Gebackene Kartoffeln. „Alles außer Aalsülze“, konnte ich mir das Feixen nicht verkneifen, schon um nicht eingestehen zu müssen, dass Ardins Vorschlag nach einem wirklich guten Mittagessen klang. Die Gebackenen Kartoffeln, die sie auf den Straßen verkauften waren selten eine schlechte Wahl und hielten satt bis zum Abend, gleichzeitig nichts von dem man fürchten brauchte, dass man es nicht bei sich behalten könnte. Je nach dem in welchem Zustand sie uns den Flusstoten vorlegen würden. Aber noch schob ich diesen Gedanken von mir. Wir kannten die Costers, die üblicherweise ihre Wagen in den Straßen von Whitechapel aufschlugen zu genüge, so das wir wussten, welche Straßen wir nach Shadwell zu wählen hatten, um ein paar Wagen zu begegnen, die Gebackene Kartoffeln anboten. Es war ein bizarrer Frieden, den es in diesem Viertel zwischen Peelers und Costers gab und nicht wenige junge Constables oder frisch versetzte Polizisten auf der einen und neu hinzukommende Straßenverkäufer auf der anderen Seite mussten diesen erst mit Mühe zu respektieren lernen. Aber hier auf den Straßen wurde kein Coster vertrieben, solange er sich an die Regeln hielt, wusste, wann er besser nicht zu geizig wegen einer kostenlosen Mahlzeit war – und so lange er eine bescheidene Summe an die Leman Street zahlte, um den Schutz, den die Straßenverkäufer hier genossen entsprechend zu vergüten.
Der enge Zusammenhalt untereinander und die Skepsis allem Außenstehendem gegenüber erinnerte mich an die Boaters als Teil derer ich aufgewachsen war und den ich nur in der Armee oder der Polizei auf ähnliche Weise erlebt hatte. Die Costermongers waren eine eingeschworene Gemeinschaft und dass wir überhaupt je Zugang zu dieser traditionell Peelers gegenüber so verfeindeten Gruppe gefunden hatten, war ein enormer Glücksgriff, der auf diese Art wohl nur Margory zu verdanken war. Und hier in Whitechapel natürlich auch Mulligan, der schon bevor Ardin oder ich in das Viertel versetzt worden waren, gute Kontakte zu den Straßenverkäufern gesponnen hatte. Mochte man dem Mann vorwerfen, was man wollte, aber er hatte ein verdammt gutes Auge für lukrative Geschäftsbeziehungen. Während Costers in anderen Vierteln mit brutaler Härte vertrieben wurden, die wiederum für nicht mindere Brutalität bei den Costers bei der Verteidigung ihrer Lebensgrundlage sorgte, hatte Mulligan einen Weg gefunden, für Frieden zu sorgen und die Costers auch noch dafür zahlen zu lassen. Aber für das kostbare Gut ohne Gängelei durch die Polizei ihrer Arbeit nachgehen zu können, leisteten die meisten Costers hier bereitwillig ihre Abgabe, jedenfalls die, die ihre Arroganz einem guten Geschäft hinten anstellten. Ich hielt inne, als Ardin meinen Namen sagte, augenblicklich ging mein Blick wachsam über unsere Umgebung, aber als der Andere seine Idee aussprach, musste ich neidlos anerkennen, dass das eine von Ardins verdammt guten war. „Verdammt, das sollten wir“, brummte ich, noch immer ein wenig erstaunt, so gute Einfälle noch vor dem Mittagessen zu hören zu bekommen.
Bald darauf erkannte ich eins der Schilder wieder und steuerte auf den Wagen zu, der Gebackene Kartoffeln verkaufte und mit dessen Besitzer Ardin und ich gut aus kamen und von dem wir mit etwas Glück einige Gerüchte zu geringem Preis abgreifen könnten. Immerhin kannte der Mann Margory aus frühen Tagen, so weit ich wusste, und das waren Bande, die ein Coster nicht vergaß. „Cool the esclop!“, wurde unser Näherkommen vom Alarmschrei eines kleinen Jungen begleitet, der Ardin und mich als Polizei erkannt hatte und tatsächlich – trotz allem Frieden zwischen Peelers und Costers – reckte sich eine ganze Reihe an Köpfen aus den nahestehenden Wagen der Straßenverkäufer. Eine Frau kam herbeigeeilt und nahm den kleinen Jungen auf den Arm, er klammerte sich wie ein Äffchen um ihren Hals und verdrehte doch gleichzeitig neugierig den Kopf, um Ardin und mich weiter anglotzen zu können. „Ruhig“, kam die tiefe Stimme eines Mannes, der hinter dem Stand mit den Gebackenen Kartoffeln hervortrat. Klein, aber von stämmiger Statur und mit einem ansehnlichen, feuerroten Bart. Ich wusste nicht viel von den Kobolden, von denen die Iren im Viertel erzählten, aber sollte ich mir einen vorstellen, dann war Black-Eyed Tom mein bester Tipp. „Das sind Dooghenos.“ Er lachte rau auf und der kleine Junge, der Cyneburg neben mir entdeckt hatte, begann in den Armen der Frau zu zappeln, bis sie ihn wieder hinunter ließ. Auf kurzen Beinen tappte er zu der Hündin hinüber, der er nicht einmal über den Rücken sehen konnte und es dauerte nicht lange, bis Cyneburg neben dem Kleinen auch noch von einer ganzen Schar weiterer Costers-Kinder umringt war, die ihre kleinen Finger nach ihrem drahtigen Pelz ausstreckten. Cyneburg ihrerseits gab die ulkigsten Laute zwischen Fiepen und Bellen von sich und brachte die Kinder damit zum Lachen, die in ihrem verdrehten Costers-Slang durcheinander schnatterten, bis Cyneburg sich auf ein wildes Fangspiel mit ihnen einließ, das alsbald von einer fröhlich keckernden Dohle begleitet wurde. Ich beobachtete, wie behutsam die Hündin dabei vorging. So sehr sie manch ausgewachsenem Mann auf diesen Straßen, mich inbegriffen, auch das Fürchten lehren konnte, so sehr wurde sie von den meisten Kindern geliebt. Ich fragte mich immer wieder, ob die Kinder nicht instinktiv spüren sollten, dass kein anderer als der Teufel dieses Ding geschaffen hatte – aber vielleicht hatten sie auch schlicht noch nicht gelernt dem Teufel alles Böse in dieser Welt zuzuschreiben.
„Das Übliche?“, fragte Tom in seiner gutgelaunten Forschheit. Ich nickte nur, wandte den Blick von den spielenden Kindern ab. „Gerne, Tom.“
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Cool the esclop – Pass auf, Polizei
Doogheno – ein Guter (meist: ein guter Markt/ein guter Mann)
(Quelle)

