Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Ich atme tief aus. Senke den Blick. Nicke. „Ja, das war es.“, gebe ich leise zu. Er hat Recht. Ich hebe den Blick wieder und betrachte ihn nachdenklich. Wie er ernst vor sich hinsieht. Seine gemurmelten Worte sind schwer von der Last der Dinge, die sich in unserer beider Welten geschoben haben. Es gibt so viele Dinge, die heute nicht mehr einfach sind. So viele Dinge, die einen vom Pfad fortbringen. Die kompliziert und schwer zu erklären sind. Zwanzig Jahre, die zwei Brüder trennen. Ich hätte gerne noch mehr von ihm gehört. Darüber wie er lebt. Aber er setzt nicht an um darüber zu sprechen und ich fühle zu sehr, dass er es nicht möchte, als dass ich noch weiter in ihn eindringen würde. Ich bin dankbar für das was er mir gegeben hat. Doch ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. An welcher neuen Stelle ich beginnen soll. Es fühlt sich an wie vor einem Scherbenhaufen zu stehen und nicht zu wissen an welcher Stelle man beginnen soll, sie wieder zu einem Spiegel zusammen zu setzen. Wissend darum, dass es Jahre dauern wird, bis er wieder vollständig sein wird. Es ist als hätte Nico gesagt, dass es nahezu aussichtslos ist. Wenn er das sagt, nimmt es mir die Hoffnung.

Aksinya erlöst mich für eine kurze Zeit. Richtet frech die Worte an Nico und nimmt dem Moment damit ein wenig der Schwere. Ich seh zu ihr, ein trauriges schiefes Lächeln stielt sich auf mein Gesicht. Ja, das haben die beiden in der Tat öfter gesagt. „Wir waren verdammt gute Räuber“ Ich lache leise mit geschlossenen Lippen. Das lachen hat zu wenig Kraft um abgesehen vom Schall meinen Körper zu verlassen. Dazu fühlt sich mein Körper zu schwer an in diesem Moment. Ich weiß warum man es „frei“ lachen nennt, wenn es anders ist. Dieses Lachen ist nicht frei. Aber ich komme dennoch nicht um den Charme hinter Nicos trotziger Behauptung herum. Es ist als würde er eine Wunde lecken, die die Hoffnungslosigkeit so eben geschlagen hat. Es hilft, auch wenn man keinen Erfolg sieht, der Schmerz weiterhin da ist. Aber es gibt einem das Gefühl, behütet zu sein. Es ist jemand da, der sich um deine Schmerzen sorgt. Jemand, der wünscht, dass es besser wird. Und das alleine macht den Schmerz… in Ordnung. Nicht fort. Aber es nimmt einem den Hass oder den Schock darauf. Die Trauer. Ich lasse mich fortziehen von den Dingen, die wir uns sagen könnten, um uns wieder näher zu kommen, hin zu den Dingen, die einmal waren. Auch wenn ich weiß, dass es uns nicht weiter bringen wird. Die Vergangenheit ist wichtig, aber sie wird uns in der Gegenwart nicht retten. Ich sehe keine Hoffnung darin zurück zu blicken. Ich hätte die Hoffnung gerne vor mir. Und zum ersten Mal seit einer langen Zeit habe ich kurzzeitig das Gefühl gehabt, dass es möglich wäre. Ein Gefühl, das von der Vernunft und der Realität auf den Boden der Tatsachen zurück gedrückt wird. Es ist als müsste ich mich von diesem Gefühl und von der Hoffnung erst lösen um Nico in die Erinnerungen unserer Kindheit folgen zu können. Es schmerzt so sehr zurück zu blicken, so schön die Erinnerung auch ist. Weil ich weiß, das nichts wie es damals war wieder so sein wird. Und dabei habe ich mit den Erinnerungen angefangen. Warum fiel es mir nicht so schwer es auszusprechen wie ihm zu folgen? Räuber oder Entdecker. Ich hebe ein wenig den Blick und sehe zu Nico. Habe immer noch das schiefe Lächeln auf dem Gesicht. Ich fühle dass da mehr unter den Worten steckt, aber ich kann nicht erkennen was es ist. Was er mir sagen möchte. Ich vertraue darauf, dass ich es später verstehen werde. In ein paar Stunden, in ein paar Tagen. Ich hoffe es zumindest. Es ist lange her, dass mir jemand etwas persönliches mitteilen wollte ohne es auszusprechen. Ich gebe der Sache Zeit. Ich weiß, dass ich geduldig sein muss. Alles andere hat keinen Zweck. Ich betrachte ihn und komme doch nicht von den Überlegungen los. Darüber was es mit dem Entdecker auf sich hat. Ich sehe uns durch den Wald rennen. Als wäre die Zeit verkürzt. Schemenhafte Silhouetten von Bäumen. Unser Geschrei, hell und glockenklar mit unseren kindlichen Stimmen. Wie sehr sich Nicos Stimme verändert hat. Ich erinnere mich an seine Stimme von damals. Ihre Textur ist immer noch die selbe und doch… es ist erstaunlich was der Stimmbruch aus dem Klang einer Jungenstimme machen kann.

