Dieses Mal schaffte Ellen es tatsächlich in die Zelle. Mit einem Blick auf seine Taschenuhr – wenn der Mann denn die Ziffern darauf wieder lesen konnte, war das ein gutes Zeichen, so hoffte ich jedenfalls, hin zu dem Toten, zog das Leichentuch fort und betrachtete die Arbeit, die vor ihm lag. „Flusstoter, mh…“, brummte er. „Was du nicht sagst…“, murmelte ich halblaut, aber ich wusste es besser als den Schröpfer zu unterbrechen, am Ende würde er uns doch wieder nach Minuten abrechnen. Gründlich betrachtete Ellen den Toten, untersuchte ihn bereits oberflächlich, hob Gliedmaßen an und betrachtete sich Gelenke, Hals und Kopfpartie. „Was soll es denn werden?“, fragte er dann und mit einer gewissen Erleichterung stellte ich fest, dass die Artikulation des Mannes sich merklich verbessert hatte. „Nur ein kleiner Blick von außen oder…“ Der Blick des Schröpfers wurde ein wenig glasig, als er sich zu uns umdrehte und es schwang etwas wie kindliche Neugierde in seiner Stimme mit. „…soll ich ihn auch aufmachen?“ Im nächsten Augenblick schien Ellen sich seiner Prioritäten zu besinnen und er fügte geschäftsmäßig hinzu: „Das geht dann aber nicht hier und das kostet extra, ihr wisst.“ Mein Blick ging kurz zu Ardin. „Sag uns erst, was du so erkennen kannst“, entschied ich dann. Wenn die Ausbeute gering blieb, konnten wir immer noch weiter sehen. „Und…“, fügte ich dann feixend hinzu, „… sag uns vor allem, wie groß der Hund etwa war, der ihn gebissen hat.“ Oh ja, das war schließlich das Thema mit der höchsten Priorität in diesem Fall. Und vermutlich, trotz all meinem sorgsam bewahrtem Spott, hatte Ardin nicht einmal so unrecht damit, dass das aktuell unsere vielversprechendste Spur war. Oh, wie ich es hasste so etwas zugeben zu müssen…
Ellens Blick ging irritiert zurück zu dem Toten. „Hund?“, fragte er dann lahm. Ungeduldig machte ich die paar Schritte hinüber zu dem Leichnam. Nein. Cyneburg hatte sich nicht geirrt, da war eine Bisswunde am Bein des Toten und jetzt ohne die nasse Kleidung darum, ließ sich auch erkennen, was für ein klaffendes Exemplar das war. Bei der Hölle… Aber Ellen schien noch immer nicht zu begreifen, was ich meinte. Er schüttelte den Kopf, tat mir aufgrund meines auffordernden Nickens jedoch den ‚Gefallen‘ noch einmal einen gründlichen Blick auf die Wunde zu werfen und gar mit einem dieser sonderbar anmutenden Instrumente aus seinem Koffer die aufgedunsenen Wundränder zu spreizen. „Das war kein Hund“, hatte er dann die Dreistigkeit zu behaupten. Ich schnaubte spöttisch, überzeugt davon, dass Ellen versuchte mit einem Scherz mehr Untersuchungszeit zu schinden. „Die Dentition zeigt kaum heterodonte Ausformung, was selbstredend kaum für einen Hund sprechen kann.“ Ich zog die Brauen zusammen. Selbstredend. „Außerdem der Zahnstand und die klare Abwesenheit von Caninii…“ – „Ellen!!“ – „Fangzähne“, klärte Ellen mich ungeduldig auf. „Herr Gott, Rhode, guck dir dein Kalb von einem Köter doch einmal an“, ich warf Cyneburg einen Blick zu, die, als wolle sie Ellens Worte auch noch unterstreichen mir entspannt Hechelnd ein hündisches Grinsen schenkte. „Diese hübschen lange Beißerchen an den Seiten, die fehlen dir, die fehlen mir und viel bedeutender, die fehlen bei diesen Bisspuren.“ – „Du willst mir sagen, dass der Mann hier von… was… von einem Menschen gebissen wurde?! Der aus Spaß an der Laune mal eben seinen halben Unterschenkel herausgerissen hat, als er schon einmal dabei war?“ – „Soll ja manche geben, die lassen sich von sowas erregen, ich habe da letztens mit einer Dame aus dem einschlägigen Gew…“, wusste Ellen zu berichten, aber mein langsames Kopfschütteln ließ ihn die Schultern ein wenig höher ziehen, nur um sie dann effektvoll wieder – gemeinsam mit der Geschichte aus seinem bunten Bekanntenkreis – fallen zu lassen. „Nein“, sagte Ellen dann langsam. „Ich sagte ja, die Bisspuren zeigen eine geringe Heterodontie. Sie gehen viel eher… naja, sie sprechen viel eher von einem homodonten Gebiss…“ – „Und wer hätte so ein hom… was auch immer Gebiss?“ – „Haie.“ – „HAIE?!“ – „Ja. Haie! Zum Beispiel, Rhode!“ Ich starrte Ellen fassungslos an und – was mich tatsächlich beunruhigte war die – doch verdammt nüchterne – Ratlosigkeit in Ellens Augen. Ich blickte ihn mit leerem Blick noch einige Sekunden entgegen. Aber da kam nichts mehr. Kein Lachen. Keine Anzeichen der mangelnden Zurechnungsfähigkeit – sah man von der Absurdität seiner Aussage einmal ab. Langsam, sehr, sehr langsam ging mein Blick zu Ardin, bevor ich mich räusperte. „Ellen…“, begann ich in mühsamer Ruhe, weil es uns doch nicht weitergebracht hätte den Mann anzubrüllen – selbst wenn ich versucht war seinen Kopf doch noch in den Wassereimer zu stecken. „Ich hoffe der Rest deiner Untersuchung ist mehr von dieser Welt…“ Und damit meinte ich London. Herr in der Hölle. London! West End! Einen in die Themse gestürzten Diener! Nicht… Haie in unserem stinkenden Fluss in dem den Fischern der Fang unter den Händen wegstarb oder besser noch durch die Straßen wandernd, außerhäusiges Dienstpersonal anknabbernd, wenn sie schon einmal zu Besuch waren…

