Düster sah ich Ardin entgegen, als der es selbst draußen auf der Straße noch nicht lassen konnte. Ich hätte nie aufhören sollen den Giftzwerg anzuschweigen. Einfach nicht mehr miteinander sprechen machte es so viel erträglicher. Nur leider nicht auf Dauer. Früher oder später musste ich dieses Vorhaben ja doch jedes mal wieder aufgeben. Und irgendwie konnte ich die Anerkennung, die unter all dem Spott durchblitzte auch nicht gänzlich ignorieren. Gut verborgen, aber am Ende des Tages war es fast so etwas wie ein Kompliment von dem dummen alten Hund, der selbst so viele frisch bestellte Constables auf dem Gewissen hatte. Und als wir in die nächste Straße einbogen und ich sicher sein konnte, dass Ardin es nicht sah, streifte ein kurzes Lächeln meine Mundwinkel.
Gebackene Kartoffeln. „Alles außer Aalsülze“, konnte ich mir das Feixen nicht verkneifen, schon um nicht eingestehen zu müssen, dass Ardins Vorschlag nach einem wirklich guten Mittagessen klang. Die Gebackenen Kartoffeln, die sie auf den Straßen verkauften waren selten eine schlechte Wahl und hielten satt bis zum Abend, gleichzeitig nichts von dem man fürchten brauchte, dass man es nicht bei sich behalten könnte. Je nach dem in welchem Zustand sie uns den Flusstoten vorlegen würden. Aber noch schob ich diesen Gedanken von mir. Wir kannten die Costers, die üblicherweise ihre Wagen in den Straßen von Whitechapel aufschlugen zu genüge, so das wir wussten, welche Straßen wir nach Shadwell zu wählen hatten, um ein paar Wagen zu begegnen, die Gebackene Kartoffeln anboten. Es war ein bizarrer Frieden, den es in diesem Viertel zwischen Peelers und Costers gab und nicht wenige junge Constables oder frisch versetzte Polizisten auf der einen und neu hinzukommende Straßenverkäufer auf der anderen Seite mussten diesen erst mit Mühe zu respektieren lernen. Aber hier auf den Straßen wurde kein Coster vertrieben, solange er sich an die Regeln hielt, wusste, wann er besser nicht zu geizig wegen einer kostenlosen Mahlzeit war – und so lange er eine bescheidene Summe an die Leman Street zahlte, um den Schutz, den die Straßenverkäufer hier genossen entsprechend zu vergüten.
Der enge Zusammenhalt untereinander und die Skepsis allem Außenstehendem gegenüber erinnerte mich an die Boaters als Teil derer ich aufgewachsen war und den ich nur in der Armee oder der Polizei auf ähnliche Weise erlebt hatte. Die Costermongers waren eine eingeschworene Gemeinschaft und dass wir überhaupt je Zugang zu dieser traditionell Peelers gegenüber so verfeindeten Gruppe gefunden hatten, war ein enormer Glücksgriff, der auf diese Art wohl nur Margory zu verdanken war. Und hier in Whitechapel natürlich auch Mulligan, der schon bevor Ardin oder ich in das Viertel versetzt worden waren, gute Kontakte zu den Straßenverkäufern gesponnen hatte. Mochte man dem Mann vorwerfen, was man wollte, aber er hatte ein verdammt gutes Auge für lukrative Geschäftsbeziehungen. Während Costers in anderen Vierteln mit brutaler Härte vertrieben wurden, die wiederum für nicht mindere Brutalität bei den Costers bei der Verteidigung ihrer Lebensgrundlage sorgte, hatte Mulligan einen Weg gefunden, für Frieden zu sorgen und die Costers auch noch dafür zahlen zu lassen. Aber für das kostbare Gut ohne Gängelei durch die Polizei ihrer Arbeit nachgehen zu können, leisteten die meisten Costers hier bereitwillig ihre Abgabe, jedenfalls die, die ihre Arroganz einem guten Geschäft hinten anstellten. Ich hielt inne, als Ardin meinen Namen sagte, augenblicklich ging mein Blick wachsam über unsere Umgebung, aber als der Andere seine Idee aussprach, musste ich neidlos anerkennen, dass das eine von Ardins verdammt guten war. „Verdammt, das sollten wir“, brummte ich, noch immer ein wenig erstaunt, so gute Einfälle noch vor dem Mittagessen zu hören zu bekommen.
Bald darauf erkannte ich eins der Schilder wieder und steuerte auf den Wagen zu, der Gebackene Kartoffeln verkaufte und mit dessen Besitzer Ardin und ich gut aus kamen und von dem wir mit etwas Glück einige Gerüchte zu geringem Preis abgreifen könnten. Immerhin kannte der Mann Margory aus frühen Tagen, so weit ich wusste, und das waren Bande, die ein Coster nicht vergaß. „Cool the esclop!“, wurde unser Näherkommen vom Alarmschrei eines kleinen Jungen begleitet, der Ardin und mich als Polizei erkannt hatte und tatsächlich – trotz allem Frieden zwischen Peelers und Costers – reckte sich eine ganze Reihe an Köpfen aus den nahestehenden Wagen der Straßenverkäufer. Eine Frau kam herbeigeeilt und nahm den kleinen Jungen auf den Arm, er klammerte sich wie ein Äffchen um ihren Hals und verdrehte doch gleichzeitig neugierig den Kopf, um Ardin und mich weiter anglotzen zu können. „Ruhig“, kam die tiefe Stimme eines Mannes, der hinter dem Stand mit den Gebackenen Kartoffeln hervortrat. Klein, aber von stämmiger Statur und mit einem ansehnlichen, feuerroten Bart. Ich wusste nicht viel von den Kobolden, von denen die Iren im Viertel erzählten, aber sollte ich mir einen vorstellen, dann war Black-Eyed Tom mein bester Tipp. „Das sind Dooghenos.“ Er lachte rau auf und der kleine Junge, der Cyneburg neben mir entdeckt hatte, begann in den Armen der Frau zu zappeln, bis sie ihn wieder hinunter ließ. Auf kurzen Beinen tappte er zu der Hündin hinüber, der er nicht einmal über den Rücken sehen konnte und es dauerte nicht lange, bis Cyneburg neben dem Kleinen auch noch von einer ganzen Schar weiterer Costers-Kinder umringt war, die ihre kleinen Finger nach ihrem drahtigen Pelz ausstreckten. Cyneburg ihrerseits gab die ulkigsten Laute zwischen Fiepen und Bellen von sich und brachte die Kinder damit zum Lachen, die in ihrem verdrehten Costers-Slang durcheinander schnatterten, bis Cyneburg sich auf ein wildes Fangspiel mit ihnen einließ, das alsbald von einer fröhlich keckernden Dohle begleitet wurde. Ich beobachtete, wie behutsam die Hündin dabei vorging. So sehr sie manch ausgewachsenem Mann auf diesen Straßen, mich inbegriffen, auch das Fürchten lehren konnte, so sehr wurde sie von den meisten Kindern geliebt. Ich fragte mich immer wieder, ob die Kinder nicht instinktiv spüren sollten, dass kein anderer als der Teufel dieses Ding geschaffen hatte – aber vielleicht hatten sie auch schlicht noch nicht gelernt dem Teufel alles Böse in dieser Welt zuzuschreiben.
