Irgendwann sackte mein Kopf weg und ich verlor meinen Kampf gegen den Schlaf. Das Schweigen zwischen Otis und mir war ungebrochen und ich konnte im Nachhinein nicht sagen, wie weit die Nacht fortgeschritten war als es passierte, erinnerte ich mich doch nicht im Ansatz daran, wie es geschehen war.
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Ich bemerkte erst, dass ich schlief, als ich mich auf einem Marktplatz wiederfand. Es war kein Marktplatz von der Sorte, die ich kannte. Saubere, gerade Reihen von Pflastersteinen bedeckten den Boden. Um den Platz erhoben sich gewaltige Gebäude, deren Dächern eigene Dächer besaßen und diese wiederum Dächer, an deren Ecken wilde Kreaturen ihre Köpfe in die Straßen unter sich reckten. Der Ort wirkte fremd und doch als existierte er. Um mich herum standen Wägen, wie die Coster sie besaßen. Überdacht mit Tüchern und befüllt mit allerlei Dingen, die in fremden Zungen feilgeboten wurden. Aber sie besaßen nicht das Sortiment unserer Coster. Ich sah Insekten neben Früchten, Hühner und Schweine und Tiere von so seltsamer Gestalt dass ich nicht anders konnte als zu glauben, dass sie Erfindungen des Träumenden waren. Das war nicht mein Traum. Wie hätte es auch anders sein können.
Längst unternahm ich keine Versuche mehr, mich aus Träumen zu befreien. Es nützte nichts. Wenn ich einmal schlief, dann war ich fort, wie in einem anderen Leben gefangen. Mein Körper weit hinter mir abgeschlagen, als besäße ich keine Verbindung mehr zu ihm. Stattdessen war ich fort, hier auf diesem Platz. Umgeben von Schlitzaugen. Abertausenden Chinesen in den unterschiedlichsten Kleidungen. Breite Strohhüte, lange Umhänge, dunkle Zöpfe. Ich musste achtgeben um nicht unter die Räder zu geraten. Ich wanderte durch die Straßen, die vom Marktplatz abgingen und konnte nicht sagen wie viel Zeit dabei verging. Irgendwo entdeckte ich Messer in einer Auslage, die meinem Karambit nicht unähnlich waren. Ich sah Pferde, besser genährt als die Gäule aus Whitechapel. Langbogen auf dem Rücken eines Mannes und doch seltsam anders geformt als die Sorte, die ich kannte. Ich begann mich an den Anblick zu gewöhnen. Fast schien es friedlich hier zu sein, wenn man vom Lärm der Straße einmal absah. Verglichen mit anderen Träumen, die ich bereits unfreiwillig besucht hatte, war das hier nichts.
Es war vermutlich ein Fehler, das zu denken. Ich war auf den Marktplatz zurückgekehrt, auf dem meine Reise begonnen hatte, ohne es zu beabsichtigen. Womöglich hätte ich mich nach dem Träumenden umsehen sollen, heraus finden, welches dieser vielen Gesichter jenes war, von dem ich mich am besten fernhielt. Aber ich hatte nicht den Antrieb dafür. Deshalb überraschte mich was folgte, derart. Ich erinnere mich wie ich in meinem Traum überrascht davon war, dass mich etwas überraschen konnte. Und doch war es so. Eine fremdländische Armee drängte auf den Platz. Brüllende Soldaten, in Pluderhosen und lange Schals gehüllt, seltsam hohe Helme auf den Köpfen, schlugen auf die Menge ein, um Platz unter den Menschen zu schaffen. Schüsse fielen. Panik brach unter den Menschen aus. Jemand stolperte über mich. Ich konnte mich gerade noch in der Aufrechten halten und sehen wie neben mir jemand getroffen zu Boden ging. Ich kam wieder zu sicherem Stand und sah vor mir auf den Platz, auf dem ich zwischen den Menschen hindurch gerade noch sehen konnte, wie einer der Soldaten ein kleines Mädchen an seinem Zopf herbei zog. Er zwang es mitten auf dem Platz auf die Knie zu gehen, bevor er ein Messer zückte und damit begann, dem Kind die Schädeldecke aufzuschneiden. Das Kind schrie unablässig, während sich dein Kopf wie eine Dose öffnete, der Mann hinein griff und das Gehirn des Kindes daraus hervor holte. Er hielt es mit der Hand in die Höhe. Das war der Moment, in dem das Kind verstummte und leblos zur Seite kippte.
