Er sprang vor, den linken Arm vorgestreckt, den rechten nach hinten. Dort würde er das Messer haben. Ich drehte mich ein wenig, nicht zu weit ausholend – hol aus und dein Gegner nutzt die Zeit, die du für den Schwung brauchst gnadenlos für den Angriff während du ungeschützt bist – und verpasste dem vorgestreckten Arm einen Schlag mit dem Messer, der den O’Connell aus dem Gleichgewicht, und weg von mir drehte. Erfolgreiche Ablenkung. Ich duckte mich weg, um dem Jungen die Klinge in die Seite zu rammen und mit etwas Glück lebenswichtige Organe zu erwischen. Aber der Bastard war schneller als ich gedacht hatte. Er hatte sich zu früh gefangen, führte das Messer unter seinem getroffenen Arm hindurch und erwischte mich am Handgelenk.
Ich spürte den Schmerz nicht, aber ich konnte das Blut spritzen sehen. Und ehe ich mich zu etwas anderem entscheiden konnte, veränderte ich den Winkel meines verletzten Gelenkes, riss es hoch in Richtung seines nach unten gerichteten Gesichtes und spritzte ihm mit Schwung eine Ladung Blut ins Gesicht. Es vernebelte ihm die Augen. Der O’Connell schrie auf, taumelte nach hinten. Mit dem Messer hieb er wild nach mir, ich richtete mich auf, schlug mit der messerfreien Linken seinen Arm fort. Ich wollte ihn bei den Schultern packen aber der Mistkerl war zu groß. Ich würde mit dem Knie nicht an ihn rankommen. Also trat ich – man tritt nicht, wenn man mit dem Messer kämpft, nicht wenn der andere die Möglichkeit hat schneller zu sein als du, macht das bloß nie -, traf ihn in der Magengegend, er beugte sich keuchend vorn über, kam damit in meine Reichweite. Jetzt musste ich schnell sein. Ich war über ihm, bevor er es realisierte. Ein kurzer heftiger Schlag mit dem Griff meines Messers in sein Genick. Er sackte bewusstlos zusammen.
Keine Zeit zum Durchatmen. Ich hörte etwas heranfliegen, duckte mich gerade rechtzeitig. Als ich den Blick hob, schwang ein Messer auf Höhe meines Kopfes mit der Klinge in der Wand steckend hin und her. Mein Blick ging zurück. Jetzt da der O’Connell Junge am Boden lag, war nur noch einer von den irischen Hunden bei Bewusstsein. Der, den ich über Doyle geworfen hatte. Der röchelte aber auch nur noch, wahrscheinlich hatte er seine letzten Kräfte für den Wurf zusammengenommen. Wo auch immer er das Messer herhatte. Ich verpasste ihm einen Schlag mit der Faust, der ihn direkt zurück ins Land der Träume verfrachtete. Zischend schüttelte ich meine Hand aus, durch die nun zum ersten Mal der Schmerz zog. Immer mehr und immer deutlicher. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, obwohl ich es vorher nicht wahrgenommen hatte. Zu still im Raum jetzt.
Ein Blick auf mein Handgelenk also. Ich tropfte den Boden voll, verdammt. Messerschnitte brachten gewaltige Nachteile mit sich. Im Moment der Verletzung spürte man den Schmerz kaum. Wenn man einen Treffer landete, der töten konnte, dauerte es meistens noch eine ganze Weile, bis die Wirkung wirklich einsetzte. Bis dahin war der menschliche Geist hervorragend dazu im Stande die Verletzung zu ignorieren. Ich musste die verflixte Wunde versorgen.
Meine Schritte trugen mich raus aus Doyles Büro. Ich suchte die Räume ab, fand einen Schrank, in dem sie die Bettlaken für die Gäste aufbewahrten. Die waren immerhin mit der größten Wahrscheinlichkeit sauber. Auf Wäscherinnen konnte man sich in der Regel verlassen. Und Doyle war nicht die Sorte Geizkragen, die in der Themse waschen ließen. Ich zog eins der Leinentücher heraus. Der Stoff riss schnell in zwei Stücke, ich trennte mir einen Streifen ab – sorgsam nicht das blutige Messer dafür nutzend. Ich wischte das Karambit an den Resten des Lakens ab, um es sauber zu bekommen, dann steckte ich es mir zurück in den Hosenbund, bevor ich damit begann mein Handgelenk zu umwickeln. Mit den Zähnen hielt ich ein Ende des Streifens fest und band mir einhändig einen Knoten. Das würde für eine Weile reichen. Ich musste Otis suchen.

