Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Ein knappes Sir, wie es sich gehört, dann haben mein Bruder und der Junge das Abteil verlassen. Stille umgibt mich. Nur von draußen dringt das Pfeifen des stillstehenden Zuges zu mir herein, während auf dem Gang in immer kürzeren Abfolgen Schritte an den Abteilen entlang hasten. Noch mehr Bedienstete auf dem Weg zum Gepäck ihrer Herren. Und sicherlich die ersten Fahrgäste, die hinaus auf den Bahnsteig drängen. Ich bin froh um die Ruhe in meinem Abteil. Froh darum allein zu sein. Als könnte ich zum ersten Mal tief atmen. Und trotzdem drückt etwas auf meine Brust. Ich schließe die Augen. Zu viel Schmerz hinaus zu sehen.

„Du bereust es.“ Nascha. Ich halte die Augen geschlossen. Mein Daemon ist ein Monster. Hätte sie nicht einfach schweigen können? Es kostet mich zu viel Kraft die Augen zu öffnen, ich lasse es bleiben und atme tief durch. „Was bereue ich?“, frage ich schließlich nach und selbst in meinen Augen klinge ich unendlich müde und entnervt. Nascha dagegen ist die Disziplin und Ruhe selbst. „Den Jungen mitgenommen zu haben, das Wochenende, alles.“, fasst sie es treffend zusammen. Sie ist schrecklich impertinent. Ich atme tief aus. Was hat es noch für einen Zweck zu widersprechen, sie kennt mich zu gut, kennt meine Gefühle längst. Ich hasse es dennoch, dass sie Recht hat und versuche daher es nicht direkt zuzugeben. „Ich kann das Wochenende nicht bereuen. Die Entscheidung lag nicht in meiner Macht.“„Das tat sie und das weißt du.“ Tiefes Ausatmen meinerseits. Aber ich fühle mich so kraftlos und leer, dass ich nicht einmal Wut auf sie empfinden kann. Nur träges Ungemach. „Das hat sie nicht. Ich hätte Davies schlecht absagen können.“„Das hättest du.“„Und wer hätte dann die Beleidigte gespielt?“ Jetzt öffne ich doch die Augen und sehe sie finster von der Seite an. Ich weiß nicht was mit dieser Eule los ist. Sie war es doch, die mich beinahe erpresst hat, damit sie ihre Schwester wiedersehen kann und bis vor einer halben Stunde wäre sie sogar bereit dazu gewesen, Asya und Nico einfach in den Wind zu schießen um unserer beider Gewissen zu retten. Ich beginne mich vor ihr zu ekeln. Ich spüre wie sich meine Nasenflügel blähen. Sie schnäbelt unzufrieden auf meiner Schulter. „Du hättest es trotzdem gekonnt.“ Ich schnaube. „Als ob.“ Damit stehe ich auf und erkläre die Unterhaltung für beendet.

Nascha stößt sich von meiner Schulter ab und flattert auf eine der Hutablagen an den Seitenwänden des Abteils. Von dort oben sieht sie nüchtern und ausdruckslos dabei zu wie ich mein Jacquet und die Weste darunter glatt ziehe. Ich werfe einen Blick auf meine Taschenuhr, dann stecke ich sie wieder weg, hole kurz mein Taschentuch aus der linken inneren Brusttasche und wische mir damit kurz über das Gesicht als könnte das irgendetwas helfen. Dann stecke ich es wieder weg. Meine Tücher sind aus einfachem Leinenstoff. Ich weiß, ein Mann in meiner Stellung hätte sich feine Seidentaschentücher mit seinen Initialen darauf leisten können, aber auf meinen ist nur das Wappen des Magisteriums eingestickt. Alles andere hätte sich für mich nicht angemessen angefühlt. Schließlich schnippe ich ohne zu Nascha hochzusehen. Sie gehorcht aufs Wort und flattert zurück zu ihrem Platz auf meiner Schulter. Während sie noch die Flügel sortiert öffne ich die Tür des Abteils und sehe hinaus auf den Gang.

Es ist ein schöner Zug, mit großen Schal- und Gardinenumrahmten Fenstern an den Gängen, dunkler Holzvertäfelung und angenehm edlen Messingknäufen an den Türen. Der Strom an Fahrgästen hat deutlich abgenommen. Ich nutze eine Lücke um den Gang zu betreten und mich auf dem Weg zur Tür einzureihen. Ich fühle wie mir die Haare in die Stirn fallen und klemme sie hinter meine Ohren. Nascha beginnt verträumt in den Strähnen herum zu knabbern. Ich verpasse ihr einen leichten Klaps und sie lässt es bleiben. Trotzdem schenke ich ihr einen Seitenblick und lasse meine Hand kurz über ihr Gefieder gleiten. Es ist nur ein kurzer Moment, den ich mir nur deshalb gönne weil niemand zugegen ist, der mich kennt und es sehen könnte und… weil Nascha nichts sagen kann. Es hilft. Und es zerstört gleichermaßen. Es gibt mir Halt sie zu fühlen. Und gleichzeitig versetzt es mir den tiefen Wunsch zu fliehen. Einfach wegzurennen, wie ein Schuljunge, der nicht nach Hause möchte. Beine in die Hand nehmen und weg. Die Welt hinter mir lassen. Verschwinden in scandinavischen Wäldern fern jeder Zivilisation. Ich atme tief durch, dann ist der Moment vorbei.

