Ich will entschieden den Kopf schütteln, aber verharre doch in der halben Bewegung. Es erscheint mir unmöglich nichts von einem Toten im Dienst des Magisteriums erfahren zu haben. Aber ist es das? Sicher, erfahren hätte ich es sehr wahrscheinlich. Solche Dinge verbreiten sich wie ein Lauffeuer und Father Ibrim setzt darüber hinaus besonderen Wert darauf, dass Meinesgleichen über solche Dinge informiert ist. Doch, was wenn es noch nicht bekannt geworden ist…? Es gibt viele dunkle Flecken in London. Nicht zuletzt die verseuchten Pfuhle an denen die Schlachtereibetriebe ihre Abfälle in den Fluss geben. Nein, schwer einen Toten verschwinden zu lassen ist es in London sicher nicht. Das weiß ich. Doch wer würde es wagen…? Einen Angehörigen des Magisteriums…? Ich sehe hinab zu Asya dem blau gegerbten Leder, das sich vage durch ihr dichtes Nackenfell abzeichnet und an dessen Vorderseite auf eine kupferfarbene Metallplatte graviert das Symbol des Magisteriums prangt. Es hat einen Grund weshalb wir dieses Zeichen tragen. Sicher nicht da Asya gerne ein Halsband trägt, aber wir sind verpflichtet uns als in deren Dienst stehend auszuweisen. In aller Regel wenigstens. Doch es gibt immer wieder diese Situationen oder Orte an denen ich es eben nicht darauf anlege – oder aktiv dazu angewiesen bin zu verhindern – direkt als ein Angehöriger des Magisteriums erkannt zu werden. Ein Halsband ist deutlich leichter abzunehmen, als hätte ich das Symbol auf meiner Kleidung eingenäht. Dabei muss man gerechterweise erwähnen, welchen Nutzen es hat dieses Zeichen zu tragen. Es kann sprichwörtlich Tür und Toren öffnen, es kann einer Bestellung Dringlichkeit und einer Anweisung Legitimität verleihen. Doch vorallem dient diese Ausweisfunktion unserem Schutz. Das Magisterium stellt die vielleicht mächtigste Behörde des Landes und sie stehen in dem Ruf jedes Verbrechen das selbst nur gegen den Geringsten aus ihren Reihen begangen wurde mit schier verhältnisloser Härte zu vergelten. Selbst einen Botenjungen unter dem Zeichen des Magisteriums auch nur anzuspucken ist wenig ratsam – selbstredend dass es äußerst erstrebenswert ist jenes Symbol tragen zu dürfen. Selbst wenn Asya und ich uns selbst in fünf Jahren nicht daran gewöhnt haben, aber das ist ein anderes Thema. Es mag wie ein hehres Prinzip wirken, sich selbst noch für den Stein, der dem niedersten Dienstboten nachgeworfen wurde, zu rächen, doch vor allem sorgt diese harte Verteidigungslinie dafür, dass kaum einer wagt sich mit dem Magisterium anzulegen. Und schon gar nicht mit den Höheren aus ihren Reihen. Ihnen steht es ohnehin frei sich mittelbar als Angehörige der Behörde auszuweisen, meist durch goldene Broschen oder Anstecknadeln – und in höheren Positionen auch kunstvoller Ketten um den Hals –, oder darauf zu verzichten.
