Und dann war da diese Euphorie in Nikolas Stimme. Dieser Funken, der mir sagte, dass ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht habe. Schon wieder. Dass ich ein Narr bin, so von meinem Bruder zu denken. Von dem Menschen, mit dem ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht habe. Dass er mich wiedersehen wollen würde ohne auch nur auf eine dieser dummen Kleinigkeiten zu achten. Dass er nicht ist wie alle anderen. Und nun habe ich es eigenhändig zerstört, das was in meinem Kopf nicht sein konnte. Oh ich bin ein so unendlich großer Dummkopf, ich hätte in diesem Moment in Tränen ausbrechen können über meine Dummheit. Aber der Graben ist bereits wieder zwischen uns. Jetzt denkt er das über mich, was ich die ganze Zeit über fälschlicherweise erwartet habe. Herzlichen Glückwunsch, Mister Langdon, das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiiung. Was bist du doch für ein Narr?! Wäre Nascha nicht so sehr mit spielen beschäftigt, es wären diese Worte, die sie mir sagen sollte. Stattdessen tollt sie mit Asya herum wie eine liebeskranke Eule und erinnert mich schmerzlich an das, was ich vor wenigen Sekunden weggeworfen habe. Wir habe ich es nur die letzten sechsunddreißig Jahre geschafft zu überleben? Ich spüre den Schmerz so tief sitzen wie Naschas Wiedersehensfreude mit Asya und beides gemeinsam gibt mir so einen schmerzhaften Stich, dass ich erstrecht nicht mehr hinsehen kann.
Asyas Worte dringen an meine Ohren und ohne es zu wollen muss ich ihr zuhören. Ihrer Stimme. Sie sollte weit weg sein, mich gar nicht berühren, aber sie dringt zu mir durch wie der Pfeil einer Armbrust. Sie klang wie früher. Sie hatte noch die selbe Stimme. Und sie hatte die selbe übermütige Unschuld. Nikolas Stimme ist nicht mehr so. Sie ist dunkler. Ich höre seine kindliche Stimme noch in meinen Ohren und muss sie miteinander vergleichen. Mit fast wissenschaftlichem Interesse bemerke ich die Veränderung. Ich weiß, dass ich mich nicht mehr fragen muss, ob ich ihn noch wiedererkenne, ich habe die Antwort erhalten. Und es war eine andere als ich sie erwartet habe. Einen Bruder wirst du immer wieder erkennen. Egal was die Welt zwischen euch gestellt hat. Und solch ein großartiges Geschenk lehne ich ab. Auch jetzt müsste ich nur den Arm vom Fenster lösen, zu ihm sehen und etwas sagen. Aber was. Was soll ich schon sagen, das mich nicht als den Narren enttarnt, der ich bin? Jetzt, da die Chance verspielt ist, ist es zu spät. Und doch weiß ich instinktiv, dass ich das nicht lange durchhalten werde. Dass ich mich hassen werde. Vielleicht für den Rest meines Lebens.
Neben meinen Beinen bäumt sich Nascha auf, flattert in die Luft und lässt sich spielerisch auf Asya fallen, bevor sie ihr frech antwortet: „Natürlich! Wir sind ein Original! Aber dass ihr es seid wussten wir nicht – nicht bevor ihr da nicht durch die Tür gekommen seid, Davies‘ Daemon ist fast von der Stange gefallen weil er so nach uns gegiert hat – ich hätts zu gern gesehen! Er hätte euch nicht mit Larkin ankündigen sollen, dann hätten wirs gewusst. Woher kommt dieser vermaledeite Name?!“ Sie fragt das übermütig und ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, man hört es ihr an. Wirft einfach raus was ihr in den Schnabel kommt, während sie sich auf Asyas Bauch fallen lässt und spielerisch die Federn über ihr ausschüttelt. Sie vergisst jede Pietät. Vergisst überhaupt, dass ich noch da bin. „Nascha…“, tadele ich sie leise. Meine Stimme ist müde, aber darunter liegt der Ton der Warnung. Ein schlichtes „wir haben über solche Dinge geredet“. Und sie weiß das. Zum ersten Mal scheint sie mich wahrzunehmen. Aufgebracht hebt sie den Kopf und sieht mich an und das lässt mir zum ersten Mal die Möglichkeit, den Kopf ein wenig zu drehen und sie ebenfalls aus dem Augenwinkel heraus anzusehen. Ihre dunklen Schwingen passen farblich so sehr zum Fell der Hündin. Wäre der Rotton nicht, sie wären wie aus einem Stoff genäht gewesen. „Was denn?!“, wirft sie mir aufgebracht entgegen, in ihrem arglosen Spiel gestört zu werden. „Du willst es doch auch wissen! Gib es zu.“ Tief atme ich aus und sehe sie noch einen Moment länger an, abwägend ob es Sinn macht sie noch einmal zu rügen. Es ist ihr vollkommen egal wie peinlich es mir ist, dass sie so frei heraus ihre Fragen ausspricht als wäre sie ein Kind. Jeden Anstand ignoriert nur weil sie mit ihrer Schwester zusammen ist. Es ist ignorant von ihr, uns Menschen nicht wahrzunehmen und Asya da auch noch mit hinein zu ziehen. Keine Rücksicht auf Verluste. Es passt so sehr zu ihr. Das Problem an der Sache ist, dass sie Recht hat. Es interessiert mich. Es interessiert mich sogar sehr. Es ist vielleicht die erste Frage, die ich Nikola gestellt hätte, wenn ich es nicht vermasselt und die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Ich ziehe die Brauen zusammen und sehe nachgebend aber wütend wieder hinaus. Nascha nimmt das als Erlaubnis zu tun worauf sie Lust hat, was ich nicht zugeben würde, womit sie aber womöglich wiederum Recht hat, und hüpft triumphierend auf Asyas Bauch herum, während sie spielerisch ihren Pfoten ausweicht. „Also! Woher kommt der Name?! Ignorier ihn einfach, er hat Probleme.“ Probleme, na herzlichen Dank. Ich wende den Kopf zurück ins Abteil, kurz davor Nascha doch noch eine scharfe Rüge zu verpassen, und das von mir aus vor allen vier Augen, die außer uns noch im Abteil sind. Aber sie funkelt mir nur hinterlistig entgegen, während sie über Asya flattert als sei die Hündin ihr alleiniger zu beschützender Freund, den ich drauf und dran bin anzugreifen. Dabei geht es weder um sie, noch um Asya. Und sie sagt mit ihrem Blick „Komm doch!“ Ich starre sie nur wütend an und weiß nicht einmal was ich sagen soll. Wieder einmal hat sie recht. Sie tut nichts verbotenes. Sie feiert ihr Wiedersehen mit ihrer Schwester. Ich habe nicht einmal etwas gegen sie in der Hand. Ich würde mich selbst nur bloßstellen wenn ich etwas sage. Mich zum Narren machen. Wenn ich nicht längst schon einer bin.