Ich trete hinaus auf den Bahnsteig und Nascha sitzt wieder kerzengerade auf meiner Schulter um mühelos meine Bewegungen auszubalancieren. Kurz sehe ich mich nüchtern kritisch auf dem Bahnsteig um, ob ich Larkin und den Jungen… Nico und den Jungen irgendwo entdecken kann. Nichts. Nur zahlreiche Menschen, die von hier nach da strömen. Ich arbeite mich zu den Mittelpfeilern durch wo ich etwas im Schatten der vorbei strömenden Menschen und ihrer Daemonen bin. Ich bin froh darum, dass sich mein Moment der Ruhe verlängert. Auch wenn die Geräusche hier draußen lauter sind, der Geruch nach Ruß intensiver. Ich ziehe eine flache Dose aus der rechten Innentasche meines Jacquets und klappe es auf. Darin finden sich kurze englische Zigaretten, kaum länger als mein kleiner Finger. Ich nehme eine heraus, klappe die Dose zu und lasse sie wieder verschwinden. Dann ziehe ich ein Taschenfeuerzeug aus der selben Tasche, lasse es kurz aufschnappen und entflammen. Die Zigarette beginnt zu glimmen. Also töte ich die Flamme und lasse das verschlossene Feuerzeug ebenfalls wieder verschwinden. Zwischen Daumen und Zeigefinger führe ich die Zigarette an meine Lippen und nehme mit angestrengt hochgezogenen Mundwinkeln und verkniffenem Gesichtsausdruck den ersten tiefen Zug. Eine Erlösung.

Ich mag den Geschmack nicht. Alles was ich mag ist die Wirkung. Man raucht Zigaretten in Gesellschaft. Sie sind Zeitvertreib und ein Teil des Anstandes, ja fast des guten Tons. Aber wenn ich rauche, dann rauche ich lieber wie die Kohlenschieber auf der Straße. Zwischen Tür und Angel, die wenigen Minuten der Pause nutzend, die mir bleibt. Es ist etwas für mich. Wie eine Versicherung an mich selbst, dass alles gut ist. Also stehe ich da auf dem Bahnsteig und rauche. Nascha hält während dessen Wache, ohne dass ich sie dazu angewiesen hätte. Wahrscheinlich geht ihr Beschützerinstinkt mit ihr durch. Ich habe schon versucht sie davon abzubringen aber sie kann wohl nicht anders. Als würde ich etwas verbotenes tun beobachtet sie die Menschen und Daemonen, die an uns vorbei ins Innere des Bahnhofs ziehen. Wenn man sie so ansieht könnte man meinen ich sei ein Krimineller in Erwartung einer zwielichtigen Lieferung. Für den Moment ist es mir egal. Mir tut die Ruhe gut, die aus dem kleinen glimmenden Stück Papier und Tabak zwischen meinen Fingern in mein Inneres strömt. Ich ahne, dass ich an diesem Wochenende viel rauchen werde.

Nascha zischt leise. Ich nehme noch einen Zug ohne auf sie zu hören, auch wenn ich sie durchaus wahrgenommen habe. Ich habe die Ruhe gerade zu nötig. „Nico und Asya.“, sagt sie schließlich als ich nicht auf sie höre. Ich bleibe trotzdem ruhig, fühle dem Gefühl in mir nach. Dann erst lasse ich sacht den Zigarettenstummel zu Boden fallen und trete ihn mit dem Schuh aus. Ich lasse den letzten Rauch entweichen als Nico bei mir ankommt. Sein Erscheinen beendet meinen ruhigen Moment. Aber die paar kurzen Züge haben geholfen. Ich spüre das Gleichgewicht in mich zurück kehren. Ich sehe ihn an, als er mich mit einem knappen „Sir“ begrüßt. Ich nicke ruhig und ernst zur Bestätigung. Sehe ihn an. Er wirkt ernst und angespannt, aber vollkommen sachgemäß nüchtern dabei. Mein Bruder. Er erzählt von dem Wagen, den er organisiert hat. Dass er einen anderen Wagen gewählt hat als den, den er hat kommen lassen. Er stockt, als er von der Höflichkeitsanrede zum Du übergeht. Ein Lächeln schiebt sich sacht auf mein Gesicht. In diesem Fall. Ja, in diesem Fall hat er wohl Recht. Ich nicke. Mein umsichtiger Bruder. Ich bewundere ihn beinahe dafür. Bin ihm dankbar. Ich nicke anerkennend und gleichzeitig bestätigend. „Danke.“, sage ich schlicht aber aufrichtig. Ich muss erneut lächeln als ein Gedanke durch meinen Kopf schießt. Es ist fast ein halbes verschmitztes Grinsen. „Dann sind wir mal ein bisschen extravagant…“, beschließe ich fast abenteuerlustig in meiner Ruhe. „Mir fehlt eindeutig noch ein vernünftiger Gehstock für solche Gelegenheiten.“ Das Grinsen wird kurz breit auf meinen Zügen während mein Blick flüchtig über die Leute geht. Ein Hauch der Unsicherheit. Dann wird das Grinsen wieder zu einem disziplinierten Schmunzeln. Ich hebe kurz die rechte Hand, fahre mit dem Zeigefinger unter Naschas Schnabel stupse sie sanft neckend an. Sie schiebt ihren Kopf auf meinen Finger. Ich senke die Hand wieder, schmunzle immer noch vor mich hin. „Nun denn, auf in den Kampf…“, beschließe ich gefasster, bemüht um einen neutralen Gesichtsausdruck, und setze mich in Bewegung. Schlimmer als es im Zug war, kann es nicht werden, finde ich jetzt. Und das, denke ich, ist doch eine recht optimistische Überlegung.

[Bild: anisim10.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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