In Ardins Haltung lag nicht einmal mehr die Freude des Hohns, da war nur noch die reine unmittelbare Verachtung. Aber das war nicht das Problem. Wenn mir die letzten Monate eines gelehrt hatten, dann dass weder Ardin noch irgendjemand auf diese Welt oder darüber hinaus mich je so hätte verachten können wie ich selbst das tat. Es hatte etwas unerwartet Tröstliches an sich jede Kraft für Selbstachtung verloren zu haben. Ich war nicht länger auf dem aufsteigenden Ast, jede Zukunftschancen, jede hohen Erwartungen an meine Karriere bei der Met Police oder sonst wo, die noch zu Beginn diesen Jahres in mir gebrannt hatten, sie waren so vergangen wie aus einem anderen Leben. Ich hing längst hinter Ardin zurück wie ein lahm gewordener Gaul. Selbst wenn – doch nicht einmal diese Erkenntnis konnte mir noch irgendeine Genugtuung geben – Ardin scheinbar, ganz ohne meine Schicksalsschläge erlitten zu haben, nicht viel besser im Rennen stand als ich. Sicherlich, James gab mir die Schuld an seiner Lage, aber waren wir einmal ehrlich: Hätten unsere Vorgesetzten so viel mehr Potential in dem großen Ardin James gesehen, dann hätten sie nichts auf mich oder meine wie auch immer geartete Verbindung zu James gegeben. Dann hätten sie ihn irgendwo auf die grüne, saftige Wiese eines sauberen, prestigereichen Distrikts gesetzt und aus der Hand gefüttert, statt ihn mit einem Arschtritt zu mir in die H Division zu befördern, einzig und allein weil ich keinen guten Namen mehr hatte und keine Leistung mehr erbrachte. Doch es brachte mir keinen Triumph mehr ihm das unter die Nase zu reiben. Aufgrund der tiefen Verbitterung in Ardins Tun, fragte ich mich ohnehin, ob an seinem Selbstwert nicht derselbe hässliche Verdacht nagte. Aber sollte James doch brüllen und fluchen und um sich schlagen, es gab nicht ein Wort, das ich mir nicht selbst schon schärfer vorgeworfen hätte, nicht einen Schlag, den ich mir nicht selbst härter verpasst hätte. Nicht einen Moment wäre mir in den Sinn gekommen Ardin davon abzuhalten und auch jetzt empfand ich nichts als die Bestätigung meiner eigenen Wahrnehmung dabei. Ich senkte den Blick langsam, als Ardin ihn abwandte.
Es war Margory, die mir Antwort gab, ganz wie ich erwartet hatte. Ihre schlanken, fast zerbrechlichen und doch so kraftvollen Finger wanderten über den Tisch hinweg, baten nach den meinen, doch ich konnte sie nur anstarren, während sie sprach. Während sie sich für meinen Jungen aussprach. Meinen Jungen, der an all dem nicht noch mehr Schaden davon tragen sollte. Und dem sie ein Heim und eine Bleibe geben wollte. Ich presste die zitternden Lippen zusammen und hätte ich nicht zuvor geheult bis auf den letzten Tropfen meiner Tränen, dann hätte ich es jetzt vor Erleichterung getan. Ich konnte Margory kaum ansehen dabei, starrte nur immer fort auf ihre Hand und griff jetzt doch danach, heftig und ungelenk wie ein Ertrinkender nach dem letzten Zweig. Bereits im nächsten Augenblick hätte ich sie am liebsten wieder losgelassen als hätte ich mich verbrüht. Gleißender Schmerz explodierte bis in die letzte Faser meines Körpers, zentrierte sich hinter meinen Schläfen. Ich konnte spüren wie die Realität mir wie Wasser durch meine hohle Hand schlüpfte, das Bild einer warmen, aufgeräumten Küche vor meinen Augen schwand. Ich war klein, so unsagbar klein. Hunger und Angst krümmten meinen Körper vor Schmerz, mehr noch als ich sie je hätte empfinden können. Es waren der Hunger und die Angst eines kleinen Mädchens. Ein Mädchen ausgelaugt von zu vielen Stunden der Arbeit, eingepfercht zwischen unzähligen Leibern in einem dunklen, klammen Raum.
Das Bild verschwamm wieder vor meinen Augen und ich starrte Margory jetzt an. Fassungslos, mit aufgerissenen Augen. Ich wusste, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen kam, aus einer Costers-Familie, halb auf der Straße aufgewachsen. Ich wusste wie leicht unsere hohen Herren – deren Willen ich so häufig durchzusetzen hatte – eben jene, die ihr Leben auf der Straße verdingten als Taugenichtse abtaten, sie in die Mühlen von Zucht- und Arbeitshäusern zwangen. Ich hatte nicht geahnt, dass Margory diese Hölle in jungen Jahren erfahren haben könnte. Ich senkte den Kopf beschämt davon, dass sie diese Erinnerung so unfreiwillig mit mir geteilt hatte. Ich wollte die Hand zurückziehen, während die Schmerzen weiter dumpf hinter meinen Schläfen hämmerten, aber sie hielt sie weiter fest, drückte sie leicht. Und ich wusste, dass sie nicht wissen konnte, was eben geschehen war. Welchen Blick in ihre Vergangenheit, ihr privates Innerstes sie mir unwillentlich gewährt hatte. In all meiner Dreistigkeit in der ich hier bereits saß, in dem ich ihren Schlaf störte, ihren Tee trank und ihr als Krönung meinen Jungen unterschob. Wie wenig ich es verdient hatte, dass sie mir auf diese Art trotz allem das Gefühl gab als sei es in Ordnung. Ihre Worte klangen in meinen Ohren wieder, mir solle kein Leid mehr geschehen – meine Mundwinkel zuckten sacht in die Höhe. Nicht einmal meine eigene Mutter hatte mich je so liebevoll belogen. „Danke“, brachte ich kaum hörbar vor Heiserkeit hervor. So klein und so schlicht dieses Wort auch war. So wenig es auch ausdrücken konnte, was ich im Angesicht ihrer unendlichen Güte empfand. Ich zwang mich wieder aufzusehen, nickte ernst und nahm nun endlich meine Hand zurück, legte sie wieder um meinen schlafenden Jungen, sah wieder hinab auf ihn, der noch nicht wusste, welche Zukunft ihn erwartete und lächelte für einen kurzen Moment, überwältigt von der unverhofften Sicherheit, dass immerhin seine unmittelbar nächsten Tage Gute werden würden.
