Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Ich hatte bisher alles von Otis Rhode gesehen. Aber nicht wie er weinte. Nicht wie er sich die dem Teufel geweihte schwarze Seele aus dem Schädel heulte. Jede einzelne seiner in Selbstmitleid vergossenen Tränen hatte etwas an sich, das mich nur noch wütender machte. Und dabei konnte ich nur dasitzen und ihn anstarren.

Es hatte mich müde gemacht, das warten. Da ist dieser Punkt nach der Aufregung eines Kampfes, wenn die Energie verebbt und man einfach in sich zusammen bricht. Ein gefährlicher Punkt. Besonders wenn die Sonne längst untergegangen ist. Jeder Moment der Schwäche kann dir dann das Genick brechen.

Ich ließ die Ritze auf dem Tisch Ritze sein, wandte mich Otis zu als er zu sprechen begann. Sah ihn an, ruhig, abwartend. Legte die geschlossene Faust auf der Tischplatte ab, lehnte mich mit der Schulter an den Stuhl. Bis mein abwartender Blick sich versteinerte. Gefror, unter dem Anblick von Otis Rhodes Tränen. Und mein Ansehen zum Anstarren wurde. Nicht schockiert, nicht berührt wie Jackdaw auf meiner Schulter das gerne gehabt hätte. Sondern eisern. Die disziplinierte Maske über dem was in mir tobte. Es fühlte sich leer an und gleichzeitig als würde jemand schreien. Und über beides wusste meine Dohle ihren Kommentar abzugeben.

Es konnte einfach nicht sein, dass Otis Rhode an meinem Küchentisch saß und weinte. In all der Zeit, die ich ihn kannte, und in all der Zeit seit Judiths Tod hatte er mir trotz all der Antriebslosigkeit in seinem Verhalten niemals derart nah am Abgrund gewirkt. Es war wie in den inneren Schlund eines Mannes zu blicken ohne je danach gefragt zu haben. Und das war es, was mich daran so derart störte. Dass Rhode hierher kam, seine Probleme auf meinem Tisch ablegte und sich daran erfreute, für fünf Minuten der Nabel der Welt zu sein. Sich ausheulen zu können und nicht einmal genügend Anstand zu besitzen die Tränen vor meiner Frau zu verbergen. Ein erwachsener Mann. Ich hätte gerne abfällig geschnaubt, aber in mir war keine Bewegung mehr. Als hätte mich jemand gelähmt.

Und dann kamen diese Worte. Keinen anderen Ort an den ich gehen kann. Ben unterbringen. Ich weiß nicht wo. Schön für dich, Otis Rhode, da hast du dein glorreiches Werk! Was hast du gedacht, wohin das führen würde, wenn du die einzige Familie, die sich um deinen Jungen kümmert, dem Erdboden gleich machst?! Aber ich sprach nichts davon aus. Das war jenseits aller Worte. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Aber ich hörte auch Jackdaw. Und ich wusste, dass sie recht hatte wenn sie sagte, dass Otis nichts dafür konnte. Dass niemand hatte wissen können, dass Judith derart reagieren würde. Und dass niemand hatte wissen können, dass ihre Familie versuchen würde, den Teufel aus einem kleinen Jungen zu vertreiben. Und dass Otis Recht hatte wenn er sagte, dass er nirgendwohin gehen konnte. Ich hätte selbst alles unternommen was möglich war, um meine Kinder zu beschützen. Aber warum, warum musste Rhode damit an meinen Küchentisch kommen?! Diese ganze große Stadt London, warum?! Zu mir. Mir, dem er nichts gönnte. Von dem er wusste, dass ich ihm nichts gönnte. Das mit der Hexerei, das war… das war eben gekommen, wie es gekommen war. Aber unsere Versetzung. Er wusste, dass ich ihn dafür hasste, dass ich ihn nicht loswurde. Warum in Dreiteufelsnamen kam er zu mir?

Niemand dem ich… vertrauen könnte… außer dir. Und ich konnte weiter nichts tun, als Otis anzustarren. Nicht länger aus Wut, sondern aus… innerer Leere, Sprachlosigkeit, wie sollte man das schon nennen?! Ohne dass sich in meinem Gesicht ein Muskel regte. Plötzlich, endlich, spürte ich die Wut in einer letzten, riesigen Welle über mich hinwegspülen. Wut über die Frechheit, die Otis Rhode an den Tag legte. Diese unendliche Frechheit. Und dann war sie fort. Dann war da nur noch Stille. Und Jackdaws Worte. Er meint es ernst, Ardin. Und du weißt, dass er es ernst meint.

Papperlapapp.

Otis sah bereits zu Margory als ich endlich den Blick senkte, tief durchatmete. Was denkst du, warum er sonst hier wäre? Denkst du nicht, er wäre überall anders hingegangen anstatt zu dir, wenn er gekonnt hätte? Wenn er gekonnt hätte, ja, hätte er es besser mal getan. Ich presste kurz heftig die Kiefer aufeinander, während Otis sein Wort längst an meine Frau richtete. Ich hätte ihn gerne angeschrien, er sollte mich ansehen wenn er schon gedachte meine Tasche derart zu belasten. Aber ich war zu müde dafür. Zu erschlagen von dieser Nacht. Und so sah ich nur zur Seite, mit gesenktem Kopf, und begegnete finster Margorys Blick. Sie sah mich an und es war fast höflich von ihr, sich auch nur einen Moment mit mir zu befassen. Ihre Entscheidung war längst gefallen. Sie war in dem Moment gefallen in dem Otis Rhode seinen Jungen über unsere Schwelle getragen hatte. Und ich wusste, was auf mich zukam, wenn ich den Versuch wagte, dagegen an zu argumentieren. Ich war zu müde dafür. Es war Jackdaws Feststellung, nicht meine. Und ich war auch zu müde um mit der verdammten Dohle zu diskutieren. Ich fuhr mir mit der freien Hand über das Gesicht. Nickte dann schicksalsergeben.

Margory verschwendete keinen weiteren Augenblick mit mir, sah stattdessen zurück zu Otis, streckte eine Hand aus um die seine zu drücken, ihn tröstlich anzulächeln. “Natürlich Otis. Mach dir keine Sorgen um den Jungen, wir nehmen Ben gerne. Freddie wird glücklich sein, in ihm einen weiteren Bruder zu haben.“ Das würde er, ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Für ihn würde Weihnachten verblassen neben diesem Geschenk. “Ihm soll kein Leid mehr geschehen. Genauso wenig wie dir.“ Jetzt sah Margory Otis fest und ernst in die Augen, als würde sie ihm einen Schwur leisten. Einen verdammten Schwur. Ich schluckte und senkte den Blick, aber ließ sie machen. Ich ließ meiner Frau ihren Willen. Zu tun, wozu ich nicht die Größe hatte. Und auch Jackdaw schien enttäuscht. Das hätten deine Worte sein sollen, Ardin. Ach zum Teufel mit ihnen allen. Ich sah zwischen meinen Beinen hindurch wie beiläufig auf die Dielen unter meinen Stiefeln, als hätte ich dort etwas sehenswertes entdeckt. Vielleicht wollte ich Otis auch einfach nicht mehr in die Augen sehen nachdem ich wusste wie es aussah, wenn er wirklich am Boden angekommen war.


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Only the winds - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:28
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