Als Anisim Langdon doch wieder spricht, trifft es mich so unerwartet, dass ich ihn aus Reflex ansehe, bevor ich mich erinnere, was zwischen uns ist. Er sieht auf seine Hände und ich will wieder wegsehen, doch seine Worte hindern mich daran. Gegen meinen Willen kann ich den Blick nicht abwenden. Ich will weghören, will mich vor den Worten verschließen, weil ich instinktiv spüre, dass sie zu viel sind. Aber auch das gelingt mir nicht. Jede einzelne Silbe dringt auf mich ein, geht mir bis tief unter die Haut, bis ich es kaum mehr ertragen kann. Versetzt mich so unmittelbar zurück in eine Zeit, die ich so oft verdrängt habe – und die sich gerade deswegen so tief in mir eingebrannt hat. So sehr, dass meine tiefste jämmerlich infantile Angst selbst heute noch ist, von ihm getrennt zu sein. Erneut. Als wolle die Vergangenheit uns einfach keine Ruhe lassen. Weil das Leben nun mal diesen grausamen Sinn für Humor besitzt, einen immer und immer wieder mit denselben Mustern zu konfrontieren, als wolle es einem die eigene Unfähigkeit beweisen die vorgesehenen Bahnen zu durchbrechen. Ich schlucke trocken. Versuche mir vorzustellen, wie meine Mutter mit meinem Bruder, mit ihrem Sohn, spricht. In diesem Wissen ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder zu sehen. Ihn zurück zu lassen. In eine ungewisse Zukunft zu gehen. Ihn dazulassen, mich mitzunehmen. Hübsch, wie sie uns aufgeteilt haben... Ich reiße jetzt doch den Blick los, reibe mir hart über das Gesicht. Ertrage es einfach nicht länger. Leben… Jede Chance nutzen. Sie haben sie damals verteilt. Die Chancen. Unsere Chancen. Haben unser Schicksal gewisser maßen festgelegt. Haben Gott gespielt, selbst wenn es Blasphemie ist, das auch nur zu denken. Und dann haben sie Anis betrogen… Um die Chancen, die ihm versprochen gewesen waren. Die Chancen, die sie unserer Mutter für ihn versprochen haben. Es erfüllt mich mit einer hilflosen Wut, die mir fast übel werden lässt. Bestand auch nur die geringste Möglichkeit, dass dieser große Plan einer höheren Ordnung gefolgt hat, dass es das Wert gewesen ist, dass man uns damals getrennt hat, dass wir heute Fremde sind, endgültig getrennt durch unsere soziale Schicht – so war all das sinnlos gemacht worden, weil Anis betrogen worden war. Weil man ihn weggeworfen und in das dunkle Loch eines Klosters gesperrt hat, statt ihm die Welt zu ermöglichen, die man ihm versprochen hatte. Anis sieht wieder auf. Ich bemerke es im Augenwinkel. Doch er blickt nicht zu mir. Er sieht Asya an. Es ist befremdlich und gleichzeitig… nicht befremdlich. Ich spüre Asyas Ruhe, während sie Anis‘ Blick erwidert, während Nascha sich weiter an sie schmiegt. „Bitte denke nicht, ich würde dich für irgendetwas verurteilen…“ Langsam lasse ich den Atem entweichen. Ich hatte nicht erwartet, dass diese wenigen Worte eine so tiefe Erleichterung in mir auslösen können. Dass ich sie laut ausgesprochen gebraucht habe, um es endlich zu begreifen. Ich schäme mich fast dafür, wie abhängig ich von seiner Meinung, seiner Anerkennung bin, aber ich kann es nicht leugnen. Doch als er fortfährt, spüre ich, dass da noch mehr ist. Dass Anis mir mit diesen Worten etwas erklären will. Dass er sich… nicht wegen uns schämt…? Sondern… wegen sich…? Dem was er getan oder… nicht getan hat…? Ich kann die entsetzliche Schuld darin spüren, als wäre es die meine, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, weshalb sie da ist.
