Wenig später verlasse ich das Büro. In Sheffield geht es um die Internationalen Beziehungen mit anderen natürlichen Theologen, die in anderen Machtbereichen des Magisteriums die Erkenntnisse voran bringen. Ich habe einen Haufen Unterlagen mitbekommen, den ich durchsehen muss. Im Zweifelsfall muss ich bereit sein, Fragen dazu zu beantworten. Ein Repräsentant muss auch das nötige Fachwissen besitzen. Und ich weiß, was ich nicht habe.
Die Tür schließt sich hinter mir und ich begebe mich den Gang hinunter, biege um Ecken mit einer Sicherheit als wüsste ich ganz genau was ich tue. In Wahrheit fühlt es sich an als würde ich schlafwandeln. Mein Körper trägt mich den gewohnten Weg fort von Davies Büro, durch die Türen und Flure von Gordon House bis über die Galerie, vorbei am Treppenhaus. In mir herrscht Leere. Absolute Leere. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Es ist wie dieser Moment, in dem du dich mit einem Messer schneidest, aber die Haut noch weiß und aufgetrennt vor dir liegt, kurz bevor das Blut einsickert. Als müsste der Körper erst einmal realisieren, dass er verletzt worden ist. Mit der selben Heftigkeit, mit der eine Schnittwunde zu bluten beginnt, übermannen mich die Gefühle. Keine klaren Gedanken. Nur Gefühle. So alles überschattend, dass die Welt um mich herum jede Bedeutung verliert. Sie ist da, jeder Stein, jedes Stück Holz, jeder Spiegel ist noch immer da, aber sie alle haben zeugen von purer Ausdruckslosigkeit. Wie Zuschauer starren die Wände auf mein Leiden hinab. Ich packe die nächstbeste Tür, öffne sie. Es ist nur ein Besenschrank dahinter. Ich denke nicht nach, trete hinein, ohne eine weitere Vorsichtsmaßnahme und bin vom Flur verschwunden.
Gegen die geschlossene Tür gelehnt, sacke ich zu Boden. Der Anzug zieht über meiner Schulter während ich die Arme vor das Gesicht presse, den Kopf auf meine Handgelenke und meine Handgelenke auf die Knie stütze. Ich spüre die Tränen in mir aufkommen, das Schluchzen schüttelt meinen Körper. Aber Nascha ist nicht still. Sie lässt mich nicht leiden. Sie stößt sich von meiner Schulter ab, ihre Flügel schlagen gegen meinen Kopf. Dann wirft sie aus der Luft die Greife nach mir, ihre Klauen bohren sich in meinen Hals, ihr Schnabel zieht an meinem Ohr und sie zischt dabei vor Wut. Unermüdlich schlägt sie auf mich ein. Ich drehe den Kopf weg, hebe einen Arm um mich halbherzig vor ihr zu schützen, aber das Schluchzen hört nicht auf. Wie ein kleines Kind sitze ich da und bin am Heulen und Nascha schlägt auf mich ein wie ich es verdient habe. „Du Taugenichts! Das ist deine Lösung?! Das ist deine erbärmliche Reaktion?!“, zischt sie zwischen zwei Schlägen. „Hältst mich fest und brichst dann so zusammen?! Ist das eine Art deinen Bruder wieder zu begrüßen, du Scheusal?! Schämen kann man sich für dich!!! Jetzt steh endlich auf!!! Steh auf!!!, kreischt sie jetzt. Wütend senke ich den Arm und schlage nach ihr. Aber sie weicht mir rechtzeitig aus. „Wir hatten eine Abmachung!“, presse ich bebend hervor. Ich denke gar nicht daran aufzustehen. Mag sein, dass ich mich gerade verhalte wie ein kleiner Junge, damit hat sie vielleicht gar nicht Unrecht, aber ich schaffe es wenigstens das nicht in aller Öffentlichkeit zu tun. Ganz im Gegensatz zu ihr. „Du wolltest fliegen! Direkt unter Davies Augen! Was denkst du was das über uns gesagt hätte?!“, presse ich voller Hass hervor. Mit wütend aufgeplustertem Gefieder landet Nascha endlich auf dem Rand eines Eimers. Ihre Augen reflektieren im Halbdunkel. „Und du hast mich festgehalten! Was denkst du, sagt DAS über uns aus?! Jetzt hat er gesehen was er sehen wollte!!!“ – „Einen Menschen, der sich unter Kontrolle hat.