„Das Übliche?“, fragte Tom in seiner gutgelaunten Forschheit. Ich nickte nur, wandte den Blick von den spielenden Kindern ab. „Gerne, Tom.“
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Cool the esclop – Pass auf, Polizei
Doogheno – ein Guter (meist: ein guter Markt/ein guter Mann)
(Quelle)
„Tom“, begrüßte ich den Rotbärtigen mit einem freundlichen Nicken und tippte mir an den Hut als wir näher traten. Mein Blick ging kurz zu Cyneburg und Jackdaw, wie sie sich mit den Kindern der Costermonger vergnügten, vollkommen in ihrem Element und dabei behutsam als seien sie selbst nicht mehr als verspielte Kinder. Sogar Otis‘ mürrische Augen konnte das fesseln.
Ich wandte den Blick ab, hin zu Tom um ihn dabei zu beobachten wie er einen Kessel mit dampfenden Kartoffeln darin öffnete um uns zwei davon in Zeitungspapier zu wickeln und mit allerlei Dingen zu befüllen. Meine Hände schob ich in die Hosentaschen, um ruhigen Blickes seine Handschläge zu verfolgen. „Geht’s gut?“, hakte ich in lockerem Ton nach.
Den Löffel zum Befüllen der ersten Kartoffel noch in der Hand nickte Tom, lächelte dann breit. „So doog es geht.“, erklärte er munter und reichte Otis die erste der beiden Kartoffeln um sich dann daran zu machen, die zweite zu befüllen. „Was macht Frederick?“ – „Lernt fleißig.“ – „Doog yob. Ihr habt Glück mit ihm.“ – „Haben wir.“ Ich nickte und hätte nichts widersprüchliches sagen können. Ich biss mir auf die Unterlippe. Ließ sie wieder los. Wir hatten es viel zu gut mit ihm. „Was machen die Straßen?“ – „Das Übliche." Er schwieg einen Moment. „Wonach sucht ihr?“, fragte Tom dann und reichte mir die zweite Kartoffel. Warm und trocken legte sich das Zeitungspapier an meine Haut. „Danke dir.“ Tom war ein guter Kerl, man merkte es daran, dass er sein Wissen zusammen zu halten wusste.
Mit der freien Hand griff ich in die Innentasche meines Mantels, den Blick kurz zu der lachenden Schar Kinder abschweifend, zog zwei Schilling heraus und gab sie Tom in die offene Hand. Nicht für die Mahlzeit. „Irgendwas ungewöhnliches letzte Nacht? Oder Mittwoch letzte Woche?“ Tom ließ kurz nachdenklich die beiden Münzen in seiner Hand springen, bevor er sie einsteckte. Dann sah er mich mit einem prüfenden Blick an, der mich wachsam werden ließ. „Es geht um euren Williams, der quer durch die Stadt rennt?“
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Doog – Gut
Yob – Junge
Mir wurde die erste Kartoffel gereicht und ich spürte die angenehme Wärme durch das Zeitungspapier. Ich nickte zum Dank und auch wenn es noch fast zu heiß dafür war, begann ich zu essen, während Ardin mit Tom plauderte. Gab vor viel zu hungrig zu sein, um mich an dem Geschwätz zu beteiligen. In Wahrheit war ich froh darum, dass Ardin diesen Part übernahm. Er lag mir nicht besonders, schon aus dem schlichten Grund, dass ich die üblichen Fragen über Heim, Frau und Kinder nicht mehr besonders gut zu beantworten wusste seit den letzten Jahren. Mir entging Ardins knappe Antwort und der abrupte Themenwechsel trotz allem nicht. Mein Blick schweifte wieder ab, hin zu den unbeschwert spielenden Kindern. Ich fragte mich, was weder Ardin noch ich zu beantworten wussten, wie es wohl sein musste, den eigenen Kindern kein Leid durch die eigenen Entscheidungen angetan zu haben. Wie es sein musste, wenn ihre Zukunft nicht durch die unselige Vergangenheit ihrer Väter vorgeprägt war. Aber ich wusste, wie trügerisch diese Frage war. Welche Väter hatten sich ihr nicht zu stellen? Gerade auf diesen Straßen? Die Entscheidungen mancher Väter, die Prägung, die sie auf ihren Kindern hinterließen, waren nur schlicht ein wenig tiefer als die anderer. Ich blinzelte, sah wieder weg.
