Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness



Der Docker hatte seine Pastete längst hinunter geschlungen als ich ihn ansah. Entweder vollkommen übermüdet oder vollkommen gelangweilt sah er mich an. „Wird dich schon nicht umbringen“ Sofort verfinsterte mich mein Blick als er das sagte, mit seinen schleppenden Worten. „Wer hat dich denn gefragt?!“, herrschte ich ihn an, stierte kurz wütend zu ihm hinüber und sah dann demonstrativ fort, als brauchte ich seine Hilfe nicht. Dabei hatte ich ihn wahrscheinlich angeglotzt wie ein Ertrinkender das Rettungsseil.

Die Kutsche rumpelte und holperte weiter über das Kopfsteinpflaster und meine Wut auf den Docker war von einem Moment auf den anderen wieder so flammend wie davor. Dass er überhaupt meinte, mir sagen zu müssen, dass man das was ich da in der Hand hatte essen konnte. Natürlich war mir das klar. Was dachte sich dieser miese kleine Dockarbeiter eigentlich?! Dennoch begann ich fast verstohlen von meiner Pastete abzubeißen. Demonstrativ genug, um dem Langen zu zeigen, dass ich keine Angst hatte. Und doch abgewandt genug, um genauso deutlich zu machen, dass ich nicht wegen ihm damit begonnen hatte zu essen. Ganz sicher nicht wegen ihm. Wofür hielt der sich auch?

Ich bemühte mich langsam zu essen. Nicht weil ich meinte dem Docker etwas beweisen zu müssen. Gut, vielleicht nicht nur. Aber vor allen Dingen, weil ich nicht sicher war, wie gut mein Magen die feste Nahrung vertrug. Es fühlte sich gut an, einen anderen Geschmack in den Mund zu bekommen, aber mein Hals war noch immer rau und wund von der Reaktion meines Körpers auf die versoffene Nacht. Jeder Schluck fühlte sich an als würde ich noch einen Haufen Nägel mitessen.

Sie hielten an einem herrschaftlichen Gebäude, von dem ich nur vermuten konnte, dass das die Bow Street Number 4 war. Und als die Kutsche zum Stehen kam und sie zu uns nach hinten gingen um unsere Handeisen zu lösen, da waren wir längst die Attraktion der Straße. Ich fragte mich ob wir schon der größte Fang der Runner in dieser Woche waren, dass sie uns so anstarrten als ob sie sonst noch nie im Leben Verbrecher gesehen hätten, und starrte in wildem, unverhohlenem Widerstand zurück, bevor sie unsere Hände von Neuem banden und uns in das Gebäude bugsierten.

Wie wir da so saßen in unserem Eck fühlte es sich fast an als wäre nichts passiert. Keine Schlägerei im Hafen, keine durchsoffene Nacht. Nur diese Pfütze, die sich unter uns und unserer Bank bildete, auf die man den Docker und mich gesetzt hatte. Das einzige Zeugnis dessen, dass wir direkt vom Regen in die Traufe geraten waren. Ich fühlte das Blut auf meinem Gesicht bereits stocken und gemeinsam mit dem Dreck auf meinem Mantel und meiner Haut verkrusten. Eigentlich war es einfach, dachte ich, ich musste mir keine Sorgen darum machen ob der Coster mich erkannt hatte. So wie ich aussehen musste, hätte mich sicher niemand mehr erkannt, der mein Gesicht je zuvor gesehen hatte. Ich starrte dumpf auf das Papier vor dem Mann, der uns gegenüber an einem Tisch saß. Verfolgte mit den Augen die Bewegungen der Feder, wie sie über das Papier glitt.

