Mein Blick noch immer auf die Wasserschüssel gerichtet, versuche ich mich ganz darauf zu konzentrieren, versuche zwanghaft diese Gedankenfetzen zu verdrängen. Bei der Art, wie der Junge sich wäscht, fühle ich mich unwillkürlich an einen Spatz erinnert, der sich in einer Pfütze badet. Es scheint kaum Struktur dahinter, weniger die Absicht sich zu säubern, als viel mehr eine angenehme kleine Abkühlung. Mehr Zeitvertreib als zielgerichtete Notwendigkeit. Er ist zugegeben vorsichtig dabei, wirkt bedacht keine größere Sauerei zu machen. Gut für den Jungen. Ich habe nicht vor kleinlich zu sein und einige Wasserspritzer auf die Umgebung lassen sich kaum vermeiden, aber hätte ich das Gefühl bekommen er wäre aus Vorsatz oder zum Trotz unbedacht, ich hätte durchaus verstanden meine Drohung wahr zu machen. So jedoch warte ich stumm ab, dass der Junge sich wäscht und schließlich umkleidet. Er ist ein Kind, denke ich einmal mehr, schmal geschnitten wie der Anzug ist, ist er ihm doch zu weit an den knochigen Schultern. Ordentlicher sieht der Junge alle mal aus, dafür sticht sein ungeordnetes Haar umso mehr hervor, der Mähne eines jungen Löwen gleich steht sie ihm zerzaust um den Kopf. Er hätte einen Haarschnitt nötig und gleichzeitig bemerke ich, dass er für jeden Ansatz eines Bartwuchses noch zu jung sein muss, so glatt seine Wangen entgegen seinem zu langem Haar sind. Älter als fünfzehn kann er unmöglich sein, aber seine Körpergröße spricht dafür dass er kaum jünger als zwölf ist. Dafür spricht auch sein Daemon. Es kommt zwar vor, dass Daemonen bereits früher feste Gestalt annehmen, aber die meisten sind doch über zwölf. Gegen sein verfilztes Haar würden wir ohne einen Kamm und eine Schere nichts ausrichten können. Also sehe ich weiter an ihm hinab. Er hat die Krawatte noch unberührt gelassen, es hätte mich auch gewundert hätte er damit umgehen können. Es überrascht mich bereits genug, wie selbstverständlich er sich der Schuhe angenommen hat. „Gut“, meine ich knapp, aber ernst. Ich bin dem Kleinen dankbar wie zügig er den Umständen nachgekommen ist und erkenne ihm an, dass es sicher nicht ganz einfach oder nachvollziehbar für ihn ist. Ich sehe einen Moment auf die Uhr an meinem Handgelenk. Weit war es wirklich nicht mehr bis Sheffield. „Wir sollten bald durch einen Tunnel kommen“, beginne ich und sehe den Jungen dabei wieder an, „ich würde vorschlagen du nutzt den Moment, klappst das Fenster auf und wirfst deine alte Kleidung hinaus.“ Dabei geht mein Blick einen Moment hinüber zu Anis, er ist auch der Grund weshalb ich die Worte derart vage formuliert habe. Es ist nicht seine Aufgabe sich um solche Belange zu kümmern – und sollte er mich ignorieren, reicht mir das als Zustimmung –, doch ich will ihm die ersichtliche Möglichkeit einräumen Widerspruch einzulegen. Ich kann mir keinen Grund vorstellen aus dem wir länger als nötig mit diesem Bündel stinkender Kleider reisen sollten und ein dunkler Tunnel ist eine verlockende Möglichkeit sie ohne viel Aufsehen los zu werden, doch vielleicht übersehe ich auch einen Punkt. Stumm warte ich ab, ich sitze so, dass Asya sich unter meinen Beinen hätte ablegen können, aber sie bleibt an der Türe mit dem Blick auf das Abteil sitzen. Erst jetzt als ich vage in Anis Richtung sehe, registriere ich, dass Nascha es ihr von der anderen Ecke des Abteils aus gleich tut.
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