Toms Frage war präzise wie immer. Er wusste augenblicklich, auf was Ardin hinaus wollte und er war geschäftstüchtig dabei. Aber es war mir lieber, er kam direkt zur Sache, als die vage gehaltenen Andeutungen und mit Märchen vermischten Gerüchte der meisten Anderen. Aktuell hatten wir weder die Zeit noch die Geduld zum Rätsel raten. Da wartete noch immer eine Leiche am Kai auf uns. Aber hierfür musste ein wenig Zeit bleiben. Selbst Polizisten mussten schließlich mal etwas essen, nicht wahr und dabei wird man sich ja wohl unterhalten dürfen. Nach etwas Ungewöhnlichem fragte Ardin. Toms Antwort überraschte mich. Dass er direkt unseren Sergeant ansprach, damit hätte ich nicht gerechnet. Das bedeutete, dass der Junge sich wohl schon zum Gespött der Costers machte. Wie genau hatte er das geschafft? „Er rennt?“, gab ich gespielt belustigt zurück, um nicht direkt deutlich zu machen, dass mich das wirklich interessierte. „Na, was ihr Slops so rennen nennt“, feixte Tom zurück. „‘Sollten es von den Costers lernen“, spottete ich zurück. „Das könntet ihr.“ Ich grinste und ließ Tom das letzte Wort, dann zuckte ich mit den Schultern. „Der Junge wird dafür bezahlt durch die Stadt zu rennen“, sprach ich scheinbar unbeeindruckt von dieser Information, als wäre sie ihren Preis nicht wert. „Mh“, gab Tom zurück und schien tatsächlich ein wenig gekränkt, verstanden Costers sich doch als diejenigen, die auf diesen Straßen am besten Bescheid wussten. Tom ein wenig in seinem Stolz zu kränken, war also der beste Anfang, um ihm mehr Information zu entlocken. „Wirkt nur weniger wie Arbeit, mehr als hättet ihr den Yob auf ein Hunter’s Emag geschickt.“ Ich schnaubte, kannte diese volkstümlichen Spiele und vermutlich hatte Tom damit gar nicht so unrecht, als mir lieb wäre. „Bedank dich bei den Verbrechern dieser Straßen“, erwiderte ich dennoch gleichmütig. Der Teufel bewahre, dass ein Peeler zugab, dass ein anderer Peeler von einem Peeler an der Naser herumgeführt wurde. Schon gar nicht einem Coster gegenüber. Ein paar Mal klopfte Tom mit seinem Schöpflöffel gegen den Kessel, mit der freien Hand kratzte er sich an seinem Bart. „Man erzählt sich auch von Geschäften an den St. Katharine Docks.“ – „Was für Geschäften?“ Aber Tom schüttelte nur den Kopf. „‘Sollen neue sein. Nachts. Aber es passt zu den Nächten, die ihr meintet. Mehr weiß ich nicht.“ – „Wer weiß mehr?“ Tom leckte sich kurz über die Lippen, dann meinte er. „Dazu müsst ihr hoch an die Mews Street.“ Ich nickte, ließ es gut sein. „Enif, Tom.“ Wie jedes Mal wenn einer von uns anfing Costers-Worte zu nutzen, strahlte Tom stolz wie ein frischgebackener Vater, hatte er uns doch selbst einiges davon beigebacht.
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Slop - Polizist
Emag – Spiel
Enif – Gut/In Ordnung/Danke
Ich nickte Tom dankend zu. Während Otis mit ihm gesprochen hatte, hatte ich selbst die ersten Bissen von meiner Kartoffel genommen. Mir war bislang nicht aufgefallen was für einen Hunger ich hatte. Aber es tat gut etwas in den Magen zu bekommen. Ich schluckte. „Grüß mir Sybille.“ – „Und du mir Margory!“, erwiderte Tom und zeigte mahnend mit dem Löffel auf mich. Ich lachte kurz auf bei der Geste. „Du kannst ihr ausrichten, dass Blue Henrick unlängst eine ganze Kiste Silberbesteck erstanden hat! Er kommt die Woche noch bei euch hinten rum.“ – „Besten Dank! Ich werde es ihr sagen. Doog yad, Tom!“ Tom grinste als ich ihm den Gefallen tat, es Otis gleich zu tun. Wie der Mann grinsen konnte… Das Silberbesteck war allerdings kein schlechter Hinweis. Dafür war immer Bedarf in unserem Haushalt da und Margory genoss bei Blue Henrick einen ansehnlichen Rabatt. Es war mehr als nur höflich von Tom, uns in dieser Art zu bedenken und Henrick anzukündigen. „Doog yad, ihr owt!“
Rhode und ich verabschiedeten und wandten uns schließlich ab, um uns mit unserer essbaren Beute auf den Weg in Richtung Shadwell zu machen. Es wurde Zeit. Und in Richtung der Docks war heute weniger los, wir würden im Gehen essen können ohne Gefahr zu laufen mit irgendjemandem zusammen zu stoßen. Es fiel Cyneburg und Jackdaw sichtlich schwer, sich von den Kindern zu lösen. Aber letztendlich zog die Dohle einem der Kinder noch einmal spielerisch an einer Strähne bevor sie sich schnatternd wieder in die Luft über der Straße erhob, um über den Dächern ihre Kreise um uns zu ziehen. Aus ihrer Höhe konnte man die Docks längst sehen. Die vielen Masten der Transportschiffe der East India in ihrem Bassin. Ich machte, dass ich meine Kartoffel herunter bekam. Aber meine Gedanken waren auf der anderen Seite des Bezirks, beim St. Katharine Dock, das direkt an den Tower grenzte.