Irgendwann war Margory ins Bett gegangen. Sie hatte uns gesagt, dass wir Ben ins Kinderzimmer bringen konnten, wann immer wir mochten, und dass Otis bleiben konnte, solange ihm danach war. Sie hatte auch gesagt wo die Suppe zu finden war, für den Fall dass die halbe Tasse nicht genug gewesen war um Otis‘ Wunde zu schließen, und zum ersten Mal seit langem hatte sie nichts darüber gesagt, dass ich am Tisch sitzen blieb während sie in unsere Schlafkammer verschwand.
Da saßen wir nun. Allein zurück geblieben. Otis mit seinem schlafenden Jungen auf dem Schoß, ich mit den Händen auf dem Tisch verschränkt, den Blick auf die flackernde Kerze auf dem Tisch gerichtet, bis sie vor meinen Augen ihre Form veränderte um zur sich windenden Schlange zu werden. Es war still geworden mit einem Mal. Die Ruhe nach einem Sturm. Weil wir uns anschwiegen. Und es störte mich kein bisschen, dass es so war. Ich wollte nichts daran ändern.
Irgendwann stand ich doch auf, ging um den Tisch herum und goss mir den Rest Tee in eine Tasse. Jackdaw flatterte von meiner Schulter, um ein paar Schritte über den Tisch zu machen und dann ihren Weg zu Cyneburg zu finden. Bentley war Margory in die Kammer gefolgt, vermutlich um der Gesellschaft in der Stube zu entgehen und ich konnte ihn verstehen.
Mit der Tasse in der Hand kehrte ich an den Tisch zurück, setzte mich und stellte sie vor mir ab, ohne sie weiter anzurühren. Ich wusste nicht was ich Otis sagen sollte. Er saß dort in Eintracht mit seinem Sohn, ich hätte nur gestört. Und doch war ich hier. Nein, Otis war hier. Dass ich hier war, das war normal. Er war in meine Nachtwache eingedrungen, nicht andersherum. Ich hätte hinaus gehen und ein wenig herum wandern können, wie ich es vor dem Umzug getan hatte. Aber das hier war Whitechapel, da war man nachts besser nicht auf der Straße. Mochte die Gesellschaft drinnen noch so schlecht sein.
Ich hätte nach dem fragen können, was in dieser Wohnung in Whitechapel passiert war. Aber sie lag in Whitechapel. Mehr gab es dazu scheinbar nicht zu sagen. Es wäre mühselig gewesen, noch einmal von vorne damit zu beginnen. Also schwieg ich. Ich musste an Margorys Wärme für Otis denken. An die Art wie sie mit ihm umgegangen war, obwohl sie all das wusste. Über ihn. Ich hätte ihre Entscheidung in dieser Hinsicht nicht in Frage gestellt. Aber sie war verwunderlich für mich. Immer und immer wieder. All das Vergeben, all das Verzeihen. Man hätte meinen können, ich hätte mich daran gewöhnt nach all der Zeit. Ich hatte es nicht. Manchmal störte es mich sogar. Die Art wie sie nach Otis‘ Hand gegriffen hatte, wie eine Einladung unter Freunden. Es war fast anständig gewesen wie Otis zurück gezuckt war nachdem er ihre Hand berührt hatte. Dieser Reflex, die Berührung zu scheuen. Ich hatte das schon öfter bei ihm gesehen. Wahrscheinlich hatte nicht einmal das noch etwas mit Anstand zu tun.
Ich hatte beschlossen, nicht danach zu fragen. Einfach zu schweigen. Wenn nötig bis die Sonne aufging. Aber mir fielen bald die Augen zu. Es war nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, in dem sich mit einem Mal meine Augenlider schlossen, aber es war eine Qual sie wieder zu öffnen. Als hätte sie jemand mit Mörtel verklebt. Schon spürte ich wie mich der Sog ergreifen und mit sich in die Tiefe reißen wollte. Heftig kämpfte ich dagegen an, von der Furcht gepackt, öffnete die Augen weit. Ich versuchte mich wieder auf die Kerze vor mir zu konzentrieren, aber ich konnte sie nicht klar fokussieren. Es war als wäre sie doppelt da. Und dann sprach ich doch. Sagte irgendetwas, das mir gerade in den Sinn kam. Nur um zu reden. Nur um meine Sinne abzulenken, sie wach zu halten. Mich an der Realität festzuklammern, weil es nur so irgendwie vorbei gehen würde. “Du hast etwas gesehen.“, vermutete ich tonlos, mit müder Stimme. “Als du Margorys Hand genommen hast.“ Ich hatte nicht darüber reden wollen, aber es war das erste was mir in den Sinn gekommen war. Vollkommen absurd und doch das einzige was ich sagen konnte. Träge hob ich den Blick um Otis Gesicht im Halbdunkel zu suchen, irgendwie meine Augen auf ihn zu konzentrieren. Vielleicht war es besser, etwas anzusehen, das weiter entfernt von mir lag. “Oder?“
“Du hast etwas gesehen.“ Ich schreckte nicht zusammen, als die Worte erklangen und doch kamen sie so unerwartet nach der lange Stille, dass mein Kopf verwundert höher ruckte, dass ich einen Moment benötigte, den Inhalt zu begreifen. Aber ich begriff schneller als mir lieb war, auf was James anspielte, bei den Kopfschmerzen, die noch hinter meinen Schläfen pochten. “Als du Margorys Hand genommen hast. Oder?“ – „Tut mir Leid“, war es mir so unsagbar schnell und betreten über die Lippen gerutscht. Gehetzt wie ein Hase auf der Flucht. Wie ein Reflex. Als hätte James mich bei etwas Unanständigem erwischt, das mir selbst bereits die Schamesröte ins Gesicht trieb. James. Ausgerechnet James. Seit wann entschuldigte ich mich bei James? Mein Kopf ruckte noch ein wenig höher, als ich ihn jetzt ansah. Fast überrascht über meine eigenen Worte. Den Fehler bemerkend, während ich ihn so ansah. Weil wir uns nicht beieinander entschuldigten. Nie. Schon aus Prinzip. Und doch konnte ich es jetzt nicht mehr zurücknehmen, den Blick seiner dunkelbraunen Augen auffangend, die fast schwarz wirkten im düsteren Licht der Kerze. „Tut mir leid“, sagte ich schließlich noch einmal. Langsamer dieses Mal. Ich meinte es ernst. Und es ging nicht um James dabei. Es ging um seine Frau. Also konnte es mir leid tun. Sollte es mir leid tun. Durfte ich das ausdrücken. Selbst vor James. Immerhin war es seine Frau. Und was immer er tun musste um meine Übergriffigkeit zu sühnen, er sollte es verdammt nochmal tun. Mein Blick glitt ab, mitten in das Licht der Kerze, das grell war, gegen die Düsternis an die sich meine Augen gewöhnt hatten. Ich blinzelte. „Ich kann es immer noch nicht kontrollieren“, sagte ich dann nüchtern und ein wenig spürte ich den alten Widerwillen dabei, von dem ich wusste, das ich ihn einst gespürt hatte, wann immer ich gezwungen war eine Unzulänglichkeit gegenüber James einzugestehen. Und ich wusste selbst nicht, warum ich das tat. Denn es machte nichts daran besser. Im Gegenteil. Ich wusste, dass diese Dinge geschehen konnten und ich keine Kontrolle darüber hatte und hatte die Berührung dennoch zugelassen. Ich sah wieder auf, zu Ardin. Die Lichtflecken tanzten vor meinen Augen und ich konnte ihn nur undeutlich erkennen.
