Frederick Montagu-Scott
Gelegentlich haderte Frederick mit seiner Fähigkeit. Im Gegensatz zu Heilmagie oder der Fähigkeit, eines der Elemente zu manipulieren, erschien ihm seine Gabe des Traumwanderns oft als etwas unnütz, schließlich war es ihm damit nicht vergönnt, aktiv in Geschehnisse einzugreifen oder das Leid von Menschen zu lindern. Und Leid und Elend gab es viel in London, selbst in einem Stadtteil wie Marylebone. Doch hin und wieder gab es auch für ihn einen Auftrag, eine Aufgabe, mit der er einem Menschen etwas Gutes tun konnte. Meist handelte es sich dabei um Kinder, die schlecht träumten und bei denen entspannende Kräuteraufgüsse, Kerzen und Räucherwerke nicht halfen.
Heute war wieder einer dieser Abende. Er hatte sich mit einem langen Spaziergang und einer Meditation versucht, auf seine Aufgabe vorzubereiten, den Kopf frei zu bekommen, denn nur so war es ihm möglich, in den Träumen nahezu Fremder zu wandeln. Seine Angestellten waren darüber informiert, dass der Hausherr nicht mehr gestört werden wollte und so hatte sich Frederick in seine Gemächer zurückgezogen. Nun lag er in der Mitte seines großen, aber nicht zu gemütlichen Bettes, konzentrierte sich auf die Person, deren Traum er besuchen wollte und atmete tief und langsam ein und aus. Es dauerte nicht lange, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.
* * * * *
Gleißendes Licht blendete Frederick und ein ohrenbetörendes Dröhnen erklang. Er kniff die Augen zusammen, hielt sich die Hand vor das Gesicht, doch es dauerte einige Momente, bis er sich an das helle Licht gewöhnt hatte. Das Dröhnen hingegen verschwand nicht. Das war nicht der Traum des 12-Jährigen Joshua, der furchtbare Angst vor dunklen Kellern hatte – was für eine Enttäuschung. Wieder einmal hatte es ihm an Konzentration gemangelt, wieder einmal war er im falschen Traum gelandet. Doch nun, wo er schon einmal hier war, konnte er wohl herausfinden, ob er für den armen Schlafenden etwas tun konnte. Er machte einige Schritte vorwärts. Seine Füße versanken im Sand, jeder einzelne Schritt fiel ihm unglaublich schwer. Frederick hatte das Gefühl, ihm müsse warm sein, doch obwohl er seine alltägliche Kleidung trug, fröstelte es ihm.
Abermals kniff er die Augen zusammen, um seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Irgendwo müsste der Protagonist des Traumes sein, vielleicht konnte er dem Schlafenden seinen Albtraum nehmen, wenn er diesen fand. Am Horizont erschien eine schemenhafte Gestalt, nur schwer zu erkennen. Ob das der Träumende war? Oder doch eher ein albtraumhaftes Wesen?
„Hallo!“, rief Frederick, um auf sich aufmerksam zu machen. Er war zwar nicht dazu in der Lage, Träume zu verändern, doch immerhin konnte er mit den Träumenden kommunizieren. Vielleicht würde er ja eine Antwort erhalten, trotz dem ohrenbetäubenden Lärms, der von überall und nirgendwo zu kommen schien.
Ardin
„Ich komme gleich…“ Margory blieb im Halbdunkel in der Tür stehen, eine Hand am Türblatt, die andere am Rahmen. Und sie hatte diesen Blick in den Augen, den sie mir oft schenkte, wenn ich das sagte. Ich mochte nicht einmal hinsehen. Senkte nur den Blick von der letzten Kerze, die unsere Stube erhellte, hinunter auf den Küchentisch an dem ich saß. „Ardin…“, sagte sie. Sie wusste, wenn sie mich nicht rief, dann würde ich den Rest der Nacht hier sitzen. Es war ihr müder Versuch mir all die tausend Dinge zu sagen, die sie mir so oft sagte, dass ich längst jedes davon auswendig wusste. Und sie wusste, dass ich sie wusste. Dass ich jedes einzelne ihrer Argumente kannte. Sie musste sie nicht einmal mehr aussprechen. Es reichte, dass sie meinen Namen sagte. „March…“, entgegnete ich in dem selben mahnenden Ton ohne meine Frau direkt anzusehen. Aber in meiner Stimme lag weit weniger Kraft als in ihrer, zu viel Müdigkeit, die sich mit einmischte.
