Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
Der Griff in meinen Haaren löste sich. Augenblicklich versuchte ich von dem zu kurz geratenem Matrosen weg zurück in eine aufrechte Position zu kommen, aber es gelang mir wohl nicht schnell genug. Wie ein vom Hafer gestochener Stier, preschte der Kurze jetzt vorwärts gegen meine Schulter, zwang mich rückwärts und schlug mit einer Faust auf mich ein. Die andere klammerte sich in meinen Mantel, wie ich feststellte, als ich dem Janner schlicht mit einem Ausfallschritt entkommen und ihn ins Leere laufen lassen wollte. Aber er folgte mir brav weiter wie ein Hund am Arsch eines anderen. Wir waren uns jetzt so dicht, dass ich nichts als Alkohol, nächtlichen Schweiß und Erbrochenes in der Nase hatte. Ich hatte nicht die Kraft mich dem Kurzen entgegen zu stemmen und all seine Wucht zu halten und ich kam nicht weg von ihm, um einen anderen Angriff zu starten. Meine Eingeweide fühlten sich längst warm und breiig an von all den Schlägen, aber den Schmerz fühlte ich kaum mehr, blinzelte gegen die dunklen Flecken vor meinen Augen an, der bleiernen Müdigkeit meines Körpers, während ich immer weiter zurückgedrängt wurde.

Wir kamen der Mauer und den schmiedeeisernen Palisaden um das Dock jetzt immer näher, das spürte ich, ohne es zu sehen. Das Pflaster war hier weniger ausgetreten und -gefahren und deshalb höher. Der Schlamm wurde vom Regen weg geschwemmt und der Boden unter meinen Füßen wurde fester, härter, das metallene Gatter konnte nicht mehr weit sein. Mit einer Hand fasste ich fahrig hinter mich, streckte sie aus so weit ich konnte. Und in dem Moment in dem ich den Stein spüren konnte, nahm ich jeden verfluchten Funken meiner letzten Kraft zusammen, die Hände im Mantel des Matrosen vergraben, packte ich ihn und riss ihn gewaltsam herum. Wir drehte uns einmal herum, die Wucht des Kurzen gegen ihn selbst nutzend, donnerten wir gegen Mauerwerk und metallene Palisaden, nur dass mein Aufprall hauptsächlich von dem Matrosen aufgefangen wurde. Mit meinem Körpergewicht fixierte ich ihn gegen das Hindernis hinter ihm, schlug nun meinerseits zu, getrieben von den letzten glühenden Funken meiner erlöschenden Kraft. Es war diese eine letzte Handlung an die ich mich ohne jeden Sinn und Verstand klammerte wie ein Ersaufender an ein nutzloses Stück Treibholz. Und ersaufen würde ich, das wusste ich. Ich würde ersticken an dieser kohlegeschwängerten Luft Londons, an einem kleinen Dock in Rotherhithe zu Grunde gehen wie all die Anderen ohne Namen und Geschichte und nichts würde die Welt davon abhalten ohne ein Zucken weiter zu machen. Es machte keinen Unterschied - das wurde mir in diesem einen, klaren Moment des Deliriums Gewahr - ob hier oder in New South Wales, ich war verloren vom ersten Tag. Ich würde verloren bleiben und niemanden würde es kümmern. Es machte schon keinen Unterschied mehr ob ich dort gestorben und sie mich in sandiger, rötlicher Erde verscharrt hätten. Ich war längst tot und verloren und das einzige was mir das Gegenteil bewies war weiter auf den Kurzen einzuschlagen, bis die tanzenden Flecken vor meinen Augen mich endgültig in kostbare Dunkelheit hinübertrugen.

Es war erst der gellende Pfiff, der mich aus dieser Blase riss in der nur noch der Matrose und ich und die Schläge, die wir für den Anderen übrig hatten, existierten. Nur vage nahm ich wahr, dass die Menge der wartenden Dockarbeiter sich für eine näherkommende Kutsche teilte, die Hufe der Pferde dumpf gegen den tiefen Schlamm der Straße. Der übliche Ruf der die Thames Police ankündigte blieb aus und gleichzeitig sprach alles für diese von denen da Oben eingesetzten Ordnungshüter. Nicht trauen durfte man denen, das hatte mein Vater immer gesagt, die gab es nur, weil unsere Herrscher weiter auf ihrem fetten Thron hocken wollten und verhindern, das so etwas wie in Frankreich geschah. Deshalb nahmen sie den normalen Leuten auf der Straße ihre selbstgewählten Wachleute und ersetzten sie mit den spionierenden Augen sogenannter Staatspolizei. Selbst wenn, aber das hatte ich meinem Vater nie ins Gesicht gesagt, es für umherreisende Boater wie uns auch schon egal gewesen war, ob nun die staatliche Polizei oder die privaten Wachmänner, in Acht nehmen mussten wir uns vor ihnen allen. Und daran hatte sich für mich seit ich wieder in England an Land angekommen war nichts geändert.

Die Kutsche begleitete ein einzelner Reiter und erst als der sein Pferd unmittelbar vor dem Matrosen und mir zügelte, bemerkte ich, dass ich mich noch immer an dem Kurzen festgeklammert hatte, ich ließ los, als hätte ich mich verbrannt. Aber es war schon zu spät und ich hätte nicht mehr die Kraft zu rennen gehabt, selbst wenn der Gedanke früher meinen Kopf verlassen hätte. Der Reiter sprang ab. „AUF DEN BODEN!!“, brüllte er aus vollem Hals. Aus der Kutsche folgten ihnen zwei Weitere, älter als der Reiter, edler gekleidet als es die Thames Police je wäre, aber nicht minder schnell mit dem Knüppel, als ihrer Aufforderung nicht schnell genug nachgekommen wurde. Viel Gegenwehr gegen die Hiebe leistete ich nicht mehr, sank unweit der Dockmauer auf das nasse Pflaster, fiel halb und lag schließlich mehr am Boden als zu knien. Keuchend, den Blick gesenkt, noch kaum registrierend wie tief die Scheiße war, in der ich steckte.

