. Einen Bruder wirst du immer wieder erkennen. Egal was die Welt zwischen euch gestellt hat. Und solch ein großartiges Geschenk lehne ich ab. Auch jetzt müsste ich nur den Arm vom Fenster lösen, zu ihm sehen und etwas sagen. Aber was. Was soll ich schon sagen, das mich nicht als den Narren enttarnt, der ich bin? Jetzt, da die Chance verspielt ist, ist es zu spät. Und doch weiß ich instinktiv, dass ich das nicht lange durchhalten werde. Dass ich mich hassen werde. Vielleicht für den Rest meines Lebens.

Neben meinen Beinen bäumt sich Nascha auf, flattert in die Luft und lässt sich spielerisch auf Asya fallen, bevor sie ihr frech antwortet: „Natürlich! Wir sind ein Original! Aber dass ihr es seid wussten wir nicht – nicht bevor ihr da nicht durch die Tür gekommen seid, Davies‘ Daemon ist fast von der Stange gefallen weil er so nach uns gegiert hat – ich hätts zu gern gesehen! Er hätte euch nicht mit Larkin ankündigen sollen, dann hätten wirs gewusst. Woher kommt dieser vermaledeite Name?!“ Sie fragt das übermütig und ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, man hört es ihr an. Wirft einfach raus was ihr in den Schnabel kommt, während sie sich auf Asyas Bauch fallen lässt und spielerisch die Federn über ihr ausschüttelt. Sie vergisst jede Pietät. Vergisst überhaupt, dass ich noch da bin. „Nascha…“, tadele ich sie leise. Meine Stimme ist müde, aber darunter liegt der Ton der Warnung. Ein schlichtes „wir haben über solche Dinge geredet“. Und sie weiß das. Zum ersten Mal scheint sie mich wahrzunehmen. Aufgebracht hebt sie den Kopf und sieht mich an und das lässt mir zum ersten Mal die Möglichkeit, den Kopf ein wenig zu drehen und sie ebenfalls aus dem Augenwinkel heraus anzusehen. Ihre dunklen Schwingen passen farblich so sehr zum Fell der Hündin. Wäre der Rotton nicht, sie wären wie aus einem Stoff genäht gewesen. „Was denn?!“, wirft sie mir aufgebracht entgegen, in ihrem arglosen Spiel gestört zu werden. „Du willst es doch auch wissen! Gib es zu.“ Tief atme ich aus und sehe sie noch einen Moment länger an, abwägend ob es Sinn macht sie noch einmal zu rügen. Es ist ihr vollkommen egal wie peinlich es mir ist, dass sie so frei heraus ihre Fragen ausspricht als wäre sie ein Kind. Jeden Anstand ignoriert nur weil sie mit ihrer Schwester zusammen ist. Es ist ignorant von ihr, uns Menschen nicht wahrzunehmen und Asya da auch noch mit hinein zu ziehen. Keine Rücksicht auf Verluste. Es passt so sehr zu ihr. Das Problem an der Sache ist, dass sie Recht hat. Es interessiert mich. Es interessiert mich sogar sehr. Es ist vielleicht die erste Frage, die ich Nikola gestellt hätte, wenn ich es nicht vermasselt und die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Ich ziehe die Brauen zusammen und sehe nachgebend aber wütend wieder hinaus. Nascha nimmt das als Erlaubnis zu tun worauf sie Lust hat, was ich nicht zugeben würde, womit sie aber womöglich wiederum Recht hat, und hüpft triumphierend auf Asyas Bauch herum, während sie spielerisch ihren Pfoten ausweicht. „Also! Woher kommt der Name?! Ignorier ihn einfach, er hat Probleme.“ Probleme, na herzlichen Dank. Ich wende den Kopf zurück ins Abteil, kurz davor Nascha doch noch eine scharfe Rüge zu verpassen, und das von mir aus vor allen vier Augen, die außer uns noch im Abteil sind. Aber sie funkelt mir nur hinterlistig entgegen, während sie über Asya flattert als sei die Hündin ihr alleiniger zu beschützender Freund, den ich drauf und dran bin anzugreifen. Dabei geht es weder um sie, noch um Asya. Und sie sagt mit ihrem Blick „Komm doch!“ Ich starre sie nur wütend an und weiß nicht einmal was ich sagen soll. Wieder einmal hat sie recht. Sie tut nichts verbotenes. Sie feiert ihr Wiedersehen mit ihrer Schwester. Ich habe nicht einmal etwas gegen sie in der Hand. Ich würde mich selbst nur bloßstellen wenn ich etwas sage. Mich zum Narren machen. Wenn ich nicht längst schon einer bin.