Fest steht, ein Verbrechen gegen einen Angehörigen des Magisteriums, vor allem wenn er offensichtlich unter deren Schutz stehend ausgewiesen ist, passiert selten aus einem dummen Zufall heraus. Jedes Kind weiß um die Macht dieser Behörde. Wer tollkühn genug ist diesen Drachen zu reizen ist entweder dumm oder hält sich für groß oder gerissen genug dafür. Ein solches Verbrechen ist in aller Regel ein Zeichen und/oder politisch motiviert. Das wiederum passt kaum dazu, dass das Ereignis nicht unmittelbar bekannt wurde…
Mh. Ich werde Father Ibrim informieren müssen, wenn der Kleine tatsächlich die Wahrheit spricht, wovon ich noch nicht endgültig überzeugt bin. Gleichzeitig könnte ich den Father durch dieses dubiose Vorkommnis vielleicht kurzfristig von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken. Eine vage, eine unwahrscheinliche Hoffnung. Aber ich klammere mich fast inständig daran und ertappe mich bei dem gefährlichen Gedanken, das ich fast will, dass der Kleine etwas gesehen hat, das den Father, dem ich Bericht zu erstatten habe, auf andere Gedanken bringt. Während der Kleine eben noch großspurig getönt hatte, dass der Mord den er beobachtet hatte, auch noch der an einer ‚hochrangigen Persönlichkeit‘ gewesen sein musste und so dann fort gefahren hat wie er bei Banden Unterschlupf fand – und damit wohl implizieren mochte, dass Anis und ich schon nicht schlimmer sein können – ist er nun schon wieder in sich zusammen gesunken und kauert sich in eine Ecke des Abteils. Ein kleines Häufchen Elend. Ich packe den Jungen erneut im Nacken, ziehe ihn wieder zurück auf die Füße. „Steh aufrecht, wenn du sprichst“, ermahne ich ihn knapp. Er will einen Weg von der Straße finden? Nun, mit Mitleid würde ihm das sicher nicht gelingen. Da helfen in meiner Erfahrung nur Anstand und Disziplin.
Ich frage mich, ob der Father wohl weitere Informationen von dem Jungen haben wollen würde. Mein Blick geht einen Moment aus dem Fenster, ich betrachte geistesabwesend wie die Landschaft vorbei zieht, bis ein Ruckeln des Zuges es mir schwer macht das Gleichgewicht zu halten. Ich lecke mir über die Lippen. Ich hatte wenig Interesse durch ganz Sheffield zu jagen, nur um den Jungen noch einmal ausfindig zu machen, sollte sich zeigen, dass doch etwas an der Geschichte dran ist und ich den Auftrag bekommen weitere Informationen aus dem Kleinen heraus zu holen. Wie viel einfacher wäre es da… Ich bemerke, wie sich in meinem Kopf ein Plan zu formen beginnt. Die Kirche hat im Laufe ihrer jahrhundertealten Existenz unzählige Sanctuary-Akte erlassen. Es gibt die Scholastic Sanctuary welche die Universitäten schützt. Doch älter als jeder andere ist wohl jener Akt, welcher die Zuflucht eines jeden Schutzbedürftigen in geweihten Räumen sichert. Ich muss nur eine Kirche oder ein Bethaus in Sheffield finden, dem ich den Bengel unterschieben kann. Aber ich reise nicht allein und solche Entscheidungen sind kaum an mir zu treffen. Ich fasse den Jungen bei der Schulter ohne weiter auf seine Worte einzugehen. Aber dafür wäre gegebenenfalls später noch Zeit. Ich öffne mit meiner freien Hand das Abteil und schiebe den Kleinen vor die Tür. „Warte hier“, schärfe ich ihm ein. Selbst wenn ich nicht verhindern kann, dass er davon läuft, sollte er es sich doch anders überlegen. „Wenn du am Ende des Gangs einen Schaffner entdeckst – oder einen anderen, der dir nicht geheuer ist – klopf einmal leise und komm wieder rein.“
Hinter dem Jungen schließe ich die Tür, sehe hinüber zu Anis und habe wieder diesen unkontrollierten Drang ihm von Father Ibrim zu erzählen und davon wie gut ich den Jungen als Ablenkung gebrauchen könnte, aber dafür ist kaum der richtige Zeitpunkt. Ich setze mich für den Moment näher ans Fenster, falls der Junge an der Tür lauscht, will ich es ihm erschweren mit zu bekommen, was wir hier bereden. Asya bleibt bei der Tür um die Geräusche auf dem Gang besser wahrnehmen zu können. „Hast du von irgend so etwas gehört?“, frage ich meinen Bruder leise. Die Ungläubigkeit schwingt in meinen Worten wieder. Ich wüsste zu gerne, was er von dieser ganzen Geschichte hält.
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