“ – „Einen Menschen, der etwas zu verbergen hat!“ Wütend knirsche ich mit den Zähnen und wende den Blick ab. „Siehst du? Du weißt, dass ich recht habe. Du bist so verklemmt.“ In ihrer Stimme klingt Abscheu. Ich kenne das gut genug. Einen langen Moment schweigen wir einfach wütend vor uns hin. Immerhin hat das Schluchzen aufgehört. In all meiner Wut fühle ich mich leer und ausgelaugt. Ich könnte einfach für immer in dieser Besenkammer bleiben, alles wäre wunderbar… „Und? Was hast du jetzt vor, großer Mensch, der sich unter Kontrolle hat?!“, bricht Nascha kiebig die Stille. Ich schnaube nur zur Antwort. Soll sie lästern. Sie weiß nicht wie das ist. „Oh, ich sehe. Wir verkriechen uns also in der Besenkammer solange bis uns das Personal findet und die Gerüchte wieder im gesamten Gordon House die Runde machen.“ Wütend hebe ich den Blick und funkle Nascha an. Sie starrt unbarmherzig zurück. Noch wütender als meine Wut auf sie macht mich die Tatsache, dass sie Recht hat. Ich hasse es so sehr, von ihr belehrt zu werden. Es gibt mir das Gefühl genau so unwürdig zu sein wie sie es mir vorwirft. Sie kann jedes Selbstwertgefühl innerhalb von wenigen Sekunden zerstören. Leider auch jede Dummheit. Jedes Drama. Jede unnötige Schwäche. Der Gedanke besänftigt. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe. Etwas in mir kommt auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich fühle die Ruhe zu mir zurück kehren. Nascha sitzt da immer noch und wartet. Zum ersten Mal seit einer Weile hält sie den Schnabel, aber ihr Blick ruht nach wie vor auf mir. „Wenn ich dich daran erinnern darf, Aksinya ist genauso meine Schwester wie Nikola dein Bruder ist. Und ich habe nicht vor, sie für den Rest dieses Kongresses in Sheffield anzuschweigen, also lass dir gefälligst etwas einfallen.“
Nachdenklich betrachte ich den Reisigbesen, der links von mir in einer der Ecken steht. Wenn sie das so sagt klingt das ungewollt absurd. Sie hat Recht. Schon wieder. Tatsächlich habe ich aber Angst vor dem Moment in dem wir reden. Nikola und ich. Was soll ich ihm schon sagen. Und das mit Asya wird auch nicht so leicht klappen, wie Nascha sich das vielleicht vorstellt. Was sagt man sich nach bald dreißig Jahren wenn man sich zuletzt als Kinder gesehen hat? Ich bin nicht mehr der selbe wie damals. Damals war ich frei und habe geträumt, ich war unbedarft und bereit die Welt zu erklimmen. Heute bin ich alles andere als das. Nikola wird enttäuscht sein. Er wird feststellen müssen, dass ich weniger geworden bin. Er wird mich wie ich heute bin neben den Jungen von damals stellen, genau wie ich es mit ihm getan habe und er wird sich genauso fragen wie ich, was aus mir geworden ist. Nur, dass ich in ihm einen stählernen Mann gefunden habe, der zwar nicht mehr der Junge von damals ist, aber doch gegen jede Unwegbarkeit des Lebens gewappnet ist. Und was wird er in mir finden? Ja, was mache ich hier eigentlich? Wer bin ich eigentlich geworden? Ich bin sechsunddreißig Jahre alt und nichts als der Überbringer schlechter Botschaften. Ich hätte längst Chaplain sein können. Meine eigene Abteilung leiten… Die Dinge voran bringen, etwas bewegen. Stattdessen hänge ich hier fest und lasse mich vorführen wie ein Pferd auf dem Zuchtmarkt und das nur indem man mir einen ehemaligen Bediensteten aus dem Hause meines Vaters vor die Nase setzt. „Davies hat ziemlich selbstgefällig gewirkt, findest du nicht?“, frage ich schließlich ernst und nachdenklich, den Blick noch immer auf dem Besen liegend. „Selbstgefällig ist gar kein Ausdruck. Merimma sind beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen vor Gier. Hätte sie sich nur noch ein Stückchen weiter vorgebeugt wäre sie von ihrer goldenen Stange gefallen. Das arme Ding.