Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Beschämt senke ich den Blick unter Naschas Erklärung, während Asya nur lacht. Mir hätte bewusst sein müssen, dass mehr dahinter steckt. Asya hätte das bewusst sein müssen. Wie kennen die beiden doch. Kannten die beiden. In diesen Dingen ändert man sich nicht. Diese Art zu denken, die komplexen Strukturen. Nur dass wir es seit etlichen Jahren nicht mehr gewohnt sind, dass jemand mit dem es uns erlaubt wäre zu scherzen in solchen Strukturen denkt, zu solch komplexen Gedanken fähig wäre. „Nur ein Scherz, Nico…“, prustet Asya, die wohl spüren muss, wie peinlich berührt ich davon bin. Ich presse die Lippen zusammen. Ja. Natürlich. Ein Scherz. Ein Scherz, den wir nicht sofort verstanden haben. Ein Scherz aufgrund dessen Asya mich mal kurzfristig zum Earl gekrönt hat. Aber ein Scherz. Nichts als ein dummer Scherz. Nur um… Anis zur Weißglut zu bringen. Ich nicke. Als würde ich irgendetwas verstehen, während ich noch immer am liebsten im Erdboden versunken wäre. „Ihm ist so etwas doch immer direkt so peinlich. Sich über seinen Stand erheben und so.“ Es ist fast als würden Asya und Nascha sich über die seltsamen Eigenheiten ihrer Kinder unterhalten, während die am Spielen sind. Nur dass wir sehr wohl mitbekommen, was unsere Daemonen sagen. Jetzt sehe ich doch kurz auf. Starre Asya böse an bei ihren Worten. Wie sie das sagt… sowas... immer... Als hätten wir täglich Gelegenheit uns daran zu erinnern, dass ich der uneheliche Sohn eines Earls bin, der trotz besseren Wissens seinen Schwanz nicht in der Hose hatte behalten können. Tatsächlich habe ich kaum mehr darüber nachgedacht. Nicht mit dieser Bitterkeit, die mehr unseren Jugendtagen entflohen zu sein scheint. Anis ist ein Fehler. Fehler sind ärgerlich, aber sie passieren. Ich bin schlimmer als das. Ich bin die Dummheit eines Mannes, der es aus Erfahrung besser hätte wissen müssen.

Ich bin froh, als Nascha ihren – potentiellen – Plan erläutert. Ein sehr gerissenes Vorhaben. Und sie hat Recht mit dem, was sie sagt. Nur… dass… es ungewöhnlich wäre. Diese Fälle die sie beschreibt sind… nun ja, sagen wir so, gäbe es sie nicht, wäre ich arbeitslos und neben mir noch viele Männer. Aber es würde bedeuten, dass Father Ibrim uns nicht informiert hatte - oder selbst nicht Bescheid wusste. Der Mord ist, wenn der Junge nicht schon eine Weile unterwegs war, in London geschehen. Wer außer der Inquisition in London würde ein solches Vorhaben innerhalb der Kirche umsetzen? Es gibt durchaus noch andere Stellen, die dazu fähig gewesen wären, aber auch die sind in aller Regel vernetzt mit der Inquisition. Ich will mich kaum anmaßen über alles Bescheid zu wissen, was Father Ibrim tut, das wäre absurd. Aber in den großen Dingen bin ich es gewohnt früher oder später Wind davon zu bekommen. Schlicht da es meine Arbeit beeinflussen könnte. Es wäre also durchaus möglich, was Nascha überlegt, aber es würde bedeuten, dass es eine verwundene Geschichte ist. Eine, die nicht wie üblich abgelaufen ist. Das…  „Oder…“, setze ich zögerlich an. Ich begegne Asyas Blick, aber dieses Mal hilft sie mir nicht. „Der Pakt…“, murmelt sie nur. Ich nicke abwägend. Die oder eine andere Organisation, die mächtig genug war. „Vielleicht hat das Magisterium wirklich noch keine Ahnung.“ Ich registriere erst im nächsten Moment, dass wir nicht allein im Abteil sind. Dass ich meine Gedanken nicht nur mit einer sprunghaften Hündin zu teilen habe, sondern eventuell erklären muss, auf was ich hinaus will. Es ist nur… es gehört zu diesen Dingen, über die ich seit über fünf Jahren nicht mehr gesprochen habe, die mir irgendwie gelungen waren damals zu umschiffen. Sie einem Mann der Kirche gegenüber in den Mund zu nehmen ist ein unüberschaubares Risiko. Nur, dass das mein Bruder ist, erinnere ich mich selbst. Vage reibe ich mir über den Arm und weiß auch, dass gute Männer in gutem Glauben, Dinge tun können, die mir nicht gut bekommen würden. Ich glaube nicht daran, dass Anis mich aus böser Absicht ans Messer liefern würde. Aber auch aus höherem Glauben heraus, führt es zum selben Ergebnis. Sollten meine – und sind sie noch so ehemalig – Kontakte zu Radikalen dieses Abteil verlassen, dann... weiß ich nicht wohin das führen könnte. Aber ich habe den Mund auf gemacht und ich denke an Naschas unfeines