Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
11.09.1850, Tower of London zwischen Whitechapel und Central London
Society of The methods we employ Rudeness
Ich hatte die Hände in den Taschen meines Mantels vergraben und starrte die nahegelegene graue Mauer an, die hoch vor uns aufragte. Ich kannte den Anblick des Towers mehr als zu genüge, sollte man meinen, war das imposante Gebäude doch gut sichtbar von wo aus ich wohnte. Aber jetzt am Abend, die dunklen Mauern fast schwarz in der Dunkelheit, direkt vor diesem riesigen Steinwall stehend, wirkte die Festung noch so viel eindrucksvoller. Eines der Wahrzeichen unseres Empires, hieß es das nicht? Wie treffend, dass sich dieses über Jahrhunderte hinweg als Bollwerk der Verteidigung erprobte Gemäuer, das einst so bedeutende Institutionen wie die Münzprägeanstalt des Königreichs beherbergte, ausgerechnet zu meinen Lebzeiten zu kaum mehr als einer Zwischenstation für sensationsgierige Durchreisende entwickelte. Jetzt wollten sie doch tatsächlich eine Stelle errichten, an der sich ganz offiziell und in großem Stil Eintrittskarten erwerben ließen. Sie hatten es für das nächste Jahr geplant, hatte einer aus der Tower Police gesagt, vor der Großen Ausstellung im Hyde Park – selbstverständlich. Ich fragte mich, und ich gestand mir selbst ein, wie merkwürdig die Frage war, aber ich fragte mich ob es dem Tower nicht lieber gewesen wäre, wäre er bei dem großen Feuer vor neun Jahren bis auf die Grundmauern abgebrannt. Besser in Würde abgetreten, als sich dieses erbärmliche Nachleben zu geben. Aber natürlich interessierten sich kühle Steinquader nicht für solcherlei Dinge – man konnte sie fast darum beneiden.

Und mitten in diese Gedanken, zerriss Ardin das kostbare Schweigen zwischen uns. Herzlichen Dank auch. Ich fragte mich, was es wohl wert war ihn einfach zu ignorieren, aber ich schätze den Gewinn dessen als gering ein und seien wir einmal ehrlich, ich hatte auch nicht viel besseres zu tun. Also machte ich tatsächlich die paar Schritte zu Ardin hinüber und betrachtete die gravierte Metallplakette, kniff die Augen zusammen, um überhaupt einmal die kleinen Buchstaben im schummrigen Lichtkegel der Gaslaternen entziffern zu können. Ich fragte mich ob die Dohle vorbeigeflattert war, um Ardin einen Tipp aus ihren Augen zu geben, was dort geschrieben stand oder ob der andere mich schlicht zum Narren mit dem unseligen Versuch halten wollte, etwas von den eingravierten Buchstaben bei diesen Lichtverhältnissen zu erkennen. Ich fragte mich auch wo Cyneburg war, wenn ich sie vielleicht einmal hätte gebrauchen können. Oder... eigentlich sparte ich diese Frage geflissentlich aus. Die Antwort war allzu nahe liegend. Vermutlich buddelte sie im gut gepflegten Rasen des Seitenstreifens nach Wühlmäusen und Maulwürfen, wohl wissend, dass ich es verboten hätte, hätte ich sie in der Dunkelheit abseits der von Gaslampen beleuchteten Wege nur sehen können - oder, entscheidender, hätte ein Anderer sie bei diesem ungebührlichen Verhalten beobachten und es mir möglicherweise nachtragen können. Das bedeutete zwar nicht, dass ich Cyneburgs zwanghafte Hetzjagd bei Dunkelheit gebilligt hätte, aber es war mir schlicht den Aufwand nicht wert sie davon abzuhalten. Sollte sie doch dem Viechzeug in diesem Park nachstellen und sich am besten noch von einer Ratte die Augen auskratzen lassen. Viel wert waren die mir aktuell ohnehin nicht, war sie mir doch nicht die geringste Hilfe dabei die lateinischen Worte zu entziffern. Und lateinisch waren sie, dessen war ich mir ziemlich sicher, immerhin hatten Ben und Fred etwas in der Art über die kryptischen Bezeichnungen gesagt, die auf den Schildern vor den verschiedenen Pflanzen standen. Und sie mussten es wissen, dachte ich voller Stolz, besuchten sie in den Abendstunden nach dem Arbeitstag doch das Mechanics‘ Institute in der Chancery Lane, das seit einigen Jahren diverse Abendkurse für Arbeiter anbot, unter anderem Latein. Unvorstellbar. Mein Junge, der Latein lernte, als sei er ein feiner Pinkel. Ich hätte kein stolzerer Vater sein können. Leider brachten die Kenntnisse meines Sohnes mich auch nicht weiter. „Mal…“, begann ich, um nicht länger den Anschein zu erwecken als sei ich nicht einmal des Lesens fähig. „Mal… pig…hia…“ Und genau an der Stelle stolperte ich über die Buchstaben. Aber beim Teufel, wie sollte man das beim besten Willen aussprechen?! „Malpi… g-hilmms…“ Und das war nur das erste Wort das da stand. Ich schnaubte säuerlich und James widerwillig zustimmend brummte ich dann: „Unmöglich.“

Aus der Dunkelheit kam Cyneburg herbei gehetzt, irgendetwas im Maul, das sie mir stolz vor die Füße spuckte. Ein dunkles, unförmiges Ding, das ich mit der Spitze meines Stiefels anstieß. Maulwurf. Und er zappelte sogar noch. An anderen Tagen mochte mir Cyneburgs Talent Tiere lebend zu fangen von Nutzen sein bei der Durchführung von Opferritualen. Heute war keiner dieser Tage. Mit schiefgelegtem Kopf betrachtete ich das Tierchen, das eilig davon in Richtung der Malpig-Pflanze krabbelte und konnte Cyneburg im letzten Moment unwirsch an ihrer Kette packen, bevor sie das arme Ding weiter drangsalieren konnte. Ich hatte keinen Bedarf an einem Maulwurf, tot oder lebendig und ich war kein Freund des sinnlosen Tötens. Auch nicht des Quälens oder des Verstümmelns oder was immer dieser Ausgeburt des Teufels neben mir sonst so eingefallen wäre um sich die Zeit zu vertreiben. Boshaftes Wesen, dachte ich mürrisch und wurde ihrerseits als Spielverderber abgetan.

„Wer kann das aussprechen, mh?“, herrschte ich Ardin dann an, den Blick schon wieder zutiefst missgünstig auf das kleine Schild gesenkt. „Warum stellen die das überhaupt auf?!“ Konsequent drehte ich mich um, Cyneburg saß jetzt einigermaßen brav - wenn auch tief enttäuscht - an meiner Seite, also konnte ich die Hände zurück in die Taschen stecken. Ich hoffte ehrlich, der Vampir würde aufkreuzen, bevor Ardin die nächste blendende Idee hatte, wie man sich beim Warten zusätzlich frustrieren konnte.


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The methods we employ - von Ardin James - 20.01.2022, 20:47
RE: The methods we employ - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:49
RE: The methods we employ - von Ardin James - 20.01.2022, 20:50
RE: The methods we employ - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:51



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