Sobald die Sonne unterging, wurde es am schlimmsten. Die Tage ließen sich gut überstehen, besonders wenn ich etwas mehr von Margorys Heiltränken nahm als ich sollte, kam ich klar, ohne den Verstand zu verlieren. Aber wenn die Sonne unterging – und es war September, die Tage wurden bereits kürzer – dann war es als hätte jemand einen Vorhang vor die Welt gelegt. Dann kamen die Bilder, die nicht da waren. Und die Rufe. Und ich wusste manchmal nicht was schlimmer war, dieser Zustand zwischen Wachen und Schlafen oder das Schlafen selbst. Es ist etwas anderes wenn du nicht deine eigenen Träume erlebst. Wenn es nicht deine Erlebnisse sind, die du siehst, wieder und wieder – oh ich hätte die Schlacht von Algier jederzeit liebend gern jede Nacht aufs Neue durchlebt, wenn es nur mein Traum gewesen wäre, mein eigener Kopf, in dem ich versank. Aber was mich verfolgte waren die Träume anderer Menschen. Und Menschen konnten finstere Dinge träumen. Ich habe viel gesehen in meinem Leben, aber ich habe in den Köpfen anderer Menschen Sachen gesehen, die mich nach dem Aufwachen würgen ließen. Es gibt Dinge, die ich nicht sehen möchte. Und es gibt nichts, das dich darauf vorbereiten könnte.
Aber das Glück zu haben, traumlos zu schlafen, war mir selten vergönnt. Ich vermied das Schlafen generell daher so gut ich konnte. Margory wusste das. Und sie hatte schon viel argumentiert. Unsere heftigsten Streits hatten wir stets über dieses Thema gehabt und es hatte weite Kreise gezogen bis hin zu der Entscheidung selbst, die uns beide an diesen Punkt geführt hatte. Sie und mich. Und so war ihre Art meinen Namen zu sagen wie ein ganzer Satz, der da lautete „Fang nicht schon wieder so an, du weißt wohin das führt.“ Ich wusste, wohin das führt. Ja. Ich presste die Kiefer aufeinander, hob den Blick, sah erbittert in das flackernde Licht der Talgkerze. Atmete tief aus, dass die Flamme erzitterte. Ich fühlte die Müdigkeit in jedem meiner Glieder.
Schließlich griff meine Hand ruppig nach der Kerze, ich schob den Stuhl scheppernd zurück als ich mit einer harten Bewegung vom Tisch aufstand, für einen Moment vergessend, dass die Kinder in der Kammer nebenan bereits tief und fest schliefen und wir uns um diese Uhrzeit in der Regel darum bemühten, sie nicht zu wecken, wenn ich es schon nicht zustande brachte, die Augen zu schließen obwohl sie danach schrien.
Ich ging zur Tür, kontrollierte ob sie verschlossen war, klemmte die Bohle unter den Türgriff, die wir für den Zweifelsfall in der Nacht als Versicherung nutzten, dass niemand so schnell würde eindringen können. Sah ein letztes Mal grimmigen Blickes nach Jackdaw, die mit seligem Teufelsvertrauen vor dem Herd in Bentleys eingerollten Katerpfoten schlief. Margory wartete auf mich. Mit der Kerze an ihrem Henkel kam ich zu ihr. Sie nahm mich im Türrahmen in Empfang, legte mir kurz eine Hand auf die Wange, küsste mich auf die andere. Sie war größer als ich, es fiel ihr nicht schwer. Ich schob mich an ihr vorbei in unsere Schlafkammer.
Als wir später im Bett lagen, Gesicht an Gesicht, sah ich sie nur an. Sie sah zurück. Ein Lächeln glitt über ihre wundervollen Lippen. Dann beugte ich mich zu ihr vor, gab ihr endlich den Kuss zurück, den ich ihr noch von der Tür her schuldete. Sie schlang ein Bein um meine Hüfte. Ein unfairer Trick von ihr, mich später zum Schlafen zu zwingen. Wirklich. Sie verwendete ihn gerne. Aber es funktionierte. Jedes Mal.
