Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Ich war wach. Weil ich immer wach war. Und ich ging nach unten als es an die hölzerne Haustür klopfte, weil es immer ich war, der nach unten ging wenn es nachts unten klopfte. Weil ich ihnen gesagt hatte, dass ich auf dieses Haus achtgeben würde. Bei Tag und bei Nacht. Jeder der Familien, die mit uns in diesem Haus lebten. Dafür bezahlten sie mich. Und ich war kein schlechter Verkäufer, ich hatte die Ressourcen, das zu tun was es brauchte. Und deshalb war ich wach. Voll bekleidet ohne an diesem Abend auch nur ein Auge zugemacht zu haben. Als ich das Karambit einsteckte, die Bohle unter der Tür wegschlug und ins Treppenhaus ging, konnte ich Margory im Augenwinkel in Nachthemd und mit Schlafmütze aus unserem Zimmer kommen sehen. Sie war müde aber ihr Blick wurde rasant wacher. Ich sah zu ihr, sie wusste wo die Waffe lag, die ich noch aus der Bow Street hatte herüber retten können. Ich hatte ihr gezeigt wie man schoss, sie würde wissen, was zu tun war.

Jackdaw wurde lebhaft, flatterte mir auf die Schulter, bereit für den Angriff. Ich konnte ihr Herz klopfen fühlen. Schüttelte nur kurz den Kopf, machte die zwei Schritte zurück in unsere Stube, drückte das Fenster einen Spalt auf, die Dohle hüpfte meinen Arm hinunter und zwängte sich hindurch. Erst als ich sie durch die Nacht flattern fühlte, drehte ich mich wieder um, verließ nun endgültig raschen Schrittes die Wohnung und hastete die Treppenstufen hinunter. Im Zweiten Stock hatte sich eine Tür geöffnet, ein greises Gesicht sah hindurch. „Bleib wo du bist, Abe, und mach die Tür zu.“, fuhr ich den Alten im Vorbeihasten an. Hinter mir fiel die Tür wieder ins Schloss.

Jackdaw hatte endlich das Haus umrundet, war auf der Seite der Tür angekommen und jetzt erst wurde mein Schritt langsamer. Nahm ich die letzten Stufen in angemessenerem Tempo, nicht mehr hastig. Das Karambit blieb wo es war, in meinem Hosenbund. Jackdaw ließ sich auf der erloschenen Gaslaterne an der Wand über der Tür nieder. Ich zog den Riegel der Tür zurück, öffnete sie, und sah Otis Rhode in die Augen.

Er sah fertig aus. Ich konnte ihn im Dunkeln nur halb erkennen, aber Jackdaw sagte mir, dass er zitterte und von seinem linken Arm tropfte in regelmäßigem Takt das Blut, das immerhin konnte ich riechen. Wichtig aber war nur sein rechter Arm. Sein rechter Arm, auf dem er das Bündel eines kleinen Jungen trug, der sich um seinen Hals geschlungen hatte und schlief. Es war Jackdaw, die mir sagte, wie übel der Kleine, Otis‘ Sohn, zugerichtet war. Mein ernster Blick traf die Gestalt. Hätte am Liebsten nach dem Jungen gesehen. Aber nicht hier, nicht hier draußen. Ich warf einen weiteren ernsten Blick auf die Straße hinter Rhode. Ich brauchte keinen zweiten. Machte Platz um Otis vorbei zu lassen und Cyneburg mit ihm. „Hoch mit dir.“, sagte ich nüchtern, aber ich glaube es hätte keine Worte gebraucht um das zu sagen. Ich war nicht einmal sicher, ob Otis mich verstand.

Otis, mein Fluch der letzten fünf Jahre. Der Grund weshalb sie mich dieses Jahr in die H Division versetzt hatten. Als wäre ich Rhodes Bediensteter und könnte nicht ohne den Mann leben, der sich seit dem Tod seiner Frau im Selbstmitleid suhlte und nur schwer dazu zu bringen war, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ich war es längst Leid, ihn regelmäßig anzuschreien. Auch wenn es gut getan hatte, ihn meine Wut darüber spüren zu lassen, dass wir heute beide dort waren, wo wir nun einmal waren. Aber er hatte getan, was ich ihm gesagt hatte. Er hatte sich um seinen Jungen gekümmert. Und jetzt war er hier. Und egal was passiert war, ich würde nicht zulassen, dass er oder der Junge mir abkratzten wenn er einmal das tat, worum ich ihn gebeten hatte. Auch wenn bitten vielleicht das falsche Wort dafür war. Ihn draußen auf der Straße zu lassen, hätte bedeutet, ihn abkratzen zu lassen. Früher oder später.

Hinter Otis warf ich noch einmal sicherheitshalber einen Blick auf die Straße, ließ Jackdaw einen Rundflug machen, wartete dann, bis sie durch die Tür geflattert kam und sich in Cyneburgs Nackenfell einnistete, stumm wie ein Fisch dabei ausnahmsweise, und schloss dann wieder ab. Es war noch nie ein so seltsames Gefühl gewesen, eine Holztür zu schließen.


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Only the winds - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:28
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