„Sehr wohl, Sir“, erwidere ich auf seine Worte hin knapp, ebenso sachlich. Froh darum den Blick in einem respektvollen Nicken wieder senken zu können. Meine Sachen sind gepackt, ich hätte ihn direkt begleiten können. Aber ich bin froh es nicht zu müssen. Froh und gleichzeitig nicht froh. Hätte er darauf bestanden, dass ich ihn direkt begleite, hätte ich kein Gespräch mit Father Ibrim führen können. Selbst wenn ich weiß, dass der Father andere Wege findet mich zu kontaktieren, doch ich hätte ihm nicht persönlich begegnen müssen. Nicht mit dieser unguten Frage, nicht mit dem Gefühl, dass die Wahrheit so offensichtlich auf meiner Stirn geschrieben steht, als müsste nur jemand genau hinsehen, um sie in Großbuchstaben dort lesen zu können. Aber ob ich es deswegen vorgezogen hätte Mr. Anisim Langdon direkt zu begleiten? Womöglich den ersten Moment mit ihm allein zu sein? Um den würde ich nicht umhin kommen, irgendwo in mir weiß ich, dass das Aufschieben es nur noch schlimmer machen wird. Dass mir die Zeit bis elf Uhr nun bleibt mir all die zahlreichen Szenarien auszumalen, wie wir uns das erste Mal allein gegenüber stehen werden. Ob es bereits in London sein würde oder erst später. In aller Regel bin ich gerne auf so viele Eventualitäten vorbereitet, wie möglich, denn um der Wahrheit die Ehre zu lassen: Ich bin nicht sonderlich spontan. Ich habe Angst vor allzu unerwarteten Wandel und Ungewissheiten. Aber ich bin auch ein Zweifler und die Angst die ich habe, macht mich zu einem vorsichtigen Mann. Zu einem dessen Gedanken fast ununterbrochen arbeiten, ständig dabei sind die verschiedenen ‚wenns‘ und ‚abers‘ abzuwägen. Die ‚wie könnte es sein‘ und ‚was könnte passieren‘. Ich schätze, die meisten Menschen, Menschen die spontan sind oder solche die es nicht sind und danach leben, würde das wohl verrückt machen. Und vielleicht bin ich das ja. Verrückt. Aber es führt dazu, dass ich durch diese ständigen Gedankenspiele, eine allgemein gute Intuition und eine wachsende Erfahrung auf einen Großteil aller möglichen Szenarien vorbereitet bin. Über den Rest helfen mir erlernte Reflexe und Automatismen hinweg. In aller Regel. Ich weiß nur eines bereits jetzt: In dem Fall wird es nicht so sein. Die Gedankenspiele werden mich eher umbringen, als in irgendeiner vernünftigen Weise vorbereiten. Der rationale Teil in mir weiß, dass die Zeit die mir geschenkt wurde mehr Folter als Erleichterung ist. Ich kann es dennoch nicht verleugnen. Dieses warme Flattern von Erleichterung, das mich bis in die Fingerspitzen durchflutet. Einen Moment schwebend leicht fühlen lässt. Und als die Herrschaften ihre ‚letzten Instruktionen‘ zu klären ansetzen und der Chaplain mich dafür frei gibt, wäre ich vor Glück am liebsten los gerannt. Stattdessen liegt mein Blick die wenigen Worte, die er an mich wendet, beinahe automatisch auf dem Chaplain. Ich lasse mich weiter von antrainierten Reflexen leiten und senke noch einmal gefasst den Kopf, um mich dann ruhig zu entfernen. Der Chaplain ist die Kirche, er ist mein Herr und der Herr meines vorübergehenden Herrn. Also verzichte ich auf einen vergewissernden Blick zu Mr. Anisim Langdon, ob ich auch in seinen Augen entlassen bin. Es wäre höflich gewesen, aber in diesem Rahmen kaum mehr als eine belanglose Formalität, womöglich hätte es den Chaplain gar in seiner Ehre verletzt. Immerhin rede ich mir das zur Beruhigung meines Gewissen ein, als ich die Türe leise hinter mir schließe.
