Nur langsam realisiere ich was es bedeutet, was er mir sagt. Ich wende den Blick ab, nur um nachzudenken, sehe stattdessen auf die Sitzbank mit gegenüber ohne sie wirklich zu sehen. Nascha sitzt immer noch auf der Polsterung, sieht zu Larkin und rührt sich nicht. Aber ich weiß, dass sie nur auf die Gelegenheit wartet. Dass sie mühsam kontrolliert unser Abkommen einhält und dabei genauso pingelig ist wie ich es gerne hätte: die Tür ist noch nicht geschlossen, das ist kein privater Raum. Kein Platz mehr im ganzen Zug. Auch wenn es mir weder sinnvoll erscheint, noch ich von solchen Fällen bereits gehört habe, überrascht mich diese Nachricht nicht. Menschen sind fehlbar. Viel zu fehlbar für meinen Geschmack. Ein Zugticket ohne Sitzplatz passt dabei erschreckend gut ins Schema. Nikola will aussteigen und auf den nächsten Zug warten. Ja, das ist es was ein guter Valet tun würde. Konsequenzen ziehen. Mit dem Unterschied, dass er um einiges später ankommt als sein Herr und nichts vorbereiten kann, was für uns nun wirklich keine Einbuße ist. Auf der anderen Seite ist er mein Bruder. So verlockend der Gedanke ist, für längere Zeit einen Bogen um ihn machen zu können, ich bin nicht so herzlos, ihn in einen anderen Zug zu setzen. Ihn einen halben Tag warten zu lassen. Nein, nicht ganz so herzlos. Das kann ich nicht tun. Aber was ist die Alternative? Larkin spricht sie aus, in dem Moment in dem meine Gedanken an diesem Punkt ankommen.
Stille tritt ein. Ich spüre das Unbehagen, das plötzlich in der Luft liegt, die Notwendigkeit einer Entscheidung. Ich sehe noch immer auf das Sitzpolster, aber nun habe ich den Kopf ein wenig mehr in Richtung Tür gewandt, weiterhin ohne Larkin anzusehen. Zwei Stunden Zugfahrt mit Larkin auf engstem Raum. Ich spüre wie mein Herz schneller schlägt vor Nervosität als ich darüber nachdenke was das bedeutet. Nicht länger fliehen. Keine Chance mehr. Ich zwinge mich zur Ruhe. Dennoch wirkt der spätere Zug plötzlich schrecklich verlockend. Eine Bewegung in meinem Augenwinkel. Ich sehe hin. Nascha sieht mich direkt an. Ich sehe zurück. Sie sagt nichts, aber ihr Blick ist eindeutig und ich weiß woran sie mich erinnern will. Unser Abkommen. Es wäre unfair ihr nicht die Chance zu geben. Sie weiß, dass ich nie vorhatte ihr die Chance zu geben. Aber jetzt hat sie Zeugen auf ihrer Seite. Sie weiß, dass ich in der Öffentlichkeit ungerne das Gesicht verliere indem ich das tue was ich eigentlich gerne tun würde. Dass ich ganz genau weiß wie das aussehen würde. Sie erinnert mich daran oft genug. Auch jetzt. Noch mehr. Ich habe das Gefühl diese Worte in ihrem Blick zu lesen. „Er ist dein Bruder.“ Und ein unverkennbares „Verhalte dich gefälligst wie sein Bruder“. Ich schlucke, atme tief und lautlos durch. Aber ich wende den Blick ab. Damit habe ich schon fast verloren. Ich sehe hinter Nascha, wo sich eine dunkle Hundeschnauze durch die Tür schiebt. Ich habe Naschas Worte plötzlich wieder im Kopf. Dass Aksinya ihre Schwester ist. Dass sie sie nicht anschweigen wird. Ich gebe nach. Unwirsch wird der Ausdruck auf meinem Gesicht. Ich fühle es, aber ich kann nicht anders als ich antworte ohne Larkin direkt anzusehen. „Kommen Sie schon rein…“ Ich freue mich nicht gerade darüber, so viel hört man mir an. Aber es erscheint mir trotzdem als die beste Lösung. Auch wenn ich keine Ahnung habe was darauf passieren soll und ich spüre mein Herz nach wie vor unnatürlich heftig in meiner Brust schlagen. Als müsste ich mich jeden Moment wirklich physisch auf die Flucht begeben. Dabei werde ich mich für die nächsten zwei Stunden wohl erst einmal nirgendwohin begeben.
Mein Eingeständnis ist wie ein Startschuss für Nascha. Sie hat gewonnen, unser Abkommen ist erfüllt. Wenn ich sie jetzt noch aufhalten würde, wäre ich unfair. Und sie weiß, dass ich nicht gerne unfair bin. Nur wenn es nicht anders geht und ich bin es ihr schuldig nachdem ich sie in Davies‘ Büro aufgehalten habe. Obwohl sie das Abkommen gebrochen hat, fühlt es sich so an. Sie ist immer wieder erschreckend gut darin mich zu manipulieren und wie immer bemerke ich es erst als es zu spät ist. Flatternd hüpft sie von der Sitzbank. Ein Federball, der sich direkt auf die Hundeschnauze wirft, die sich durch die Tür geschoben hat. „Asyaaaaaaa!“, erklingt es freudig, fast euphorisch aus dem Eulenschnabel und sie landet triumphierend auf dem Kopf des Hundes, obwohl in der Tür viel zu wenig Platz ist. Beschützend wirft sie die Schwingen über den Hundekopf, knapp hinter den Ohren und schmiegt sich mit der Brust zärtlich an das weiche Fell dazwischen, bevor sie freudig aufspringt und spielerisch die Klauen in das dichte lange Nackenfell gräbt. Das hat sie noch nie getan. Bei niemandem. Nie. Vielleicht zuletzt als wir Kinder waren. Und das ist der Punkt. Ich wende absichtlich den Blick ab. Finster sehe ich hinaus, will nicht dabei zusehen wie sich Nascha mit der Hündin vergnügt, will nicht sehen wie Larkin ins Abteil kommt. Das ist jetzt Naschas Teil des Abkommens. Ihr Auftritt. Alles andere interessiert mich nicht. Ich halte mich da raus. Sitzt sie sonst stumm auf meiner Schulter, bin ich es jetzt der schweigt. Es ist mir ganz recht so. Ich habe nicht vor, irgendetwas daran zu ändern. Schließlich gilt es eine Zugfahrt zu überstehen. Eine ganze Zugfahrt, in der ich wohl oder übel irgendwann etwas sagen müssen werde. Zeit, diesen Moment möglichst lange hinaus zu zögern. Ich würde es nicht ertragen, belanglose Alltagsgespräche mit meinem Bruder zu führen als wäre nichts zwischen uns. Und gleichzeitig will ich nicht erfahren wer er geworden ist oder was er über mich denkt. Es muss schlimm genug sein. Ich hebe einen Arm, stützte den Ellenbogen auf dem unteren Rahmen des Fensters ab und drücke die geballte Faust gegen meinen Wangenknochen um mein Gesicht abzustützen, während ich ernst und verschlossen hinaus sehe. Eine kleine Stütze nur, ein klein wenig Schutz, während meine Brust weiterhin schwer ist und mein Herz darin rast als wäre ich auf der Flucht vor Dieben.

