„Manchmal denke ich, wir haben nichts gewonnen.“ Ich spürte etwas in mir erstarren. Ganz unwillkürlich. Starr vor Fassungslosigkeit saß ich da und begriff nicht wirklich, was eigentlich gerade geschah. Ardin James… teilte… seine Gedanken… mit mir…? Nicht über einen Fall. Nicht über seine verqueren Ansichten von der Welt. Darüber was andere – allen voran ich, in den letzten Monaten im Besonderen – falsch machten und der hohe Herr richtig. Sondern ganz unmittelbar. Ein Gedanke wie aus den Tiefen seiner verkauften Seele. Und ich war mir im selben Augenblick unsicher, ob ich das überhaupt wissen wollte, was dort schlummerte. Es war wie innere Widerhaken in mir, die sich gegen die Verarbeitung jener Worte sträubten. Weil ich längst wusste, dass wenn ich sie denn bis zu mir durchdringen ließ, sie mich nicht so einfach wieder verlassen würden. Ich blinzelte gegen das Halbdunkel. Mühsam. Nicht einmal vor Müdigkeit. Nicht der körperlichen Sorte jedenfalls. Und Ardin fuhr unerbittlich fort. Und je länger er sprach, desto mehr nagten die Zweifel in meinem Inneren, darüber wie sehr es hier um unsere so unkontrollierbar erscheinenden Fähigkeiten ging oder… Ich zog ein wenig Nase und Oberlippe in die Höhe, sträubte mich noch so viel mehr gegen den Gedanken, aber es war bereits zu spät. Ardins Worte waren zu mir durchgedrungen. Bis tief in meine eigene verfluchte Seele. Konnte es denn sein? Konnte es denn sein, dass auch Ardin sich… schuldig… fühlte… an dem, was geschehen war? Dem, was es uns gekostet hatte. Diesem hohen Preis. Dass ich keinen Menschen mehr ohne das Risiko berühren würde unfreiwillig in seine Zukunft oder seine Vergangenheit zu blicken. Dass Ardin keine Stunde mehr in Schlaf fallen würde ohne das Risiko im Traum eines anderen zu landen. Und doch wurde ich das unbestimmte Gefühl nicht los, dass Ardin noch so viel mehr reute als diesen Fluch einer Fähigkeit. Aber mein Junge, Judith – das war ganz allein meine Schuld, was James nicht müde wurde mir zu demonstrieren. Und auch jetzt hätte er mit keinem Wort etwas anderes durchblicken lassen. Aber manchmal, manchmal waren es so viel weniger die Dinge, die wir aussprachen, denn jene, die wir nicht aussprachen. Ich dachte an Margory, die ihre Seele verkauft hatte, an Ardins Ältesten, an die Schar seiner Kinder und ihr unbestimmtes Schicksal. Konnte sehen, wie der Topf den wir umgekippt hatten, seinen Inhalt noch so viel weiter auf der Tischdecke verteilt hatte, als wir je hätten erahnen können, sich der Stoff unseres Lebens sich bis in die letzte Faser damit durchsogen hatte.
„Dass wir uns nicht verzeihen würden, nicht jeden erdenklichen Weg gegangen zu sein…“, sagte ich langsam, müde. Meine Stimme war hohl dabei wie eine leere Schale. „Haben wir das nicht gesagt?“ Ein wenig hob ich den Blick, aber ohne Ardin wirklich anzusehen dabei. Der wusste selbst, was wir uns damals gesagt hatten. Ich wusste noch nicht einmal, was ich damit aussagen wollte. Wollte ich Ardin widersprechen? Wollte ich ihm zustimmen? Ich weiß nur eines. Es war eines der handvoll Mal in unserem Leben gewesen, da wir uns einmal in etwas einig gewesen waren. Jede verfügbare Möglichkeit auszuschöpfen. Jede Anstrengung zu unternehmen. Und wäre es damals eine Option gewesen unsere Familien nur Tag und Nacht mit der Waffe in der Hand zu beschützen, wie hätten es getan. Aber das war es nicht gewesen und so hatten wir andere Wege bestritten. Hatten nicht Ruhen können. „Nachdem wir… gesehen hatten, was er get…“ Meine Worte versiegten im Nichts. Es war unausgesprochenes Gesetz geworden, nicht darüber zu sprechen. Was wir damals gesehen hatten. In diesen Tagen. In diesen Wohnungen, in die man uns gerufen hatte. Den penetranten Geruch, den Blut in diesen Mengen verursachte wie Kupfermünzen schwer in unseren Mündern, und darunter in jedem Heim der unverwechselbare Geruch nach der lavendelherben Kernseife, die alle Wäscherinnen in diesem Viertel verwendet hatten – die wir von den Händen unserer Frauen kannten. Ich würde diese Mischung nie wieder vergessen. Noch die Bilder, die sich in meinem Schädel festgebrannt hatten. Meine Finger verkrampften sich unfreiwillig, klammerten sich an meinem Jungen fest, als sei er die letzte Kante vor einem Abgrund in den es mich unaufhaltsam hinab zog. Ben regte sich unruhig im Schlaf. Ich zwang mich meine verspannten Muskeln zu lockern. Die Gedanken abzuschütteln. Die Erinnerung.
Ich begegnete Ardins Blick über den Schein der Kerze hinweg. Der unvorstellbaren Bitterkeit darin und ich hatte die Lippen zusammengepresst. Den Blick leer vor Kraftlosigkeit. „Selbst wenn der Preis noch so zu hoch war, hätten wir denn anders entscheiden können, damals?“, fragte ich zurück, ohne dass ich Ardins Frage hätte beantworten zu können. Und ein bisschen, ein bisschen wünschte ich mir, dass er mir meine beantworten könnte. Denn ich wusste es nicht. Ich wusste es wirklich nicht. „Es ist wie…“, ich leckte mir über die Lippen, fuhr mit einem Finger ein Stück den äußersten Kranz des Lichtkegels ab, den die Kerze auf der Tischplatte hinterließ, die Stimme tonlos und müde, „als rennten wir im Kreis. Wir haben unsere Seele verkauft um unsere Frauen und Kinder zu schützen, aber in dem wir unsere Seele verkauften… Was haben wir ihnen damit eingebracht? Als gingen wir in die eine Richtung fehl, aber drehten wir uns um sind unsere Schritte nicht minder missgeleitet.“ Hätte ich damals das Abkommen mit dem Teufel vereitelt und hätte Judith und meinen Sohn tot und verstümmelt vorgefunden, hätte ich mir nicht dasselbe gesagt wie nun, da ich mich dem dunklen Herrn verpflichtet und Frau und Kind in den Nachwehen dessen verloren hatte? Es war als würde jede Richtung die wir gingen auf die ein oder andere Art zu einem unseligen Ende führen, wie ein ewiger Kreis dem wir nie würden entkommen können. Und mit ein bisschen mehr verbliebenen Verstand wäre das letzte was ich getan hätte, diesen Gedanken mit James zu teilen. Aber vielleicht hatte ich den ja längst verloren. Vielleicht musste ich den Gedanken auch einfach nur mit irgendjemanden teilen und mit wem hätte ich das sollen, wenn nicht dem Mann der in demselben hoffnungslosen Kreis gefangen war.