Eine Weile beobachte ich ihn, meinen… meinen Bruder, warte ob es noch etwas gibt, das er ergänzen will. Doch er schweigt. Den Blick jetzt wieder abgewandt. Warum?, frage ich mich noch immer und fühle mich dabei so entsetzlich dumm und nutzlos, seinen Schmerz einfach nicht begreifen zu können. Weshalb schämt er sich so sehr? Weshalb fühlt er sich derart schuldig? Ist es nicht viel mehr unser Vater, der sich schuldig gemacht, der Anis seinen Chancen beraubt hat? Der seinen Sohn in ein Kloster, ein Loch der Kirche abgeschoben hat, ihn von der Außenwelt abgeschnitten. Was hätte Anis daran ändern können? Mir fällt nichts ein, doch ganz offenbar war Anis etwas eingefallen. Denn statt hinter unüberwindbaren Mauern eines Klosters ist er hier, untersteht – wenn ich es richtig verstehe – Lord Davies, einem angesehenen Chaplain der Magisteriumsbehörde der brytannischen Hauptstadt. Der vielleicht mächtigsten Organisation dieses Landes und vielleicht einem Großteil der Welt... „Der Earl hat versucht dich mit kirchlicher Unterstützung blind und taub vor der Welt zu machen, jetzt gehörst du zu dem was den gierigen Augen und Ohren der Kirche wohl am nächsten kommt. Ich weiß du fragst mich nicht, aber ich finde das fast schon brillante Ironie“, urteilt Asya erbarmungslos. Sie hat ein Talent darin Anerkennung wie eine einzige drohende Provokation klingen zu lassen. Mit einem letzten Blick auf Anis, stößt die Hündin schließlich Nascha an, als müsse man der Eule persönlich dafür gratulieren. Aber das registriere ich in diesem Moment kaum. Es ist die eine Sache gewesen, dass Anisim während seiner Worte Asya direkt angesehen hat, doch dass mein Daemon jetzt auch noch direkt mit ihm spricht, lässt mich innerlich zusammen zucken. Es versetzt mich mit solch grausamer Direktheit in unsere Kindheit, dass ich beinahe die Orientierung verliere.
Gleichzeitig weiß ich, dass Asya die Situation zu kurz fasst und ich weiß, dass Asya das weiß und es mit Absicht tut, ich dagegen will noch immer das verstehen, was dahinter liegt. Es fühlt sich so nah, dass ich nur danach hätte greifen müssen, es nur gründlich von allen Seite betrachten. Die Lücken und Details finden, die meinem Bild noch fehlen. Aber dafür darf ich nicht länger schweigen. Ich muss mehr wissen, um es… um ihn verstehen zu können. „Wie ist… d-dein…“ Ich stocke kurz, versuche mich mit einem Blick zu vergewissern, ob die vertraute Art ihn anzusprechen wirklich in Ordnung ist. Ich stocke noch aus einem weiteren Grund. Ich weiß einfach nicht weiter. Ich hätte gerne gefragt ‚Wie ist dein Leben?‘. Gierig alles aufgesogen, was er mir preis gibt. All den Fragen eine Antwort gegeben, die mich so lange geplagt haben. All die Lücken auf einmal gefüllt, welche die Jahre ohne ihn gerissen haben. Aber ich weiß, dass die Frage zu weit geht. Unmöglich zu beantworten ist. Vielleicht bin ich auch einfach zu feige... „Wie ist deine Arbeit?“, frage ich schließlich, an seine letzten Worte anknüpfend. Leise. Als würde die Lautstärke es weniger unangenehm machen, wenn ich mit dieser Frage zu weit gehe. Wenn ich seine Offenheit ungebührend ausnutze. Wenn er mir nicht antworten will oder kann, mich zurück weist. Mich ausschließt aus seinem Leben. Dieses Mal aus eigenen Stücken, nicht weil die Umstände es erzwungen haben. Schon in dem Moment in dem ich sie ausgesprochen habe, bereue ich die Frage – oder… nicht unbedingt die Frage. Die Frage brennt mir förmlich auf der Zunge. Aber ich bereue es dem nachgegeben zu haben, zu fragen. Ich bereue Asyas harten Schalk. Es ist zu früh dafür. Zu riskant. Hatte ich mich nicht mit dem zufrieden geben können, was er mir freiwillig gegeben hat? Oder sie? Hatten wir nicht froh sein können über den zerbrechlichen Frieden? Darüber, dass er Asya und mich ohne die Distanz angesehen, dass er mir vertraut hat. Jetzt bin ich zu ungeduldig, reite auch noch auf dem Thema herum, das ihm ohnehin unangenehm ist. Dabei interessiert es mich so sehr. Gerade weil es ihn so zu quälen scheint. Weil er es derart gering macht. Sich selbst mit kaum mehr als einem Dienstboten vergleicht. Ich will es so gerne verstehen. Will so gerne mehr über ihn, über sein Leben erfahren, das so unsagbar lange ohne mich verlaufen ist. Und gleichzeitig habe ich so entsetzliche Angst das wenige, das er mir an Nähe gibt, direkt wieder zu zerstören. Denn die Wahrheit ist: Ich sehne mich danach. Nach seiner Nähe und Anerkennung. Er ist mein großer Bruder. Das habe ich immer getan.
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