Es war über zwanzig Jahre her, dass der Hafenteil eröffnet worden war, aber ich war schon in London gewesen als die Stadt beschlossen hatte aus einem dicht besiedelten Gebiet ein neues Hafenbecken zu graben. Ein ganzer Stadtteil voller Menschen hatte ein Dach über dem Kopf verloren. Es hatte gewaltsame Räumungen gegeben, überfüllte Armenküchen. Und für was? Für nichts. Die Zufahrt zum Dock war zu schmal für die großen Kähne, die die East India vom Stapel schickte. Das St. Katharine Dock war unwirtschaftlich, von den paar kleinen Schaluppen der hiesigen Händler konnte die Gesellschaft, die es betrieb nicht leben. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis dort etwas krummes lief. „Vielleicht schmuggeln sie doch. Im St. Katharines.“, gab ich nach einiger Entfernung zwischen uns und Black Eyed Toms Stand zu bedenken. „Oder sie haben einen Deal mit der Company, um Löschungen und Verladungen zu schützen. Mit dem feinen Unterschied, dass sie den Erlös einbehalten.“ Kurz ließ ich den Kopf zur Seite kippen, schnalzte bei der Vorstellung von so viel selbst eingebildeter Schläue. Nachdenklich sah ich dann vor mich hin und biss noch einmal in die Reste meiner Kartoffel.
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Doog – Gut
Owt - Zwei
Yad – Tag
Im Gehen aß ich die Gebackene Kartoffel, dachte über das nach, was wir von Tom erfahren hatten. Wenn es selbst den Costers auffiel, dass etwas an Sergeant Williams Arbeitsablauf nicht stimmen konnte, dann fragte sich doch ehrlich, ob nicht auch Williams bereits seine Zweifel bekommen hatte. Womöglich sollten wir tatsächlich als erstes mit Williams und Richmond sprechen, wie Ardin vorgeschlagen hatte, wie ich zugestimmt hatte – bis Ardin seinen Rückzieher gemacht hatte. Trotz aller Risiken. Cyneburg trabte munter voran und mein Blick folgte eine Weile ihrem massigen schwarz-grau geschecktem Leib, der sich einen Weg durch die wenigen Leute, die uns entgegen kamen, bahnte. Auch Ardin schienen die neuen Informationen nicht los gelassen zu haben. Schweigend weiter mein Essen vertilgend hörte ich dem Anderen zu. Schmuggelei, das oder krumme Deals mit der Company. Ich schwieg für einige Schritte, aß weiter stumm und dachte nach. Das waren die naheliegenden Dinge, oder? Zielsicher von Ardin auf den Punkt gebracht. Es waren die Dinge, mit denen man rechnete und hätte man mir vor heute früh gesagt, dass in unsere Division so etwas abgezogen wurde, ohne die Kenntnis von Mulligan, ohne die Kenntnis von Ardin oder mir, ich hätte ihm den Vogel gezeigt. Ohne zu Zögern. Aber inzwischen war ich unsicher geworden. Es war naheliegend. War es womöglich zu naheliegend? Waren wir blind geworden für diese Art der Dinge? Zu selbstsicher in unserem vermeintlichen Wissen über die Vorgänge in der Division? „Ein dreister Bursche unser Jordan, wenn er das wagt“, brummte ich missmutig ob der Aussicht mir womöglich solche Nachlässigkeit nachsagen lassen zu müssen. Gleichzeitig schwang völlig ungewollte Beeindruckung in meiner Stimme mit. Verdammt, der Kerl hätte wirklich Eier bewiesen, wenn er das durchzog. „Er bräuchte Verhandlungspartner, die dieselben Nerven haben“, fuhr ich fort, mein Blick ging dabei nachdenklich über meine Umgebung. „Hinter dem Rücken der Division… Das wagt nicht jeder.“ Niemand mit Verstand mit Sicherheit. „Außer unser Jordan verschweigt den kleinen Haken, dass er den Segen der Leman Street gar nicht hat.“ Wer würde schon damit rechnen. Wer würde schon mit irgendetwas davon rechnen! Es wäre regelrecht genial in seiner wahrlich unvorstellbaren Dreistigkeit. Ich kümmerte mich um die letzten Happen der Gebackenen Kartoffel, es dauerte nicht lange, bis wir den Karren eines Dustman passierten, ich grüßte den Mann, kannte die meisten, die auf diesen Straßen arbeiteten wenigstens vom Sehen. Sein Gaul hatte bereits schwer an dem Wagen zu ziehen, aber auf ein altes Zeitungspapier kam es auch nicht mehr an.
An den schweren Toren des Kais erwartete uns bereits ein blau uniformierter Constable, der uns den Weg wies, vorbei an Lagerhäusern und Unterkünften der Dockarbeiter. Einige Männer standen dort in erzwungener Untätigkeit, ihre Blicke folgte uns wie zornige Krähen im Winter. Wir hatten diese Männer um den Lohn eines halben Tages gebracht, in dem ihre Arbeit von Uniformierten unterbrochen worden war – vielleicht schlimmeres noch und der Kahn, der heute von Verzögerungen betroffen war, würde das nächste Mal einen anderen Hafen anlaufen. Ich würde wetten, sie wünschten sich noch so viel mehr als ich, die Schlammsucher hätten den Toten einfach zurück in sein nasses Grab gestoßen. Cyneburg hielt sich jetzt an meiner Seite, ich konnte ihren Pelz gegen den Stoff meiner Hose streifen spüren, einen Moment versenkte ich die Finger in ihrem dichten Nackenfell. Immerhin war der Kai an den Shadwell Docks gut zu kontrollieren und wir mussten wohl nicht mit allzu vielen neugierigen Augen rechnen.
