Jackdaw rief es mir ins Gedächtnis und ich ließ es geschehen. Während Otis auf angenehme Weise schwieg und mein Blick das sonnenhafte Leuchten auf dem Dach gegenüber fixierte, das im nebligen London so verdammt selten war, erzählte Jackdaw von Otis, der zu uns gekommen war, nachdem sein Junge bei Judiths Familie gelitten hatte. Es war der Teil, an den ich mich noch erinnerte, aber ich unterbrach Jackdaw nicht. Ließ die Dinge aus ihrer Sicht Revue passieren.
Ihre Sicht war einfach. Otis Rhode hatte sich zum ersten Mal seit ich ihn kannte an mich gewendet. Mit der Bitte um Hilfe. Aus tiefster Verzweiflung, die ich nicht einmal zu Judiths Ableben von ihm gesehen hatte. Er hatte mich schon einmal um etwas gebeten. Aber nie hatte er dazu auf meiner Schwelle gestanden. Und auch damals war es keine Bitte im herkömmlichen Sinne gewesen. Vielmehr die Pistole auf der Brust. Ich habe hier ein halbes Jahresgehalt. Ich muss den dunklen Lord beschwören. Wir sind Kollegen, deshalb frage ich dich zuerst, aber ich geh zu jemand anderem wenn du nicht willst. Wer sagte Nein zu einem halben Jahresgehalt? Ich hatte es für nichts großes gehalten damals. Weil Rhode keine große Sache daraus gemacht hatte. Aber er hatte die Seele seines Sohnes verkauft. Mit meiner Hilfe. Ich hatte es mit angesehen. Ich und Margory hatten ihm geholfen. Und das war der Anfang all dessen gewesen, was später passiert war. Aber als ich verstanden hatte, als ich wirklich verstanden hatte, was wir da getan hatten, einen kleinen Jungen seiner Zukunft beraubt, einem Mann seine Familie genommen, da war es längst zu spät gewesen. Da war Judith schon tot gewesen. Und nun… nun hatte sogar der kleine Ben darunter gelitten. Mehr als er es sowieso noch tun würde.
Jackdaw sagte mir, dass der Junge in Sicherheit war, dass er bei Cyneburg auf der anderen Seite des Raumes außerhalb meines Sichtfelds schlief und es ihm gut ging. Sie fuhr fort damit, dass Margory unsere Unterstützung zugesagt hatte – auch daran erinnerte ich mich noch – und dass ich es Otis hatte spüren lassen. Dass er schon wieder hier war, obwohl es das erste Mal war. Dass er mich um etwas gebeten hatte und ich ihn angesehen hatte mit dieser stummen Frage ob es schon wieder sein musste. Schon wieder ein Gefallen. Schon wieder Konsequenzen, die niemand absehen konnte. Immer so weiter machen. In die eine Richtung fehl gehen und in die andere ebenso. Da war dieses Bild vor meinen Augen wie Otis‘ Finger den Lichtring der Kerze auf dem Tisch nachfuhr, die jetzt erloschen war. Aber das erste war kein Gefallen gewesen, korrigierte mich meine unsägliche Dohle. Und diesmal hatte sie sogar Recht. Ich hatte die Entscheidung selbst getroffen, ich hatte die Wahl gehabt. Diesmal war es anders gewesen. Margory hatte die Entscheidung getroffen. Und keiner von uns hätte die Wahl gehabt. Niemand von uns hätte es über sich gebracht, Ben Rhode in ein Armenhaus zu geben. Ich konnte Otis Rhodes Tränen noch vor mir sehen. Er war zu mir gekommen. Nach alledem war er zu mir gekommen. Ausgerechnet. Das erste Mal auf meiner Schwelle. Kein dunkler Hinterhof an dem wir uns trafen. Und doch… es graute mir vor allem was noch kommen könnte. Vor allem was Rhode mir ins Haus schleppen könnte. Dabei war Ben nur ein kleiner Junge, der Schutz suchte.
Meine Stimme war rau als ich den Kopf in Rhodes Richtung drehte, ohne ihn anzusehen. “Geht es dem Jungen gut?“ Ich hörte die Stille im Haus. Sie mussten noch allesamt schlafen. Und dafür saß Otis hier. Hatte am Ende dem Schlaf besser widerstanden als ich. Ich hätte alles darum gegeben, hätte er das nicht mit angesehen. Mich wie ich von einem Küchenstuhl kippte. Aber was sollte es schon, das ließ sich nicht ändern. Vor ein paar Monaten wäre Rhode am Morgen nicht mehr hier gewesen. Er hätte seinen Jungen abgeliefert, hätte unsere Gutmütigkeit ausgenutzt und wäre sich irgendwo betrinken gegangen. Aber er war noch hier. Hier in meiner Wohnung. Der Mann, der immer zu stolz gewesen war, jemanden um Hilfe zu bitten. Irgendetwas hatte sich verändert, dass er es dennoch getan hatte und immer noch hier war. Und so hob sich meinen Blick und ich sah ihn an, den Mann, der zu mir gekommen war.

