Ich hatte nicht einmal bemerkt wie mir die Lippen vor Wut über die Vorderzähne gerutscht waren. Ich nahm den nächsten Schluck Bier und es tat gut die Wärme von neuem in mein Inneres zu spülen.
„Wenigstens ordentliches Wasser habt ihr Janner doch“ Ich schnaubte geräuschvoll in mein Bierglas bevor ich es wieder absetzte. Dann hob ich den Blick und sah spöttisch finster zu Rhode hinüber. „Was? Sind das etwa lobende Worte für das gute alte Devon?“, fragte ich und verfiel ganz absichtlich in den Devon Akzent, den ich nur noch sprach, wenn ich Otis ärgern wollte oder ich mich wirklich aufregte. Nicht einmal die Streits mit Margory schafften das immer. London mochte ein Schmelztiegel der Kulturen und Nationen sein – jeden spülte es von irgendwoher an. Aber wenn du in der Stadt für Ordnung sorgen willst, lässt du dir das besser nicht anhören wenn du von woanders bist. Das hatte ich schnell gelernt.
Ich grinste noch einen Moment über meinen eigenen Spott, bevor die Schankfrau zurück kam. Mit Glas und Flasche. Wie versprochen. Mein Blick fiel auf das Etikett. Plymouth Gin. Zumindest das stimmte. Konnte nur noch sein sie hatten das Zeug umgefüllt. Aber ich würde es drauf ankommen lassen. Bevor ich jedoch auch nur die Hand gehoben hatte, um nach der Flasche zu greifen, hatte Rhode sie genommen, scharfen Blickes geprüft und mit einer routinierten Bewegung geöffnet, um das Glas zu befüllen. Was war das? Sogar Bedienung in dem Laden, oder was?! Konnte ich mir nicht mehr selber ein Glas einschenken?! Musste ich jetzt schon gefüttert werden wie ein Kleinkind?! Meine Wut nahm erst ab als Rhode das Glas in die Hand nahm und keineswegs zu mir herüber schob, sondern stattdessen die Flasche vor mich stellte und selbst das Glas vor sich anhob. Ich zog die Brauen hoch. Ach so war das… Damit hatte ich jetzt aber wirklich nichts zu tun. Kurz ging mein Blick runter zu Cyneburg unter dem Tisch, aber die rührte sich nicht. Ich sah zurück zu Rhode. „Nicht wie in diesem Drecksloch“ Ein schiefes Lächeln kam mir doch auf die Lippen. Ich sah zurück zu der Flasche. Nahm sie in die Hand während Rhode bereits das Glas kippte. Also gut, schlafen, nicht wahr? Auf unsere allergnädigste Majestät, dachte ich spöttisch, setzte die Flasche an die Lippen und schluckte hinunter was ich konnte bevor ich das Gefühl hatte mir würde der Hals explodieren.
Mit tiefen Atemzügen senkte ich die Flasche und betrachtete den Inhalt, der mir seltsam schummrig vorkam in diesem Moment. Mein Schädel drohte zu zerspringen. Aber das war gut so sagte ich mir. Das würde sich jeden Moment legen. Nur atmen. Immerhin die halbe Flasche leer. Ich roch das verdichtete Aroma von Zitronen und Kräutern und schmeckte das scharfe Feuer von Alkohol, das nur noch von dem hübschen kleinen Lagerfeuer des Gregor unten in seiner heimeligen Hölle übertroffen werden konnte. Ich sah weiter auf die Flasche und atmete während sich der Schmerz langsam legte und die Hitze, die in meinem Magen brannte, sich von der Mitte meines Körpers in meine Gliedmaßen ausbreitete. Ich spürte den Schweiß auf meine Stirn treten und lehnte den Kopf hinter mir an die Wand. Leckte mir über die Lippen. Ließ das einen Moment wirken.
Mein Blick ging ohne dass ich den Kopf rührte rüber zu Rhodes leerem Glas. Wie oft hatte ich ihn aus dem Suff geholt? Aber diesmal, das, da war ich nicht schuld dran. Ich hatte für mich bestellt. Nur für mich. Nicht für ihn. Das mit dem Glas war er gewesen. Das konnte mir hinterher keiner vorwerfen. Ich setzte die Flasche gleich nochmal an um einen weiteren verzweifelten Schluck zu nehmen.
