Charles Langford
Der Tag war nur schleichend vergangen. Den ganzen Tag hatte er sich den Kopf über Akten zerbrochen, hatte heute ausnahmsweise nicht geschlafen über tags sondern hatte an seinem Fall weitergearbeitet, hatte sein kleines Büro in einen Haufen an herumliegenden Papier verwandelt, hatte seine Notizen im ganzen Raum verteilt und war im Raum wohl mehrere hundert Meter auf und ab gegangen, hatte sich die Aussagen immer und immer wieder durchgelesen, hatte die Beweise sich mehrfach angesehen und bloß stirnrunzelnd dagesessen. Irgendwann reichte es ihm gänzlich, er klappte die Akte zu und verstaute sie säuberlich im Ordner bevor er sich dann doch noch für eine Stunde bis Sonnenuntergang hinlegte, aber mehr als unruhig schlief. Das Sonnenlicht hatte sich gesetzt, keiner der für ihn tödlichen UV Strahlen war mehr am Himmel oder am Boden zu sehen also zog sich der Vampir um, schnappte sich die Akte und machte sich auf den Weg. Er hatte nach zwei seiner Informationsbeschaffer schicken lassen über einen Mittelsmann, da Charles ja dank seines Vampir-Seins in der Sonne verbrannte. Naja, Vampir-Sein hatte doch auch seine Vorzüge, denn er war unsterblich, stark, schnell und heilte schneller; einzig die Nahrung und das Sonnenlicht, das bereiteten ihm Probleme. Schnellen Schrittes lief er zum ausgemachten Treffpunkt mit seinen beiden Informationsbeschaffern. Die Nacht umhüllte ihn wie einen Mantel, die klare Luft wirbelte er mit seinem schnellen Schritt und durchschnitt sie. Er sah die Mauern des Towers bereits, roch die verschiedenen Gerüche klar und deutlich, während er sich schnell an der Mauer hochzog und auf dieser nun lief.
Seit Charles ein Vampir war, hatte er eine Vorliebe dafür entwickelt, alles im Blick zu haben. Er kletterte dafür gern auf Mauern oder Bäume, überblickte die Umgebung und ging dann seines Weges weiter. Nun war es auch wieder so. Er roch Rhode und James schon, wusste also wo sie standen und hörte auch ihre Unterhaltung (welche er, als lateinsprechender doch amüsant fand). Geschickten Schrittes lief er über die Mauer bis er von dieser heruntersprang und direkt vor den beiden landete. "Guten Abend, die Herren.", grüßte er höflich und neigte den Kopf vor den Beiden. "Ich hoffe, es war okay, dass ich Sie durch einen Mittelsmann habe rufen lassen. Wie Sie sicher wissen, ist Sonnenlicht tödlich für mich.", entschuldigte er seinen Ruf via den Mittelsmann. "Dieses mal habe ich eine besondere Aufgabe für Sie. Ich sitze am Mary-Jane Williams Fall, die Zeugenaussagen passen aber für mich mit den Beweisen nicht zusammen.", er händigte Rhode die Akte aus, welche er mitgebracht hatte. Die beiden Hexer hatten ihm bereits gute Dienste erwiesen und die Gegenleitungen von Charles wurden auch klaglos angenommen. Die geschäftliche Beziehung der drei war neutral. Zum Glück, denn Charles hatte die Hilfe der beiden in schweren Fällen immer zu schätzen gewusst. So wie jetzt in diesem Fall.
Ardin
Langsam aber kontinuierlich breitete sich dieses Grinsen auf meinem Gesicht aus und Jackdaw lästerte schon beschämt, dass meine Zähne zu hämisch im Dunkeln leuchteten während sie munter durch das Beet vor uns hüpfte und ab und zu ganz und gar in dem Grünzeug verschwand. Aber es war zu herrlich, meine Theorie derart in diesem Experiment bestätigt zu sehen und hellte meine Laune ungemein auf. Rhode gab sich wirklich alle Mühe. Und klang dabei wie ein stotternder Esel. Besser konnte man nicht auf den Punkt bringen, wie absurd diese Schildchen vor den Pflanzen im Park waren – mochten Fred und Ben auch behaupten was sie wollten. Ich konnte Fred regelrecht vor mir sehen, wie er mich als Kulturbanausen bezeichnete, wie er es so gerne tat in letzter Zeit, wann immer es um das Thema Latein ging; aber ich hatte ein dickes Fell. „Unmöglich.“, stimmte mir Rhode schließlich zu und dass er dazu gezwungen war, war bereits ein Fest für mich, das jede Wartezeit zu verkürzen vermochte.
