Dass er den Weg allerdings so einfach fand, war dann doch ein wenig unheimlich. Und ich fragte mich nicht zuletzt, ob mir das Sorgen bereiten sollte wenn ich so an den vor uns liegenden Wettkampf um diese Stelle in der Bow Street dachte. Am Ende hatte der Lange einen strategischen Vorteil, von dem ich nicht einmal etwas ahnte. Immerhin würden sie uns sicherlich auf Streife schicken, oder? In Rotherhithe oder um die High Street wäre das kein Problem gewesen. Die South Side und das East End kannte ich, da war ich schon gewesen. Aber diese Ecke hier um die Bow Street… Wer hätte schon erwartet hier einmal durch zu müssen? Sich orientieren zu müssen? Ich würde irgendwie an Karten kommen müssen, so viel war sicher. In der Bow Street mussten sie eine Karte haben. Irgendwo. Die würde ich suchen. Da sollte der Docker keinen Vorteil genießen.
Aber was er mir dann tatsächlich zur Antwort gab, das ließ mich die Stirn skeptisch runzeln. Ein Kinderspruch. Über den Fleet. Den hatte ich noch nie gehört. Ich schüttelte den Kopf. Versuchte zu verstehen was um alles in der Welt dieser Kinderspruch mit unserem Weg hier zu tun haben sollte. Flut. Wasser. Es ging um Wasser darin, ja, aber… Mein Gesicht verdunkelte sich als der Lange meinte mir unter die Nase reiben zu müssen, was sowieso offensichtlich war. Dass ich nicht aus London stammte. Natürlich. Ich verzog sarkastisch die Mundwinkel. Sehr komisch. Aber als der Lange das dann doch erklärte und vom Gestank sprach, achtete ich tatsächlich unwillkürlich darauf, was ich in der Luft riechen konnte. Und tatsächlich roch es nach Faulem, Verdorbenem und Totem. Entfernt zwar, aber deutlich wahrnehmbar. Ich hatte bislang nicht darauf geachtet. Man gewöhnte sich an diese Dinge. Wie man sich an den Gestank in einem Unterdeck gewöhnt. Wie es zum täglichen Atem wird. Da ist es eher ungewohnt wenn er einmal fehlt. Jetzt aber ging mir doch ein Licht auf, was es mit dem Wasser in seinem Spruch auf sich hatte. Der Fleet war ein Fluss. Und er mündete in die Themse. Schlaues Bürschchen. Aber wer wäre denn auf sowas gekommen? Ich hörte auf, mich auf den Geruch zu konzentrieren, fast wütend schlug ich mir das aus dem Kopf. „Du gehst nach dem Geruch?!“, fragte ich, weil ich es nicht ganz glauben konnte. Das hatte wirklich etwas abartiges. „Was bist du? Ein Hund?“, spottete ich dann. Und dabei verzog sich mein Gesicht doch wieder zu einem vagen Grinsen und mündete in einem fassungslos amüsierten Glucksen als mir so langsam bewusst wurde, welche Goldgrube ich da gerade gefunden hatte. Der Lange folgte seiner Nase wie ein Jagdhund. Du meine Güte, ein Tier war er, der Lange. Da sag noch einmal einer, die Londoner Arbeiterschicht hätte nichts mit Tieren gemein!
Ein wenig Bewunderung rang es mir aber doch ab. Auf die Idee wäre ich in zehn kalten Wintern nicht gekommen. Einem Fluss folgen, um zur Themse zurück zu kommen. Noch dazu einem aus einem Kinderspruch. Ich schüttelte bei mir den Kopf. „Aber ich kenn den Spruch von den Kirchen.“, erklärte ich, als wäre das eine brauchbare Alternative und als hätte Otis-Road mich nach Äpfeln gefragt und ich hätte ihm stattdessen Birnen angeboten. Ich sah zu dem Langen hin und nickte mit einem vagen schiefen Grinsen zu der Kuppel, die immer wieder zwischen den Häuserdächern im Dunst auftauchte. „When I am Old, Ring ye Bells at Pauls.“ Den hatte es sogar bis auf die Severn gespült. Da hatte ich ihn das erste Mal gehört. Von einem Matrosen, der aus London stammte. Der hatte ihn mir beigebracht. War eine nützliche Ablenkung gewesen wenn auf Wache nichts los gewesen war. Und ich hatte jede Zeile aufgesaugt, die sie mir hatten nennen können. Auch wenn sie sich manchmal gestritten hatten, welche denn nun die richtigen Verse und in welcher Reihenfolge sie am besten zu sagen waren. Spruch blieb Spruch.