“ Nachdenklich wende ich den Blick zu Nascha, ihren Zynismus ignorierend. „Er weiß etwas.“ – „Davon ist auszugehen. Und du hast ihm den besten Beweis geliefert, dass er auf der richtigen Spur ist. Egal wie viel es ist das er weiß, er hat die Bestätigung, dass du nicht willst, dass er davon erfährt.“ Ich brumme unwillig. Könnte sie bitte aufhören, ständig Recht zu haben?! Ich weiß ganz genau, warum ich sie sonst vornehmlich schweigen lasse sobald wir in der Öffentlichkeit sind. Ich sehe nachdenklich weg. „So wie er es angelegt hat wirkt es wie ein Test…“ – „Oder wie der Genuss eines kalkulierten Momentes.“, wirft Nascha trocken ein. Wenn sie Recht hat, dann weiß er längst mehr als mir lieb ist. Woher auch immer. Was auch immer er damit anstellen will. „Aber warum mich dann mit Larkin – Nikola – auf den Kongress schicken?“ – „Kollateralschaden.“ – „Oder um mir zu beweisen, dass er etwas gegen mich in der Hand hat.“ – „Und?“ – „Was ‚Und‘?“ – „Was wäre, wenn er davon wüsste? Das ist kein echtes Druckmittel, findest du nicht? Es hatte schon seine Gründe, dass deine Frau Großmamá die Sache so wasserdicht arrangiert hat. Wenn irgendein Magisteriumschaplain auf die Idee kommt, deine Identität in Frage zu stellen und in der Welt verbreitet du seist ein Bastard, dann geht das höchstens als wildes Gerücht durch.“ Finster hebe ich den Blick und sehe Nascha an. „Ein wildes Gerücht, das die Familie lange genug verfolgt bis es widerlegt ist.“ Ungestüm hebt Nascha den Kopf. „Und?! Was bindet dich noch an sie?! Aus der Erbfolge bist du so oder so raus. Sie wollen nichts mehr von dir wissen. Du willst nichts mehr von ihnen wissen. Wer verliert etwas?!“ – „Wir. Ich erinnere dich freundlich an die ‚Gerüchte im Gordon House‘.“ – „Pah, ein bisschen Ungemach… ein wenig Sagenbildung hat noch niemandem geschadet.“ Einen Moment lang schweige ich und sehe in die Dunkelheit. Das gefällt mir alles nicht. „Trotzdem, er führt etwas im Schilde.“ Nascha sieht zu mir hinüber und schweigt. Nur einen Moment. „Also? Wie lautet dein brillanter Plan?“ Tief stoße ich die Luft aus den Lungen aus. Das ist eine gute Frage. Aber viel Handlungsspielraum bleibt mir nicht. „Weitermachen wie bisher.“, antworte ich ergeben. „Uns in der Öffentlichkeit nichts anmerken lassen, wachsam bleiben und darauf warten, dass Davies einen Fehler macht oder wir anderweitig erfahren was er vorhat.“ – „Aber im privaten Rahmen darf ich mit meiner Schwester umgehen wie es mir gefällt?“ Ich ahne, dass ich um dieses Eingeständnis nicht herum komme. Also gebe ich kraftlos nach. „Meinetwegen…“ Nascha plustert fröhlich die Federn und gibt ein siegreiches Fiepen von sich, dann hüpft sie von ihrem Eimer zu mir zurück und ist mit einem Sprung von meinem Arm zurück auf meiner Schulter angekommen. Immerhin achtet sie diesmal darauf, mich nicht mit ihren Schwingen zu schlagen. „Na dann los! Was machen wir noch in der Besenkammer?!“, fragt sie mit plötzlichem übersprühendem Enthusiasmus. Ich weiß jetzt schon, dass ich das bereuen werde. Aber für den Moment ist es mir Recht. Ich lege die Hände auf den Boden und stoße mich ab um wieder auf die Beine zu kommen. Nascha gleicht meine Bewegungen gekonnt aus, während ich steif in den Knochen wieder in eine aufrechte Position gelange. Ich klopfe meine Hosenbeine ab, straffe die Weste und das Sakko. Dann wische ich mir über das längst trockene Gesicht, fahre mir ein letztes Mal mit der Hand über die Augen. Dann öffne ich vorsichtig die Tür der Besenkammer. Draußen ist niemand zu sehen. Ich trete hinaus und schließe langsam die Tür hinter mir. Dann gehe ich ernst und gelassen den Gang hinunter als wäre nichts gewesen.