* * * * *
Tatsächlich ging es schnell. Ich hätte später nicht mehr sagen können, wann mir die Augen zugefallen waren oder wie ich von der Welt der Wachenden in die Welt der Träumenden abgedriftet war. Ich wusste nur, dass ich in der Wüste stand und Meilen um mich herum nichts als sanft gewellte Sanddünen sehen konnte. So hatte ich mir die Wüste nicht vorgestellt. Aber ich erkannte sie trotzdem. Wie ich erkannte, dass es nicht mein Traum war, in dem ich knöcheltief stand. Wie hätte es auch sein können? Was nicht hierher passte war die Kälte. Ich hatte Wolken vor dem Mund beim Ausatmen. Ich hatte schon von Eiswüsten gehört, aber in denen hatte in den Erzählungen selten Sand gelegen. Es war immer wieder erschreckend, wie wenig Sinn einiger Leute Träume ergaben. Keine dem Menschen bekannte Regel schien hier zu gelten.
Mir fiel das Dröhnen auf. Jetzt erst erreichte es meine Sinne, als hätte mein Geist eine Zeit gebraucht, um vollständig hier anzukommen. Ich senkte den Blick auf ein sanftes Tal in den Dünen, an dessen Rand ich auf einer Erhöhung stand. Unter mir in dem Tal erhob sich mitten im Sand eine riesige Maschinerie, die mir gänzlich unbekannt war, aber in meinen Augen wie eine seltsam entartete Dampfmaschine wirkte. Sie schien dazu gemacht Stahl zu zermalmen, ein riesenhafter Hammer fiel immer und immer wieder im Takt der Kurbel der Dampfmaschine auf einen ebenso riesenhaften Amboss herab. Erbarmungslos fiel dröhnend Metall auf Metall. Schwer und unaufhaltsam. Wieder und wieder. Und wieder.
Die Maschine musste Tonnen wiegen und versank doch nicht im Sand. Stattdessen hämmerte und arbeitete sie ohne dass jemand sie mit Kohlen gefüttert hätte. Wie ein riesenhaftes Monster schien es ein Eigenleben zu besitzen. Nicht länger menschengemacht.
Vor seinem Amboss saß, erkannte ich jetzt, eine Gestalt. Schmächtig und ausgemergelt, und starrte wie paralysiert auf das immer wieder vor ihm aufeinander dröhnende Metall. So dicht vor seinem Gesicht knallte es zusammen, dass seine dünnen Haare bei jeder Bewegung wehten. Der Kerl musste der Träumende sein. Ich beneidete ihn keine Sekunde. Nun streckte er die Hand vor. Langsam als wollte er sie zwischen Hammer und Amboss schieben. Als wäre es die Bestimmung seiner Fingerknochen, zu Brei geschlagen zu werden. Ich spürte meine Augen größer werden. Das konnte der Junge nicht wirklich tun… Ich wollte etwas rufen, etwas tun, so wenig es auch nützen würde – die Träumenden hörten mich ja doch nie – vorstürzen, schreien aber –
Da war eine Stimme. Ein Ruf. Hallo. Von irgendwo hinter mir. Irritiert wandte ich mich um. Und entdeckte inmitten der Unendlichkeit von Sand eine Gestalt. Ich kniff die Augen zusammen. Bildete sich der Träumende das ein? War das seine verrückte Fantasie? Aber das Tal in dem die Maschine stand war zu tief, der Kerl konnte die Gestalt sicher nicht einmal sehen. Jetzt wurde die Gestalt klarer sichtbar. Ein Mann. Vornehm gekleidet, in sauberer gut geschnittener Garderobe. Kurz sah ich an mir selbst hinunter als ich mich daran erinnerte, dass auch ich etwas am Körper tragen musste. Hose, Weste, ein bis zu den Ärmeln hochgekrempeltes Hemd, dessen Kragen offen stand. Nicht komplett unpässlich. Aber es wäre egal gewesen wenn, das hier war ein verdammter Traum, bei Luzifer noch eins!
Misstrauisch sah ich dem Mann also entgegen. Er sah mich an. Ganz direkt. Nicht durch mich hindurch. Und er schien mich zu meinen mit seinem Anruf. DAS war allerdings ungewöhnlich. „Hallo…“, erwiderte ich weiterhin misstrauisch. Ich hätte etwas Höflicheres sagen können, aber was sagte man wenn man nicht einmal wusste, welche Tageszeit es war? Stattdessen beließ ich es dabei und sah dem Näherkommen des Mannes weiter zu, bis ich nicht anders konnte, als festzustellen, dass er mich noch immer ansah. „Sie können mich sehen?“ Ich dachte an seine vornehme Kleidung, diese Art Herren, denen man im East End selten genug begegnete und fügte nach einem Moment des Zögerns nicht ohne Widerwillen ein „Sir…“ hinzu.