Die Flasche wieder auf dem Tisch abstellend, fuhr ich mit dem Daumen über das Etikett. Als hätte ich Angst sie könnten mir die Flasche wieder wegnehmen, hielt ich sie fest. Ja, das war Plymouth Gin. Nichts von dem gepanschten Zeug. Dann hätte ich jetzt wirklich nichts mehr gesehen. Hiervon würde mir nur schlecht werden. Und ich begann bereits nicht mehr scharf zu sehen. Da hatte Rhode seine Beschleunigung. Aber wenn ich daran dachte, dass ich schlafen würde, nach alledem schlafen… Unausweichlich warteten jetzt bereits die Dämonen auf mich, die hochkamen wann immer ich die Augen schloss. Und sie würden mich verfolgen bis an mein Lebensende. Kein Entrinnen. Jedes Bett war wie ein Symbol für einen Albtraum. Ich spürte meine Kehle eng werden. Nahm noch einen Schluck – viel zu schnell – um sie wieder zu weiten. Ich war kein Säufer. Nie gewesen. Nicht so wie Rhode es auf die Spitze getrieben hatte. Ich trank in kurzen heftigen Attacken. Wenn ich es nicht mehr aushielt. Wenn ich der Welt den Rücken kehrte. Dann trank ich. Um der Welt zu zeigen was ich von ihr hielt. Nur um am nächsten Morgen die Hölle zu bereuen, die ich mir selbst bereitet hatte. Aber ich war mittlerweile der Meinung, dass nichts schlimmer sein konnte als diese Träume. Warum nur wollte das niemand verstehen? Warum um alles in der Welt interessierte das niemanden?! Nicht Rhode, nicht Margory. Sie warfen es mir vor. Dass ich nicht schlief. Dass ich mich verhielt wie ein Feigling. Rhode weil er mich für dienstuntauglich hielt, Margory weil sie meinte ich wäre eine Gefahr für meine Kinder. Wie sich ihre Worte in meinem Schädel wiederholten. Immer und immer wieder. Dass sie das herausgeholt hatte. Diese ultimative Keule. Alles hätte sie mir an den Kopf werfen können, wirklich alles. Aber das? Alles was ich wollte war meinen Kindern ein vernünftiges Leben zu ermöglichen. Das war alles was ich je gewollt hatte. Dass Margory glücklich war. Und dass meine Kinder ein besseres Leben haben würden. Ich riss mir jeden einzelnen Tag den Arsch dafür auf. Und jetzt sollte ich darin versagt haben? Nur weil Margory meinte ich hätte mit dem Messer nicht aufgepasst. Und das schlimmste daran war, dass sie Recht hatte. Dass ich es nicht bemerkt hatte. Ich hatte es nicht gefühlt wie ich davon gedriftet war. Es war erst Bentleys Schrei gewesen, der mich hatte wecken können und die Grenzen zwischen wach und schlafend verschwammen häufig so fließend vor meinen Augen, dass ich manchmal nicht mehr sicher war wann ich wachte und wann ich schlief. Als ich wieder klar gesehen hatte, da hatte das Messer längst im Boden gesteckt. Und seit Margory das gesagt hatte… das mit Jacob… Ich musste es mir ständig vorstellen. Mein Junge, nichts böses denkend, wie er sich neben mich stellte, seinem Vater, ihn beobachtete weil er Messer derart liebte. Und dann am Boden. So plötzlich. So unbeabsichtigt. Ich hatte schon so viele tote Kinder in ihrem eigenen Blut gesehen. Es war alles nur Illusion, das wusste ich. Aber Margory hatte es gesagt und ich bekam das Bild nicht aus dem Kopf. Ich setzte die Flasche noch einmal an und spürte längst die Tränen meine Wangen hinunter rinnen, ohne dass ich sie aufgehalten hätte. Setzte die Flasche ab. Spürte wie das Schluchzen meine Brust erschütterte. Versuchte es mit einem tiefen Atemzug zu überwinden, es zu beruhigen, zu überspielen. Mein Blick ging über die Menschen, die ohne uns weiter machten. Grölten und lachten. Und all das Chaos, das unser Leben war, ging einfach weiter. Jeden Tag, unaufhörlich. Als hätten wir nie einen Handschlag getan. Ich konnte nicht sagen weshalb dieses Schluchzen dort in meiner Kehle war. Aber es war der Ausdruck von etwas, das ich nie wieder loswerden würde. Und diese Tatsache alleine machte mir so unendliche Angst, dass ich mich in diesem Moment am liebsten in Rhode gekrallt und ihn nicht mehr losgelassen hätte, nur um etwas lebendiges zu spüren. Aber ich sah ihn nicht einmal an. Und zum vielleicht ersten Mal bedauerte ich wirklich von tiefstem Herzen, dass Jackdaw draußen vor der Tür war und nicht bei mir hier drinnen im Chaos der Welt. Als die einzige Seele, die diese Gedanken kannte. Und sie verstehen konnte.


