Mit einem Mal war ich wieder elf Jahre alt, eines der ersten Male auf Londons zahlreichen Kanälen unterwegs, die Hände schwarz von der Kohle, die wir aus Northampton den Fluss Nene hinab damals noch über den Grand Junction Canal Richtung Süden nach Brentford, London, transportiert hatten. Die kleinen Häfen der zahlreichen Flüsse, die London durchzogen, abklappernd und Kohle an die Haushalte dort verkaufend. Wenn wir irgendwo für eine längere Zeit Halt machten, konnte ich manchmal mit den Kindern spielen, die geschickt worden waren, unsere Kohle zu kaufen. Murmel- oder Würfelspiele um die paar Pence in unseren Taschen. Den meisten Spaß brachte das Spiel mit den Dienstjungen, die immer irgendwelchen Klatsch aus den vornehmen Häusern zu berichten hatten. Es gab eine Geschichte, die hatte ich nie vergessen. Sie wurde noch über Jahre hinweg weitererzählt, von den unterschiedlichsten Burschen, in den unterschiedlichsten Varianten und jedes Mal wurde sie ein wenig blutiger, ein wenig gruseliger, bis sie gänzlich zu einer Geschichte aus der Welt der Sagen geworden war. Aber ich hatte sie damals von dem Jungen gehört, der als erstes behauptet hatte, dabei gewesen zu sein. Nicht älter als ich selbst war er gewesen, blass, während seine Freunde ihn genötigt hatten den versammelten Kindern in unserer Runde zu erzählen, was er gesehen hatte. Tee hatte er serviert, aber weil der Besuch seiner Herrschaften ihm doch so wunderlich erschien, war er später vor der Tür stehen geblieben und hatte durch den Spalt gelinst. Und was er zählt hatte, hatte so unfassbar geklungen, dass wir alle ihn später ausgelacht hatten. Den Geist eines Toten hätte die fremde Dame heraufbeschworen, so hatte es der Junge jedenfalls berichtet. Einen bösen Geist, der das Zimmer verwüstet und die Herrschaften verletzt haben soll. Natürlich hatte ich gelacht, wie all die anderen Kinder auf der Straße gelacht hatten, aber in den Nächten hatte diese Geschichte und das blasse Gesicht des Jungen mich noch lange verfolgt. Bis ich schließlich meinem Vater davon erzählt hatte. Die Ohrfeige, die ich dafür gefangen hatte, würde ich auch nicht mehr vergessen. Weil es so etwas gotteslästerliches wie Geister oder Hexen schließlich nicht gab. Nun ja, ich wusste jedenfalls heute, wie es darum stand. Die Geschichte von damals hätte ich trotz allem in die Welt der Sagen verortet, wäre da nicht der Name jener unheilvollen Besucherin damals gewesen. Ein Name, der mir kürzlich wiederbegegnet war. Ein Name, der so wunderlich düster klang, wie die Erzählung selbst und der sich später passend in die zahlreichen Spukgeschichten eingefügt hatte: Ravenna Black. Es wäre eine Lüge gewesen zu sagen, dass mir heute nicht derselbe Schauer über den Rücken gelaufen wäre wie damals.
„Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Madame Black“, begann ich mit höflichem Lächeln. „Man hat uns Ihre Dienste empfohlen, wenn es einem nach Antworten verlangt, die kein Lebender einem zu Geben bereit wäre.“ Weiterhin sah ich der Dame in argloser Bescheidenheit entgegen. Es war ihre Entscheidung, ob sie weiterhin vor der Türe mit uns sprechen wollte, doch ich wollte ihr immerhin die Gelegenheit für Diskretion einräumen. Immerhin war das hier ja scheinbar eines der ganz exklusiven Geschäfte.