Soldaten packten sich den nächsten Menschen aus der verängstigten Gruppe der Umstehenden. Jemand rannte dem Entführten hinterher, der nun ebenfalls kniend an die selbe Stelle gezogen wurde, an der zuvor noch das Mädchen gehockt hatte, bevor man ihr den Schädel geöffnet hatte. Dieser Jemand wurde ebenfalls gepackt und dem anderen gegenüber gesetzt. Ich war mir ziemlich sicher, dass einer der beiden der Träumende sein musste. Aber es war mir auch egal. Ich schluckte. Bemühte mich den Blick abgewandt zu halten, mich auf die Menschen um mich herum zu konzentrieren. Ihre Gesichter. Die Dinge in ihren Händen. Es würde bald vorbei sein. Und dann würde ich diesen Traum hinter mir lassen.
Dem nächsten wurde die Schädeldecke geöffnet. Das nächste leblose Hirn in die Höhe gehalten, bevor es achtlos auf der Straße landete wie ein Stück fauliges Fleisch. Ich sah nicht hin. So lange bis mich jemand packte, ohne dass ich es vorhergesehen hatte. Ich wollte nach meinem Karambit greifen, aber natürlich, es war nicht da. Wehrlos, die Waffe auf der Schulter, zerrte man mich auf den Platz und ich verfluchte mich dafür, nicht achtgegeben zu haben. Man ließ mich vor dem verheulten Träumenden niederknien, packte mich im Nacken, das Messer schwebte schon über mir. Ich griff nach den Händen des Soldaten. Ich sollte nicht eingreifen, ich spürte es instinktiv. Und doch blieb mir kaum etwas anderes übrig. Ich würde mir nicht den Schädel aufschneiden lassen. Ich würde nicht… Ich würde nicht… Ich rang mit den Händen des Soldaten über mir. Spürte schon die Schneide des Messers in meine Haut fahren. Konnte mich mit einem letzten verzweifelten Griff abstoßen und…
* * * * *
…kippte mit dem Stuhl rückwärts fort von meinem Küchentisch auf die Dielen unserer Stube, die Wand hinter mir knapp verfehlend. Heftig atmend richtete ich meinen Oberkörper auf, sah mich um, erkannte meine Wohnung, erkannte die Realität. Mein Herz raste in meiner Brust, während ich meine Stühle wieder erkannte, meinen Tisch, Margorys Herdfeuer, Jackdaw, die besorgt auf den Tisch zu flatterte, das dumme Ding. Mein Blick traf Otis Rhode und erstarrte in einem Moment, in dem ich mich zu erinnern versuchte, was er hier tat.
Ich rappelte mich auf, nur um nicht länger am Boden zu liegen wie ein zappelnder Käfer, hob den Stuhl vom Boden auf, stellte ihn wieder an den Tisch, während sich meine Atmung langsam wieder beruhigte. Mein Blick glitt über die abgebrannte Kerze auf dem Tisch, das erste Morgenlicht, das hinter den Fenstern auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses schimmerte. Es fiel mir wieder ein. Was Otis Rhode hier tat. Dass er mit Ben gekommen war. Ben, der nicht mehr auf Rhodes Schoß saß. War er jemals da gewesen? Für einen Moment war ich unsicher, ob meine Erinnerung von letzter Nacht ein Traum gewesen war oder das was ich gerade erlebt hatte.
Ich zog den Stuhl wieder etwas ab und setzte mich darauf, um die Ellenbogen auf der Tischplatte abzustützen und mir mit den Händen über das Gesicht zu fahren. Ich fühlte mich als hätte mich eine Kutsche in voller Fahrt erwischt und über zwei Straßenkreuzungen hinweg mitgeschleift.

