Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Cyneburgs heiserer Atem folgte mir, ich konnte sie humpeln hören, aber ich drehte mich nicht zu ihr um. Ben hatte den Kopf in die Grube an meinem Hals gepresst. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, aber er hatte aufgehört zu weinen, was ein gutes Zeichen war - schätzte ich jedenfalls. Mein Blick ging über unsere Umgebung, ich wusste, dass wir nicht anhalten sollten. Ich wusste wie gefährlich die Straßen bei Nacht waren - wenn einer wie ich es nicht wusste, wer dann? Aber genau aus diesem Grund musste ich anhalten. Gerade bei all der Gefahr und mit Ben in meinen Armen brauchte ich Cyneburg bei voller Kraft. Und das bedeutete, dass ich sie füttern musste. Im Schatten eines Hauses hielt ich inne, sah mich noch einmal um und setzte Ben dann ab. Er war wach, aber hielt sich trotz allem nur mühsam auf den Beinen. Meine Hand streifte über seinen Rücken, vorsichtig, bis ich sicher war, dass er nicht fiel, dann über seine Schulter, strich ihm zittrig über das dunkle Haar. Knochig und mager war er und ich erinnerte mich an den Anblick seiner Wunden und blauen Flecke und wünschte mir so inständig meine hexerische Fähigkeit wäre das Heilen. Doch ich war keine dieser sogenannten Weißen Hexen, mein Können war von weit destruktiverer Natur. Ben klammerte sich an Cyneburgs massiven Körper fest, seine Finger in ihrem dichten Fell vergraben und ich ließ ihn los, drehte mich weg von ihm. Das Messer fand so routiniert in meine Finger, es fühlte sich fast vertraut an. Beruhigend, während die Anspannung mir wie winzige Käfer unter der Haut juckte. Mir den Atem dünn werden ließ. Ich schob meinen linken Ärmel hoch, Cyneburgs riesenhafter Schädel wandte sich mir zu. Ihre dunkle Nase zuckte gierig, als ich den Schnitt setzte und das Blut zu fließen begann. Die raue Zunge der Hündin leckte jeden Tropfen von meiner Haut und ich wartete, bis ihr Hunger gestillt war.

Natürlich hörte der tiefe Schnitt deswegen nicht auf zu bluten, aber ich hatte nichts bei mir, die Wunde zu versorgen. Keine Zeit dafür. Unbedeutend. Ich zog den Ärmel grob wieder nach vorne, steckte das Messer nach einem kurzen absichernden Blick über die Umgebung wieder ein. Zurück zu Ben drehte ich mich, der sich noch immer an Cyneburg fest klammerte, als hätte er vor sie nie wieder los zu lassen. Er kannte die Hündin seit er ein kleiner Wurm gewesen war, ich erinnerte mich daran, wie ich das Vieh zum ersten Mal dabei ertappt hatte, dass sie wie ein dunkle Wächterin Seite an Seite mit dem Jungen geschlafen hatte. Erst da hatte sie Judiths Wohlwollen erringen können. Judith... Taub und orientierungslos schloss ich für einen Moment die Augen. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte ich unwirsch den Kopf. Ging vor Ben in die Hocke, blickte in seine fast apathisch dahin starrenden rehbraunen Augen und nahm ihn vorsichtig in den Arm, während Cyneburg für uns beide Wache hielt. Kleine Arme erwiderten die Umarmung, ein warmer, schwacher Körper, der sich an mich presste und der Gedanke traf mich mit entsetzlicher Klarheit: Ich musste den Jungen von der Straße bekommen. Ich war ziellos umhergewandert seit ich die Wohnung meiner Schwägerin hinter mir gelassen hatte. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, durchbrochen nur von den sporadischen Lichtkegeln der Gaslaternen. Der Junge musste von der Straße. Aber ich hatte nur meine eigene klamme Wohnung, die ich in den frühen Morgenstunden schon wieder würde verlassen müssen, zu einer Arbeit, die so bedeutungslos sie mir seit den vergangenen Wochen auch erscheinen mochte, doch des Jungen und mein einziges Brot war. Aber was, wenn ich in wenigen Stunden zu gehen hatte, was dann? Wer würde dann auf meinen armen, geschundenen Jungen Acht geben? Ich hatte nur Cyneburg und was sie auch bereit wäre für den Jungen zu tun, sie war nun mal nicht von menschlicher Gestalt.

„Na, komm“, flüsterte ich heiser, nahm den Jungen wieder hoch, trug ihn weiter durch die dunklen Gassen und Straßen, bis seine tiefen Atemzüge gegen meine Brust mir irgendwann sagten, dass er eingeschlafen sein musste. Und meine Füße trugen mich weiter, immer noch weiter durch die Nacht. Und dass sie ein Ziel gefunden hatten, erreichte meinen leeren Schädel erst, als sie endlich anhielten. Meine Arme fühlten sich längst taub an, meine linke Hand feucht von meinem eigenen Blut und ich bemerkte erst, dass ich zitterte, als ich die Faust hob und an die Tür vor mir klopfte, mit der anderen Hand weiter meinen schlafenden Jungen haltend, Cyneburg dicht an unserer Seite. Und mein gehetzter Blick, der unstet nach irgendeinem entfernten Fokus suchte.


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