In meinem Zimmer angekommen spritze ich mir erst einmal kühles Wasser ins Gesicht. Ich habe ein kleines eigenes Badezimmer – was mir sehr wichtig ist. Gordon House verfügt über fließendes Wasser, sowohl kalt als auch warm und so gibt es keine Waschschüssel, die ein Hausmädchen regelmäßig auffüllen müsste, sondern ein angenehm leicht sauber zu haltendes Keramikwaschbecken. Das mag vielleicht ein gewisser Luxus sein. Aber immerhin nehme ich auf diese Art und Weise nur ein Zimmer ein und koste Gordon House nicht den Unterhalt eines gesamten Hauses. In meinem Besitz befindet sich eine kleine Wohnung, die sich in der Nähe von Covent Garden in einem Dachgeschoss befindet. Eine Mansarde. Man könnte meinen, sie sei eher einem Dienstboten angemessen, aber sie ist geräumig und als Kind sind mein Bruder und ich viel durch die Räume der Dienstboten getollt. Ich habe kein Problem mit engen Räumen. Im Gegenteil, ich finde sie gemütlich. Sie beschützen. Von meiner Wohnung kann man das wirklich sagen. Aber ich sehe sie nicht oft. Meist sind meine Dienste so häufig und in so kurzen Abständen im Gordon House von Nöten, dass es kaum Sinn ergeben würde, es für die kurzen Zeitspannen, die mir bleiben zu verlassen. Daher das Zimmer. Ich behalte die Wohnung dennoch. Einfach weil ich es kann. Sie ist mein kleiner Teil Selbstbestimmung. So etwas wie meine wohlgehegte Würde. Sie gibt mir einen Grund, mich von niemandem, nicht einmal dem Chaplain angreifen und aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich weiß, dass es da diesen Ort gibt, an den ich mich zurück ziehen kann. Diesen Ort, der nur ganz allein mein ist. So sehr mein wie es mein Kopf ist. Und das lässt alles andere, das man mir an den Kopf werfen könnte zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus rauschen. Nichts als Worte. Nichts das mich treffen könnte. Denn ich weiß so viel mehr als sie wissen. Diese Wohnung ist wie ein Schutzschild. Wenn auch nur im Geist. Sie ist der kleine säuberlich ausgefeilte Teil meines Lebens, der ganz allein mir untersteht und über den niemand sonst Macht verfügt. Wenn es auch nicht viel gibt, das ich im Leben erreicht habe, die Mansardenwohnung im Covent Garden ist das Schmuckstück davon. Sie macht mich unangreifbar. Normalerweise. Meinem Bruder zu begegnen, das ist eine ganz andere Kategorie.
Ich trockne mir das Gesicht ab, dann kehre ich in mein Zimmer zurück. Nascha dreht dort lautlose Kreise über dem Bett. Einfach weil sie es kann. Das Zimmer ist eigentlich zu klein für gute Flüge, aber wenn ihr langweilig ist nutzt sie jedes bisschen Platz, das sie nutzen kann. Und seit ich zugesichert habe, dass sie zumindest im privaten Rahmen mit Aksynia Kontakt aufnehmen darf ist sie in Höchstlaune. Ich kann mich nur damit trösten, dass es diesen privaten Rahmen kaum geben wird. Höchstens beim An- und Auskleiden. Und das werde ich meinen Bruder entweder gar nicht erst ausführen lassen oder schlicht schweigen. Ich bin nicht gezwungen zu reden. Nein. So viel nehme ich mir vor. Soll Nascha tun was sie für richtig hält. Deswegen bekommt sie mich noch lange nicht dazu mir komplett jede Blöße zu geben und etwas zu tun das ich nicht möchte.
