Die klobige Festung erhob sich auf einem sauber gepflegten Grün zwischen einigen Bäumen und Fußwegen, die so parkähnlich anmuteten, dass man hier förmlich riechen konnte, dass man das dicht bebaute East End verließ und wenig später weiter westlich das folgen würde, was man Central London nannte. Aber der Inhalt der Feste war ein so stolzer Teil der Spelunke Whitechapel, dass es die Londoner regelmäßig schockierte, die es wagten nicht nur ihre Besucher in das Gemäuer zu schicken, sondern auch selbst einmal einen Fuß hinein zu setzen. Es hatte also etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung – wie Frederick mir unlängst erklärt hatte – dass der Tower Teil unseres Distrikts war.
Es war nicht ganz von Nachteil, dass die Dinge so standen. Der mehr oder minder heilige Sitz der Kronjuwelen ihrer Majestät – und ich hätte gerne gewusst, wie das biologisch möglich sein sollte – besaß schon aus Gründen des Status und – selbstverständlich – der Sicherheit wegen nicht nur eine eigene Militärabteilung, sondern auch eine Polizei. Männer, die sich verdient gemacht hatten, so etwas wie ihren Vorruhestand in den Mauern zu genießen, denn sie hatten nicht viel zu tun. Dafür waren sie umso geschäftstüchtiger. Und wo Geschäfte gemacht wurden, da war die H Division nicht weit. Unter Gesetzeshütern wusste man sich zu helfen.
Heute allerdings waren wir nicht ihretwegen hier, obwohl wir bei ihnen Halt gemacht hatten, um nach dem Rechten zu sehen. Sondern wegen eines Rufs, der uns über einen Meldejungen erreicht hatte. Wieder einmal. Treffen im Park des Towers. Einen Namen hatte es dazu nicht gebraucht, Rhode und ich kannten ihn auch so. Ein guter Kunde, wenn man es denn so bezeichnen mochte. Charles Langford, Anwalt, Sohn einer gut situierten Familie und… Vampir.
Es gab Dinge, die mich an meinem Hexerdasein zu tiefst störten, aber zu wissen dass Jackdaw die einzige sein würde, die mein Blut auf lange Sicht trinken würde, war doch ziemlich beruhigend. Von allen übernatürlichen Wesen, von denen ich wusste, empfand ich Vampire immer als am furchteinflößendsten. Sie hatten etwas an sich, das mich von Grund auf wachsam werden ließ. Charles Langford war davon keine Ausnahme. Aber man gewöhnte sich daran. Wie man sich daran gewöhnt, nie die Gasse hinter sich aus den Augen zu lassen, wenn man Tag für Tag durch das Labyrinth von Whitechapels Straßen wandert. Die Wachsamkeit wird zum vertrauten Begleiter. Man lebt damit. Und macht das Beste daraus.
Charles Langford machte auch das Beste daraus.
Und so stand ich im Park, nicht weit von den Mauern des Towers entfernt und sah vom Weg hinunter auf sauber angelegte Blumenreihen. Vor jeder der Pflanzen ein kleines metallenes Schild, auf dem in seltsamen Buchstabenkombinationen lateinische Namen für diese Pflanzen graviert waren. „Hey, schau dir das an.“, sagte ich an Otis gewandt ohne den Blick von dem Schild zu heben, vor dem ich stand. Rhode hätte ja sonst doch nur dumm in der Gegend herum gestanden und Löcher in die Luft gestarrt während wir warteten. „Sag mir wie du das aussprechen würdest. Und sag mir, dass du keinen Knoten in der Zunge bekommen würdest, Rhode.“, sagte ich in voller Ernsthaftigkeit, fast erbost als hätten diese Schilder mir persönlich etwas getan, deutete auf dieses hier hinunter und hob nun den Blick um Otis Rhode vorwurfsvoll anzusehen als wäre es auch seine verdammte Idee gewesen, diese Schilder aufzustellen

