Er hätte es tun sollen… Vielleicht. Ich konnte wenig dazu sagen außer dass ich die Geste damals wohl nicht zu schätzen gewusst hätte, aber ich schwieg, sah ihn nur an. Beobachtete wie er den Blick zu seinem Jungen wandern ließ, den ich von hier aus nicht sehen konnte. Es war ein plötzlicher Moment in dem er mich wieder ansah. Den Kopf schüttelnd sah er mir so direkt in die Augen wie Otis Rhode mich bisher wohl noch nie angesehen hatte. „Wenn ich sterbe, ja? Dann darf er nicht zurück zu ihnen.“ Immerhin gab es noch ein „Ihnen“. Immerhin waren sie nicht tot. Auch wenn ich hätte nachvollziehen können wenn Otis diesen letzten Schritt auch noch gemacht hätte. Falsch, ich hatte damit sogar gerechnet. Ernst sah ich zu ihm zurück. Nickte dann. Ich hätte sagen können „Du wirst nicht sterben“ oder „Denk nicht über sowas nach“. Aber all das wäre gelogen gewesen. Wir sterben alle einmal. Und es war für einen Polizisten nur eine Frage der Zeit. Besonders hier in Whitechapel. Es war nur realistisch mit der Möglichkeit zu rechnen. Jeder Vater wäre einfältig, wenn er diese Möglichkeit nicht in Betracht zog und für den Fall vorsorgte. Es wäre töricht gewesen, seine Familie diesem Schicksal zu überlassen, ohne sich auch nur ein einziges Mal mit der Möglichkeit auseinander gesetzt zu haben. Ja, ich verstand was Otis meinte. „Dem Jungen wird es bei uns gut gehen, egal was passiert, ich gebe dir mein Wort.“, erklärte ich dann überflüssigerweise. Aber ich wollte, dass Otis das seinerseits verstand. Dass es in seinen Kopf ging. Dass er sich keine Sorgen mehr machte. Warum auch immer mir das plötzlich so wichtig war. Wer war ich, Otis Rhode all die Last abnehmen zu wollen, die er selbst verschuldet hatte? Aber Judith, das war das eine. Judiths Familie, das hatte niemand wissen können. Nicht einmal ich, der ich immer wieder darauf gedrängt hatte, er möge sich um Ben kümmern. Nicht einmal mit solchen Konsequenzen hatte ich gerechnet. Aber vielleicht war das einfach Whitechapel.
Mein Blick glitt zu Otis zurück als der ohne Vorwarnung oder erkennbaren Zusammenhang leise sprach, wie zu sich selbst. Er hatte die Hände gefaltet, die Fingerspitzen an die Lippen gelegt. Eine ungewöhnliche Haltung, die ich so noch nicht an ihm gesehen hatte. Aber sie sprach Bände. Ich konnte nicht anders als zu lächeln, auch wenn die Worte vielleicht nicht für mich bestimmt waren. „Wen nicht?“, antwortete ich leise scherzend auf seine Feststellung. Der Gedanke hatte etwas erheiterndes, dass Otis genauso unter Cyneburg leiden mochte, wie ich unter Jackdaw. Auch wenn sie das nicht gerne hörte und mich als einen Jammerlappen bezeichnete und kurz darauf Cyneburg mit glühender Leidenschaft verteidigte. Ich konnte sie verstehen, Cyneburg war ein aufopferungsvoller Begleiter, so wie sie dort unten außerhalb meiner Sicht schlafend mit einem kleinen Kind zusammen lag. Nicht wie etwaige Dohlen. Aber es hatte eine gewisse Ironie an sich, wie diese Dämonen sich miteinander verbündeten wann immer Otis oder ich nicht hinsahen. Auch darüber hatten wir bislang nie gesprochen. Aber es war mir aufgefallen. Zu oft. Und ich hatte Jackdaw mindestens genauso oft vergeblich zur Raison gerufen. Sie hörte ja doch nicht auf mich. Und meinte auch noch, das wäre gut so. Ja, sie würde ein einsames Leben führen wenn sie auf mich hören würde, ja ja ja… Diese arme gemaßregelte Dohle. Ich warf ihr einen finsteren Blick zu, ein stummes vorwurfsvolles „Bitte.“.
„Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin.“ Meine Augen wanderten fort von Jackdaw, zurück zu Otis. Ich beobachtete ihn, hörte ihm ruhig zu. Lächelte dann ohne es verhindern zu können, als er mich in Anspielung auf meine vorigen Worte zu Bens Paten erklärte. Ich lächelte immer breiter. Und als Otis grinste und den verdammten Gregor anbrachte, da konnte ich gar nicht mehr anders als selbst zu grinsen. Ich lachte leise amüsiert auf, wirklich ehrlich freudig über dieses Bild vor meinem inneren Auge und ich konnte nicht sagen, wann ich schon einmal ehrlich auf diese Weise mit Otis gelacht hatte. Nicht über ihn, sondern mit ihm. Es fühlte sich ungewohnt und seltsam faszinierend an. Ich schüttelte den Kopf, nicht darüber hinweg kommend. „Darauf kannst du Gift nehmen.“, erklärte ich noch immer grinsend. Meine liebste Versicherung darüber, dass ich etwas ernst meinte. Und voller Inbrunst gesprochen.
Nur langsam erholte sich meine Stimmung wieder, wurde das Grinsen zu einem Lächeln und mein Blick zaghaft wieder ernster. „Danke.“, sagte ich dann, mich meinerseits bei Otis bedankend, ihn diesmal direkt ansehend. Danke für diese Ehre. Ich wollte ihm noch mehr sagen, noch so viel mehr. Woher all das kam, wusste ich nicht. Und ich fand kaum Worte dafür, das war das schlimmste daran. Aber das Gefühl blieb. „Du…“, begann ich fahrig, den Blick verlegen auf die Tischplatte zwischen uns gerichtet. „…du bist ein Freund, weißt du das?" Hatte ich das wirklich gerade gesagt? „Und du bist hier immer willkommen, in Ordnung? Egal was ich sage, hör mir einfach nicht zu, ja? Und nicht nur wegen Margory oder wegen dem Jungen. Sondern…“ Ich atmete tief durch weil mir die Worte schwer wie Blei auf der Zunge lagen und ich doch diesen Drang verspürte sie auszusprechen. Ich schwieg dennoch viel zu lange. „Ich habe nur diese eine… eine Bedingung…“ Ich war niemand, der nervös wurde. Und doch wurde ich es gerade. Meine Hände wurden kalt, ich hörte meinen eigenen Herzschlag in den Ohren und alles was ich sagte, fühlte sich derart fremd und albern an. Ich hätte über mich selbst lachen mögen. Aber es war zu ernst was ich zu sagen hatte. „Sagen wir der alte Gregor meinte es lustig mit uns und es sollte mich zuerst erwischen… hab ein Auge auf Margory und die Kinder, ja?“ Ich hob den bittenden Blick zu Otis. Es hätte fast ein Flehen in meinen Augen sein können. Ich wusste, das war viel verlangt. Viel verlangt von einem Mann, der seine eigene Familie zu großen Teilen verloren wusste. Aber es musste sein. „Ich bitte dich. Es muss nicht heute und nicht morgen sein, ich hoffe doch uns bleibt noch etwas Zeit. Es geht auch nicht um die Mittel, nur darum, dass sie jemanden haben... Dass..." Ich stockte, biss mir auf die Unterlippe. Sah Otis an. „Würdest du es tun?“