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Verstohlen betrachte ich Mr. Langdon einen Moment aus dem Augenwinkel. Er hat den Kopf noch immer gegen die Fensterfront gewandt. Ich kann seinen von mir weggedrehten Hals und die Wange sehen. Bemerke die feinen Kratzer, die sich darüber ziehen, als hätte er sich kürzlich durch eine Dornenhecke gekämpft. Sie sind bereits von einer ersten Schicht Schorf bedeckt, aber noch frisch und gerötet. Heute Morgen waren sie eindeutig noch nicht da. Da ist eine fast schon gequälte Verbissenheit in Mr. Langdons Haltung, die mich zurück an den Punkt führt, an dem ich mich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Ich sehe fast sofort wieder weg, dabei hätte ich ihn zu gerne weiter beobachtet. Aber ich hätte es wohl nicht ertragen, wenn er mich dabei erwischt hätte. In Ermangelung einer Ahnung, wo ich nur hinsehen sollte, betrachte ich eben weiterhin Asya und Nascha. Die Art, wie sie miteinander raufen. Wie Nascha spielerisch die Krallen nach Asya wirft, die schnell genug ausweichen kann oder von ihrem langen Deckhaar und der dichten Unterwolle geschützt… wird. Geschützt vor nadelspitzen Krallen… Ich blinzle, verenge etwas die Augen. Muss mich zwingen, nicht noch einmal reflexartig zu Mr. Langdon zu sehen. Die Kratzer die er hat, fein wie… Nein. Ich sehe unbestimmt zu Boden. Das Gelände des Magisteriumshauptsitzes in London hat keine Rosenhecken, denke ich dabei lahm. Spüre wie mein Kopf mich dazu verführen will weiter in diese Richtung zu denken. Wie mir die Frage keine Ruhe lässt. Wie sie auf mich eindringt zusammen mit unzähligen weiteren. So heftig und unerwartet, dass ich vollkommen von ihnen überwältigt werde. Was ist geschehen? Warum ist er kein Lord mehr? Weshalb steht er im Dienst der Kirche? Ich weiß, dass er einen jüngerem Bruder bekommen hat. Dode Manor liegt nicht allzu entfernt von London und, nun ja, ich habe den Klatsch um die Langdons verfolgt, so weit es mir eben möglich gewesen ist, ohne Aufsehen damit zu erregen. Doch es hat mehr Fragen aufgeworfen, als es geklärt hat und im Grunde habe ich mich schlussendlich mehr dafür verflucht, mich nach Informationen von der Familie zu sehnen, die ich doch nicht in dieser Tiefe bekommen würde, wie ich sie gerne hätte. Ich sehe noch immer zu Boden. Meine sorgsam polierten Schuhe mit dem rotbraunen Oberleder im Blickfeld. Asya und Nasha in der Mitte des Abteils. Mr. Langdons Schuhe auf der anderen Seite. Es sind nicht viel mehr als zwei Schritte, die uns trennen und doch kann ich in diesem Augenblick den Abgrund dazwischen fast körperlich spüren. So tief und finster, dass ich ihn kaum überblicken kann. Ich hätte dort hinab klettern können. Versuchen die andere Seite zu erreichen. Die Option erscheint so nah. So greifbar. Aber ich war nie besonders mutig in diesen Dingen.
