„Kommen Sie schon rein…“ Es klingt wie „Hauen Sie bloß ab“ und das Herz sinkt mir bis zum Boden in dem ich gerne versunken wäre. Einen Augenblick. Einen erschreckend langen Augenblick stehe ich so da, aus Angst, sollte ich nur einen Schritt machen, würde ich nicht in das Abteil treten, sondern so weit es mir nur möglich wäre von hier fliehen. In diesem Moment schießt eine Eule auf uns zu. Sie kommt mir so nah, dass ich es körperlich spüren kann, landet Asya auf dem Kopf, die einen Laut von sich gibt, den ich Jahre nicht mehr von ihr wahrgenommen habe. Irgendetwas zwischen einem Jaulen und Winseln. „Naschaaaaa!“, erwidert Asya dann. Sie schlägt den Kopf zurück, aber die Eule ist schon wieder in der Luft, versucht Asya die Krallen in das Nackenfell zu schlagen, die sich statt zu ducken noch danach aufbäumt, dabei halb um die eigene Achse dreht und spielerisch nach dem Vogel schnappen will. Ihre Zähne schnappen klackend in der Luft zusammen, sie versucht es gleich nochmal, springt dabei wie ein ausgelassener Welpe. „Spinnst du, Asya?“, zische ich ihr halblaut zu, schlicht und ergreifend vollkommen fassungslos. Sie wird den Daemon meines Herrn verletzen. Doch die Eule ist flink und sie… ist nicht irgendein Daemon. Diese Gewissheit überfällt mich mit einer unerwarteten Heftigkeit, die mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegzieht und ich bin froh, aus Gewohnheit die Klinke noch gedrückt in der Hand zu haben, mich daran festhalten zu können. In letzter Geistesgegenwärtigkeit geht mein Blick den Gang auf und ab. Er ist leer, aber wir müssen trotzdem hier weg. Keine Ahnung ob Asya ihn zu ihrem Spielgrund ernennen würde, im Moment traue ich ihr alles zu. Asya und… Nascha. Zum ersten Mal erlaube ich mir ihren Namen zu denken – oder besser: Er ist einfach da. Ich habe alle Mühe Hund und Eule in das Abteil zu bugsieren und die Türe hinter uns zu schließen. Die Euphorie durchströmt mich bis in die Fingerspitzen und ich lasse die Messingtürklinke zu schnell wieder los, das Schließen gelingt mir nicht annähernd so geräuscharm wie üblich. Meine Gedanken sind wild und ungeordnet und als ich mich umdrehe, bin ich nicht ich selbst. Ich kann es mir nicht anders erklären. „Ich denke w-…“, bringe ich halb lachend hervor, die Hand dabei verlegen im Nacken, bis… mein Blick An-… mein Blick Mr. Langdon trifft und mein Denken endlich wieder einsetzt. Während sein Daemon Asya stürmisch und ohne jede Zurückhaltung begrüßt hat und die beiden noch immer miteinander spielen, sitzt er fast teilnahmslos am Fenster. Die Hand aufgestützt, den Blick abgewandt, als bemerke er nichts von dem ausgelassenen Fiepen und Winseln um uns, als bemerke er nichts von diesem Gefühl der unbändigen Wiedersehensfreude, das Asya und damit auch – freiwillig oder unfreiwillig – mich vollkommen überwältigt hat nach Naschas Offensive. Ich begreife es kaum, doch es ist als könnte ihn das vollkommen kalt lassen. Was hatte ich auch erwartet? Dass sich etwas geändert hat? Ich die Zeichen der falsch gedeutet habe? Die Antwort ist: Nein, das habe ich nicht. Das tue ich nur selten. So selten, dass es mich selbst mit unter überrascht, wenn es dann doch vorkommt. Es mich kalt erwischt, wie vorhin als Nascha sich auf Asya gestürzt hat. Ich hatte nichts Klares gedacht in diesem Moment, aber ich hatte doch… ich realisiere erst jetzt, dass ich einen Moment tatsächlich unter der Annahme agiert habe, dass die vorangegangene Abweisung, die Mr. Langdon gezeigt hatte, nichts als gespielt oder von mir eingebildet gewesen war. Automatisch senke ich den Blick, meine Hand sinkt hinab. „Verzeihung, Sir.