Vorhaben. Vielleicht mehr Ränkespiel in den Strukturen der Kirche als Verschwörung gegen sie. Aber hätte sie das ausgesprochen, wenn sie voll in diesen Strukturen verwurzelt wäre? Wer braucht ein Druckmittel, wenn er vollständig von dem überzeugt ist, wo er sich befindet? All die Verbitterung in Anis vorangegangenen Worten und Erzählungen… „Der Major war kein Freund der Kirche“, wiederhole ich mich schließlich. „Er war auch nicht… nun…“ Ich atme langsam aus. Ich habe nie zuvor schlecht über den Major gesprochen. Ich habe seine Geheimnisse bewahrt, so weit es mir gelungen ist. Es hat seinen Preis gekostet, aber hätte ich damals alles gesagt, wäre der Preis womöglich noch höher gewesen. Dass ich jetzt aus freien Stücken spreche hat beinahe Ironie. „… Exitus acta probat.“ Das sind nicht die Worte, die ich von Major Morigan habe. Sie gehören einem anderen Mann. Einem Mann der Kirche. Aber es ist dasselbe Konzept. „Er hat sich nie so sehr um die Rechtmäßigkeit der Mittel und Wege gekümmert. Nicht gesetzlich jedenfalls. Er hatte andere Maßstäbe. Jedenfalls in seinen Bemühungen gegen die Kirche hat er mit unter gemeinsame Sache gemacht mit… man würde sie denke ich Radikale nennen. Die meisten sind Spinner, die eine Welt ohne kirchliche Macht anstreben, Grundsätze wie Glaubensfreiheit, wie sie es nennen, und dass staatliche Strukturen über denen der Kirche stehen, solche Dinge.“ Mein Blick geht einen Moment hinaus aus dem Fenster des Abteils. „Die meisten sind Spinner“, sage ich noch einmal, „sie haben Ideen, aber keine Ahnung, wie sie etwas davon umsetzen sollen. Aber es gibt andere. Ich kenne den ‚Pakt des freien Glaubens‘, aber es gibt sicher noch mehr. Sie sind gut organisiert. Sehr gut organisiert und weit verzweigt, mit mächtigen Mitgliedern und Geldgebern. Sie… nun, ich weiß nicht wie es heute ist, aber vor fünf Jahren hätten sie die Macht gehabt einen Mord zu vertuschen.“ Ich schüttle entschieden den Kopf. Jetzt da ich es ausgesprochen habe, habe ich keine Ahnung, weshalb ich es überhaupt getan habe. Auf was will ich eigentlich hinaus? Hätte es nicht gereicht zu sagen ‚Es wäre möglich, dass sie es noch nicht wissen‘? Habe ich wirklich so viel Spaß daran mit dem Feuer zu spielen? Was belaste ich Anis mit einem solchen Wissen? Was bringe ich mich selbst damit in Gefahr? Wie ein dummer Schüler, der unbedingt etwas zu dem Gespräch beitragen will, das viel zu hoch für ihn geworden ist. Mein Herz klopft schneller. Es ist als könnte ich erst jetzt realisieren, was ich da getan habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich die Geschichte des Jungen als nichts als Erfindung herausstellen. Und selbst wenn der Mord real ist, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, dass es, wie Nascha gesagt hat eine kircheninterne Sache ist. Oder irgendeine andere Dummheit. Was ich dagegen getan habe… Selbst Asya starrt mich wie vom Donner gerührt an. Ich schüttle wieder den Kopf. Mein Blick liegt in dem ihren, als müsste ich mich an irgendetwas festhalten. „Wahrscheinlich existieren sie ohnehin nicht mehr…“, murmle ich schwach in dem Versuch meine eigenen Worte herunterzuspielen. „Die Kirche hat eine Menge Säuberung betrieben in den letzten Jahren.“ Das weiß ich. Das weiß ich sehr gut. Warum bin ich auch so leichtsinnig? Ein drittes Mal schüttle ich den Kopf, mehr wie ein nasser Hund dieses Mal, wie um mich selbst zur Vernunft zu bringen. Ich weiß längst warum. Weil etwas in mir noch immer nicht begriffen hat, dass mehr als zwanzig Jahre vergangen sind, seit ich meinen Bruder das letzte Mal gesehen habe. Etwas in mir will ihm noch immer bedingungslos alles erzählen, was mir durch den Kopf geht. Nur dass es kein gestohlenes Stück Kuchen mehr ist, das im schlimmsten Fall Anis‘ Gewissen belastet, wenn ich meine verborgensten Geheimnisse preis geben. Nur dass es nicht länger nur eine Tracht Prügel ist, die mich erwartet, wenn einer von uns einen falschen Schritt tut. „Verzeih... verzeih mir, das war nur dummes Gerede. Sicher will der Junge uns sowieso nur etwas vor machen...“ Ich widerstehe der Versuchung noch weiter zu plappern. Ich spüre instinktiv, dass ich es von hier an nur noch schlimmer machen kann.

[Bild: nico-s.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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