Ich drehe mich um und weiß von einem Moment auf den Anderen nicht weiter, jedes vorangegangene Glücksgefühl der Flucht, jede vorübergehende Erleichterung ist verflogen. Die innere Anweisung meines Kopfes an meine Beine sich in Bewegung zu setzen verebbt irgendwo in seinen Ansätzen. Beinahe unerträglich drückt mir die plötzliche Stille im Gang auf die Ohren und ich finde keinen Fokus gegen die dunklen schmucklosen Wände, verliere für einen Augenblick jede Orientierung. Fahrig stütze ich mich mit einer Hand gegen die Wand ab, zwinge mich ruhig zu atmen – bis Asya mir in den Unterarm zwickt. Mein Blick schießt in die Höhe, ich sehe mich um. Da steht jemand. Ich verenge etwas die Augen. Iann Calvin. Er hat gewartet. Mich nur stumm beobachtet. Aber nicht aus Rücksichtnahme, das ist mir bewusst. Hart presse ich die Zunge gegen meine Frontzähne, sehe ihm stur entgegen und er setzt sich gemächlich in Bewegung, kommt vom Ende des Gangs zu mir hinüber. Ich stoße mich von der Wand ab, straffe die Schultern. Calvin ist etwas kleiner als ich, aber kräftig gebaut und selbst wenn sein sorgsam geglättetes Haar bereits silbergraue Ansätze zeigt, strahlt er die Kraft und Agilität eines zähen Löwen aus. Sehr viel älter als ich kann er nicht sein, fünf Jahre höchstens. Aber um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung. Jedenfalls steht er deutlich länger im Dienst des Magisteriums. Er sagt mir, was ich ohnehin bereits weiß. „Father Ibrim will mit dir sprechen.“ – „Jetzt?“ – „Ach, nein, wann immer dir danach ist“, erwidert Calvin in salbungsvollen Sarkasmus und sein Daemon, Lavinia, ein braun gesperbertes Merlin-Weibchen, schüttelt missbilligend ihr Gefieder. „Natürlich jetzt!“ Ausdruckslos begegne ich Calvins Blick, ich weiß selbst, dass ich nicht ganz auf der Spur bin. Die Erkenntnis frustriert mich und die Frustration macht mich reizbar. Meine Fingernägel graben sich nur für einen Moment in meine Handballen. Ein Mal hat Lavinia den Fehler begangen Aysa im Spott zu dicht über den Kopf zu fliegen und sie hat das Merlin-Weibchen mit einem schnellen Sprung aus der Luft geholt und ihr beinahe den Flügel ausgerenkt bis Calvin sich vor Schmerz gewunden hat. Die Erinnerung gibt mir selbst unter diesen Umständen ausreichend Genugtuung um jetzt nur zu nicken und mich von Calvin in den Fünften Saal begleiten zu lassen.
Ich hätte den Weg auch alleine gefunden, aber ich schätze Calvin hat den Auftrag dazu oder er spekuliert darauf den ein oder anderen Brocken an Informationen abgreifen zu können – oder beides. Das liegt ihm einfach zu sehr im Blut. Er ist ein Valet, inoffiziell im Dienst der Inquisition, ebenso wie ich. Tatsächlich schläft er sogar ein Bett neben mir, wenn wir beide in Gordon House sind und die himmlischen Kräfte bewahren, dass dies allzu häufig vorkommt. Wir teilen uns einen Schrank und ich hasse die Tatsache allein. Er kennt jeden Gegenstand, den ich dort aufbewahre, was so ziemlich mein ganzer Besitz ist, so wie ich den seinen. Es ist einfacher das zu ignorieren, wenn wir uns so selten wie möglich sehen. Wir machen die selbe Art von Job und kennen uns viel zu gut, dafür dass wir uns nie haben leiden können. Nimmt man den Steward dazu kann man meinen ich hasse das halbe Haus. Aber dafür kenne ich das Haus vermutlich zu wenig. Selbst nach fünf Jahren. Der Großteil der Dienerschaft kommt und geht oder ich habe nicht viel mit ihr zu tun. Mit denen komme ich deutlich besser zurecht, was wohl vor allem daran liegt, dass wir uns nur oberflächlich auseinandersetzen müssen. Keine Ahnung, was das über mich aussagt, vielleicht bin ich einfach kein besonders sozialer Mensch. Was schätze ich schon sehr ironisch wäre bei meinem Job.
