Ich bin dankbar, als Anis eine Entscheidung trifft und stehe auf, als er mir eine Anweisung gibt. Zugegeben eine sehr umsichtig formulierte, aber für mich kommt es auf dasselbe hinaus. „Selbstverständlich, Sir“, gebe ich die einzig akzeptable Antwort. bemerke erst im nächsten Moment dass das viel zu hochgestochen war. Wir sind noch immer allein. „Ah, ich meine, ich versuche es.“ Ich habe keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen soll. Keine Ahnung, wie Anis sich das vorstellt - das ist ein Zug keine Einkaufsstraße. Aber das zählt nicht. Das zählt nie. Komplizierte Dinge einfach zu machen ist mein Job. „Na dann los, St. Nichols“, kräht Asya gut gelaunt, weil es ja wirklich so lustig ist, dass mein Name sich darin findet. Ich widerstehe der Versuchung sie am Ohr zu packen, das hätte mir nur selbst weh getan. Einmal davon abgesehen, dass ich mit den Gedanken längst einen Schritt weiter bin. Dabei meine Arbeit zu tun. Für mich ist eine unmöglich scheinende Aufgabe vor allem mit dieser Angst verbunden, wie ich sie nur erfüllen soll. Sie ist der giftige Drache, den ich bezwingen muss. Es ist ein Kampf, der seinen eigenen Reiz hat. Schon immer für mich gehabt hat. Für Asya dagegen ist es wie die Quintessenz ihres Lebens. Sie hat ebenso wenig Ahnung wie ich, wie wir das schaffen sollen, aber es klingt verrückt, es klingt nach einer Herausforderung, mehr interessiert sie nicht. Die Hündin trabt enthusiastisch voran, als ich die Tür des Abteils öffne. Ich schließe sie möglichst leise hinter mir. Da steht noch immer der Junge. Ich nehme ihn bei der Schulter und führe ihn zwei Schritte zur Seite. „Du darfst bis Sheffield mit im Abteil fahren“, eröffne ich ihm direkt. „Dort finden wir einen Platz für euch“, höre ich Asya dem Daemon des Jungen versprechen. Ich presse einen Moment die Zähne aufeinander. Ein Kind und Asya wird weich wie sonst nie. Glücklicherweise ist den meisten Kindern bei ihrer Gestalt ohnehin mehr danach verschreckt wegzulaufen, das ist meine eigene Version von ‚Ich habs dir gesagt‘. Ohne Asyas Versprechen weiter zu beachten, fahre ich fort: „Ich will, dass du dich benimmst, verstanden? Du darfst mit uns reisen, weil Mr. Langdon es erlaubt.“ Ich mache eine knappe Geste in Richtung Abteil, damit er weiß, wen ich damit meine. „Du hast nichts um diese Großzügigkeit zu vergelten“, stelle ich dann ruhig fest. Das ist kein Vorwurf. Einzig eine Feststellung. „Also wirst du dich entsprechend benehmen, um deine Dankbarkeit zu zeigen, ganz wie du es versprochen hast. Mr. Langdon ist mein Herr und da er es auf seine Verantwortung genommen hat, dich mit zu nehmen, wirst du dich verhalten, als wäre er auch der deine. Du weißt wie man sich einem Herrn gegenüber verhält?“ Ich erspare dem Jungen die Peinlichkeit Antwort geben zu müssen. Sein vorangegangenes Verhalten hat mich ausreichend vom Gegenteil überzeugt. „Mr. Langdon ist ein Mann der Kirche, aber kein Geistlicher. Als wirst du ihm mit ‚Sir‘ antworten“, erläutere ich. Meine Stimme ist sachlich, nachdrückliche Härte liegt darin, aber nicht herablassend. Ich werde keinen Widerspruch dulden. Aber ich mache ihm keinen Vorwurf aus seinem Unwissen. Solange er meine Worte befolgt, solls ihm von mir aus vergolten sein, wie er sich zuvor benommen hat. Sein Daemon mag bereits feste Gestalt haben, doch was vor mir steht, ist ein Kind. Es ist nicht seine Schuld aus der Gosse zu kommen. Aber wenn er da ehrlich weg will, dann wird er sich dafür anstrengen müssen. „Du wartest, bis dir erlaubt wird dich zu setzen und wenn du nicht willst, dass wir dich nach der Zugreise hier lassen, um die Abteile zu putzen, dann wirst du dich auch nicht mehr einfach irgendwo auf den Boden werfen, verstanden? Du verhältst dich ruhig, anständig. Sprichst nur, wenn du dazu aufgefordert wirst und siehst denjenigen an, der mit dir spricht.“ Ich überlege einen Moment, es ist schwer Dinge in Worte zu fassen, die man selbst von klein auf eingebläut bekommen hat. Sie werden selbstverständlich mit der Zeit und es wird schwer sich in jemanden hinein zu versetzen, dem all diese Etikette höchstens aus der Ferne bekannt ist. „Geh schon einmal hinein, du kannst nicht länger hier rumlungern“, meine ich dann, selbst wenn ich meinem… selbst wenn ich Anis gern die abgerissene Gestalt, die der Kleine nun einmal bietet, erspart hätte, aber ihn mit mir zu nehmen hätte zu viel Aufmerksamkeit gekostet und die kann ich bei diesem Vorhaben am wenigsten gebrauchen. „Ich werde sehen, dass ich dir etwas Anständiges zum anziehen auftreiben kann und etwas, damit du dir wenigstens das Gesicht waschen kannst.“ Ich verkünde dem Kleinen diese Aussichten ganz bewusst bereits jetzt. Ich weiß nicht, wie begeistert er davon sein wird, sich von den Lumpen zu trennen, die er bereits wer-weiß-wie-lang trägt. Aber… „Das ist Voraussetzung, um mit uns zu reisen“, ergänze ich jedem Protest zuvorkommend. Dann nicke ich in Richtung Abteil. „Anklopfen und abwarten“, rate ich dem Jungen noch, bevor ich mich meiner eigentlichen Aufgabe zuwenden will.
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