Als wir am Kai ankamen, lag dort bereits der Tote. Einige Polizisten um ihn versammelt, die die wenigen Dockarbeiter zurückhielten, die noch nicht genug gesehen hatten. Einige andere Uniformierte suchten noch das verschlammte Ufer seitlich des Docks nach möglichen Besitztümern des Toten oder anderweitig Verdächtigem ab. Ich ging bis vor an die Kaimauer wagte einen Blick auf das trübe, stinkende Gewässer und die unweit davon arbeitenden Männer. Dann drehte ich mich wieder um, hin zu dem Sergeant neben der Leiche, nahm meinen Hut dabei ab. „Schlammsucher haben ihn vor zwei Stunden gefunden“, wusste der Mann zu berichten. Ich nickte nur. So viel war uns bereits bekannt, ich ging neben dem Toten in die Hocke, um ihn besser in Augenschein nehmen zu können. Hatte man genug Zeit als Polizist in einer Stadt wie London verbracht, die durchzogen war von Flüssen, dann hatte man auch seine Erfahrung mit Wasserleichen. Diese hier war nicht die erste und, so ich es noch eine Weile auf diesen Straßen machte, sicher nicht die letzte, die ich zu sehen bekam, es war also nicht weiter schwer für mich einige Dinge zu erkennen. Die Zeit im Fluss war nicht gerade gnädig zu dem Mann gewesen, die Haut war rau und aufgedunsen, das Alter schwer zu bestimmen dadurch. Jünger als vierzig konnte er jedoch kaum sein. Noch hatten sich keine Teile des Toten abgelöst, seine Kleidung schien noch weitestgehend intakt. Lange konnte er nicht im Wasser verbracht haben. Einen Tag vielleicht, höchstens zwei. Ich betrachtete den Anzug des Kerls, fühlte den nassen Stoff zwischen den Fingern. „Gute Kleidung“, brummte ich an Ardin gewandt. Nichts ausgefallenes, aber in diesem Viertel hier hätte er eindeutig herausgestochen damit. Ich hob die Hand höher, schob die aufgedunsene Oberlippe des Toten ein Stück über den verzerrt geöffneten Mund zurück. Gepflegte Zähne. Ich griff an den gesteiften Kragen des Hemdes, der jedoch bereits ausgeleiert war, mochte es am Flusswasser liegen, aber… Ich hob einen Arm des Toten an, konnte einen Blick auf den Stoff unterhalb des Ellbogens werfen. Die Fasern waren rau und abgerieben, der Stoff zeigte deutliche Gebrauchsspuren. Nicht genug um die Kleidung in ein Armenhaus zu geben, aber eindeutig nichts, das ein edler Herr noch getragen hätte, wenn er etwas auf sich hielt. „Gepflegt, aber abgetragen…“
„Hm“, machte ich nachdenklich auf Otis‘ Überlegungen hin. Ich fragte mich wer das Risiko eingehen würde, Mulligan und seine Division gegen sich aufzubringen. Wäre Jordan ein guter Verkäufer, dann würde er diesen Punkt unter den Tisch fallen lassen. Im selben Moment, in dem ich das dachte, brachte auch Otis das Thema auf. Ich atmete tief ein. „Wenn er schlau ist…“, stimmte ich widerwillig zu und folgte schließlich Rhodes Beispiel, die Reste des Zeitungspapiers auf einem der Wägen der Dustmen verschwinden zu lassen. Ich tippte mir zum Gruß an den Hut bevor wir weiter gingen. Ich kannte den Mann nicht persönlich, dem wir begegnet waren, aber ich wusste, dass Otis viele von ihnen kannte. Und es lohnte sich immer, einem Dustman gegenüber freundlich zu sein. Wir hatten oft genug auf sie zurück gegriffen, bildeten sie doch einen fast alltäglichen Anblick in den Straßen von London wenn sie mit ihren Pferdekarren die Dustholes der Wohnhäuser abfuhren um Asche- und Hausmüllreste einzusammeln, die sie später auf dem Dust Yard sortieren würden. Womöglich hatte Blue Henrick dort auch seine neueste Ladung Silberlöffel erstanden. Die Leute konnten das Geld gebrauchen. Sie machten ihr gutes Geschäft mit dem was die Londoner Haushalte achtlos fortwarfen.
Am Kai war viel los. Nicht zu viel. Aber die Arbeit stand still. Und ich konnte sie regelrecht hören, die Dock Verwalter, wie sie argumentierten Zeit sei Geld und jede Stunde Tatenlosigkeit brächte Unannehmlichkeiten. Und dann würden sie argumentieren, dass sie die armen Männer, die hier standen und zornig drein blickten, nicht würden bezahlen können für Arbeit, die nicht getan war. Und dann würden sie ihre Familien anbringen, die heute Abend würden hungern müssen. Aber sie hätten nicht hungern müssen, wären die Verwalter gewillt gewesen, den Dienstausfall auszugleichen. Nur ein einziges Mal. Messt sie an ihren Taten. Ich hätte gerne ausgespuckt bei dem Gedanken. Aber sie hätten es uns übel genommen, die Arbeiter, die hier warteten und es nicht einsahen dass die Polizei ihre Arbeit aufhielt.
Ich folgte Otis an die Wasserkante, blieb etwas abseits davon stehen um einen kurzen Blick auf unseren Fund zu werfen und mit unseren Leuten zu sprechen. Am Kai lag ein Dreimaster, den sie nicht ins Dock geschafft hatten. Entweder war es voll oder der Kahn sollte bald wieder ablegen. Nicht nur der Zeitplan der Dockverwalter würde sich verschieben. „Coromandel“ konnte ich am Heck die Aufschrift lesen. Der Verladekran ausgefahren zum Kai hin, bereit Waren an Bord zu hieven. Auf dem Deck standen untätig Männer oder hingen an der Reling um zu uns hinab zu blicken. Ich sah einen Moment zurück, bevor ich den Blick zu den Masten hob, zwischen denen die Möwen krächzend ihre Kreise drehten in der Hoffnung auf etwas Essbares, das für sie abfiel. Auf einer der Rahen hatte sich eine Dohle niedergelassen als seien Masten ihr Zuhause. Ich sagte Jackdaw sie sollte auf sich Acht geben, wandte dann den Blick ab und sah zu Otis, der das Gebiet um das Kai mit den Augen absuchte. Vorspringende Stirn und große Nase gegen das Londoner Grau. Es wäre ein Bild wert gewesen.
