Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Ardins Blick war voll wütender Ungeduld, aber er schwieg, das war alles, was zählte. Er schwieg noch ein wenig länger und gab Ben die Zeit einzuschlafen. Ich streichelte dem Jungen sanft über den Rücken, brummte leise die Melodie eines Wiegenliedes, das Judith ihm einst vorgesungen hatte und dessen Text ich mir nie hatte merken können. Ben war längst zu alt dafür, aber manchmal, wenn er Alpträume gehabt hatte, dann hatte sie noch immer für ihn gesungen. Und nach all dem, was ich mir nicht ausmalen wollte, was mein Junge in den letzten Wochen ertragen hatte, wenn es nur etwas gab, das ich tun konnte, damit er ohne Angst einschlafen konnte, ich würde es versuchen. Wenn es schon nicht die Sicherheit eines Heims war. „Er hat mich gefragt, ob ich ihn jetzt nicht mehr allein lasse…“, flüsterte ich heiser, sobald ich meinte, dass Ben eingeschlafen war. Den Blick leer ins Nichts gehend. Nicht wirklich zu irgendjemanden, nicht einmal zu mir selbst. Ich wünschte in diesem Moment so sehr, ich hätte die Fähigkeiten einer Frau. Die Fähigkeiten für ein Kind zu sorgen, wie nur eine Frau es konnte. Aber das konnte ich nicht. Ich war ein Mann und Männer hatten für den Lebensunterhalt eines Hauses zu sorgen, Frauen hatten sich um das Leben in diesem zu kümmern, mit allen vielgestaltigen Fertigkeiten, die dazu gehörten. Die mir fehlten. Die ich nie im selben Maße hätte erfüllen können. Männer kümmerten sich um etwas, Frauen sorgten für etwas. So war diese Welt nun mal. Und – sollte ich von ihm auch halten was ich mochte – wer wäre ich schon gewesen abzustreiten auf welche Art Gott uns nun einmal geschaffen hatte? Mich darüber hinweg zu setzen und zu behaupten dasselbe für meinen Sohn leisten zu können wie eine Frau? Das wäre vermessen gewesen und selbst wenn ich nicht die ungezählten Stunden eines Fabrikarbeiters zu leisten hatte, so hielt mich der Broterwerb, den ich zu leisten hatte, doch für mindestens acht Stunden jeden Tag vom Haus fern. Auch Judith hatte gearbeitet, aber sie hatte den Jungen dabei immer bei sich haben können, er hatte mit den Kindern anderer Wäscherinnen spielen oder ihr bei der Arbeit zur Hand gehen können. Das war nichts, das bei meiner Arbeit möglich gewesen wäre. Ich hatte all diese Überlegungen schon einmal angestellt, unmittelbar nach Judiths Tod und war nur zu dem einen Schluss gekommen, Ben zu seinen Verwandten zu geben, einer geregelten Familie, einer sorgenden Frau, die auf ihn Acht gab, ohne einen Vater, der ihm so viel Unglück bereitet hatte. Auf dass er die Vergangenheit vielleicht vergessen und für die Jahre, die ihm blieben, ein normales Leben führen konnte – wie sehr ich mich darin getäuscht hatte.

Judith war immer diejenige gewesen, die Kontakte pflegte, zu ihrer Familie, zu Freunden, darauf hatte ich mich immer verlassen, hatte mich zurückgehalten in diesen Dingen, die ich ohnehin nicht mit ihrem Geschick hätte erfüllen können. Aber jetzt wagte ich mich an niemanden aus Judiths Familien- oder Freundeskreis mehr zu wenden, nicht nach dem, was mir heute Gewahr geworden ist. Meine eigene Familie war weit entfernt, ich konnte vermutlich nicht einmal erwarten, dass mein Bruder noch lebte, noch hätte ich ihm bei all seinem gottgegebenen Leiden noch ein weiteres hungriges Maul unterschieben können, gleichgültig ob ich ihm jedes Geld geschickt hätte, das ich hatte. Es war keine Alternative Ben nach Braunston zu schicken, wo ich endgültig jedem Einfluss darüber beraubt wäre, wie es ihm erging. Aber was blieb mir denn noch? Weder in ein Armenhaus konnte ich meinen Sohn geben, noch konnte ich ihn den Tag über in einen Schrank einsperren, bis er alt genug wäre, um über so viele Stunden hinweg für sich selbst zu sorgen. Aber eines von diesen unmöglichen Dingen würde ich wohl tun müssen. Ich bemerkte etwas feuchtes auf Bens Kittel, starrte es irritiert an, bis ich dieselbe Feuchtigkeit auch auf meinen Wangen spürte, bis ich registrierte, dass ich mich nass geheult hatte, während ich schweigend dagesessen und ins Leere gestarrt hatte. Ich schluckte hart, senkte den Kopf in dem beschämten Versuch mir selbst Einhalt zu gebieten. Grob rieb ich mir den Ärmel über das Gesicht, der nicht von Blut verkrustet war, versuchte die Tränen irgendwie zu stoppen, aber die endgültige Erschöpfung, die mich hier in dieser relativen Sicherheit und nachdem Ben fürs erste versorgt war überkommen hatte, nährten sie wie Kiefernzweige ein Feuer.

