Erst die hektischen Bewegungen, der bisher nicht minder als wir erstarrten Dohle konnten meinen Blick losreißen. Zwar wusste ich nicht, was sie so plötzlich in Aufregung versetzt hatte, aber Ardin schien es dafür umso schneller zu begreifen. “Es wird Zeit, sie werden bald aufstehen.“ Sie. Ardins Familie. Zeit. Diese Wohnung zu verlassen. Hinaus zu gehen. Zu Arbeiten. Meinen Jungen hier zu lassen. Ich senkte den Blick auf die Tischplatte vor uns, nickte dann. Ardin überprüfte die Zeit anhand seiner Taschenuhr und an jedem anderen Tag wäre ich wohl versucht gewesen mir selbst Gewissheit zu verschaffen – wenigstens in Form eines Uhrenvergleichs, wenn schon nicht der offenen Zweifel an Ardins Fähigkeiten des Uhrenlesens – aber nicht heute. Ich stand auf, nachdem Ardin es getan hatte, folgte seinem Blick hin zu Ben und Cyneburg. Nur für einen Moment, denn im nächsten schoss eben dieser Blick schon wieder zu Ardin. Es war gut, dass ich noch sehen konnte, wie er den Mund schloss, als Beweis, dass die Worte tatsächlich von ihm stammten. Ich nickte, die Kehle wie zugeschnürt. Dann, als ich begriff, dass James das ja nicht sehen konnte, räusperte ich mich trocken. „Ich würde mich freuen“, brachte ich heraus und dann: „Danke.“ Nie zuvor – nicht Ardin gegenüber, nicht Judith und nicht einmal Margory, von der jede bisherige Einladung gestammt hatte – hätte ich meine Freude über eine Einladung ins Hause James‘ zum Ausdruck gebracht und nie zuvor hätte ich von mir behaupten können, dass ich sie empfand. Aber gerade jetzt, an diesem Morgen, gab es kaum etwas, das mir einladender erschien. War der Gedanke fast befremdlich diesen Ort überhaupt wieder verlassen zu müssen und war die Aussicht für ein Abendessen zurück zu sein, bevor ich wieder in die Einsamkeit meiner eigenen Wohnung einkehrte, ein fast unvorstellbarer Trost.
Ich machte die paar Schritte zu Ben hinüber, kniete mich neben ihm auf den Boden und weckte ihn. Cyneburgs geisterhaft hellen Augen entdeckten mich zuerst und sie sah mir fast verärgert entgegen, ich erwiderte ihren Blick unbeugsam. Ich wusste, sie hielt nichts davon den Jungen in der Obhut eines Anderen zu lassen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Was Cyneburg im übrigen ebenso wenig gelten ließ. Aber diese Teufelsbrut von einer Vertrauten hätte auch keinen Schmerz mich als verschlagenen Taugenichts auf den Straßen zu sehen, meine hexerischen Fähigkeiten dazu nutzend den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, wie so viele andere Hexen, denen Ardin und ich schon begegnet waren. Doch noch hatte ich diese Unannehmlichkeit, die man Seele, die man ein Gewissen nannte. Was für Cyneburg die wunderbare Weite an Möglichkeiten war, war für mich keine Option. Nicht einmal für meinen Jungen, gerade wegen ihm nicht. Sollte er noch so sehr in wenigen Jahren bereits dem Teufel gehören, aber bis dahin wollte ich ihn zu Aufrichtigkeit und Anstand erziehen. Und wie hätte ich das tun sollen ohne mir selbst ein paar letzte Reste dessen zu bewahren? Ben erwachte allmählich, ich spürte, wie seine Muskeln sich unter meiner Hand verspannten, aber als er meine Stimme hörte, lösten sie sich wieder, er rappelte sich auf und ich legte ihm sacht die Hände an die Schultern.
„Gehen wir jetzt nach Hause?“, murmelte Ben schlaftrunken. Ich strich ihm das wirre Haar aus dem Gesicht, den Schlaf vorsichtig aus den Augenrändern und ließ ihm noch einen Moment wach zu werden. Mir noch einen Moment Worte zu finden. Cyneburg, dieses verräterische Stück, ließ uns allein zurück und ich hatte ein ungutes Gefühl, dass es eine geschwätzige Dohle war, zu der es sie hinzog. Aber es sollte mir für den Moment egal sein, ich blickte meinen Jungen an. „Das geht nicht, Ben. Ich muss arbeiten gehen, verstehst du? Und du, kleiner Mann, brauchst jemanden, der auf dich Acht gibt.“ – „Bu kann das“, flüsterte Ben kleinlaut. Ich seufzte, schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Nein, kann sie nicht.“ – „Bitte...“ – „Ben, ich habe es dir erklärt. Es geht nicht. Aber du darfst hier bleiben, bei Tante Margory und Onkel Ardin und, Ben, ich werde dieses Mal da sein, ganz oft.“ – „Du bist nicht da gewesen!“ Die Verzweiflung ließ Bens Stimme zittern. „Ich weiß...“ – „Warum?“ Langsam ließ ich den Atem entweichen, bevor ich zu Worten ansetzte, die es nicht gab und die ich meinem Jungen dennoch schuldig war. „Ich vermisse deine Ma und ich bin sehr, sehr traurig. Und weißt du, Ben, ich möchte, dass du deine Ma nie vergisst, hörst du? Aber ich möchte auch, dass du lachen und froh sein kannst. Das hätte auch deine Ma gewollt. Und ich wollte nicht, dass du traurig bist, weil ich traurig bin.“ Bens Augen wanderten aufmerksam über mein Gesicht. „Ich vermisse Ma auch“, sagte er dann und ich nickte sanft. Aber da schien noch etwas anderes zu sein, etwas das ihm schwer zu fallen schien in Worte zu fassen. „Will sie nicht auch, dass du froh bist?“, fragte er dann im gewichtigen Ernst eines Kindes. Ich musste blinzeln unter der Frage, senkte für einen Moment den Blick unter der unendlichen Last dieser Worte, aber als ich wieder aufsah, stand in Bens Blick noch immer dieselbe Frage. „Ich weiß es nicht“, erwiderte ich wahrheitsgemäß, heiser.
