Leider habe ich die Karten aus der Hand gegeben. Asya hat sich jetzt in einen Kleinkrieg mit Nascha verwickeln lassen, darüber ob die Räuber oder die Entdecker zu bevorzugen seien, ich bekomme es nur peripher mit. Versuche es gewissermaßen auszublenden, mich nicht mehr weiter darin verwickeln zu lassen. Sie zanken sich als wäre kein Tag vergangen. Allein die Tatsache, dass keine von ihnen in Anbetracht des engen Raumes ihre Gestalt verändert, um der anderen in raffinierten Zügen überlegen zu sein, ist so unerschütterlicher Beweis dessen, wie viel Zeit vergangen ist, was alles geschehen ist. Was alles zwischen uns steht.
„Und wir waren Entdecker!“ Ich höre Asyas Schnauben. Spielerisch protestierend. Ja, so leicht würde sie sich nicht überzeugen lassen. Und schon gar nicht beeindrucken. Da wollte sie schon mehr und das lieferte Nascha ihr auf den Fuß. Sie sind schon wieder völlig vertieft in ihre spielerischen Kämpfe und Wortgefechte. „Wir waren in Sybirien und im Muskoviterreich! Und oben in Sveden bei den Hexenlanden!“ Ich hätte gerne darüber gelächelt, aber selbst meine Mundwinkel fühlen sich müde an in diesem Moment. Ich erinnere mich an all diesen Orten gewesen zu sein. Mit Asya. Mit Anis. Mit Nascha. Vor so entsetzlich langer Zeit. Dafür hatten wir Kentfordshire Wood nie verlassen müssen. Ich registriere erst im nächsten Moment, dass etwas in Naschas Worten anders ist. Etwas nicht stimmt. Das ist nicht die Erinnerung an eine gemeinsame Kindheit, dass ist… „Wart ihr?!“, stößt Asya atemlos hervor. Jetzt ist sie beeindruckt. „Wa…“, hatte ich knapp nach ihr angesetzt und abgebrochen, sobald ich bemerkt hatte, dass sie schneller war. Wie so häufig. Mein Blick liegt gegen meinem Willen wieder auf Anis. „Seid ihr gewesen?“, frage ich ihn jetzt doch fast ebenso atemlos wie Asya. Ich bin dumm es zu tun, so dumm, mich so von meiner Neugierde tragen zu lassen. Ich hätte mich in Zurückhaltung üben sollen, das fällt mir doch sonst nicht so schwer. Wenn überhaupt hätte ich die forsche Fragerei Asya überlassen sollen. Ich hätte den Abschluss in Anis letzten Worten respektieren sollen. Stattdessen renne ich ihm schon wieder hinterher wie der kleine Bruder, der nicht begreifen will, dass er einem auf die Nerven fällt. Aber ich kann es schlicht nicht lassen. Er ist dort gewesen, wo unsere Mutter geboren ist? Und in den Gebieten der Hexen? Ich habe Hexen im Krieg getroffen, bezahlte Söldnerinnen mit feurigem Temperament und gefährlichen Talenten. Manchmal haben sie Geschichten erzählt, von ihren Clans, von ihrer Heimat, manches hatte zu fantastisch geklungen um wahr zu sein. Jedenfalls hatte ich das damals gedacht, habe wild mit Asya darüber diskutiert, was wohl stimmte und mit was sie uns nur hinters Licht führen wollten, sich nur einen Spaß mit uns machen. Aber ich war jung gewesen, damals, inzwischen habe ich mehr gesehen von der Welt. Von dem, was möglich ist. Ein paar Dinge fallen mir trotz allem noch schwer zu glauben. Und Anis ist dort gewesen?! Er hat diese Orte tatsächlich gesehen? Er ist tats… Bevor ich noch einen Gedanken fassen kann, tadelt Anis seinen Daemon, wenn auch sanfter dieses Mal, und ich weiß ich hätte nicht fragen dürfen. Unsere gemeinsame Kindheit scheint durch unsere Daemonen nur einen Schritt entfernt zu sein. Aber tatsächlich sind es über zwanzig Jahre, die uns trennen. Zwanzig Jahre und so viel mehr… Warum scheine ich das immer wieder zu vergessen? Asya teilt meine Scheu kein bisschen, das hat sie noch nie. „Erzählt!“, fordert sie mit vor Aufregung bebender Stimme.
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