Father Ibrim gehört zu diesen Männern deren Äußeres beinahe zeitlos ist. In fünf Jahren kann ich nicht sagen, dass er auch nur um einen Tag gealtert wirken würde und an besseren Tagen schließen Asya und ich manchmal Wetten ab, wie alt der Father wohl sein mag. Aber das ist nicht das einzige, was Father Ibrim unter den anderen Geistlichen der Magisteriumsbehörde abhebt. Vergleicht man ihn sagen wir mal mit Father Colbert, so könnte man ebenso gut das von Zuckerstücken ernährte Pony der kleinen Tochter eines wohlhabenden Lords neben ein Englisches Vollblut stellen, das für die Jagd ausgebildet wurde, und behaupten sie gehören derselben Gattung an. Oberflächlich betrachtet mochten beide Pferde sein, aber der Unterschied ist für einen Blinden ersichtlich. Father Ibrim ist kein sonderlich großer Mann, aber von einer sehnigen Kräftigkeit. Der Blick aus seinen dunklen, fast onyxfarbenen Augen strahlt eine immerwährende Wachsamkeit aus mit der er stetig seine Umgebung taxiert. So stehen wir da also. Calvin und ich. Unter Father Ibrims strenger Präsenz. Den Blick gesenkt, Seite an Seite. Wie zwei nervöse Schuljungen, ohne auch nur das geringste ausgefressen zu haben. Nun, Calvin zumindest nicht – schätze ich. Ich habe durchaus etwas zu befürchten. „Danke, Calvin.“ Ohne aufzusehen, höre ich, wie Calvin den Saal verlässt. Bei all seiner unbarmherzigen Ausstrahlung, überrascht es mich immer wieder wie hell und weich Father Ibrims Stimme klingt, aber ich weiß, sie ist die Zuckerlösung, die man aufstellt, damit die Fliegen darin ertrinken. Langsam setzt Father Ibrim sich von der Stelle an der er gestanden hatte aus in Bewegung, ich höre seine ruhigen, festen Schritte und wünsche ich könnte den Blick heben. Minimal verenge ich die Augen unter der Anstrengung es nicht zu tun, fixiere eine bestimmte Musterung in dem gekachelten Boden vor mir. „Keine Besonderheiten dieses Mal.“ Es klingt wie eine Feststellung, aber ich bin mir augenblicklich unsicher, ob es nicht doch eine Frage ist – oder Father Ibrim mich damit testen möchte. Wenn er mich verunsichern will, dann ist ihm das ohne Zweifel gelungen, doch dazu braucht es heute auch nicht mehr viel, schätze ich. Ich frage mich, ob er erwartet, dass ich etwas sage. Ich hatte nicht geglaubt, dass es noch etwas aus meinem Leben gibt, dass die Kirche nicht kennt. Nichts von gravierender Bedeutung jedenfalls. Eine angenehme Vorstellung ist das nie gewesen, aber sagen wir eine an der es nicht viel zu ändern gibt, die ich irgendwann aufgehört habe zu hinterfragen und manchmal… manchmal hat sie fast beruhigende Wirkung. Ich bin jemand der ein fast schon instinktives Bedürfnis nach Geheimnissen hat. Ich habe nie herausgefunden weshalb. Es ist nicht einmal so, dass sie mir besonders wichtig wären oder ich es besonders genießen würde ein verschlossener Mensch zu sein. Es ergibt sich einfach. Hat sich schon immer ergeben. Ich rede über etwas nicht und zack ist da ein Geheimnis. Etwas das nur mir allein gehört. Etwas, das vielleicht, aber auch nur vielleicht von außen verletzt werden könnte und so behalte ich es für mich. Es kann jedoch eine gleichermaßen anstrengende Aufgabe sein. Eine Anstrengung von der die Kirche mich sozusagen entbunden hat. Fragt sich zu welchem Preis. Aber wenn ich eines in ihren Diensten gelernt habe, dann dass es besser ist, über manche Dinge nicht zu gründlich nachzudenken. Ein zweifelhaftes Fazit, ich weiß. Und das wiederum bleibt mein Geheimnis.
Wenn man es so betrachtet, habe ich akzeptiert, dass es nichts mehr in meinem Leben gibt, das ich vor den Augen der Kirche wirklich hätte privat halten können, wenn sie es sehen möchten (glücklicherweise wollen sie gar nicht alles so genau sehen). Aber ich habe mich nie so sehr gefragt, was es geben könnte, das sie nicht wissen können. Vielleicht weil ich mir nie falsche Hoffnungen machen wollte. Nie in Versuchung geraten. Ich frage es mich jetzt. Ich frage es mich seit ich im Büro des Chaplains Anisim Langdon gegenüber gestanden habe. Ich frage mich ob jemand wissen kann, was unsere Eltern damals vertuscht haben. Was meine Mutter – so weit ich weiß – ins Grab genommen hat. Ich frage mich, ob man es uns ansehen kann. Ob jemand mit bloßem Auge erkennen könnte, dass er und ich Brüder sind. Söhne derselben Mutter mit demselben Vater.