Erst als der Mann ohne aufzusehen auf den Langen deutete und in diesem harschen, knappen Befehlston seinen Namen aufrief, wurde etwas in mir wieder wach, als hätte mich jemand aus tiefem Schlaf gerissen. Ich regte mich nicht, aber während mein ernster Blick weiter auf der Schreibfeder lag, lauschte ich mit einem Mal wachsam. Otis-Road, nannte der Docker seinen Namen. Nicht die Adresse. Der Name. Mein Mundwinkel zuckte kurz verräterisch als der Lange den Namen buchstabierte. Ich versuchte mir die Buchstaben vor dem geistigen Auge vorzustellen. Sei es um mich auf etwas zu konzentrieren. Und erst allmählich, während ich dabei zuhörte wie der Docker die Fragen nach seinen Daten beantwortete, wurde mir bewusst, dass ich in Kürze die selben Fragen beantworten müssen würde. Ich fühlte regelrecht wie mir das Herz in die Tiefe sank bei der Erkenntnis und etwas in mir unruhig wurde. 15. März 1803. St. Marychurch Street, Rotherhithe. Arbeit bei den Docks, St. Mary’s Church. Dock. Da erst kam der Lange aus dem Tritt, ein wenig drehte ich den Kopf, ohne den Blick von der Schreibfeder zu heben. Ich konnte es nicht verhindern hellhörig zu werden, während ich mich fragte, wie ich das selbe beantworten sollte. Ich schluckte, senkte den Blick. Ich konnte ihnen die Geschichte von der River Police erzählen, aber vermutlich würden sie nur lachen. Besser lachen oder besser Arbeitshaus, na Mister James, was hätten Sie denn gerne? „48th Regiment, Northamptonshire. Lance Corporal.“ Mein Docker war ein Soldat gewesen. Verflucht noch eins. Ich hatte ein Pech. „In New South Wales gewesen?“ Australien. Aus dem Augenwinkel sah ich zu dem Docker. Sah wie er nickte. Der Lange war in der Welt herum gekommen. Alle Achtung. Ich senkte den Blick, sah zwischen meinen Beinen durch als wäre ich nicht da. Sieben Jahre vorbei. Ich wartete, dass da noch etwas kam. Irgendeine Frage, auf die ich mich schon einmal vorbereiten konnte. Ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, die ich lieber nicht heraus gerückt hätte. Aber es folgte Schweigen, nur das Kratzen der Feder auf dem Papier war zu hören. Und dann ging es von vorne los.

„Name?“ Ich fühlte wie mir der Magen wieder flau wurde. Ich sah hoch, sah gerade noch wie der Mann über seine Notizen kurz die Mundwinkel verzog als hätte er einen ebenso unangenehmen Geschmack im Mund wie ich in diesem Moment. Jetzt sah er auf und sah mich direkt an. „Name!“, wiederholte er und sah mich an als wollte er sagen, dass er die Antwort auch aus mir heraus prügeln konnte. „Ardin James, Sir.“, antwortete ich wahrheitsgemäß, aber verhalten, bemüht nach sauberem Englisch zu klingen und die Spur Devon aus meinem Tonfall zu verbannen, auch wenn es mir beim „r“ nicht ganz gelingen wollte. Ich hatte noch immer keine blasse Ahnung, was ich dem Runner auf die nächsten Fragen antworten sollte. Das „Sir“ hintenan zu hängen war ein bloßer Reflex – ich hatte nicht einmal Ahnung ob der Mann vor mir irgendeinen Rang bekleidete, wenn ja welchen und es hatte ihn auch nicht interessiert, dass Otis-Road nicht gegrüßt hatte, aber ich fand es war nicht das schlechteste auf Nummer Sicher zu gehen und vermied es mich zu korrigieren. „Wie der Vorname?“„Aye, Sir…“ Der Mann verzog das Gesicht beinahe ausdruckslos über seinem Papier. Unsicher beobachtete ich ihn dabei und krallte mich in meine Handeisen. „Geburtsdatum?“„27. Juni 1802“ Der Docker war nur ein Jahr jünger als ich, warum auch immer mir das jetzt in den Sinn kam. Mein Blick ging über den Schreiberling vor uns hinweg zu den drei Männern, die uns von der Kutsche bis hierher gebracht hatten und nun gemeinsam in der Ecke standen und für mich unverständlich diskutierten. Sie machten nicht gerade den Eindruck als würden sie sich den Mund über den Docker und mich zerreißen und doch hatte es etwas seltsam skurriles wie sie da standen, die Blicke auf uns geheftet. Freuten die sich schon auf die Prügel, die sie uns verpassen konnten?! „Adresse?“ Ich sah zurück zu dem Schreiber, biss mir kurz auf die Unterlippe. „Fawcett Road Number Five, St. Mary Rotherhithe, Sir.“ Ich senkte den Blick auf die Feder in seinen Händen. Es war die Cornbury Road, die Parallelgasse, aber ich wollte diese Leute nicht direkt zu Margory führen und mit etwas Glück würde sich niemand um meine Adresse kümmern. Und wenn doch, dann würde Margory es rechtzeitig wissen, wenn sie in der Parallelgasse Nummer Fünf nach mir suchten. Aber diese Antwort war noch immer nicht die größte Herausforderung. Die nächste Frage stellte mich vor ein Problem. „Arbeit?“„Bei den Docks, wie Road.“ Ich nickte mit dem Kopf knapp rüber zu dem Langen, ohne ihn anzusehen. Es war nichts als die blanke Lüge, aber ich setzte alles darauf, dass der Schreiber sie nicht bemerkte und mich der Lange nicht verriet. Wenn doch, hatte ich ein Problem, aber dann konnte ich mir immer noch irgendetwas Neues einfallen lassen. „Kein festes Dock, Sir.“, kam ich dem Schreiber deshalb zuvor. Und vielleicht sah er mich deshalb so prüfend an. Aber ich verzog keine Miene. Und schließlich notierte er wieder etwas auf seinem Papier. „Letzte feste Arbeit?“ Ich biss mir wieder auf die Unterlippe, zögerte einen Moment. Atmete dann tief durch, bevor ich die Wahrheit sagte. „Royal Navy, Surgeon’s Mate auf seiner Majestät Fregatte Severn, Sir.“„Grund für das Ende der Beschäftigung?“„Sie haben sie aufgebrochen, Sir. In Portsmouth. Wir sind in London geblieben.“ Ich konnte nicht verhindern, dass es klang, als hätten sie ein Familienmitglied von mir getötet. Wir. Ein Großteil der Mannschaft der Severn. Von dem mittlerweile nur noch ein Bruchteil an Land zu finden war. Die meisten waren zur East India gewechselt, wie ich es ebenfalls vorgehabt hatte. Besser ich hätte es einfach getan.

