Ich sehe zu Nascha, aber die hat mich schon längst wieder vergessen. Stattdessen antwortet Asya provokant auf ihre Frage und ich kann nicht anders als die Hündin anzusehen während sie antwortet und es genießt die Geschichte kurz und unbedeutend zu erzählen und dennoch wie einen kleinen Triumph klingen zu lassen. Und kurz, das ist sie wirklich. Mama hatte geheiratet. Drei Jahre später. Geheiratet. Das Leben auf Dode Manor einfach zurück gelassen. Ein neues begonnen. Mich vergessen. Ich wende den Blick erneut ab. Einem plötzlichen Drang folgend sehe ich wieder hinaus. Der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung, endlich. Was muss Nikola für sie gewesen sein? Ein nerviges Anhängsel aus einem anderen Leben? Der Beweis ihrer Schande? Wie musste es sein, mit einem fremden Vater zu leben? War es wie mit einer fremden Mutter zu leben? Ich beobachte wie der Bahnsteig langsam und immer schneller an uns vorbei gleitet. Im nächsten Moment bemerke ich wie vermessen der Gedanke ist. Ich sollte mich schämen meine Mutter so zu verurteilen. Was ist man schon als Frau ohne Ehegatten mit einem Kind in dieser Welt? Was ist man ohne Mann? Es zeugt von ihrem Überlebensinstinkt, dass sie so pragmatisch gehandelt hat. Und doch, was wenn sie doch etwas gefühlt hat? Was wenn sie die Langdons hinter sich gelassen hat? Ich würde es sie gerne fragen. Auch wenn ich weiß, dass mir die Antwort nicht gefallen könnte. Ich will den Kopf drehen, nach Mama fragen. Wissen, wie es ihr geht. Der Wunsch danach lässt jede Barriere, jeden tiefen Graben zwischen uns wie Nichts erscheinen als wäre er nicht da. Die Sehnsucht nach meiner Mutter. Wie oft habe ich mir vorgestellt, sie wieder zu sehen? Dass sie mich wieder in ihre Arme schließen würde? Eines Tages? Und wie lange ist es her, dass ich diese Gedanken begraben habe? Sie sind alle wieder da, als hätte ich nie auch nur einen Spatenstich getan. Ich habe das Gesicht schon von den Knöcheln gelöst, will den Kopf drehen, da hat Asya bereits eine Gegenfrage gestellt und lässt mich in der Bewegung stocken. Schwer muss ich schlucken. Ich schließe die Augen und wende das Gesicht zurück zum Fenster, lasse es im Schatten meiner Hand verschwinden unter dem Vorwand mir mit geöffneten Fingern ins sauber gebundene Haar fahren zu wollen. Ich habe das Gefühl die Unterhaltung der Daemonen sonst nicht länger zu ertragen, während Nascha ohne auch nur eine Sekunde zu zögern zur Antwort ansetzt und mit ihren Worten weich, wie ein Messer durch Butter gleitet, mein Herz erdolcht.
„Oh, das ist eine einfache Sache. Kurz nachdem ihr weg seid, muss ungefähr zur Zeit gewesen sein als ihr diesen seltsamen Namen angenommen habt, hat sich Lady Langdon endlich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllt und einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Alle waren glücklich, die Erbfolge gesichert und wir weg vom Fenster. Sie haben uns nicht mehr gebraucht, also sind wir abgeschoben worden. Ins Kloster. Name weg. Geld weg. Alles weg. Wie du Abfall in die Grube entwirfst sozusagen. Wir waren ihr ja schon immer im Weg, aber das war ein starkes Stück das sie gedreht hat. Das musst du dir anhören! Sie haben gesagt Papa wäre bei der Jagd beinahe von einem Blitz getroffen und gerade so verfehlt worden. Und aus Dankbarkeit hätte er dem lieben Herrgott seinen ältesten Sohn versprochen. An dem Tag war überhaupt kein Gewitter, aber versuch mal das Gegenteil zu beweisen. Das war es dann mit Lordschaft und so und mit Familie und überhaupt. Das Magisterium war unsere Fahrkarte da raus. Ich war heilfroh, dass das geklappt hat – ich wäre gestorben in diesem Bunker, das meine ich ernst. Ich habe immer gesagt, dass wir euch irgendwann wieder begegnen und euch finden, aber der Schwarzmaler da drüben hat mir nicht geglaubt. Und eigentlich würde er sich wahnsinnig freuen euch zu sehen, wenn er sich nicht so schämen würde. Ich glaube das nennt man einen Minderwertigkeitskomplex.“
Ich lasse die Hand sinken, öffne die Augen und sehe verdrossen und ja, durchaus ein wenig wütend, zu der Eule, die sich jetzt bequem in das Brustfell der Hündin geschmiegt hat. Perfektes Ambiente für ihre kleine Erzählstunde. „Danke, Nascha, du bist ein Scheusal. Gibt es sonst noch etwas, das du gerne ausplaudern würdest?!“, gifte ich sarkastisch zu ihr hinüber. Sie lacht nur keckernd und macht es sich einmal mehr in Asyas Fell gemütlich. Sie ist eine Sadistin der übelsten Sorte… Ich lasse den Arm vom Fensterrahmen sinken, lehne mich zurück und drücke kurz mit geschlossenen Augen den Schädel gegen das Polster der Lehne. Was bringt es jetzt noch, die Fassade zu wahren? Nascha hat jede sorgsam getragene Anstandsmaske zerstört. Jetzt sitze ich hier vor Nikola offen als das Häufchen Nichts das ich bin. Immerhin, ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich öffne die Augen wieder, hebe etwas den Kopf und komme damit in einer entspannteren, aber auch kraftloseren Haltung an. Zum ersten Mal sehe ich freiwillig zu meinem Bruder hinüber. Nikola Larkin. Wie er da drüben auf der anderen Seite des Abteils sitzt. „Tut mir Leid, dass du es so erfahren musstest.“, gebe ich ehrlich zu und es ist wohl das einzige, das ich noch für ihn tun kann, das einzige, das ich noch dazu sagen kann. Und ich meine es ernst, auch wenn meine Stimme bitter und müde klingt, sie ist nicht mehr so angespannt. Und es fühlt sich gut an. Ja, irgendwie ist es angenehm, nichts mehr zu verbergen zu haben. All mein Dasein, all meine Schande offen gedeckt zu haben und nichts mehr zu verlieren zu haben, als dass jemand mutwillig mein Herz zerstören würde. Das Verstecken ist anstrengend geworden. Es raubt Kraft. Auch wenn ich es immer erst hinterher bemerke. Und ein wenig bin ich dankbar um die Erlösung. Nascha weiß das. Und sie thront triumphierend auf Asyas Brust. Ich hätte mir schönere Arten vorstellen können, das zu erreichen. Aber immerhin, ich kann aus den Gegebenheiten nur das bestmögliche machen. Und wenn Nikola mich jetzt verachtet, dann bin ich wenigstens bereit dafür.