“ Ich schaffe es nur knapp, dass meine Stimme nicht in der Hälfte der Worte wegbricht. Mechanisch setze ich mich neben die Türe, an der ich noch immer stehe, dabei wäre ich jetzt endgültig am liebsten davon gerannt. Aber Asya wäre mir in diesem Moment wohl kaum gefolgt. Sie scheint nicht einmal zu bemerken, was mit mir ist und ich fühle mich klamm und entsetzlich einsam dabei. In meinem Blickfeld hat Asya sich inzwischen hingelegt, um trotz der Enge des Abteils hingebungsvoll mit Nascha balgen zu können, aber es ist mit einem Mal als würde ich alles nur durch eine Glasscheibe beobachten. Ich fühle mich taub und leer, als würde Asyas Glück ganz unabhängig von mir existieren. Mir wird fast schwindelig davon. Ich bin bemüht mich mit Routine aufrecht zu halten. Die Sitzbank unter mir ist weich und mit makellos samtig rotem Stoff bezogen. Als Valet bin ich gewohnt mit Luxus konfrontiert zu werden, ich weiß, dass ich dabei weder zu wohl noch zu unwohl wirken sollte. Möglichst ruhig sitze ich da, habe locker die Hände ineinandergelegt. Oder… naja… versuche es zumindest so aussehen zu lassen, während die Fingernägel meiner linken Hand sich so schmerzhaft wie möglich in meinen rechten Handballen bohren. Ich habe keine Ahnung, wann ich Asya das letzte Mal so habe spielen sehen. Sie spielt allgemein kaum mehr, meidet Körperkontakt zu anderen Daemonen. Sieht man von Kämpfen oder wenigen Ausnahmen ab und auch bei denen hat sie allgemein eine ruppige Art. Nascha gegenüber ist sie fast schon zärtlich. Unschuldig…, ertappe ich mich bei dem Gedanken, während sie vor Freude jault und winselt wie ein Welpe. Den Fang übermütig aufreißt und nach dem Vogel schnappt, ihn liebevoll anknibbelt, wenn Nascha nur einen Moment still hält und die Eule dann doch wieder auffordernd anstupst.
„Ich habe gewusst, dass ihr es seid! Ich habe es einfach gewusst!“, behauptet Asya dabei im Brustton der Überzeugung, während sie liebevoll einen Moment den Kopf gegen Naschas Gefieder presst. Hat sie nicht, das weiß ich. Ich hab ihre Unsicherheit gespürt, als sie mich danach gefragt hat vor dem Büro des Chaplains. Es kommt mir unendlich lang entfernt vor. Aber ich weiß, das würde sie nie zu geben. Sie ist stur in diesen Dingen. Ebenso wie ich. Mein Blick verliert den Fokus. Über zwei Stunden bis Sheffield. Ich zwinge mich nicht auf die Uhr zu sehen. Eine Armbanduhr. Langsam geraten sie in Mode. Bei mir ist es ein Überbleibsel aus meiner Zeit beim Militär, die Notwendigkeit eines Scharfschützen. Taschenuhren sind dabei schlicht zu empfindlich gegen Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Ich versuche meine Gedanken mit solchen Belanglosigkeiten zu füttern, dabei so wenig Präsenz wie möglich in diesem Abteil einzunehmen. In aller Regel bin ich gut in diesen Dingen. Nicht weiter aufzufallen liegt mir im Blut und ich habe es beständig perfektioniert. Aber in diesem Fall ist jede Bemühung vergeblich. Nicht zuletzt durch Asya. Bitter frage ich mich, ob die gesamte Zeit in Sheffield so laufen wird. Betretenes Schweigen und das Gefühl, dass selbst meine bloße Anwesenheit eine entsetzliche Qual für Mr. Langdon darstellt. Nun. Zur Not können wir ja über unsere Daemonen kommunizieren… oder so...