 
Ich kann Asyas Ausgelassenheit noch immer hinter der Glasscheibe spüren, die mich zu einem teilnahmslosen Beobachter macht. Sie hat sich inzwischen auf den Rücken gedreht und die Eule lässt sich spielerisch auf sie hinabstürzen, während sie mit den Pfoten nach ihr haut. Ich kann kaum fassen wie entspannt Asya sich in einer derart empfindlichen Position verhält. In der Regel dreht sie sich höchstens mal entspannt auf den Rücken, wenn wir beide allein in einem Raum sind. Nascha hält einen Moment inne plappert nicht weniger ausgelassen drauf los. Mein Blick verliert mit einem Mal jeden Fokus, während ich unbestimmt ins Leere blicke. Nascha hat recht. Tatsächlich habe ich daran nicht einmal gedacht. Es sind inzwischen erstaunlich viele Dinge, über die ich nicht mehr nachgedacht habe. Die mir erst heute wieder auffallen. Heute da alles anders ist, die Erde unter meinen Füßen sich wie erschüttert anfühlt. Larkin war nicht mein Name, als ich von Dode Manor weg bin. Mr. Langdons Stimme erklingt und ich sehe fast automatisch auf. Reflexartig. Aber er meint gar nicht mich, er weist seinen Daemon zurecht. Ich sehe wieder weg. Erneut überlege ich fieberhaft, ob er wohl von mir erwartet Asya in den Griff zu bekommen. Aber ich wüsste nicht, wie ich es schaffen sollte, ohne Nasche dabei ungebührend nahe zu kommen. Sie sich in Asyas Brustfell geschmiegt, dass man beide Körper kaum von einander unterscheiden kann. Ich erinnere mich, wie ich im Büro des Chaplains gedacht habe, dass ich noch nie eine so dunkle Schleiereule gesehen habe. Ebenso wie Asya ungewöhnlich dunkel für ihre Art ist… Nascha fährt ihrem Menschen fast augenblicklich über den Mund und, wenn es nur im entferntesten möglich wäre, verstärkt das Gefühl besser nicht hier sein zu sollen sich noch. Wieder scheint Asya mein Unwohlsein nicht zu bemerken – oder doch wenigstens gekonnt zu ignorieren. Sie denkt jedenfalls scheinbar nicht mal daran ihre Kuschelstunde mit Nascha zu unterbrechen. Kichert stattdessen verschwörerisch über Naschas Worte. Ich spüre die Hitze meinen Nacken hinaufwandern und hätte einiges dafür gegeben, dass Asya nur ein bisschen mehr Zurückhaltung und Taktgefühl besessen hätte. Aber das hat sie noch nie. Nicht in diesen Dingen. Und darauf gedrillt zu sein sich im Griff zu haben, bedeutet nicht dass man ein Gespür für Feingefühl entwickelt hätte. Sie ist noch immer derselbe Trampel. Ich hätte Mr. Langdon gerne mindestens entschuldigend angesehen. Aber das wäre wohl kaum angemessen gewesen. Angemessen… Hätte Asya meine Gedanken gekannt, es wäre sicher nicht bei einem Kichern geblieben, sie hätte mich wohl lauthals ausgelacht. Ich spüre meinem nervösen Atem nach, als ich allen Mut zusammen nehme und den Blick hebe, Mr. Langd… Anisim entschuldigend ansehe. Meine Mundwinkel zucken dabei für einen Augenblick in die Höhe. Nur kurz und ich sehe wieder weg. Bin im selben Moment unendlich froh, dass Asya das nicht gesehen hat. Besser ich mache mir wieder meine Gedanken über Angemessenheit und überlasse die soziale Spontanität weiter Asya. „Tjaaa…“, triumphiert diese in diesem Augenblick, als wäre das eine ganz tolle Sache etwas zu wissen, was Nascha nicht weiß. Sie lässt sich tatsächlich noch einen Moment Zeit mit den Pfoten verspielt in Richtung der Eule zu schlagen, bevor sie weiter spricht. Ich denke mir, dass sie mich wenigstens einmal hätte ansehen können, wenigstens einmal stumm um Erlaubnis hätte bitten können eine Geschichte zu erzählen, die uns beide betrifft. Aber was erwarte ich schon? „Mama hatte geheiratet. Drei Jahre nachdem wir von euch weg sind.“ Sie hält einen Moment inne. Presst der Eule die Schnauze gegen die Brust, nur kurz. „Der Name unseres Stiefvaters war Larkin. Also Larkin.“ Asya könnte selbst die Erdgeschichte von ihrem Ursprung im Garten Eden bis in die Gegenwart im Jahr 1922 klingen lassen wie der Bericht um ein versehentlich heruntergefallenes Taschentuch. „Was ist mit dem ‚Lord‘ passiert, huh?“, stellt sie die Gegenfrage ebenso unbekümmert. Nein, Asya, das ist ganz bestimmt kein wundes Thema. Ganz sicher wirst du damit keine Wunden aufreißen und Gefühle verletzen. Nein, die Chancen stehen wirklich minimal, feixe ich in Gedanken und kann doch gleichzeitig nur zusehen, wie sie uns ins Verderben reitet. Ich tröste mich damit, dass es kaum mehr schlimmer werden kann.

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