Nascha summt leise über mir in der Luft während ich meine Sachen aus dem Schrank nehme und in den ledernen Koffer lege. Ich werde nicht zulassen, dass mein Bruder meine Sachen packt. So tief bin ich noch nicht gesunken. Personal hin oder her. Auf dem Bett habe ich einen neuen Frack und einen Smoking gefunden als Nascha und ich angekommen sind. Beide reisefertig in Schutzhüllen gelegt. Sie werden beide passen, Davies Schneider kennt meine Maße. Sie sind hübsch, in Dunkelblau und schwarz gehalten, was beides meinen Geschmack trifft. Es fühlt sich dennoch fremd an, sie zu meiner Garderobe zu zählen. Als sei ich nicht selbst in der Lage dazu einen Schneider aufzusuchen. Als wüsste ich nicht selbst was sich gehört. Fühlt es sich an wie bevormundet zu werden? Ja. Es gab eine Zeit in der ich es genossen habe, einige Entscheidungen nicht selbst treffen zu müssen. Lange Zeit war ich schlicht daran gewöhnt. Aber je älter ich werde desto mehr widerstrebt es mir.
Als es elf Uhr wird habe ich das Zimmer längst verlassen. Ich will Larkin nicht begegnen, wenn er die Koffer abholt. Überhaupt mag ich den Gedanken nicht, dass er dieses Zimmer betritt. Aber immerhin, nicht meine Wohnung. Also kann es mir im Grunde gleichgültig sein. Bewusst habe ich jeweils eine Stunde Zeit zwischen den Terminen gelassen. Ich möchte nicht, dass etwas knapp wird. Zum einen gerät ein Gentleman nicht in Eile und zum anderen gerate ich nicht gerne in Eile. In Eile verliert man die Kontrolle. Dinge laufen nicht geregelt und ich bekomme das Gefühl, wichtige Dinge zu vergessen, ohne dass es unbedingt der Fall ist. Und viel schlimmer: wenn es schnell gehen muss, tue ich die Dinge lieber selbst. Als seien Andere nicht in der Lage dazu, die Dinge ordentlich auszuführen. Es ist als hätte ich kein Vertrauen in meine Mitmenschen. Und dabei weiß ich, was Personal alles vollbringen kann. Viel besser als meinereiner es je könnte. Und doch kommt diese irrationale Hektik und das Gefühl des Kontrollverlusts empor, jedes Mal wenn ich einen zu knappen Zeitplan ansetze. Also plane ich aus Erfahrung großzügig.
Die Stunde bis der Wagen vorfährt verbringe ich auf einer Bank im Innenhof des weitläufigen Hauses. Dort ist ein kleiner Park angelegt. Nicht groß, aber groß genug um eine symmetrische Figur aus Kieswegen zu bilden wenn man aus einem der Zimmerfenster hinunter schaut. Ich habe die Mappe mit Unterlagen bei mir, die mir Davies zur Durchsicht ausgehändigt hat. Aktuelle Projekte und Themen des Magisteriums, die potenziell in Sheffield zur Sprache kommen werden. Damit werde ich eine Weile beschäftigt sein. Und noch eine unnötige Weile mehr, denn meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Zu Davies. Und dem was er vorhaben könnte. Ich zwinge mich, nicht an die bevorstehende Zugreise zu denken. Aber es hilft mir, mich an meinen Vorsatz zu erinnern, nach außen hin die Haltung zu wahren. Der Plan ist wie ein Grashalm, an dem ich mich verzweifelt festklammere. Nascha sitzt brav auf meiner Schulter und hat die Augen geschlossen. Während sie die Augen geschlossen hält, fiept sie leise jedes Mal wenn jemand den Hof durchquert, damit ich ihn im Auge behalten kann. In Gordon House kann man nie wissen.