„Du auch nicht?“, fragte ich und eigentlich war es mehr eine Feststellung. Weil James, mir wenn dem so wäre nicht mitten in der Nacht angezogen die Haustüre geöffnet hätte. Weil nicht einmal James die Nacht mit mir hier verbracht hätte, als befürchte er ich könne mich klammheimlich mit dem nichtvorhandenen Silberbesteck – ausgenommen Löffel – aus dem Staub machen. Vielleicht hätte er mir am Morgen die Taschen durchsucht, aber er hätte nicht hier gesessen. Mitten in der Nacht. Um am nächsten Morgen wieder mit Ringen unter den Augen und reizbarer als all die Jahre in denen er und seine Frau sich in frommer Enthaltsamkeit geübt hatten in der Wache zu stehen. Nicht wenn ihm der Schlaf innerhalb der eigenen Träume vergönnt gewesen wäre. Nicht wenn er es kontrollieren könnte.
Otis entschuldigte sich und mein erster Reflex war, mit dem Kopf zu schütteln. Weil es keine Bedeutung hatte. Weil ich nur über irgendetwas sprechen musste, und es jedes andere Thema hätte sein können. Ich wollte Otis nicht… Otis entschuldigte sich. Wieder. Fester diesmal. Einen Moment lang sah ich ihn nur an, in der Bewegung innehaltend und versuchend aus den zwei Bildern, die ich von ihm sah, eines zu machen. Ich sollte meinen Tee trinken. Mein Blick richtete sich auf die zwei Tassen vor mir, fort von Otis, hin zu dem Versuch, die Tasse zu treffen, die wirklich da war. Irgendwie schafften es meine Finger den Henkel zu greifen und die Tasse an meine Lippen zu führen, damit ich ein paar Schlucke nehmen konnte, die ich bitter nötig hatte.
Er konnte es nicht kontrollieren. Ich setzte die Tasse ab, stellte sie auf den Tisch zurück, aber ließ die Finger am Henkel, damit ich ihn nicht wieder ertasten musste. Sah dann hinab auf die dunkle Flüssigkeit, nickte träge. Schluckte. Irgendwie ein beruhigender Gedanke, dass ich nicht alleine damit war, in einem Albtraum gefangen zu sein. Angst vor etwas zu haben, vor dem normalerweise kein gesunder Mensch Angst hatte. Nicht alleine. Seit wann war Otis Rhode gute Gesellschaft?
„Du auch nicht?“ Ich schnaubte, ließ nur kurz den Blick abfällig in Richtung von Otis‘ Platz über die Tischplatte wandern, bevor er zurück kehrte zu der Tasse, die ich jetzt wieder in die Hand nahm. Mir fiel wieder bitter ein, dass ich nicht über das Thema hatte sprechen wollen. Ich nahm einen Schluck von meinem Tee. Nachdenklich diesmal. Ich hatte damit angefangen. Ich war es gewesen. So wenig es mir gefiel, zu wissen, dass Otis Rhode so etwas über mich wissen könnte. Nur eine Schwachstelle. Nicht mehr. Aber er hatte sich entschuldigt. Immerhin. Das war mir noch nie passiert.
Ich setzte meinen Ellenbogen der Rechten auf der Tischplatte ab. Über den Rand der Tasse hinweg sah ich ins Dunkel, das sich vor mir wie ein Schlund hinter dem Licht der Kerze öffnete. „Manchmal denke ich, wir haben nichts gewonnen.“, gab ich zu, bevor ich den Gedanken aufhalten konnte. Ich senkte die Tasse zurück auf den Tisch, sah wieder auf die schimmernde Oberfläche, schob dann kurz wütend die Lippen vor. Wütend auf ein Schicksal, das ich selber gewählt hatte. „Dass wir es hätten gut sein lassen sollen. Dass wir mehr erreicht hätten, wenn wir uns eine Woche mit geladener Waffe schlafen gelegt und die Sache ausgesessen hätten.“ Ich sah einen Moment auf die Holzmaserung hinab. Beobachtete wie sie unter meinen Augen Wellen zu schlagen begann. Anstatt zu leben wie Tote. Aber ich sprach den Gedanken nicht aus. Es hatte ja doch keinen Zweck. Otis sagte sich solche Dinge jeden Tag seit Judiths Tod. So viel meinte ich zu wissen nach den Monaten, die seither vergangen waren. Es war nicht gut, dass ich überhaupt damit anfing. Wir würden da landen, wo wir immer landeten. Aber immerhin blieb ich dann wach…
„Wozu ist Magie gut, die man nicht kontrollieren kann, hm?“, fragte ich und sah nun doch wieder hoch in Rhodes Richtung, die Verbitterung blank auf meinem Gesicht.
