Charaktere
Damocles Osman » Gast » Trevor Jenkins
Datum & Ort
01.01.2022, in the middle of nowhere
Society of Start from the top Rudeness
start from the top

[Bild: os-avi-Kopie.png]
New York ist eine gute Stadt. Nicht gut in dem Sinn von gut. Nichts ist so gut wie die Menschen es gerne als gut bezeichnen. „Gut“ gibt es nicht. Wie es „böse“ nicht gibt. Das sind Kategorien. Mehr nicht. Ein Weg, sich die Welt zu vereinfachen. Damit die Menschen sie leichter verstehen und besser mit ihr klarkommen. Ein guter Gedanke – gut, haha. Da ist es wieder – aber schlecht umgesetzt. Vereinfachungen machen blind. Verdammt blind. Aber New York ist eine gute Stadt. Gut in dem subjektiven Sinn, dass sie gut für mich ist. Gut, wenn man so lebt wie ich. Wenn man nicht gut mit den Menschen klarkommt. Oder die Menschen nicht mit einem. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher wie rum es ist. Mit der Überlegung kann ich Stunden zubringen. Dazu habe ich im Augenblick aber nicht die Zeit. Und so sehr mir diese Tatsache gegen den Strich geht, ich habe einen guten Grund, mich zusammen zu reißen und zurückzukehren zu diesem Gedanken. Dass New York gut ist.

Diese Stadt ist 24 Stunden am Tag in Bewegung. Man ist anonym, geht in der Masse unter. Niemanden interessiert wenn du einfach in einem Park sitzt und die Menschen beobachtest ohne ein einziges Mal zu lächeln. Ich weiß nicht was den Menschen an einem Lächeln so wichtig ist. Aber zuhause in Whales waren die Städte nie groß genug. Die Menschen haben immer auf dich geachtet. Egal wo du warst. Du warst immer dieser eine Riss, der für sie nicht ins Bild passte. Und ich wusste nie weshalb. Hier in New York spielt das keine Rolle. Sie achten nicht auf dich. Besonders nicht, wenn du nicht mehr als das Personal bist.

Schlüpfe in einen Overall und nimm dir ein Klemmbrett mit. Nimm dir einen Zugangspass mit. Die Sorte mit Foto, Namen und Zugangschip. Du kannst herausfinden welches System sie verwenden, wenn du den Besucherrundgang mitmachst. Wenn sie Zugangspins verwenden, siehst du das Modell wenn du über Google Maps die Straße hinunter scrollst. Die meisten Unternehmen haben die Ziffernfelder ihrer Zugangssysteme zur Straßenseite hin an der Wand angebracht. Jeder Hersteller hat Blank Pins, die auf jedem seiner Modelle funktionieren. Für die Wartungsarbeiten. Du musst nur herausfinden welches Modell es ist. Dann hast du den Code und kommst rein. Wenn du drin bist, gehörst du dazu. Wenn du drin bist und nach Personal aussiehst interessieren sie sich sowieso nicht für dich. Dann kannst du tun was du willst solange es aussieht als wäre das deine tägliche Arbeit. Ich weiß nie wann die Leute das denken. Dass das deine tägliche Arbeit ist. Ich weiß nur wie man mich nicht sieht. Alles andere kann Os besser als ich. Os ist derjenige, der die Tricks drauf hat. Aber es gibt da diesen Rechner. Und da kommt man nicht über das System ran. Das habe ich schon versucht. Aber wir sind ja nicht dumm. Wir haben den Plan B. Und Plan C und D und E. Aber fangen wir mit B an. Den kann man nur nicht alleine durchführen. Unangenehm. Aber was tut man nicht alles?

Als ich mit einer SD Karte voller Zugangscodes im Handy und einem erfolgreich abgeschlossenen Plan B das Gebäude aus Glas und Stahl wieder verlasse, regnet es auf der Straße in Strömen. Nicht auf die Hurricane Katrina Art, mehr auf die Blade Runner Art. Feiner Nieselregen, der dich trotzdem durchweicht. Wie ich schon sagte: Gut ist nicht universell gut. Gut ist subjektiv für einen Moment der Ausdruck einer positiven Eigenschaft oder die Betrachtung eines positiven Eindrucks. Es deckt niemals die Schattenseiten ab, die direkt dahinter folgen. Regen ist so eine Schattenseite. Aber den gab es in Whales auch. Also haben Os und ich im Grunde nichts verloren. Eher ein Unausgeglichen mehr auf der Pro-Contra-Liste, die New York mit Whales vergleicht.

Ich bleibe unter einem von Säulen getragenen Vordach, biege um zwei Ecken, wo in stiller Einsamkeit mit Blick auf den Regen und einen kleinen betongepflasterten Platz eine Parkbank unter der Überdachung steht. Ich ziehe den Overall aus und drücke ihn in die nächste Mülltonne. Dann schiebe ich mir die Mütze auf den Kopf, setze mich in Jeans und Wolfmother-T-Shirt auf die Bank – möge sie auch nur so vor Dreck starren – und nehme das Handy zur Hand um Os anzurufen. Ich tippe die Zahlen gemächlich. Jetzt da ich draußen bin habe ich Zeit. Endlich wieder ein wenig Ruhe. Den Moment zum Durchatmen. Der Regen rauscht leise auf dem Asphalt. Ich halte mir das Handy ans Ohr. Es wählt. Am anderen Ende wird abgenommen. „Hab sie. Du kannst.“ Was ist das? Ein Lächeln auf meinem Gesicht.

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