Natürlich hörte der tiefe Schnitt deswegen nicht auf zu bluten, aber ich hatte nichts bei mir, die Wunde zu versorgen. Keine Zeit dafür. Unbedeutend. Ich zog den Ärmel grob wieder nach vorne, steckte das Messer nach einem kurzen absichernden Blick über die Umgebung wieder ein. Zurück zu Ben drehte ich mich, der sich noch immer an Cyneburg fest klammerte, als hätte er vor sie nie wieder los zu lassen. Er kannte die Hündin seit er ein kleiner Wurm gewesen war, ich erinnerte mich daran, wie ich das Vieh zum ersten Mal dabei ertappt hatte, dass sie wie ein dunkle Wächterin Seite an Seite mit dem Jungen geschlafen hatte. Erst da hatte sie Judiths Wohlwollen erringen können. Judith... Taub und orientierungslos schloss ich für einen Moment die Augen. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte ich unwirsch den Kopf. Ging vor Ben in die Hocke, blickte in seine fast apathisch dahin starrenden rehbraunen Augen und nahm ihn vorsichtig in den Arm, während Cyneburg für uns beide Wache hielt. Kleine Arme erwiderten die Umarmung, ein warmer, schwacher Körper, der sich an mich presste und der Gedanke traf mich mit entsetzlicher Klarheit: Ich musste den Jungen von der Straße bekommen. Ich war ziellos umhergewandert seit ich die Wohnung meiner Schwägerin hinter mir gelassen hatte. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, durchbrochen nur von den sporadischen Lichtkegeln der Gaslaternen. Der Junge musste von der Straße. Aber ich hatte nur meine eigene klamme Wohnung, die ich in den frühen Morgenstunden schon wieder würde verlassen müssen, zu einer Arbeit, die so bedeutungslos sie mir seit den vergangenen Wochen auch erscheinen mochte, doch des Jungen und mein einziges Brot war. Aber was, wenn ich in wenigen Stunden zu gehen hatte, was dann? Wer würde dann auf meinen armen, geschundenen Jungen Acht geben? Ich hatte nur Cyneburg und was sie auch bereit wäre für den Jungen zu tun, sie war nun mal nicht von menschlicher Gestalt.
„Na, komm“, flüsterte ich heiser, nahm den Jungen wieder hoch, trug ihn weiter durch die dunklen Gassen und Straßen, bis seine tiefen Atemzüge gegen meine Brust mir irgendwann sagten, dass er eingeschlafen sein musste. Und meine Füße trugen mich weiter, immer noch weiter durch die Nacht. Und dass sie ein Ziel gefunden hatten, erreichte meinen leeren Schädel erst, als sie endlich anhielten. Meine Arme fühlten sich längst taub an, meine linke Hand feucht von meinem eigenen Blut und ich bemerkte erst, dass ich zitterte, als ich die Faust hob und an die Tür vor mir klopfte, mit der anderen Hand weiter meinen schlafenden Jungen haltend, Cyneburg dicht an unserer Seite. Und mein gehetzter Blick, der unstet nach irgendeinem entfernten Fokus suchte.