Ardins Schnauben war mehr als jede Bestätigung, die ich schon nicht mehr gebraucht hätte. Ich schwieg nur. Den Blick gesenkt. Darüber nachsinnend, was es wohl aussagen mochte, dass ich ausgerechnet solche Schwäche mit Ardin James gemein haben sollte. Die Unfähigkeit unsere vom Teufel gegebenen Fertigkeiten noch immer nicht unter Kontrolle zu haben. Mehr als das, von ihnen geplagt zu werden wie geprügelte Hunde. Die letzten Monate hatten mich meiner Ansprüche daran ein normales Leben zu führen entledigt, doch die Wahrheit war, dass ich bereits zuvor kaum mehr in der Lage gewesen war einen Tag ohne das exzessive Vermeiden von Berührungen zu verbringen, oder – wann immer mir das misslang, unseligen Anfällen, verworrenen Visionen und gleißenden Kopfschmerzen. Der Teufel bewahre, dass ich deswegen je etwas wie… Mitgefühl für James empfunden hatte, dem es recht offensichtlich nicht besser erging mit seiner Fähigkeit. Aber heute, in dieser Nacht, an diesem Tisch war wenig, wie es sonst war.
„Manchmal denke ich, wir haben nichts gewonnen.“ Ich spürte etwas in mir erstarren. Ganz unwillkürlich. Starr vor Fassungslosigkeit saß ich da und begriff nicht wirklich, was eigentlich gerade geschah. Ardin James… teilte… seine Gedanken… mit mir…? Nicht über einen Fall. Nicht über seine verqueren Ansichten von der Welt. Darüber was andere – allen voran ich, in den letzten Monaten im Besonderen – falsch machten und der hohe Herr richtig. Sondern ganz unmittelbar. Ein Gedanke wie aus den Tiefen seiner verkauften Seele. Und ich war mir im selben Augenblick unsicher, ob ich das überhaupt wissen wollte, was dort schlummerte. Es war wie innere Widerhaken in mir, die sich gegen die Verarbeitung jener Worte sträubten. Weil ich längst wusste, dass wenn ich sie denn bis zu mir durchdringen ließ, sie mich nicht so einfach wieder verlassen würden. Ich blinzelte gegen das Halbdunkel. Mühsam. Nicht einmal vor Müdigkeit. Nicht der körperlichen Sorte jedenfalls. Und Ardin fuhr unerbittlich fort. Und je länger er sprach, desto mehr nagten die Zweifel in meinem Inneren, darüber wie sehr es hier um unsere so unkontrollierbar erscheinenden Fähigkeiten ging oder… Ich zog ein wenig Nase und Oberlippe in die Höhe, sträubte mich noch so viel mehr gegen den Gedanken, aber es war bereits zu spät. Ardins Worte waren zu mir durchgedrungen. Bis tief in meine eigene verfluchte Seele. Konnte es denn sein? Konnte es denn sein, dass auch Ardin sich… schuldig… fühlte… an dem, was geschehen war? Dem, was es uns gekostet hatte. Diesem hohen Preis. Dass ich keinen Menschen mehr ohne das Risiko berühren würde unfreiwillig in seine Zukunft oder seine Vergangenheit zu blicken. Dass Ardin keine Stunde mehr in Schlaf fallen würde ohne das Risiko im Traum eines anderen zu landen. Und doch wurde ich das unbestimmte Gefühl nicht los, dass Ardin noch so viel mehr reute als diesen Fluch einer Fähigkeit. Aber mein Junge, Judith – das war ganz allein meine Schuld, was James nicht müde wurde mir zu demonstrieren. Und auch jetzt hätte er mit keinem Wort etwas anderes durchblicken lassen. Aber manchmal, manchmal waren es so viel weniger die Dinge, die wir aussprachen, denn jene, die wir nicht aussprachen. Ich dachte an Margory, die ihre Seele verkauft hatte, an Ardins Ältesten, an die Schar seiner Kinder und ihr unbestimmtes Schicksal. Konnte sehen, wie der Topf den wir umgekippt hatten, seinen Inhalt noch so viel weiter auf der Tischdecke verteilt hatte, als wir je hätten erahnen können, sich der Stoff unseres Lebens sich bis in die letzte Faser damit durchsogen hatte.
„Dass wir uns nicht verzeihen würden, nicht jeden erdenklichen Weg gegangen zu sein…“, sagte ich langsam, müde. Meine Stimme war hohl dabei wie eine leere Schale. „Haben wir das nicht gesagt?“ Ein wenig hob ich den Blick, aber ohne Ardin wirklich anzusehen dabei. Der wusste selbst, was wir uns damals gesagt hatten. Ich wusste noch nicht einmal, was ich damit aussagen wollte. Wollte ich Ardin widersprechen? Wollte ich ihm zustimmen? Ich weiß nur eines. Es war eines der handvoll Mal in unserem Leben gewesen, da wir uns einmal in etwas einig gewesen waren. Jede verfügbare Möglichkeit auszuschöpfen. Jede Anstrengung zu unternehmen. Und wäre es damals eine Option gewesen unsere Familien nur Tag und Nacht mit der Waffe in der Hand zu beschützen, wie hätten es getan. Aber das war es nicht gewesen und so hatten wir andere Wege bestritten. Hatten nicht Ruhen können. „Nachdem wir… gesehen hatten, was er get…“ Meine Worte versiegten im Nichts. Es war unausgesprochenes Gesetz geworden, nicht darüber zu sprechen. Was wir damals gesehen hatten. In diesen Tagen. In diesen Wohnungen, in die man uns gerufen hatte. Den penetranten Geruch, den Blut in diesen Mengen verursachte wie Kupfermünzen schwer in unseren Mündern, und darunter in jedem Heim der unverwechselbare Geruch nach der lavendelherben Kernseife, die alle Wäscherinnen in diesem Viertel verwendet hatten – die wir von den Händen unserer Frauen kannten. Ich würde diese Mischung nie wieder vergessen. Noch die Bilder, die sich in meinem Schädel festgebrannt hatten. Meine Finger verkrampften sich unfreiwillig, klammerten sich an meinem Jungen fest, als sei er die letzte Kante vor einem Abgrund in den es mich unaufhaltsam hinab zog. Ben regte sich unruhig im Schlaf. Ich zwang mich meine verspannten Muskeln zu lockern. Die Gedanken abzuschütteln. Die Erinnerung.