Ich sagte nichts dazu, der Sieg war immerhin offensichtlich, stattdessen nickte ich einmal bekräftigend und grinste vor mich hin bevor ich Cyneburg dabei beobachtete, wie sie aus der Dunkelheit heran kam, das dunkle Paket vor Rhode ablegte und der es mit der Stiefelspitze anschob, bis es wieder munter geworden davon krabbelte. Als Cyneburg von Otis an der Halskette festgehalten und davon abgehalten wurde, ihr Spielzeug weiter zu verfolgen, sprang allerdings Jackdaw pflichtbewusst für sie in die Bresche. Wir gerufen hüpfte sie zwischen zwei farnähnlichen Kräutern hervor und schnitt dem kleinen schwarzen Paket im Beet den Weg ab. Sie ließ mich stolz wissen, dass es sich in der Tat um einen Maulwurf handelte und nannte es ein besonders prachtvolles Exemplar, für das Cyneburg Anerkennung und nicht den Würgeversuch verdient hatte. Ich ließ diesen Anflug von Protest durch die Vertrautengewerkschaft unkommentiert und beobachtete stattdessen mit Ausdruckslosigkeit Jackdaws Versuche nach den Augen des kleinen Wesens zu picken. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sich das nicht lohnte, die kleinen Dinger konnten nicht viel sehen, keine Augen zu haben wäre für sie kein Verlust, aber Jackdaw glaubte mir kein Wort, stellte stattdessen meine Kenntnisse der Natur offen in Frage und meinte man müsste schon auf Nummer sicher gehen. Die Dohle fing schon an wie mein Fred. Bald würde nur noch Rhode etwas auf mein Wort geben und das war dann doch ein Armutszeugnis. Einmal abgesehen davon, dass er ja doch nie auf mich hörte. Herrgott, ich konnte alsbald mit den Wänden reden und hätte mehr Erfolg.
Rhodes frustrierter Ausruf lenkte mich jedoch erfolgreich ab und hob damit meine Laune wieder um einiges, nachdem sie eine so heftige Talfahrt hingelegt hatte. Das Grinsen kehrte zurück auf meine Züge ob der Wut, die mich da mit voller solidarischer Breitseite traf. Rhode zum Toben zu bringen, war noch immer die beste Ablenkung. Auch wenn er damit nicht ganz alleine war. Ich verstand den Sinn dieser Schilder nicht im Ansatz. Aber ihr Nebeneffekt war doch ganz nützlich gewesen, das konnte ich nicht ganz abstreiten. „Für den Gregor vielleicht…“, brummte ich, meine Zufriedenheit nur mäßig unter der vorgeschobenen Wut verbergend. Aber ich taxierte diese Schilder bereits wieder nachdenklich und stellte mir innerlich die selbe Frage mit der selben antwortlosen Fassungslosigkeit.