„Ich erwarte Berichterstattung nach deinem üblichen Rahmen und gegebenen Möglichkeiten.“ – „Ja, Father.“ Ich sehe selbst jetzt nicht auf. Nicht einem Father gegenüber. Dafür hätte es schon besondere Umstände gebraucht, beispielsweise wenn er mir die Beichte abgenommen hätte. Aber das ist eine rein dienstliche Unterredung. Noch. Also halte ich den Blick demütig gesenkt und bin für den Moment entsetzlich froh, dass er mir nicht in die Augen sehen kann und dass Asya fast wie versteinert neben mir sitzt, sich mit fast schon trotziger Verbissenheit nicht einen Milimeter rührt, als könnte das unser letzter Widerstand werden. „Außer du willst noch etwas hinzufügen?“ Für einen Augenblick stockt mir der Atem. Ich muss mich aktiv daran erinnern wieder die Luft in meine Lungen strömen zu lassen. Muss mich förmlich dazu zwingen. Da sind wir also. Der Moment in dem ich ein Geheimnis wahren kann oder offen sprechen. Wie gesagt, es gibt da meine instinktive Neigung. Egal ob sie klug ist oder nicht. Das Problem ist nur, ich bin nicht besonders dumm. Ich denke manchmal es wäre so viel einfacher, wäre ich es. Und vielleicht ist es auch weniger meiner Intelligenz geschuldet, als dieser Angewohnheit alles bis ins kleinste Detail zu überdenken und anzuzweifeln. Jedenfalls, ich weiß, dass es keine so simple Entscheidung ist. Es geht nicht nur darum ein Geheimnis zu wahren oder es auszuplaudern. Vielleicht wäre es das, wenn ich sicher sein könnte, dass Father Ibrim besagtes Geheimnis nicht kennt. Aber das kann ich nicht. Schon gar nicht, da er für seine Art so ungewohnt plakativ danach fragt. Vielleicht weiß er alles und will meine Loyalität auf die Probe stellen, will testen wie gut ich über die Jahre gelernt habe. In diesem Fall wäre das beste für mich, ihm zu sagen, was er ohnehin bereits weiß. Ich würde nichts verlieren dabei und könnte meine Integrität der Kirche gegenüber wahren. Ebenso gut möglich wäre es jedoch, dass Father Ibrim allein einen Verdacht hat. Ihm alles zu erzählen wäre in die Falle zu tappen, die er ausgelegt hat. Ihm die letzten Informationen zu geben, die er noch nicht über mich hat. Ihm noch mehr gegen mich in die Hand zu geben, mit dem er mich zerstören könnte, sollte ich je wagen aus der Reihe zu stolpern. Bei allem, was er bereits weiß, wäre das vielleicht der geringere Verlust, gegen das Risiko mich potentiell als unehrlich zu entlarven. Doch es betrifft in diesem Fall nicht nur mich. In dieser Hinsicht habe ich – ganz nüchtern gesehen – schlicht nicht mehr viel, was ich verlieren kann. Nicht im Vergleich zu meinem… zum Earl of Kentfordshire und seiner Familie und zu Mr. Anisim Langdon. Und damit bleibt die letzte Möglichkeit, dass Father Ibrim nicht das geringste weiß. Dass er nur eine Nervosität oder dergleichen an mir bemerkt hat und ich Gespenster sehe. Das alles ein riesiger Zufall ist und ich mich und andere um Kopf und Kragen rede, wenn ich… Ja. Ich hatte es erwähnt, einen normalen Menschen würden meine Gedanken wohl wahnsinnig machen. Das tun sie ja schon Asya, wann immer ich ihr von ihnen erzähle. Ich entscheide mich im Bezug auf Father Ibrim zu einem Mittelweg, einer der mir hoffentlich helfen wird die Situation besser einzuschätzen. Ich schweige noch einen Moment, lege mir in antrainierter Manier die Worte zurecht, bevor ich spreche. „Meine Mutter war im Haushalt des Earl of Kentfordshire angestellt, Father. Ich bin dort aufgewachsen.“ Ich stelle die Worte einfach in den Raum, überlasse es dem Father weiter darüber zu verfügen. Doch er schweigt. Er schweigt so lange, dass ich irgendwann doch verstohlen den Blick hebe. Sein Daemon bemerkt es, aber er sieht mich nur aus unergründlichen Reptilienaugen an. Father Ibrim steht am Fenster, die Augen nach draußen gerichtet, die Hände auf den Rücken verschränkt. Er bemerkt meinen Blick nicht oder lässt mich zumindest gewähren. Nichts in der Haltung des Fathers gibt mir den geringsten Aufschluss. Ich sehe wieder zu Boden. „Ist das ein Problem?“, fragt er irgendwann. Seine Stimme klingt geistesabwesend. „Nein, Father“, erwidere ich ordnungsgemäß.
Doch selbst nachdem Father Ibrim mich längst den nötigen Vorbereitungen überlassen hat, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir beide wissen, dass ich das nicht deswegen erwähnt habe.
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