Vage glitt mein Blick höher, die drohende Präsenz eines der Männer ragte vor mir und dem Matrosen auf. Der Jüngere, der geritten war. Die anderen waren dabei Ordnung in die aufgescheuchten Dockarbeiter zu bringen, die in Panik geraten waren wie eine Herde blökender Schafe. Ich hätte dieselbe Panik spüren sollen, dass wusste ich, und doch erreichte mich kein einziges Gefühl. Stumpf und geschlagen kauerte ich auf dem Boden. Wie ein Verbrecher. Ein nutzloser Taugenichts, wenn das schon ein dahintorkelnder Säufer in mir sah, was würden dann diese fast vornehm, gegen all die Dockarbeiter in ihren Lumpen, gekleideten Männer zu sehen meinen? Und inzwischen stank ich vermutlich nicht minder nach Fusel wie dieser unselige Matrose unweit von mir. Dabei war ich nur hier gewesen um auf Arbeit zu warten. Gute ehrliche Arbeit. Weil ich ein anständiger Mann war, seit vielen Wochen schon folgte ich den Predigten des guten Paters und hatte keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Aber wer würde mir all das schon glauben, wenn ich es sagte? Ich sah in die Gesichter der Dockarbeiter, die inzwischen in Reihe standen und sich von den Männern begutachten ließen, wie sie sich den Kopf verrenkten, ganz ungeniert in meine Richtung glotzten. Wie sie sich später das Maul zerreißen würden. Später. Wenn ich nicht mehr hier sein würde... Und die Erkenntnis traf mich wie ein Schwall kalten Wassers. Wer zwang schon jemanden zu Boden und ließ ihn bewachen, um ihn dann laufen zu lassen? Welches Vergehen mochte eine Prügelei auf offener Straße wohl sein? Wenn Herumlungern hinzukam, ohne feste Arbeit, die ich nachweisen hätte können und wer von den Dockarbeitern hätte mir schon noch ein Leumund gesprochen jetzt und hier. Zu was hatte ich mich nur hinreißen lassen?!

„...nicht ein einziger tauglicher Mann und dafür all die Meilen Fahrt...“ Die Männer aus der Kutsche kamen zurück. „Wer hät‘s schon wissen können...“ Das war der Reiter, säuerlich klang her. „Gesagt hab ichs dir, vom ersten Moment, hab ich es nicht?“„Bei allem dem du einen schlechten Ausgang prophezeist, sollten wir nicht einen Finger mehr rühren“, feixte jetzt der Dritte. „Was ist mit unsren Streithähnen?“ Zu Dritt standen sie jetzt vor uns. „Scheinen mir mehr Hähnchen zu sein“, grinste der Jüngere ungeniert. Älter als der Matrose und ich war er allemal und doch störte mich sein dreistes Urteil ungemein. Der Feixende und der Jüngere lachten jetzt, während der Skeptische uns mit mehr Ernst und scharfem Blick musterte. „Der ist zu klein und an dem ist doch schon nichts mehr dran“, monierte er dann, als hätte er zwei Schlachthammel vor sich und fürchtete um das Osterfest. Bei den letzten Worten, als müsste er sie zusätzlich unterstreichen, stieß er mir mit dem Stiefel in die Rippen.

Es ging so schnell, dass es mir nicht einmal gelang mich in meiner eigenen Tollkühnheit zu stoppen. Eben noch hatte ich vor Erschöpfung halb auf der Erde gelegen, im nächsten Moment war ich vorgeschnellt, hatte den Fuß gepackt, der nach mir getreten hatte. Der Mann strauchelte und kippte neben mir in den Dreck. Mit einem Mal war ich Auge in Auge mit ihm, konnte das mörderische Glimmen darin sehen und für einen Augenblick war ich mir so gewiss als könnte ich seine Gedanken lesen, dass er tun würde, was dem Kurzen nicht gelungen war. Dass er mir jeden Zahn ausschlug, bis ich an der schäumenden, blutigen Masse ersticken würde. Ich hörte es kaum, dass Lachen der anderen zwei Männer. Einer seiner Kameraden klopfte dem zu Boden gegangenen besonnen auf die Schulter und half ihm auf. Der andere hatte die Dreistigkeit mir mit einer Hand in das regennasse Haar zu fassen, wie einem Hund oder einem Jungen, der ich vielleicht für sie war. Er packte zu, zog mich schmerzhaft zurück in eine sitzende Position, aber ich zerbiss jeden Schmerzenslaut zwischen den Zähnen, auch wenn es mir noch so die Tränen in die Augen trieb, und wagte mein Glück kein weiteres Mal herauszufordern in dem ich mich wehrte. „‘kleiner Kämpfer“, brummte der Mann dabei gut gelaunt jovial und ließ endlich los. „Das wolltest du doch, einen Kämpfer. Jetzt hast du sogar zwei.“

Mit einem Mal schien der Skeptische, den ich zu Fall gebracht hatte, es sich anders zu überlegen. Noch einen weiteren Blick warf er auf den Matrosen und mich. Nachdenklich erst, dann mit einem teuflischen Lächeln. „Schön, nehmt sie mit in die Bow Street“, entschied er. Meine aufgerissenen Augen starrten blicklos auf die dreckigen Schlieren, die zwischen meinen Knien vom Straßenrand hin Richtung der Fahrrinnen liefen. Bow Street. Ausgerechnet den gottverlassenen Runners war ich in die Fänge gelaufen.


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