Ich begegnete Ardins Blick über den Schein der Kerze hinweg. Der unvorstellbaren Bitterkeit darin und ich hatte die Lippen zusammengepresst. Den Blick leer vor Kraftlosigkeit. „Selbst wenn der Preis noch so zu hoch war, hätten wir denn anders entscheiden können, damals?“, fragte ich zurück, ohne dass ich Ardins Frage hätte beantworten zu können. Und ein bisschen, ein bisschen wünschte ich mir, dass er mir meine beantworten könnte. Denn ich wusste es nicht. Ich wusste es wirklich nicht. „Es ist wie…“, ich leckte mir über die Lippen, fuhr mit einem Finger ein Stück den äußersten Kranz des Lichtkegels ab, den die Kerze auf der Tischplatte hinterließ, die Stimme tonlos und müde, „als rennten wir im Kreis. Wir haben unsere Seele verkauft um unsere Frauen und Kinder zu schützen, aber in dem wir unsere Seele verkauften… Was haben wir ihnen damit eingebracht? Als gingen wir in die eine Richtung fehl, aber drehten wir uns um sind unsere Schritte nicht minder missgeleitet.“ Hätte ich damals das Abkommen mit dem Teufel vereitelt und hätte Judith und meinen Sohn tot und verstümmelt vorgefunden, hätte ich mir nicht dasselbe gesagt wie nun, da ich mich dem dunklen Herrn verpflichtet und Frau und Kind in den Nachwehen dessen verloren hatte? Es war als würde jede Richtung die wir gingen auf die ein oder andere Art zu einem unseligen Ende führen, wie ein ewiger Kreis dem wir nie würden entkommen können. Und mit ein bisschen mehr verbliebenen Verstand wäre das letzte was ich getan hätte, diesen Gedanken mit James zu teilen. Aber vielleicht hatte ich den ja längst verloren. Vielleicht musste ich den Gedanken auch einfach nur mit irgendjemanden teilen und mit wem hätte ich das sollen, wenn nicht dem Mann der in demselben hoffnungslosen Kreis gefangen war.
Dass wir uns nicht verzeihen würden, nicht jeden erdenklichen Weg gegangen zu sein. Fast grob sah ich fort von Otis, richtete den Blick finster zurück auf die Kerze vor mir. Was sollte das? Ausgerechnet Rhode fing damit an?! Mit dem was wir uns damals in unserer Naivität gesagt hatten?! Ja, wir wären damals für alles bereit gewesen. Es war nicht so als hätten wir unser Schicksal nicht gewählt. Aber wofür? Wofür, verdammt nochmal?! Wütend presste ich die Kiefer aufeinander und sah vor mir auf die Tischplatte, während Rhode weiter sprach. Er wusste doch am besten, was wir verloren hatten. Er wusste es doch… Ich wollte nicht daran denken. Nicht an einen dieser Erinnerungsfunken, die er im Dunkeln herauf beschwor. Und doch sah ich sie unwillkürlich im Lichtschein der Kerze auftauchen. Ich schüttelte nur sacht den Kopf, aber Otis stockte selbst und ich war dankbar darum. Nein, ich brauchte keine Erinnerung daran, warum wir es getan hatten. Aber Rhode führte die Argumentation zu Ende. Hätten wir anders entscheiden können? Im Augenwinkel sah ich düster seine verschwommene Silhouette an. Fragte mich, warum es ausgerechnet Rhode war, der mir jetzt sagte, was damals passiert war. Dass wir keine Wahl gehabt hatten. Ich schnaubte nur kraftlos, schüttelte den Kopf. Beobachtete dann Rhodes Finger dabei wie sie den Lichtkreis der Kerze nachfuhren. In die eine Richtung fehl, in die andere auch. Ich blähte die Nasenflügel vor Wut. Nein, so war das nicht. So konnte das nicht sein. Und ich fühlte wie die Wut von etwas anderem überrollt wurde. Etwas tieferem, etwas endloserem. Tiefer, trauriger Verzweiflung. Sie kam plötzlich und ohne Ankündigung, dass ich die freie Hand heben und mir die Faust gegen den Mund pressen musste, um den Druck auf den Lippen zu spüren als sie gegen meine Zähne gedrückt würden. Ich hätte sie gerne geöffnet und in meine Faust gebissen. Es wäre einfacher gewesen. Ich konzentrierte mich darauf zu atmen. Ein und aus. Es würde gehen. Es musste gehen. Ich hätte Rhode anschreien können in diesem Moment, aber ich tat es nicht. Die Kinder schliefen. Margory schlief. Und es hätte doch nichts genützt. Aber was wenn er recht hatte? Wenn dieser Bastard mit seinen dunklen Gedanken Recht hatte?
Entschlossen riss ich meine Faust von meinem Mund und ließ sie auf die Tischplatte heruntergehen. “Aber wenn wir hier sind, und sagen wir es war die einzige Option, meinetwegen, wir können die verdammte Zeit nicht zurück drehen. Aber was genau tun wir hier, Rhode, hm?!“ Ich funkelte ihn im Dunkeln an, den Blick direkt auf ihn gerichtet, mühsam aus zwei seiner Bilder eines machend. Und während ich ihn ansah und schlucken musste, wurde mir gewahr, dass ich zu kurz dachte. Schon wieder. Dass es nicht um uns ging. Und doch ging es nur um uns. Die ganze verdammte Zeit. “Wenn du wenigstens sagen könntest, es hätte sich gelohnt…“, flüsterte ich und konnte dabei nicht sagen, weshalb mich meine Stimme verlassen hatte.
Und da war sie wieder, Ardins unsägliche Wut und ich schwieg müde dagegen an. Was wollte James von mir? Dass ich ihm sagte, dass alles ein Fehler gewesen war? Dass ich mit ihm die schönsten Visionen heraufbeschwor, die hätten sein können, wenn wir damals nur mit der Waffe in der Hand über unsere Familien gewacht hätten wie die strahlenden Helden eines Märchens? Für was denn? Ja, mit dem heutigen Wissen, mochte das damals ein Fehler gewesen sein – selbst wenn ich mir nicht sicher war, ob eine andere Entscheidung uns denn zu einem besseren Schicksal hätte führen können. Aber dieses Wissen hatte ich damals nicht gehabt. Diese Entscheidungen damals, und darauf musste ich mich verlassen, die hatte ich mit meinem besten Gewissen getroffen. Die würde ich heute unter denselben Bedingungen und ohne die Konsequenzen sehen zu können, genau so wieder treffen. Denn, ja, ich konnte heute kaum mit dem leben, was ich damals aus gutem Grund getan hatte. Aber wenn ich jetzt auch noch begann die Entscheidungen, die damals zu diesem Handeln geführt hatten, anzuzweifeln, dann würde mich das endgültig um den Verstand bringen. An der Schuld meiner Taten konnte ich zerbrechen, aber mir zu überlegen was hätte sein können, wäre ich nur in eine andere Richtung gegangen, das hatte jetzt keinen Zweck mehr. Das wäre mein Ende und das wusste ich. Dass ich es doch irgendwie tat, lähmte mich bis in die tiefen Fasern meines Selbst. Das Wissen, dass es irgendwo unter all den Möglichkeiten, wie ich am Ende doch hätte anders entscheiden hätte können, auch eine Handvoll geben musste, so unwahrscheinlich, so unmöglich aus damaligen Wissen sie auch waren, bei denen Judith und mein Junge unversehrt hervor gegangen wären. Ich hätte kaum sagen können, wie sehr ich Ardin dafür hasste, das er das gerade jetzt tun musste und mir dann auch noch wütend war, wenn ich nicht mit ihm in dieselbe blutende Kerbe schlug. Ja, verdammt, mochte ich schicksalsergeben sein, aber immerhin war ich kein verfluchter Träumer.
