Nascha flattert durch das Abteil zu mir als sich die Abteiltür hinter Nico schließt. Sie setzt sich auf mein Knie, sieht mich ernst an und fordert damit alle Aufmerksamkeit von mir. Ich unterbreche meine Gedanken und sehe zu ihr. „Dir ist klar, was das bedeutet?“, fragt sie ernst, fast streng. Jede Scherzhaftigkeit, die sie noch mit Asya gehegt hat, ist aus ihrer Stimme verschwunden. Nicht minder ernst, ein wenig unwillig dabei sehe ich zurück in ihre runden dunklen Augen. „Was meinst du?“ – „Ich meine, dass Nico keine weiße Schürze trägt und dass du mit dem Feuer spielst.“ Wütend ziehen sich meine Augenbrauen zusammen. „Nico?!“, frage ich ungläubig. Jetzt wird auch Nascha kiebig. Sie weiß, dass ich mich dümmer stelle als ich bin. Sie kann es nicht leiden wenn ich das tue. Aber ich gebe ihr zu ungern Recht. Es ist ein Gedanke, der mir gekommen ist, den ich aber kategorisch ausgeschlossen habe und ich würde es gerne dabei belassen. Selbst wenn… ich komme nicht umhin zuzugeben, dass mir der Gedanke gefällt. Das sollte mir Sorgen machen. Ich weiß das. Und ich weiß, dass Nascha das vorbringen wird bevor sie es ausspricht. „Ja, Nico. Was glaubst du was eine Stellung im Dienst eines Paktmitglieds bedeutet. Er hat es dir regelrecht gestanden. Und du machst immer noch die Augen zu.“ So weit wäre ich nicht gegangen. Ihn ein Mitglied des Pakts zu nennen. Nascha übertreibt. Aber ich verstehe worauf sie hinaus will. Es stört mich aber, dass sie so etwas hervor holt, dass sie es wagt, so über meinen Bruder zu denken. „Und wenn?“ – „Dann könnte dich diese Sache mit dem Jungen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.“ – „Wer wollte denn noch eben mit Asya das Magisterium erpressen?!“, entgegne ich angestrengt um nicht zu laut zu werden und Nascha dennoch meine Wut spüren zu lassen. Sie ist so selbstgerecht, so vorlaut… Aber sie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Die strenge Härte bleibt. „Das waren Intrigen innerhalb des Magisteriums. Du kennst das, daraus drehen sie einem keinen Strick wenn man es richtig anstellt. Jeder Zweite arbeitet sich dadurch nach oben und wir spielen schon zu lange mit fairen Mitteln. Das hier, das ist wenn es wahr ist etwas vollkommen anderes. Das betrifft die Feinde des Magisteriums. Und du weißt am Besten, dass sie damit keinen Spaß verstehen.“ Einen Moment sehe ich sie nur wütend an. Sie sieht das als Einladung mir weiter die Leviten zu lesen. „Wenn irgendjemand Nicos aufgefrischte Verbindung dorthin entdeckt und heraus kommt, dass ihr eine enge Verbindung habt, müssen sie nur eins und eins zusammen zählen und du hängst als Verräter am Strick.“ Es schmerzt so tief was sie sagt, aber dass sie das überhaupt denkt, dass sie wagt auszusprechen, was ich zwar auch gedacht aber mich bewusst dazu entschlossen habe, es nicht in Betracht zu ziehen, das stört mich am meisten daran. Ihre Unverfrorenheit. „Und was schlägst du vor?! Den Kontakt zu Nico nach Sheffield abbrechen und den Jungen einfach wieder vergessen?! Was ist mit Asya?! Was ist aus dem ganzen ‚Sie ist meine Schwester‘-Firlefanz geworden?!“ – „Manchmal muss man Opfer eingehen.“ Ich starre sie an. Ich kann nicht fassen, dass sie das gerade gesagt hat. Ich weiß wie kaltblütig sie sein kann, aber das hier hat eine neue Stufe eingeläutet. „Nein.“, ist alles was ich antworte.
Sie sieht mich weiter an. „Nein.“, bekräftige ich noch einmal entschlossen und meine Stimme ist unbarmherzig. Einen Moment sieht sie mich noch so an. Dann bricht sie erneut mit ihrer harten Stimme die Stille. „Du willst, dass es etwas mit dem Pakt zu tun hat, oder? Du willst, dass wir als Verräter enden?“ – „Nein“ Aber ich hebe den Blick, sehe aus dem Fenster, fort von Nascha und meine Stimme klingt wenig überzeugend. „Was ist aus dem Kampf gegen den Adel geworden? Was ist aus den Forschungsprojekten geworden?“ Finster sehe ich sie an und sage nur Nicos drei Worte. „Exitus acta probat?“ Das ist alles was es benötigt um sie an die Dinge zu erinnern, die im Namen der Forschung durch das Magisterium geschehen. Die andere Seite der Medaille, vor der es so leicht ist die Augen zu verschließen. Und doch hat sie in den letzten Jahren so oft an unsere Tür geklopft. Das kann ihr nicht entgangen sein. Und tatsächlich schweigt sie einen Moment bevor sie fortfährt. Ihre Stimme hat an Härte abgenommen. „Das ist kein Räuberspiel in Kentfordshire Wood mehr.“, greift sie die Metapher auf, die auch mir zuvor in den Sinn gekommen ist. Als müsste ich daran erinnert werden. „Wenn wir die Stellung im Magisterium verlieren, dann sind wir nichts mehr. Dann haben wir nichts mehr. Keinen Ruf, kein Geld, keine Anstellung. Und was willst du dann machen?! Auf Schuster umlernen?! Oder in der Fabrik am Fließband arbeiten?! Und damit ist jede Chance deinem Vater einmal in unserem Leben nochmal zu begegnen dahin. Hast du die harte Arbeit vergessen, die uns hierhin gebracht hat? All die Dinge, die uns das gekostet hat? Nico ist längst gefallen. Ich bin mir sicher, dass er nicht freiwillig im Dienst des Magisteriums steht.“ Ich frage mich woher sie diese Gewissheit nimmt. So muss es nicht gewesen sein. Es gibt tausend andere Möglichkeiten wie sein Wechsel zwischen dem Earl of Berfolk und dem Magisterium abgelaufen sein könnte. „Aber du hast hierhin gewollt. Wir haben hierhin gewollt. Es wäre leichtfertig das alles aufs Spiel zu setzen für ein kleines bisschen Abenteuer spielen.“ – „Damit hat es nichts zu tun.“, antworte ich, während ich stur hinaus auf die vorbei ziehende Landschaft sehe. Dem Sonnenstand nach zu urteilen geht es auf 15 Uhr zu. „Ich weiß.“ Ihre Stimme klingt jetzt sanft, fast liebevoll. Ich verliere jedes Mal meinen Hass auf sie wenn sie zeigt, dass sie mich versteht. Und das hasse ich am meisten. Das Gefühl ist sofort wieder zurück. Aber nicht mehr so stark wie zuvor. Es ist schwach genug um ihr zuzuhören. „Ich bitte dich nur, überleg es dir gut.“

