Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Und da war sie wieder, Ardins unsägliche Wut und ich schwieg müde dagegen an. Was wollte James von mir? Dass ich ihm sagte, dass alles ein Fehler gewesen war? Dass ich mit ihm die schönsten Visionen heraufbeschwor, die hätten sein können, wenn wir damals nur mit der Waffe in der Hand über unsere Familien gewacht hätten wie die strahlenden Helden eines Märchens? Für was denn? Ja, mit dem heutigen Wissen, mochte das damals ein Fehler gewesen sein – selbst wenn ich mir nicht sicher war, ob eine andere Entscheidung uns denn zu einem besseren Schicksal hätte führen können. Aber dieses Wissen hatte ich damals nicht gehabt. Diese Entscheidungen damals, und darauf musste ich mich verlassen, die hatte ich mit meinem besten Gewissen getroffen. Die würde ich heute unter denselben Bedingungen und ohne die Konsequenzen sehen zu können, genau so wieder treffen. Denn, ja, ich konnte heute kaum mit dem leben, was ich damals aus gutem Grund getan hatte. Aber wenn ich jetzt auch noch begann die Entscheidungen, die damals zu diesem Handeln geführt hatten, anzuzweifeln, dann würde mich das endgültig um den Verstand bringen. An der Schuld meiner Taten konnte ich zerbrechen, aber mir zu überlegen was hätte sein können, wäre ich nur in eine andere Richtung gegangen, das hatte jetzt keinen Zweck mehr. Das wäre mein Ende und das wusste ich. Dass ich es doch irgendwie tat, lähmte mich bis in die tiefen Fasern meines Selbst. Das Wissen, dass es irgendwo unter all den Möglichkeiten, wie ich am Ende doch hätte anders entscheiden hätte können, auch eine Handvoll geben musste, so unwahrscheinlich, so unmöglich aus damaligen Wissen sie auch waren, bei denen Judith und mein Junge unversehrt hervor gegangen wären. Ich hätte kaum sagen können, wie sehr ich Ardin dafür hasste, das er das gerade jetzt tun musste und mir dann auch noch wütend war, wenn ich nicht mit ihm in dieselbe blutende Kerbe schlug. Ja, verdammt, mochte ich schicksalsergeben sein, aber immerhin war ich kein verfluchter Träumer.

Aber ich war müde, viel zu müde um auch nur ein Wort davon auszusprechen. Ich war Ardins Hass müde, ich war meinem eigenen Hass so unendlich müde. Ich war müde zu kämpfen und wusste doch gleichzeitig, dass das war, als würde ein Bäcker sagen er wäre des Mehlstaubs müde. Und wusste ich nicht, was mit einem Rennpferd geschah, das des Rennens müde war? Ich würde kämpfen müssen, um zu tun was nun mal meine Arbeit war. Ordnung zu wahren, die guten Menschen zu schützen. Dabei wusste ich, dass es eben diese Menschen waren, die mir sagen würden, dass ich meine Nase aus ihren Angelegenheiten fern halten sollte. Und hatten sie nicht jedes Recht dazu? Sicherlich, ohne Regeln und ohne den, der dafür sorgte, dass eben jene Regeln eingehalten wurden, lebten Menschen schlimmer als die Tiere. Sie waren gierig, missgünstig und von ihrer eigenen Lust der Befriedigung gesteuert. Sie taten selten was gut für sie war, noch viel weniger was gut für ihren Nächsten wäre. Darüber mussten wir nicht diskutieren. Aber wer wäre denn in der Lage gewesen zu entscheiden, was gut für sie war? Welche Regeln sie zu befolgen hatten? Menschen, die nicht besser waren als sie selbst? Während meiner Tage in der Bow Street hatte ich das Verbrechen in jeder Schicht unserer Gesellschaft erfahren, allgestaltig, in all seiner Brutalität, es gab keine besseren oder schlechteren Menschen. Höchstens mächtigere, einflussreichere und weniger mächtige. Sollten diese Menschen, nur weil sie einer höheren Schicht angehörten, nur weil sie sich selbst als moralisch rein bezeichneten, entscheiden dürfen an welche Regeln sich der Rest von uns zu halten hatte? Sie oder ein Gott, der sich so wenig um uns scherrte?

Und da fragte Ardin mich, was wir hier taten? Was hatten wir denn je getan?

Ben regte sich einmal mehr im Schlaf, als Ardins Faust auf die Tischplatte traf, aber am Ende schlief er so tief und unbesorgt weiter, wie zuvor. Ich strich meinem Jungen sacht über den Rücken. Wir konnten die Zeit nicht zurückdrehen. So war es nun einmal. Aber was wir hier taten…? Wer wusste das schon. Aber wer hatte das je gewusst? Vage lag mein Blick auf Ardins Faust, die Faust, die er eben noch gegen die Lippen gepresst hatte, wie ein Kind, das sich vor dem gesichtslosen Monster im Dunklen fürchtete.

Und dann kamen die leise versiegenden Worte.

“Wenn du wenigstens sagen könntest, es hätte sich gelohnt…“

Nicht länger man.

Nicht länger wir.

Du.

Meine blanken Hände lagen um Ben. Der lebte, der atmete. Aber der mir schon so bald nicht mehr gehören würden, der einer ungewissen Zukunft in den Diensten des Teufels entgegen ging. Aber noch, noch war er ein Junge. Ein Junge, der es verdient hatte, die Tage, die ihm blieben ein gutes Leben zu führen. Ich konnte nicht sagen, dass es sich gelohnt hätte, aber ich konnte deswegen nicht  aufgeben. Er war alles, was ich hatte. Hatte Ardin mir das nicht Tag für Tag gesagt? Kümmer dich um den Jungen, weil er alles ist, was du noch hast. Weil sich nichts ändern lässt, an dem was passiert ist. „‘Ist wie es ist“, brachte ich so heiser hervor, dass die Worte beinahe in meiner aufgerauten Kehle hängen blieben. „Wir können nur irgendwie weiter machen, wie wir es immer haben, oder?“ Ich sah auf, hin zu Ardin und meine Augen brannten schon wieder unsäglich. Es gab ihn nicht den Weg zurück, dessen waren wir uns einig. Es gab ihn nicht, den großen Lohn unserer Taten. Keinen Preis, um den es sich gelohnt hätte, das wir so viel geopfert hatten. Nicht für mich. Und selbst Ardin, im Kreise seiner Familie, was hatte er schon gewonnen? Aber noch hatte er eine Familie. Noch hatte ich Ben. Wie hätten wir etwas anderes tun können, als weiter zu machen? Egal was es kostete, egal wie wenig höheren Zweck es auch erfüllte. Es gab nicht anderes als unser Leben, egal wie hässlich. Es gab nichts anderes als es irgendwie weiter zu leben.


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