Es war dieser Moment, in dem sich Cyneburg neben Otis wieder regte. Und ihre Bewegung zog meine Aufmerksamkeit ungewollt auf sich, hatte sie doch Augenblicke zuvor noch brav und beinahe wie eine enttäuschte Hundestatue neben ihm gesessen, Jackdaw alleinig das Feld der Maulwurffolter überlassend. Ihr Kopf ging hoch zu der Mauer, die an den Garten grenzte. Und es war klar, was kam. Ich warf einen kurzen entnervten Blick zu Rhode und machte mir nicht die Mühe, die Augen zu rollen. Nur kurz nickte ich da hoch, bevor ich mich wieder abwandte, nach Jackdaw sehend damit sie endlich von diesem Maulwurf abließ, den Otis gerade noch vor Cyneburgs Spieltrieb gerettet hatte. Die Dohle sollte sich wenigstens nützlich machen, wenn der verdammte Vampir jetzt endlich an Land kam. Widerwillig ließ sie von dem Spielzeug ab, das Cyneburg ihr so heroisch gejagt hatte, und flatterte hoch zur nächsten Gaslaterne, um ein wenig den Überblick zu behalten, so weit ihre Augen in der Dunkelheit auch reichten – sie sah nicht gut bei diesen Lichtverhältnissen, aber immerhin noch besser als ich. Grund genug sie da oben sitzen zu haben, nur für den Fall der Fälle. Denn mochte ich Charles Langford auch für einen armen Irren halten, er war ein blutsaugender armer Irrer. Und so oft wir nun auch schon ins Geschäft gekommen waren, diesen seltsamen Zug schien er nie zu verlieren.
Als wollte Langford diesen Gedanken meinerseits unterstreichen, kam er just aus der Dunkelheit von der Mauer herab gesprungen zu uns in den Tower Garden. Der Mann schien Spaß daran zu haben, auf irgendwelchen Erhöhungen herum zu spazieren wie ein kleines Kind beim Klettern, um dann selbstdarstellerisch effektvoll von besagten Erhöhungen zu uns Sterblichen auf die ebene Erde hinab zu springen. Eine Eigenheit, die nur einem Vampir einfallen konnte, fand ich. Aber er brachte gutes Geld, wenn er also Freude daran hatte, wer war ich, ihn davon abzuhalten? Die Hände in den Manteltaschen beobachtete ich ihn dabei, wie er sich auf Rhodes Seite des Gartens wieder von seinem Sprung aufrichtete und munter das Wort an uns richtete als sei er gerade eben erst um die nächste Straßenecke gekommen.
Es war durchaus faszinierend, dass Langford nicht nur den Spieltrieb eines Kindes zu besitzen schien, sondern sich auch äußerlich seine Jugend bewahrt hatte. Ich wusste zumindest so viel als dass er um einiges älter war als er aussah und das war das Einzige was mich an der Feststellung beruhigte. Aber ich hatte mich bereits des Öfteren im Stillen gefragt, wie man wohl damit leben konnte, ein Leben lang für vielleicht achtzehn oder zwanzig Jahre im Alter gehalten zu werden, wenn man um einiges mehr an Lebenserfahrung besaß. Kurz ging mein Blick ausdruckslos noch einmal hoch zu der Mauer, die Langford heute als sein Sprungbrett ausgewählt hatte, dann ging er zurück zu dem Vampir. Ich nickte knapp zur Erwiderung des Abendgrußes und überhörte die Bemerkung zum Thema Sonnenlicht geflissentlich – was wurde das? Eine Biologiestunde für Hexer? -, um erst wieder aufmerksam zu werden als er ohne jedes weitere Vorgeplänkel mit dem Grund für unser Treffen begann. Eine besondere Aufgabe. Aha. Meine Augen verfolgten wie das braune Papier einer Akte die Hände wechselte. Nicht in meine. Meine hatte ich in die Manteltaschen geschoben, aber das kaschierte nur meine Vorsicht. In den meisten Akten, die ich kannte, stand ohnehin nichts von Bedeutung. Vielleicht ein Bericht des zuständigen Sergeant, die Anträge, die sie bei Gericht von einem Schreibtisch auf den anderen schoben. Ich sah rüber zu Langford. „Bessere Zeugenaussagen oder bessere Beweise?“, fragte ich knapp in ungesprächiger Manier, bevor ich regungslos zu Rhode hinüber linste um entweder dessen Urteil der Lage zu sehen oder von ihm die Akte entgegen zu nehmen. In dem Licht würde höchstens noch Jackdaw meinen Vorteil an Lesefähigkeit retten können. Aber wenn es so einfach gewesen wäre, dass alles Wissenswerte in den Akten stand, dann hätte Langfords Laufbursche als Kontakt ausgereicht. Nein, da kam sicher noch mehr.