Pünktlich kurz vor zwölf begebe ich mich in die Eingangshalle. Der Steward soll nicht nach mir suchen müssen. Oder womöglich Larkin. Der Wagen steht rechtzeitig zur Stelle, die Vordertür von Gordon House steht einladend offen. Der Steward sieht mich kommen. „Sir, der Wagen steht bereit.“ Ich nicke ihm dankend zu und er senkt respektvoll den Kopf. Ich trete hinaus. Ein Butler hält die Wagentür offen. Ein dunkelblauer Rolls Royce. Vermutlich um die fünf Jahre alt. Auf den Straßen von London findet man nur gelegentlich Autos zwischen den Kutschen. Sie gelten als extravagant. Aber das Magisterium fördert diesen Fortschritt und hat sich direkt bei Markteinführung mit einigen Modellen eingedeckt. Im Gegenteil: im Magisterium wirkt man auf der anderen Seite als extravagant wenn man eine Kutsche anfordert. Selbstverständlich lässt es sich auch der Adel nicht nehmen, diesem Trend zu folgen. Generell aber etwas langsamer und mehr auf dem Land als in der Stadt – man möchte sich schließlich vom Magisterium abgrenzen. Aber die Technologie ist dennoch zu verlockend um ihr ganz zu entsagen. Das übliche Muster.
Bewusst werfe ich keinen Blick nach vorne auf den Bock. Neben dem Fahrer erkenne ich im Augenwinkel eine zweite Gestalt. Larkin, Naschas Unruhe nach zu urteilen. Sie klettert über meinen Nacken auf die andere Schulter während ich einsteige, was äußerst unpraktisch ist. Ich habe nicht vor ihr mit dem Türrahmen einen Schlag zu verpassen. Aber sie gibt sich Mühe, diese Pläne zu durchkreuzen. Jetzt sitzt sie auf meiner anderen Schulter. Der Wagen fährt ab. Mein Blick liegt konsequent auf der Straße. Ich will bewusst nicht nach vorne sehen. Das macht die Dinge um einiges einfacher.
Mein Plan, jede private Situation mit Nikola Larkin zu meiden funktioniert sogar bis zum Zug ohne größere Zwischenfälle. Im Grunde ist das besser als ich es erwartet habe, aber ich erlaube mir bewusst nicht darüber nachzudenken. Während der Fahrer und Larkin gemeinsam das Gepäck verstauen verabschiede ich mich bereits in den Zug und lass mir die Nummer meines Abteils geben. Die Zweiundzwanzig. Dunkles Holz und helle Vorhänge. Quasten und Toddeln an den Fensterschals. Goldfarbene Messingbeschläge und Türklinken. Der Gang erlaubt wenig Platz, aber ich benötige auch keinen Platz. Ich finde mein Abteil. Öffne die Tür. Zwei sich gegenüberliegende Sitzbänke mit rotem Stoff bezogen. So scharlachrot wie die Uniformen der Royal Marines. Rasch trete ich ein und schließe die Tür hinter mir. Ich setze mich ans Fenster. Als hätte ich einen Schalter umgelegt, erwacht Nascha wieder zum Leben. Sie klettert von meiner Schulter auf meinen Arm. Vom Ellenbogen aus springt sie auf das Sitzpolster neben mir. Ich verfolge ihre Bewegungen einen Moment lang mit dem Blick. Mit wackelnden Schritten inspiziert sie den Sitz, aber fürs erste scheint ihr das zur Beschäftigung zu reichen. Ich richte den Blick aus dem Fenster und verfolge das geschäftige Treiben des Bahnhofs. Überall qualmt der Rauch der Dampflocks. Pfeifen tönen. Menschen hasten von A nach B.
Sheffield also. Immerhin haben Nascha und ich für eine Weile unsere Ruhe. Zwei Stunden Dreißig Minuten Fahrt von Kings Cross aus. Das ist mehr als genug Zeit um wieder zu Atem zu kommen. Oder zu viel zu denken. Ganz wie man es betrachtet. „Sie werden wenigstens einmal mit dem Speisewagen vorbei kommen, oder?“ – „Ich denke, ja…“, antworte ich abwesend. Aber im Grunde ist es mir egal. Für Nascha mag es langweilig werden. Ich aber bin froh um die Ruhe. Selbst wenn sie mich zerfleischen sollte.

