Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Ich folgte Otis ins Innere der Wohnung, die Blutspur ignorierend, die er kontinuierlich im Treppenhaus gelegt hatte. Darum konnte ich mich auch noch bei Tageslicht kümmern. Jeder, der sich daran störte, durfte gerne selbst zum Scheuertuch greifen. Ich verschloss die Wohnungstür wieder, schob die Holzbohle zurück unter die Klinke. Dann drehte ich mich zu meinem Sohn um. „Hol deiner Mutter etwas zum überziehen, Patrick, sei so gut.“, bat ich ihn leise. Er drehte sich ohne weitere Fragen zu stellen um, verschwand in unserem Zimmer und kehrte bald darauf mit Margorys Morgenmantel zurück, den er ihr reichte. Während dessen nahm ich eine Öllampe vom Küchenregal und entzündete sie an den Kerzen am Tisch, um für etwas mehr Licht zu sorgen. Mochte sein, dass ich beim Brüten im Dunkeln nicht mehr nötig hatte als das, aber das hier war etwas anderes.

Immer wieder fiel mein Blick während meinem Tun auf Rhode. Rhode wie er sich setzte. Rhode wie er nach seinem Jungen sah ohne eine Sekunde acht auf sich selbst zu geben. Margory entfachte das Feuer im Ofen neu um etwas Wärme zu spenden. Bentley mauzte leise davor und strich ihr träge um die Beine, durch den Tumult geweckt. Sie schloss den Morgenrock, dann beugte sie sich besorgt über Otis und seinen Jungen während ich die Öllampe über dem Tisch an einen Haken hängte. „Ein Tee lässt sich sicher machen. Und Otis, ich bin Margory, hörst du?“, sagte sie ruhig und liebevoll mit ihrer bestimmten, aber beruhigenden Stimme und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, wie um ihm die Ruhe zu geben, die sie verspürte. Dann wandte sie sich ab, setzte den Kessel auf.

Im Nebenzimmer war es in der Zwischenzeit unruhig geworden. Eine verschlafene Kinderstimme quiekte aus dem Zimmer aus dem Patrick gekommen war. „Siehst du nach ihnen? Pass auf dass sie weiterschlafen, ja?“ Patrick nickte und gehorchte. Er verschwand durch die Tür zurück ins Kinderzimmer und augenblicklich wurde es ruhiger drüben. Es war nicht so, dass ich ihn nicht hierhaben wollte. Wenn ich einem meiner Kinder erlaubt hätte zu bleiben, dann wäre es Patrick gewesen. Patrick, der schon ein halber Mann war. Aber es war besser, wenn er nach den Kleinen sah. Besser wenn Otis nicht noch mehr Zuschauer hatte. Unwirsch wandte ich mich bei dem Gedanken ab, zurück zu Margory und Otis am Tisch. Ich beobachtete sie kurz auf der Suche nach etwas, womit ich sie unterstützen konnte, aber ich fand nichts.

Ich wollte mir gerade einen Stuhl vom Tisch ziehen, als mir die spiegelnden Blutstropfen wieder ins Auge stachen, die Otis wie eine unpassende Dekoration verfolgten. Meine Hände ließen den Stuhl stehen wo er war, öffneten stattdessen mit ruhigen Bewegungen den Schrank gegenüber, in dem wir neben Laken und Bettwäsche auch alte Leinenstücke lagerten, zog zwei lange Stücke daraus hervor. Ich schloss den Schrank wieder, reichte dann Margory die Leinenstücke. „March?“ Sie drehte sich zu mir um und nahm sie mir ab.

Diesmal zog ich mir den Stuhl heran, setzte mich, verschränkte abwartend die Hände auf dem Tisch ineinander und sah Otis an. Ich beobachtete, wie er seinen Jungen ansah. Beobachtete weiter wie Margory neben ihn trat, ihn behutsam an der Schulter seines verletzten Arms berührte und ihn bat ihr seine Wunde zu zeigen, damit sie sie mit den Leinentüchern verbinden konnte. Ich blieb stumm dabei. Beobachtete nur. Und fragte mich was beim dunklen Herrn Rhode und dem Jungen passiert war.

Jackdaw schien da bereits weiter zu sein als ich. Bislang war sie zu beschäftigt gewesen, um sich mit mir zu befassen – ich war dankbar dafür gewesen bis zu diesem Augenblick – aber diesen Aufhänger konnte sie unmöglich gleiten lassen. Munter hüpfte sie über Cyneburgs Rücken, die sich hinter Otis bei Bentley vor dem Herd niedergelassen hatte und scheinbar bereits einen fröhlichen Tagesbericht abzugeben wusste. Finsteren Blickes beobachtete ich weiter wie Margory sich um Otis‘ Arm kümmerte, nachsichtig mit dem geringfügigen Widerstand umgehend, den er ihr bot, und ließ mir von Jackdaw die Schlagzeilen der Vertrauten Post erzählen. Sie waren bei der Familie gewesen, bei der Ben untergekommen war. Otis‘ Schwägerin. Jackdaw bezeichnete es stolz als „die Abrechnung“ und ich konnte mir vorstellen, was sie darunter verstand. „Hat es Tote gegeben?“, fragte ich ohne jede Emotion in der Stimme. Margory sah ruckartig auf, warf mir einen wütenden Blick zu. Ich reagierte nicht darauf. Mochte sein, dass ich zu direkt war. Mochte sein, dass es nicht der richtige Augenblick war. Aber der würde nie kommen. Besser ich wusste, ob jemand Otis verfolgen würde. Vielleicht bis hierher.

Der Teekessel pfiff und zwang Margory dazu, ihre Aufmerksamkeit von mir abzuwenden. Auch von Otis‘ Arm. Sie warf das verbliebene Tuch mit Schwung auf die Tischplatte. Dann wandte sie sich dem Herd zu um den Tee zu retten und etwas von der „Suppe“ hinzuzugeben. Sie stellte zwei Tassen vor Otis und seinem Jungen ab, nahm dann Topflappen zur Hand und goss die Flüssigkeit ein. „Hier, das wird eure Wunden heilen.“, erklärte sie und in ihrer Stimme lag eine Wärme, die sie für mich heute Abend nicht mehr übrig haben würde.


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