Sie hatten genug von den Fragen wie es schien. Sie zogen uns von unserer Bank hoch und brachten uns in einen anderen Raum, wo sie eine Schüssel Wasser auf einen Tisch gestellt hatten. Ich fragte mich wer die wohl hatte herschleppen müssen, tat aber wie mir geheißen als sie uns die Handschellen abnahmen und uns anwiesen uns zu reinigen. Ich wusch mir das Blut und den Dreck aus dem Gesicht, von den Händen, zog Mantel und Hemd aus, um mir den Nacken zu waschen. Sie ließen uns auch die restliche Kleidung ablegen, stellten uns an die Wand, begannen uns zu vermessen. Ich fragte mich ob sie mich wieder laufen lassen würden weil ich zu klein war…

Der Lange hatte Tätowierungen an den Armen. Das eine davon konnte ich als Schlange erkennen. Wären wir nicht gerade in den Fängen der Bow Street gewesen, hätte ich ihn vielleicht sogar gefragt, woher die stammten und wofür sie waren. Ich kannte kaum jemanden, dessen Tattoos nichts bedeuteten. Jedes Bild unter der Haut bedeutet etwas. Ich hätte die Geschichten gerne gehört. Aber ich würde mir das merken für den Moment wenn wir in irgendeiner Zelle kauerten und uns die Zeit viel zu schnell lang werden würde. Da würde es noch genügend Gelegenheit geben, da war ich mir in diesem Moment sicher.

Sie ließen uns unsere nassen Sachen wieder anziehen, dann führten sie uns zurück in den ersten Raum und setzten uns zurück auf die Bank. Ohne Eisen diesmal. Sie schienen sich langsam sicherer zu werden, dass wir keinen Mist anstellten. Aber wo hätten wir hier auch hin sollen? An den Türen hasteten immer wieder Uniformierte vorbei, die irgendwelche Papiere von hier nach dort trugen. Da hätten wir keine Chance gehabt. Über Ruhe vor den Fragen hatte ich mich allerdings zu früh gefreut. Der Schreiber war zurück gekehrt und jetzt setzte er sich uns gegenüber wieder an den Tisch um die Feder von Neuem in die Hand zu nehmen und in Tinte zu tauchen. Was sollten sie jetzt noch von uns wissen wollen?


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Cling and fail - von Ardin James - 20.01.2022, 20:57
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