„Dir wird es gut gehen hier, Ben, dir wird es gut gehen“, sagte ich dann eindringlich. Ben sah mich an mit diesen Augen, die Judiths so ähnlich waren, seine Unterlippe zitterte noch immer. „Das hast du letztes Mal auch gesagt“, hauchte er kaum hörbar. Ich konnte nichts als ihm entgegen sehen, seinem kleinen, ausgezehrtem Gesicht und für Augenblick um Augenblick verschlug es mir die Sprache. Er hatte recht, so unsagbar recht. Ich hatte es damals ebenso für die Wahrheit gehalten, aber dieses Mal war es anders. „Ich weiß...“, gab ich erschlagen zurück. „Aber, hör mal, Ben... Fred ist dein Freund, oder? Würde er zulassen, dass es dir hier schlecht geht?“ Ben verdrehte den Kopf, als suche er mit dem Blick nach Fred, der noch nicht im Raum war, dann schien er einen Entschluss zu fassen und schüttelte entschieden den Kopf. „Und du warst doch schon oft bei Tante Margo, sie hat schon oft auf dich aufgepasst, mh?“ – „Tante Agnes hat nie auf mich aufgepasst...“, flüsterte Ben. Es stimmte, wann immer Judith jemanden gebraucht hatte, um nach Ben zu sehen, hatte sie ihn zu Margory gebracht. Für kurze Zeit auch einmal in die Obhut der netten, älteren Frau, die damals in einer Wohnung neben unserer gelebt hatte, aber meistens zu Margory. Bei Agnes war Ben nie ohne uns gewesen. Sie hatte nie zuvor auf ihn aufgepasst – und sie hatte das ganz sicher nicht getan, während der Junge dann in ihrer Obhut war. Und ich fragte mich, wie sehr Ben sich der Wahrheit seiner Worte bewusst war. „Das stimmt, hat sie nie“, brachte ich hart mit belegter Stimme hervor. Ben sah auf zu mir, ich fasste ihn noch ein wenig fester. „Hör zu, du gehst nie wieder zu Tante Agnes, hast du mich verstanden? Onkel Ardin und Tante Margo passen jetzt auf dich auf und sie werden das gut machen. Und Bu und ich werden ganz oft kommen und nach dir sehen. Heute Abend werden wir zum Abendessen da sein. Aber du musst mir auch etwas versprechen, hörst du?“
Ben nickte, die Lippen kaum sichtbar, so sehr presste er sie zusammen. Aber er widersprach mir nicht und er weinte nicht, mein tapferer großer Junge. „Das du gut sein wirst zu Tante und Onkel und zu Fred und seinen Geschwistern, tust du das, ja? Sie werden dir ein gutes Zuhause geben, das weiß ich ganz sicher. Und deshalb darfst du ihnen keine Sorgen bereiten, du wirst helfen und du wirst anständig sein, wirst du das, mein Junge? Versprichst du mir das?“ Bens dunkler Haarschopf wippte unter seinem artigen Nicken. „Ich versprech‘s“, gab er scheu zurück. Ich schluckte. „Und, Ben, vergiss nie, wie sehr ich dich liebe. Oder deine Ma, hörst du? Sie wird nie aufhören dich lieb zu haben, selbst wenn sie nicht mehr hier ist, um dir das immer wieder zu sagen. Deshalb... deshalb muss ich das jetzt machen. Wir haben dich lieb, mein Junge, und ich werde jetzt besser auf dich aufpassen, das verspreche ich dir.“ Bens kleiner Körper sank gegen den meinen und jetzt weinte er doch ein wenig. Ich nahm ihn in den Arm, drückte ihn sanft an mich, bis er sich beruhigt hatte. Erst dann gab ich ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. „Komm, steh auf, mein Großer“, forderte ich ihn auf und als Ben bereits auf der Suche nach Cyneburg um den Tisch herumwanderte, nahm ich Jackett und Mantel vom Boden, hängte sie über einen der Stühle. Und keinen Moment zu früh, denn hinter den Türen der beiden anschließenden Räume, regten sich nun die Geräusche. Ardin behielt recht damit, dass sie bald aufstehen würden. Ich wandte mich ab von den Türen, den Blick gesenkt, zupfte rastlos meinen Verband zurecht, noch nicht so recht bereit dazu, so vielen Menschen zu begegnen, denen ich schon wieder dabei war so viel aufzubürden. Aber mir blieb keine andere Wahl, steif blieb ich am Tisch stehen, hob den Blick wieder an. Es war das einzige was ich tun konnte, oder? Ihnen dabei wenigstens ins Gesicht zu sehen.