Aber ich war müde, viel zu müde um auch nur ein Wort davon auszusprechen. Ich war Ardins Hass müde, ich war meinem eigenen Hass so unendlich müde. Ich war müde zu kämpfen und wusste doch gleichzeitig, dass das war, als würde ein Bäcker sagen er wäre des Mehlstaubs müde. Und wusste ich nicht, was mit einem Rennpferd geschah, das des Rennens müde war? Ich würde kämpfen müssen, um zu tun was nun mal meine Arbeit war. Ordnung zu wahren, die guten Menschen zu schützen. Dabei wusste ich, dass es eben diese Menschen waren, die mir sagen würden, dass ich meine Nase aus ihren Angelegenheiten fern halten sollte. Und hatten sie nicht jedes Recht dazu? Sicherlich, ohne Regeln und ohne den, der dafür sorgte, dass eben jene Regeln eingehalten wurden, lebten Menschen schlimmer als die Tiere. Sie waren gierig, missgünstig und von ihrer eigenen Lust der Befriedigung gesteuert. Sie taten selten was gut für sie war, noch viel weniger was gut für ihren Nächsten wäre. Darüber mussten wir nicht diskutieren. Aber wer wäre denn in der Lage gewesen zu entscheiden, was gut für sie war? Welche Regeln sie zu befolgen hatten? Menschen, die nicht besser waren als sie selbst? Während meiner Tage in der Bow Street hatte ich das Verbrechen in jeder Schicht unserer Gesellschaft erfahren, allgestaltig, in all seiner Brutalität, es gab keine besseren oder schlechteren Menschen. Höchstens mächtigere, einflussreichere und weniger mächtige. Sollten diese Menschen, nur weil sie einer höheren Schicht angehörten, nur weil sie sich selbst als moralisch rein bezeichneten, entscheiden dürfen an welche Regeln sich der Rest von uns zu halten hatte? Sie oder ein Gott, der sich so wenig um uns scherrte?
Und da fragte Ardin mich, was wir hier taten? Was hatten wir denn je getan?
Ben regte sich einmal mehr im Schlaf, als Ardins Faust auf die Tischplatte traf, aber am Ende schlief er so tief und unbesorgt weiter, wie zuvor. Ich strich meinem Jungen sacht über den Rücken. Wir konnten die Zeit nicht zurückdrehen. So war es nun einmal. Aber was wir hier taten…? Wer wusste das schon. Aber wer hatte das je gewusst? Vage lag mein Blick auf Ardins Faust, die Faust, die er eben noch gegen die Lippen gepresst hatte, wie ein Kind, das sich vor dem gesichtslosen Monster im Dunklen fürchtete.
Und dann kamen die leise versiegenden Worte.
“Wenn du wenigstens sagen könntest, es hätte sich gelohnt…“
Nicht länger man.
Nicht länger wir.
Du.
Meine blanken Hände lagen um Ben. Der lebte, der atmete. Aber der mir schon so bald nicht mehr gehören würden, der einer ungewissen Zukunft in den Diensten des Teufels entgegen ging. Aber noch, noch war er ein Junge. Ein Junge, der es verdient hatte, die Tage, die ihm blieben ein gutes Leben zu führen. Ich konnte nicht sagen, dass es sich gelohnt hätte, aber ich konnte deswegen nicht aufgeben. Er war alles, was ich hatte. Hatte Ardin mir das nicht Tag für Tag gesagt? Kümmer dich um den Jungen, weil er alles ist, was du noch hast. Weil sich nichts ändern lässt, an dem was passiert ist. „‘Ist wie es ist“, brachte ich so heiser hervor, dass die Worte beinahe in meiner aufgerauten Kehle hängen blieben. „Wir können nur irgendwie weiter machen, wie wir es immer haben, oder?“ Ich sah auf, hin zu Ardin und meine Augen brannten schon wieder unsäglich. Es gab ihn nicht den Weg zurück, dessen waren wir uns einig. Es gab ihn nicht, den großen Lohn unserer Taten. Keinen Preis, um den es sich gelohnt hätte, das wir so viel geopfert hatten. Nicht für mich. Und selbst Ardin, im Kreise seiner Familie, was hatte er schon gewonnen? Aber noch hatte er eine Familie. Noch hatte ich Ben. Wie hätten wir etwas anderes tun können, als weiter zu machen? Egal was es kostete, egal wie wenig höheren Zweck es auch erfüllte. Es gab nicht anderes als unser Leben, egal wie hässlich. Es gab nichts anderes als es irgendwie weiter zu leben.
Ist wie es ist. Und das sollte es jetzt sein? Das war das große Fazit des Otis Rhode? Das große Fazit all dessen was ich je angefasst hatte? Ich senkte den Blick auf meine Tasse und schnaubte in einem Aufflammen eines bitteren Auflachens. Ich konnte nur den Kopf schütteln während ich auf die Reste meines Tees hinabsah. Irgendwie weiter machen. Das war nicht mein Verständnis davon, das beste aus einer Situation zu machen. Und wenn ich mir eines geschworen hatte, und das schon als ich noch nicht einmal einen Fuß auf die Severn gesetzt hatte, war, das beste daraus zu machen. Aus dem Leben. Aus allem was kommen mochte. Ich war naiv gewesen damals. Und jung. Zu jung um solche Entscheidungen zu treffen. Und doch war es dieser Grundsatz, der mich bislang im Leben am weitesten gebracht hatte. Niemals aufgeben. Mochte passieren was wollte.