„Zwischenfälle?“, fragte ich unseren Sergeant knapp als Otis sich bereits über die Leiche beugte. „Keine, Sir. Die Jungs haben aufgepasst diesmal.“ Ich nickte knapp, zufrieden mit der Antwort und ließ den Blick noch einmal über die Gesichter der Arbeiter gleiten. Letztes Mal hatte ich unserem Sergeant die Hölle heiß gemacht als es einen Vorstoß von wütenden Anwohnern hin zur Leiche gegeben hatte. Sie hätten uns den Toten beinahe in Stücke gerissen. Ich senkte den Blick auf den Angeschwemmten. Seine Augen waren geschlossen, aber seine Züge wirkten seltsam verzerrt. Seine Haut war blass und aufgeschwemmt, sie machte den Eindruck mehr aus Wachs zu bestehen als aus Fleisch. Ich fragte mich, welcher Fisch hungrig genug war, noch eine Wasserleiche anzufressen. Jedes Mal. Aber die Biester waren nicht wählerisch.
Gute Kleidung. Ich sah zu Otis. Die Brauen ernst zusammen gezogen. Hatte es uns am Ende eine Lordschaft vor die Füße geschwemmt? „Mindestens vom West End angespült.“, antwortete ich trocken. Hob dann den Blick um nachdenklich auf den Fluss hinaus zu sehen. Möglich wäre es. Das Wasser der Themse war kalt zu dieser Jahreszeit. Dann blieben sie länger unten. Aber die Strömung des Flusses sorgte in der Regel dafür, dass sie schnell genug an einem Ufer aneckten und damit doch wieder an die Oberfläche gerieten. Wenn sie hoch kamen. Es musste genug arme Teufel geben, die für immer dort unten geblieben waren. Es hätte zwei Tage dauern können bis dieser hier vom West End angekommen war. Bei ablaufendem Wasser ging es schneller. Fragte sich wann er wo festgehakt war. Das machte die Sache Variabel. Es war Nachmittag, gerade stand die Flut im Fluss. Vermutlich hatte sie unseren Freund an Land getragen. „Ein, zwei Tage.“, teilte ich meine Vermutung knapp mit Otis.
Aber die Feststellung, die er am Ärmel des Toten machte war… schwierig. Keine Lordschaft. Eine Lordschaft hätte keine abgetragene Kleidung getragen, vorher hätte sie sich erhängt. Aber Dienstboten pflegten die Kleidung ihrer Herren weiterzutragen. Kurz zog ich die Mundwinkel an. „Bediensteter?“ Ich zog die Hände aus den Manteltaschen und ging am Kopfende des Toten in die Hocke, klappte mit der Hand den Kragen des Mannes um, auf der Suche nach einem Emblem oder einer Aufstickung. Nichts. „Tascheninhalt, Sergeant?“, fragte ich knapp, ohne aufzusehen. „Eine Taschenuhr, Sir.“ Ich klappte den Kragen wieder um. „Graviert?“ Unwahrscheinlich, aber möglich. „Bitte, Sir?“ – „Spreche ich Kisuaheli?!“, fuhr ich den Sergeant ungeduldig an und sah ungehalten zu dem Mann hoch. „Ist die Taschenuhr graviert?“, wiederholte ich meine Frage für Dumme. „Nein, Sir.“, gab der Sergeant unter tapferer Disziplin zurück, aber ich sah die Wut regelrecht unter seiner Haut schwelen. War mir ganz recht so. Dann hatte der Mann wenigstens etwas zu tun. Ich senkte den Blick wieder auf das Gesicht des Toten, betrachtete es einen Moment nachdenklich. Wäre auch zu schön gewesen, hätte es so einen einfachen Hinweis gegeben. Ich stand wieder auf.
„Abtransport?“, fragte ich knapp an Otis gewandt, bevor ich den Blick noch einmal kritisch über das Kai wandern ließ. Besser wir forderten unser Glück nicht zu lange heraus.
Womöglich vom West End angespült. Ich hob den Blick kurz zu Ardin, nickte. Ja, das klang plausibel. In einem oder zwei Tagen. Je nachdem welchen Weg unser Flusstote genommen hatte. Ob er sich unterwegs irgendwo zwischen Schutt verklemmt hatte, bevor er uns hier so treffend vor die Haustüre gespült worden war... Diese verfluchten Schlammsucher. Ein Bediensteter. Ich hatte den Blick schon wieder auf die Leiche gesenkt, gab jedoch ein zustimmendes Brummen von mir. Das wäre auch meine Vermutung gewesen. „Einer von den Höhergestellten. Gutes Haus“, spekulierte ich weiter. Kaum irgendwo gab es eine schärfer Hackordnung, als unter den Bediensteten eines Londoner Haushaltes. Eiferten dem Statusbewusstsein ihrer feinen Herren nach und gerade in einer Stadt wie dieser war gute Anstellung schwer zu finden und der Verteidigung wert. Wer auch immer unser Flusstoter gewesen war, aber das Privileg solch feine Kleidung zu tragen, und sei sie abgetragen, kam nicht von ungefähr. Ich griff dem Mann an den Kragen, fuhr mit dem fort, was ich ursprünglich vor gehabt hatte und drückte den gesteiften Stoff etwas zur Seite. Keine Strangmale, die auf eine Erdrosselung hingedeutet hätten, keine Stichverletzung am Hals. Cyneburg machte mich auf etwas aufmerksam. Ich wandte den Blick hin zum Bein des Toten. „Hat ihn wohl was gebissen“, meinte ich, deutete auf eine Bisswunde am Bein. Sehr wahrscheinlich irgendein tollwütiger Köter, wie mir einer auf Schritt und Tritt folgte – wäre ich auch in den Fluss für gesprungen. Aber ein Biss ins Bein hatte den Mann kaum umgebracht. Wir hatten also keinen Anhaltspunkt, warum der Tote hier vor uns lag. Abgesehen von der naheliegenden Vermutung. Ich presste den Kiefer zusammen, den Blick weiter auf die Leiche gesenkt, als könne mir die Ursache des Todes doch noch entgegenspringen, während Ardin den Sergeant ausfragte. Eine Taschenuhr war bei dem Flusstoten gefunden worden. Verdammt, wir mussten es mit wahren Heiligen unter den Schlammsuchern zu tun haben, wenn sie sogar der Versuchung widerstanden hatten, den Toten um eine solche Kostbarkeit zu erleichtern. Selbst wenn die Taschenuhr uns scheinbar keine weiteren Informationen einbrachte – es wäre auch zu schön gewesen.
