Eng drückt die Kätzin sich um die Beine des Kleinen. Ihr tollkühnes Verhalten hat sie aufgegeben, was wohl nahe legt, dass es auch dem Jungen nicht ganz wohl ist. Asya lässt sich neben mir auf die Hinterhand sinken, sie hat ihr Ziel erreicht. Die große Klappe riskiert der Kleine trotz allem weiter, wodurch er es sich mit mir bereits zuvor verdorben hatte. Vorlautes Geschwätz habe ich noch nie leiden können. Aber ich bin nicht hier um ihn zu erziehen. Als Valet wäre es wohl meine Aufgabe gewesen jede Respektlosigkeit meinem Herrn gegenüber zu ahnden – und den Ton den der Kleine anschlägt ist sicher nicht jener, den man einem Mann in Anis‘ Position gegenüber anbringen sollte. Aber es wäre mir lächerlich vorgekommen für meinen älteren Bruder zu sprechen, als könne der sich nicht selbst verteidigen. Nicht da wir gerade so Hand in Hand agieren, als wäre seit unserer gemeinsamen Kindheit kein Tag vergangen. Doch in diesem Moment beginnt sich die Haltung des Jungen bereits zu drehen wie das Wetter an der See. Schlagartig und völlig unerwartet. Skeptisch ziehe ich die Brauen hoch. Was denkt der Kleine, wen er vor sich hat? Eine mildtätige Hilfsorganisation? Vergewissernd werfe ich einen Blick zu Anis. Der trägt sicher kein Priestergewand, durch das der Junge vielleicht hätte meinen können Zuflucht bei der Kirche zu finden. Ich trage vielleicht die Farben des Magisteriums, Asya trägt deren Symbol um den Hals. Doch erfahrungsgemäß macht das Magisterium als Verwalter über der Kirche mit seiner Macht und Undurchsichtigkeit die Leute eher unsicher oder gar misstrauisch. Diese Wirkung scheint an dem Jungen vollkommen vorbei zu gehen, denn er setzt auf seine Bitte direkt noch etwas drauf. Mhm. Die toten Eltern. Immerhin hat der Kleine nicht die Geschichte von der sterbenden Großmutter gebracht. Aber klar, er sollte ja erklären, weshalb er von London nach Sheffield wollte – da machten sich die toten Eltern natürlich bes-... Asya zwickt mir in die Hand. Ich beiße mir vor Schmerz auf die Zunge, um nicht das Gesicht zu verziehen. Kurz sehe ich zu ihr hinab, begegne dem vorwurfsvollen Blick aus ihren rotbraunen Augen und schäme mich unwillkürlich für meinen bösen Sarkasmus. Ich kann nicht wissen, was an der Geschichte des Jungen dran ist und es steht mir nicht zu so harsch darüber zu urteilen. Mag sein, dass der Kleine uns nur mit einer Tränengeschichte über den Tisch ziehen will. Aber ich kann kaum Respekt von ihm fordern und ihm gleichzeitig selbst keinerlei Respekt zollen. Die Worte des Jungen werden undeutlich und verlieren sich. Zugegeben, wenn das nur eine Geschichte ist, spielt er sie mit voller Überzeugung. Ich sehe tatsächlich einen Moment zu Boden. Immerhin, denke ich, wenn er erst vor kurzem seine Familie verloren hätte und nun ohne jemanden da steht, so würde das sein heruntergekommenes Aussehen erklären und gleichzeitig sein unbedarft junges Verhalten, das so gar nicht zu einem erfahrenen Straßenkind zu passen scheint. Aber vielleicht will ich mir hier auch nur selbst etwas vor machen. Vielleicht ist der Kleine auch einfach ein guter Schauspieler.
„Hör zu…“, beginne ich ernst. Wenn das stimmt, diesen Part spreche ich nicht aus, weil Asya mir sonst vielleicht die Hand abgebissen hätte. Der dumme Köter legt sich doch tatsächlich auf den Boden und reckt der Kätzin einen Moment lang den Fang entgegen, während ich spreche. „…das tut mir leid.“ Meine Stimme ist vollkommen ruhig dabei, mir ist es wirklich ernst damit. Auch wenn der Junge davon nichts hat. Höchstens wenn er vor hat uns mit der Mitleidsnummer zu betrügen... Aber der Kleine ist noch immer ein Kind, es wäre mir falsch vorgekommen seine letzten Worte völlig zu ignorieren – oder zumindest weiß ich, dass Asya es als grobes Verbrechen empfunden hätte. „Aber wie stellst du dir das vor, mh?“ Ein schmales Lächeln streift meine Züge. Halb spöttisch, halb traurig. „Was denkst du, welchen Nutzen du haben würdest?“ Denn leider ist das die Welt in der wir leben. Eine in der man nichts geschenkt bekommt. So wie der Kleine aussieht, in Lumpen gekleidet, sollte der das bereits begriffen haben. Es muss mir nicht gefallen, aber ihm etwas anderes zu suggerieren, wäre nichts weiter als ihn zu belügen. Einmal davon abgesehen, dass ich tatsächlich keine Verwendung für ein Straßenkind habe – und ich schätze einmal, dass es Anis dabei ähnlich geht. Allein der Gedanke ist absurd.
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