Ernst sah ich jetzt auf die dunklen Spiegelungen des Tees, tief in meine Gedanken versunken nachdem die Stille eingetreten war, die Rhodes Worten gefolgt war. Ich musste an Ben auf seinem Schoß denken. An Margory nebenan und an Patrick mit den Kleinen im Kinderzimmer, die alle mittlerweile wieder fest schlafen mussten. Schließlich hob ich den Blick um Otis wieder anzusehen. Ernst diesmal. “Wie machen es Hexen, Otis?“, fragte ich, ließ den Blick bereits abwandern und wurde mir erst als ich sprach bewusst darüber, dass meine Worte ohne Zusammenhang keinen Sinn ergaben. Ich merkte nicht einmal, dass ich Rhode bei seinem Vornamen nannte – womöglich Margorys schlechter Einfluss mit ihren neuen Gepflogenheiten. “Hexen, die ohne Coven leben.“ Ich hob den Blick wieder zu Rhode und es fühlte sich an wie im Fieber zu sprechen. “Es muss mehr geben als ein paar Sprüche und Blutopfer. Etwas, das es besser macht Rhode. Etwas das uns Kontrolle gibt. Wenn es wenigstens das ist. Wenn wir nur damit leben können Rhode, dann sollten wir damit leben können, oder? Ich meine, nicht so, sondern…“ Ich sah verwirrt vor mich auf die Tischplatte als mich von einem Moment auf den anderen mein eigener Gesprächsfaden verließ. Ich fühlte noch wie mir mein Gedanke entglitt. Wie das, was ich hatte sagen wollen, vor mir in die Dunkelheit entschwand, ohne dass ich noch hätte sagen können was es gewesen war. Und so starrte ich vor mich hin und schwieg. Fingrig im Kopf nach dem suchend was da gewesen war und es doch nicht findend. Ich hob die Teetasse und leerte sie. Konzentrierte mich schließlich darauf sie wieder abzustellen. Es kam nicht zurück. Ich sah Otis an und fragte mich ob er verstand, worüber ich geredet hatte, oder ob wir beide unwissend und verwirrt waren. Verkaufte Seelen zu einer späten Stunde am eigenen Küchentisch.
Je länger wir sprachen, desto mehr fragte ich mich, weshalb wir überhaupt sprachen. Was Ardin eigentlich wollte außer mich zu den Eingeständnissen meines Lebens zu zwingen, nur um ihrer dann wieder mit Wut und Spott begegnen zu können. Die bleierne Müdigkeit dem gegenüber hatte längst jede meiner Fasern durchdrungen. Mach doch was du willst, dachte ich und nicht einmal das sprach ich aus. Nicht einmal dafür blieb mir noch die Kraft. Wahrscheinlich blieb mir nur abzuwarten und zu hoffen, dass Ardin James irgendwann einfach wieder die Hände aus meinen Eingeweiden nahm und ich hier weiter still sitzen konnte, eine letzte Nacht meinen Jungen haltend.
Aber er konnte es ja nicht lassen. Mit jeder Missgunst er meinen Worte auch begegnete, unablässig musste James die seinen an mich richten. Ich spürte die Ungeduld darüber in mir aufkommen. Was wollte er? Dem Klang der eigenen Stimme lauschen? Sollte er doch. Sollte er doch den Rest der Nacht vor sich hin plappern. Sollte er mich doch beim Vornamen nennen als wäre ich ein dummes Kind, das es zu belehren galt. Stumpf perlten die Worte an mir ab. Nicht einmal der Inhalt dessen drang wirklich zu mir durch. Aber es wäre auch zu viel des Glückes gewesen, denn natürlich ließ James es sich nicht entgehen das Gesagte direkt noch einmal in schmalzigerer Ausführung zu wiederholen. Ich schloss die Augen spürte den dumpfen Schmerzen hinter meinen Schläfen nach. Wie sehr ich mir die Stille herbei sehnte. Die Ruhe. Das Ende dieser ständigen Wühlerei in meinem Inneren, als wäre ich eine Truhe, die man beliebig durchsuchen und alles was einem nicht gefiel achtlos hinter sich werfen konnte. Bei James wäre ich in diesem Fall nämlich leer bis auf den Boden, wenn er einmal fertig war. Da war nicht eine einzige Sache in mir, die er an ihrer Stelle belassen würde, dessen war ich mir sicher, ganz ohne diese unangenehme Visitation. Weshalb ich es überhaupt versucht hatte ein ernstgemeintes persönliches Wort an ihn zu richten, ihm überhaupt die Möglichkeit gegeben zu haben einen Blick auf das zu werfen, was hinter dem Deckel lag, war das einzige Rätsel, das mir blieb.
Vielleicht, nur vielleicht hätte ich mich nach allem doch nach ein wenig Kameradschaft gesehnt. Aber die würde ich nicht in Ardin James finden. Mit Sicherheit nicht. Er würde meinen Jungen unter seinem Dach dulden, voll Widerwillen, aber er würde ihm nichts tun, dafür würde Margory Sorge tragen, das sollte genug sein. Und das war es. Ich war ihm dankbar deswegen, selbst wenn er nicht deutlicher hätte machen können, dass er mir nicht einmal das abnahm, aber das war nicht mein Problem. Und wäre es nicht mein Junge, der in meinen Armen schlief, den ich nicht stören wollte, dann hätte ich den Moment genutzt, um zu gehen. Ich war müde der Zankerei und es würde doch zu nichts anderem führen weiter mit James zu sprechen. Es war regelrecht als sei es der einzige Grund aus dem er überhaupt mit mir sprach, die Hoffnung mir Widersprechen zu können, die Hoffnung mir etwas zu entlocken, gegen das er ganz offen angehen könnte und als frustrierte es ihn ungemein, dass ich ihm jene Freude heute versagte. Hätte er mich nur nicht auf diese Art angestarrt, die Art, die fast verloren nach einer Antwort verlangte. Die mir so unsagbar lästig war. Unwirsch hob ich doch wieder den Kopf. „Du kannst Rituale und Sprüche lernen? Also wirst du auch das irgendwie lernen können zu kontrollieren. Es hätte keinen Sinn, wäre es anders“, entgegnete ich knapp in der Hoffnung damit dann meine Ruhe zu haben. „Es hätte keinen Sinn seine Seele zu verkaufen und dann darüber den Verstand zu verlieren - er wirkte nicht wie ein Verschwender, oder?“ Der Teufel mochte grausam sein, aber er war kein Narr. Das war jedenfalls nicht der Eindruck, den er bei mir hinterlassen hatte. Und welchen Nutzen würden ihm seine Anhänger schon erbringen, wenn sie ihm an den eigens von ihm verliehenen Gaben vor die Hunde gingen? Es wäre ein allzu kurzsichtiger Spaß für jemanden, der länger existierte als die Zeit.