Ardins Frage riss mich aus den Gedanken, brachte mich zurück in die Realität, in der ich noch immer vor einem Toten hockte und ihn mit trüben Blick anstarrte. Ich blinzelte, schluckte trocken und stand dann auf, setzte den Hut wieder auf, nickte dabei noch etwas fahrig. Mein Blick ging kurz über die Umgebung, bevor ich mich an die umstehenden Männer wandte. „Hängt eine Zelle in der Leman Street mit Laken ab und schafft ihn da rein, der Schröpfer soll ihn sich ansehen“, gab ich die Anweisung. Der Schröpfer hieß eigentlich Dr. Ellen und war ein Arzt, der in Whitechapel praktizierte. Mit geringer Reputation nahm er es laut eigener Angabe nur deshalb von den Lebenden, weil die Toten so schlecht zahlten. Doch letztendlich hatte der findige Geschäftsmann auch dafür eine Lösung gefunden: inzwischen ließ er sich auch die Toten zahlen, in dem er die meisten Totenscheine in ganz Whitechapel ausstellte und ab und an – und für gutes Geld – seine Meinung über eine Leiche der H Division kund tat, wenn die Todesursache nicht von außen ersichtlich war. Mein Blick wanderte über die Männer, bis ich den Bibelkreis-Bub entdeckte. „Oh, und Constable, Sie werden den Mann ausziehen und waschen, den Gestank kann man ja nicht einmal den Gefangenen antun.“ Es war ausgerechnet der Sergeant, der daraufhin ungeniert zu Lachen begann, mein Blick traf ihn. „Wundervoll, Sergeant Abney, Sie werden den Constable bei seiner Arbeit unterstützen“, gab ich ihm die prompte Anweisung und etwas in meinem Blick schien ihn davon abzuhalten auszusprechen, was ihm so offensichtlich auf der Zunge lag, nachdem er in so kurzer Zeit bereits den zweiten Schlag von einem Inspector erhalten hatte. „Blair, Sie übernehmen für diese Zeit die Aufgaben des Sergeants.“ Blair war ein stämmiger Constable, verständig und mit hoher Eignung für die Polizeiarbeit, eine Beförderung war für ihn nur eine Frage der Zeit - und der Gelegenheit sich derer zu beweisen. Und mit etwas Glück würde diese Beförderung für ihn und seine Familie den Weg raus aus Whitechapel bedeuten. Ich würde es seinen Kindern gönnen an einem anderen Ort aufzuwachsen und wenn ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dass der Mann verdienterweise dem Superintendant ins Auge fiel, dann war ich gerne dazu bereit.
Ich beobachtete Otis dabei, wie er aufstand und den Blick wandern ließ als wäre er aus einem dieser Träume erwacht, die mich heimsuchten, wann immer ich die Augen schloss. Mein Blick wanderte weiter zu Cyneburg, die dicht bei ihm stand. Dichter als sonst. Ich sah fort. Hörte wie Rhode Anweisungen an die Constables und unseren Sergeant gab. Und hörte es auch wieder nicht. War es die Müdigkeit, die in meinen Schädel kroch? Oder war es die Art wie Cyneburg ruhig an Otis‘ Seite stand. Ich zog rüde die Nase hoch und wandte mich ab als die Constables mit ihrer Arbeit begannen. Hob den Blick ein letztes Mal zu den Rahen der Coromandel, sah dann über die Reihen bulliger Dockhäuser, während ich mich auf den Weg machte. Die Constables würden den Pferdewagen nehmen, um die Leiche zu transportieren. Wir würden zu Fuß gehen. Und ich war froh darüber.
Jackdaw brauchte kein Wort von mir, um zu wissen, dass es Zeit zum Abflug war. Sie löste sich über mir aus der Takelage des Dreimasters, ließ die kreischenden Möwen hinter sich und flatterte voraus in die Nightingale Lane, ausnahmsweise respektvoll Abstand haltend, wie ich es ihr immer wieder predigte.
Finstere Laune hing in meinen Gedanken als wir uns auf den Weg zurück in die Leman Street machten und ich konnte nicht sagen weshalb. Ich hatte kein Wort mehr an unsere Constables verschwendet. Otis hatte alles gesagt was es zu sagen gab. Und mehr. Hatte sich sogar der Personalbeförderung gewidmet als wollte er mir vor die Nase halten, dass ich mich um solchen Dreck nicht scherte. Tat ich nicht. Hauptsache einer war da, der die Arbeit machte. Sollte er sich um derlei Dinge kümmern. Ich hatte besseres zu tun. Nicht dass es Abney nicht verdient hätte, an die Leine genommen zu werden. Mich störte, dass es gerade jetzt hatte sein müssen. Mich störte überhaupt, dass sich Otis so leicht an unserem Sergeant verging, in einer Situation, in der die Augen der Dockarbeiter auf uns gelegen hatten. Hätte er das in der Leman Street gebracht, wäre es das eine gewesen – neue Kerbe im Schreibtischbein – aber hier draußen? Mich störte fast noch mehr, dass Cyneburg so nah bei ihm gestanden hatte. Verdammt, wie mich das störte…
Wütend stiefelte ich vor mich hin und versuchte meine Gedanken mit unserem frisch angeschwemmten Toten abzulenken. Presste die Kiefer aufeinander und ließ den Blick über die Bürofenster wandern, die zur Straßenseite hin gingen. „Wenn er ein Bediensteter ist, gibt es eine Lordschaft, die ihn vermisst.“, stellte ich wortkarg und nüchtern fest.
