Es hätte etwas Gutes, ich ließ mich verwirrt aus diesem Moment wegreißen, sah Ardin in vollkommener Ahnungslosigkeit entgegen. „Es ist wie eine Taufpatenschaft, nicht wahr?“ Ich starrte James noch für mehrere Augenblicke leer an, bis ich irgendwann begriff, den Blick senkte und das Lächeln auf meinen eigenen Lippen spürte. Ich hätte nicht sagen können, wie lange es her war, dass ich gelächelt hatte, so fremd fühlte es sich auf meinen Zügen an. „Judith wollte damals, dass ich dich frage“, kam es mir über die Lippen. „Dich und Margory.“ Ich presste die Lippen zusammen. Es hatte damals ihr Äußerstes gebraucht, dass ich Ardin auch nur zu Bens Taufe eingeladen hatte. Mehr wegen Margory hatte ich es schließlich getan. Wegen ihr und Judith eben. Ich hatte damals schon keine Freunde gehabt, die mir nahe genug oder auch nur geeignet gewesen wären, dass ich ihnen meinen Jungen anvertraut hätte – mehr noch, in meiner unsäglichen Arroganz hätte ich nie erwartet, dass Ben je Paten brauchen könnte. Und Judith hatte am Ende eben ihre Familie gefragt, die Schwester, die ihr am nächsten stand und ihr unseliger Mann, der wohl mein Schwager war. Ich starrte glasig zu dem schlafenden Ben hinüber. „Ich hät’s tun sollen. Seine Paten sind…“ Ich verstummte, mir kam nicht einmal ein Wort in den Sinn, das diese Leute nur ansatzweise hätte beschreiben können. Ich schüttelte den Kopf, sah wieder zu Ardin, eindringlich. „Wenn ich sterbe, ja? Dann darf er nicht zurück zu ihnen.“ Es war keine Bitte, es war eine Feststellung und ich wusste, dass ich es zu weit trieb. Meinen Jungen Ardin unter zu schieben und finanziell für ihn aufzukommen war das eine, aber ein annähernd mittelloses Kind dem nur die karge Hinterlassenschaft seines Vaters bliebe das andere. Ich musste leben, Judiths wahre Todesumstände weiter für mich behalten, um zu verhindern, dass es so weit kam. Aber wie viel Einfluss hatte ich am Ende schon auf mein eigenes Überleben? Hier in diesen Straßen, in die man uns versetzt hatte, im Besonderen. Und dennoch, Ben konnte nicht zurück. Niemals. Unter keinen Umständen. Ich sah Ardin noch einen Moment länger an, um zu prüfen ob er begriff, wie wichtig das war, und zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, warum er überhaupt begreifen sollte.
Was wusste er schon was Bens sogenannte Paten getan hatten? Was ich gestern getan hatte? Und doch schien… ich zog verunsichert die Brauen zusammen… und doch schien Ardin es zu wissen. Er hatte Ben am Abend gesehen. Er hatte mich gefragt, ob es Tote gegeben hatte. War das nur Kombination gewesen? Oder… mein Blick glitt zu der Dohle ab, die an Ardins Seite saß wie ein treuer Hausgefährte, ich sah zu meiner genüsslich dösenden Vertrauten, dachte an die Art zurück, wie sie am Abend vor dem Herd gelegen hatte. Selbst der fette Kater, der sie sonst nicht auf drei Fuß in seine Nähe ließ, war begierig zu ihren Pfoten gelegen. Ich senkte den Kopf, meine Hände fanden fast reflexartig in mein Gesicht, ich rieb müde darüber, verharrte mit den Fingerspitzen meiner zusammengelegten Hände einen Moment vor den Lippen wie im frommen Gebet vertieft. „Die Viecher bringen mich noch um“, brummte ich vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, ließ die Hände dann wieder sinken.
Ich sah Ardin entgegen als er fortfuhr. Dass er es mir übel genommen hätte, wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre. Ich blinzelte, mein Blick brach weg ins Bodenlose, hielt sich irgendwo an der Maserung der Tischplatte fest. Als bräuchte er ebenso wie ich selbst einige Momente sich zu fassen und als ich wieder aufsah, da war meine Stimme fast tonlos als ich sprach. „Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin.“ So leid es mir auch tat, so wenig ich das heute noch hätte leugnen können. Aber ich war froh, dass es Ardin und seine Frau waren, die mein Abkommen mit dem Teufel bezeugt hatten und nicht etwa ein Fremder. „Ich bin froh, dass du jetzt sein Pate bist“, fügte ich dann hinzu, ein leise verstohlenes Grinsen auf den Lippen. „Und sollte das je einer anzweifeln, sag ihnen der verdammte Gregor hat es bezeugt.“