Und noch immer war ich eine Erklärung schuldig geblieben. Eine Erklärung, die ich nicht hatte. Die nur aus diesem einen lächerlichen Satz bestand, den Cyneburg mir jetzt in die Leere meines Schädels diktierte: „Ich habe keinen anderen Ort, an den ich gehen kann.“ Mein trüber Blick kam bei Ardin zum Halt, voll Trotz sah ich ihm entgegen, bereit für all den Spott, all die Häme, die mich dort erwarten würden, und ich nichts daran ändern konnte. Weil es die einzige, gottverfluchte Wahrheit war: Otis Rhode kannte im ganzen großen London nicht einen einzigen Ort, an den er seinen verletzten Jungen hätte bringen können. Keine Familie, keine Freunde, keinen Kontakt, dem er weit genug über den Weg getraut hätte. Keine andere Stelle als das Herdfeuer von Ardin James‘ Wohnung. „Ich konnte ihn dort nicht lassen. Ich kann zu niemanden aus… J…“, ich biss mir auf die zitternde Lippe, schaffte es erst beim zweiten Versuch ihren Namen auszusprechen, „… Judiths Familie. Ich kann das kein zweites Mal zulassen. Ich weiß nicht, wo ich… Ich weiß nicht, wo ich Ben unterbringen soll. Ich habe hier keine Familie, niemand, der für ihn sorgen würde. Dem… denen…“ Ich brachte die Worte kaum hervor, so trocken fühlte sich meine Kehle dabei. „… ich vertrauen könnte…“ Ich sah Ardin noch immer an, den Blick vollkommen blank dieses Mal. Wenn ich nicht einmal den Leuten vertrauen konnte, die dasselbe Blut hatten wie der Junge, wem dann? Wem dann außer dem Mann, der mir trotz allem Hass und Neid zwischen uns so viele ungezählte Male den Rücken gedeckt hatte, wenn es hart auf hart gekommen war. Dem ich so viele ungezählte Male blind mein Leben in die Hand gegeben hatte. An dessen Seite ich so viele ungezählte Male gekämpft und geblutet und dem Tod entronnen war. Mit dem gemeinsam ich meine Seele verkauft hatte. „… außer dir.“ Mein Blick ging zu Margory. „Euch.“ Ich sah sie weiterhin an, weil ich Ardins Antwort wohl kannte, aber weil ich wusste, wer diese Entscheidung treffen würde und weil ich wollte, dass sie sie mit Bedacht traf. „Würdet ihr Ben eine Bleibe geben? Ich würde sagen, es ist nur, bis ich eine andere Lösung gefunden habe, aber das wäre eine Lüge. Ich habe keine Alternative. Keine die… ich…“ Mein Blick brach doch einen Moment, was wäre mir geblieben, als offiziell anzuerkennen, dass ich nicht für den Jungen sorgen konnte und ihn in die sogenannte Fürsorge eines Armenhauses zu geben? Ich konnte die Worte nicht aussprechen, die ohnehin jedem hier bewusst waren. Ohne Familie oder ältere Kinder, die bereits für die Jüngeren sorgen konnten, was blieb alleinstehenden Männern unserer Klasse schon, vor allem wenn ihre Frauen dem Verbrechen des Selbstmords überführt worden waren? Es war unsinnig es auszusprechen. Alles was mir blieb, war die letzten Wege zu gehen, die mir blieben, um das möglicherweise zu verhindern. „Ich werde für alle Kosten aufkommen, die der Junge verursacht, und für die Mühe, so du denn einen Preis dafür festlegen kannst, den ich zahlen kann, Margory. Aber es ist…“ Ich schüttelte den Kopf, verbiss all die letzte Hoffnung, die in meinem Versuch hier lag, um die Worte aussprechen zu können: „Ich verstehe, wenn ihr das nicht auf euch nehmen könnt. Ich weiß, dass ich um mehr bitte, als ich je werde gut machen können. Aber, würdet ihr meinen Jungen bei euch aufnehmen?“


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