Wir ließen die Docks hinter uns auf dem Weg zurück in die Leman Street. Ich war fast dankbar, als Ardin irgendetwas sagte und mich davon abhielt zurück in Gedanken zu versinken, selbst wenn es einen Augenblick brauchte, bis ich die Worte verarbeitet hatte. Ganz als wären sie unterbewusst doch da, die Gedanken, lähmten meine Auffassungsfähigkeit. Ich rieb mir unwirsch mit dem Handgelenk über die Augen. Ein Bediensteter. Ein Herr der ihn vermisste. Ich hätte Cyneburg beinahe dafür geschlagen, dass sie mir auf die Sprünge half. Dummes Ding. Überhaupt, dass sie nicht ein bisschen mehr Abstand hielt. Sollte sie doch Tauben jagen oder weit voraus streunen, wie sie es sonst so häufig tat. „Anzunehmen“, antwortete ich unwirsch, nur um endlich irgendetwas geantwortet zu haben. „Wir sollten uns informieren, welche Haushalte Bedienstete vermissen.“ Die meisten Butler führten da ein striktes Regiment, schon eine Nacht ohne Genehmigung außer Haus konnte unter Strafe stehen und hielt die Abwesenheit länger an, schien es ihnen ein ganz besonderes Vergnügen das an die große Glocke zu hängen. In diesem Fall könnte uns das ausnahmsweise von kostbarer Hilfe sein.
„Könnte was bei rausspringen, wenn es so ist“, fügte ich überflüssigerweise hinzu. Das tat es immer, wenn die bessergestellten Schichten involviert waren. Aber es bedeutete auch einen Mehraufwand. Und das Risiko, dass wir am Ende einer falschen Spur folgten oder trotz der richtige Spur auf Granit bissen. Zwar waren die meisten vornehmen Häuser spendierfreudig, wenn sie dafür einem Skandal entgingen. Wenn ein verschwundener Bediensteter einfach verschwunden blieb und nicht tot im East End angeschwemmt wieder auftauchte. Egal wie es dazu gekommen war, sich das Geschwätz für eine bescheidene Summe ersparen zu können, war für die Meisten eine verlockende Aussicht. Aber es gab auch die anderen. Unverbesserliche Verbesserer oder jene, deren Ruf bereits verloren war oder die sich gar an dem Geschwätz erfreuten. Ersteren konnte man immerhin noch eine exklusive Aufklärung der Todesumstände verkaufen. Letztere waren da schon deutlich unangenehmer. Aber diese Dinge waren am Ende doch wieder an die Lage des Falls geknüpft. „Je nach dem was dahinter steckt.“ Was und wer zum Tod des Mannes geführt hatte. Oder ob er selbst das gewesen war. Mein Blick schweifte wieder ab.
“Mhm.“, bestätigte ich Otis‘ Vorschlag und seine Feststellung während wir uns durch den Verkehr arbeiteten, der in Richtung der Hauptstraße immer dichter wurde. Und ohne Cyneburg, die voraus trabte, war es deutlich schwieriger, sich einen Weg zu bahnen. Ich würde Otis nicht darauf hinweisen. Noch schien er seine Sinne immerhin genügend beisammen zu haben um mitzudenken. Aber ich würde das beobachten. Was hatte es auch ausgerechnet ein Angeschwemmter an der Themse sein müssen?! “Es war kein Selbstmord.“, stellte ich fest, den finsteren Blick voraus gerichtet und damit beschäftigt Slalomlaufen mit menschlichen Hindernissen zu veranstalten. Jackdaw gackerte schon schadenfroh über mir während sie die Ränder einer Regenrinne entlang wackelte.
Es war keine Feststellung, es war eine Schlussfolgerung. “Wenn du gebissen wirst hast du Schmerzen. Die wenigsten bringen sich um wenn sie kurz vorher noch Schmerzen erleiden. Schmerzen bringen dich dazu zu merken, dass du am Leben bist. Zumindest wenn du nicht schon komplett durchgedreht bist. Und die Kleidung. Die hätte er abgelegt. Um seinen Herrn nicht in Verruf zu bringen.“ Mein Ton war sachlich aber forsch. Jackdaw beglückwünschte mich bereits zu diesem präzisen Griff in Rhodes Eingeweide. Dabei war das nicht mein verdammtes Ziel gewesen. Nicht dieses Mal. Ich wünschte diese Dohle zum Teufel und spann den Gedanken weiter. “Der Schröpfer soll sich den Biss ansehen. Wenn es ein großer Hund war, dann hat das vielleicht jemand gesehen.“ Als wäre Otis mein Sergeant. Aber er würde sich ja doch darum kümmern. “Die Zeitungen. Vermisstenmeldungen. Die könnten was wissen.“, stellte ich weiter finster meine Überlegungen an. Als sei es etwas schlechtes einfach mal die Klappe zu halten. “Am besten die aus dem West End. Wir könnten mit Westminster beginnen. Dürfen nur nicht dem Yard in die Arme laufen, könnte sein, dass Mulligan sonst wieder Herzrasen bekommt.“ In diesem Moment hätte ich mich über dieses Ereignis sogar gefreut. In irgendetwas meine Zähne schlagen und nicht mehr loslassen, danach wäre mir gewesen. Nicht wie dieser Hund, der unseren Toten gebissen hatte. Mochte sein, dass ich Abney kurz zuvor ebenfalls einen Schlag versetzt hatte, aber das war verdammt nochmal etwas anderes wenn Otis das tat kurz nachdem er sich über einen in der Themse ertrunkenen gebeugt hatte. Besser wir konzentrierten uns auf Mord. Und bei Satan, wenn der Schröpfer keine unnatürliche Todesursache fand, dann knüpfte ich ihn am Zellenfenster auf.
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