„Räuber!“, erklingt es neben mir auf dem Boden des Abteils und es ist als würde Asya mich aus einer anderen Zeit holen. Nascha flattert auf und bringt unangenehm viel Bewegung in den Raum. Zögerlich, fast gezwungen löse ich den Blick von Nico um zu sehen was unsere Daemonen anstellen. „Entdecker!!!“, kreischt es aus der Luft, dann lässt sich Nascha auf Asyas Brust fallen und vergräbt spielerisch die Klauen in ihrem Fell bevor sie sich genauso schnell wieder nach oben begibt, mit kräftigen flatternden Flügelschlägen an Höhe gewinnt. „Und wir waren Entdecker!“, verkündet Nascha triumphierend aus der Luft als wäre das der Sieg über jedes Gegenargument, das Asya bringen könnte. Sie lässt sich wieder nach unten um nach Asya zu packen und redet dennoch ununterbrochen weiter. Nascha besitzt eine größere Fähigkeit zur Koordination als ich sie besitze, so viel beweist sie immerhin wieder einmal. „Wir waren in Sybirien und im Muskoviterreich! Und oben in Sveden bei den Hexenlanden!“ Normalerweise spricht Nascha nicht so stolz über die Hexenlande wie sie es jetzt tut. Ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass sie sie einmal als Triumpf anbringen könnte. Nachdenklich beobachte ich ihren Flug. Sie pflegt mir die Dinge vorzuhalten wenn es um die Hexen geht. Immer und immer wieder. Hin und wieder denke ich noch daran. An ihre und an Sir Starlings Worte damals. Ich bin darüber hinweg. Das sind Dinge, die längst begraben sind. Ich wende den Blick ab, sehe nachdenklich nach draußen wo der Zug langsam die Stadt hinter sich lässt und Londoner Häuser und Hinterhöfe durch Felder und Wiesen mit Hecken an den Kanten und vereinzelten Bäumen abgelöst werden. Ich hoffe nur Nascha schlägt nicht ihre Krallen in die Erde und gräbt alte Dinge wieder aus. Aber wer könnte es ihr auch verdenken? Wo wir doch alle gerade wieder die Schaufeln in die Hand genommen haben und die Erde aufwühlen. Deswegen wende ich den Blick wieder ins Zuginnere und betrachte die beiden spielenden Daemonen. Ich will bereit sein können wenn sie plaudert. Bereit sein um sie an die Dinge zu erinnern, über die wir gesprochen haben. Oder noch nicht gesprochen haben. Sie scheint Nico als uneingeschränkte Ausnahme zu betrachten. Aber ich würde ihm einige Dinge gerne behutsam erzählen. Er hat mich Jahre nicht gesehen. Was wird er über mich denken wenn Nascha eine meiner Schwächen nach der Nächsten vor ihm auspackt? Als sei er der Priester und ich zur Beichte bei ihm. Will ich so in seinen Augen enden? Mit all meinen Schwächen? Nein. Dafür war die Art wie er von meinem Dasein erfahren musste schon zu schlimm. Dafür wünsche ich mir zu sehr er könnte stolz auf mich sein. Ein Wunsch der so weit weg von den Möglichkeiten liegt, dass es irrational ist davon zu träumen. Und doch ist er unauslöschlich da. „Nascha…“, ermahne ich sie behutsam. Wie ein Kind, das man beim Spielen bittet, nicht ganz so wild zu sein. Die Art wie unsere Mutter uns zu ermahnen gepflegt hat. Zu liebevoll um es ernst meinen zu können. Und doch zu müde um der Ernsthaftigkeit die nötige Härte zu verleihen. Zu weich. Nascha wendet nur kurz den Kopf zu mir während sie mit Asya kabbelt. Sie sieht mich mit diesem unergründlichen Blick an, bevor sie sich zurück zu Asya wendet und mit den Klauen nach ihr greift. Sie wird nicht auf mich hören…

[Bild: anisim10.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
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