Ich schloss die Augen wieder, lehnte mich ein wenig weiter zurück und ergänzte mit einem lakonischen Zucken der Mundwinkel: „Außer wir sind im Besonderen verflucht.“ Aber selbst dann war es, wie es nun einmal war. Selbst dann blieb uns nur damit zu leben. Was auch immer James anderes hören wollte. Und mehr noch als diese Frage interessierte mich langsam, warum es mir nicht längst schlicht und ergreifend gleichgültig war, was er wollte.
Keinen Sinn. Es hätte keinen Sinn. Ich löste den Blick von Otis, starrte auf die Schatten, die über die Tischplatte wanderten als die Flamme der Kerze vor mir flackerte. Ich ließ seine Frage unbeantwortet. Ich hätte nicht gewusst, was ich ihm darauf hätte sagen sollen. Er hatte nicht wie ein Verschwender geklungen, nein, aber ich hatte das ungute Gefühl, dass das nicht war was Otis als Antwort darauf hören wollte. Lernen zu kontrollieren. Lernen. Wie lernte man etwas zu kontrollieren ohne einen Funken Anhaltspunkt zu haben, wie man das anstellen sollte? Ich wusste es nicht. Und ich konnte nur schweigen. Ich glaube auch nicht daran, dass wir verflucht seien. Nicht mehr als andere Hexen. Nicht mehr als man verflucht sein konnte, wenn man sich mit dem Teufel einließ. Aber uns fehlten die Strukturen, uns fehlte alles, was wir gebraucht hätten, uns fehlte… Meine Gedanken versandeten unter dem Flackern der Kerzenflamme. Ich konnte sie nur anstarren und dabei zusehen wie die Zeit verstrich. Wie die Nacht ging. Und wir schwiegen.
Irgendwann sackte mein Kopf weg und ich verlor meinen Kampf gegen den Schlaf. Das Schweigen zwischen Otis und mir war ungebrochen und ich konnte im Nachhinein nicht sagen, wie weit die Nacht fortgeschritten war als es passierte, erinnerte ich mich doch nicht im Ansatz daran, wie es geschehen war.
* * * * *
Ich bemerkte erst, dass ich schlief, als ich mich auf einem Marktplatz wiederfand. Es war kein Marktplatz von der Sorte, die ich kannte. Saubere, gerade Reihen von Pflastersteinen bedeckten den Boden. Um den Platz erhoben sich gewaltige Gebäude, deren Dächern eigene Dächer besaßen und diese wiederum Dächer, an deren Ecken wilde Kreaturen ihre Köpfe in die Straßen unter sich reckten. Der Ort wirkte fremd und doch als existierte er. Um mich herum standen Wägen, wie die Coster sie besaßen. Überdacht mit Tüchern und befüllt mit allerlei Dingen, die in fremden Zungen feilgeboten wurden. Aber sie besaßen nicht das Sortiment unserer Coster. Ich sah Insekten neben Früchten, Hühner und Schweine und Tiere von so seltsamer Gestalt dass ich nicht anders konnte als zu glauben, dass sie Erfindungen des Träumenden waren. Das war nicht mein Traum. Wie hätte es auch anders sein können.
Längst unternahm ich keine Versuche mehr, mich aus Träumen zu befreien. Es nützte nichts. Wenn ich einmal schlief, dann war ich fort, wie in einem anderen Leben gefangen. Mein Körper weit hinter mir abgeschlagen, als besäße ich keine Verbindung mehr zu ihm. Stattdessen war ich fort, hier auf diesem Platz. Umgeben von Schlitzaugen. Abertausenden Chinesen in den unterschiedlichsten Kleidungen. Breite Strohhüte, lange Umhänge, dunkle Zöpfe. Ich musste achtgeben um nicht unter die Räder zu geraten. Ich wanderte durch die Straßen, die vom Marktplatz abgingen und konnte nicht sagen wie viel Zeit dabei verging. Irgendwo entdeckte ich Messer in einer Auslage, die meinem Karambit nicht unähnlich waren. Ich sah Pferde, besser genährt als die Gäule aus Whitechapel. Langbogen auf dem Rücken eines Mannes und doch seltsam anders geformt als die Sorte, die ich kannte. Ich begann mich an den Anblick zu gewöhnen. Fast schien es friedlich hier zu sein, wenn man vom Lärm der Straße einmal absah. Verglichen mit anderen Träumen, die ich bereits unfreiwillig besucht hatte, war das hier nichts.
Es war vermutlich ein Fehler, das zu denken. Ich war auf den Marktplatz zurückgekehrt, auf dem meine Reise begonnen hatte, ohne es zu beabsichtigen. Womöglich hätte ich mich nach dem Träumenden umsehen sollen, heraus finden, welches dieser vielen Gesichter jenes war, von dem ich mich am besten fernhielt. Aber ich hatte nicht den Antrieb dafür. Deshalb überraschte mich was folgte, derart. Ich erinnere mich wie ich in meinem Traum überrascht davon war, dass mich etwas überraschen konnte. Und doch war es so. Eine fremdländische Armee drängte auf den Platz. Brüllende Soldaten, in Pluderhosen und lange Schals gehüllt, seltsam hohe Helme auf den Köpfen, schlugen auf die Menge ein, um Platz unter den Menschen zu schaffen. Schüsse fielen. Panik brach unter den Menschen aus. Jemand stolperte über mich. Ich konnte mich gerade noch in der Aufrechten halten und sehen wie neben mir jemand getroffen zu Boden ging. Ich kam wieder zu sicherem Stand und sah vor mir auf den Platz, auf dem ich zwischen den Menschen hindurch gerade noch sehen konnte, wie einer der Soldaten ein kleines Mädchen an seinem Zopf herbei zog. Er zwang es mitten auf dem Platz auf die Knie zu gehen, bevor er ein Messer zückte und damit begann, dem Kind die Schädeldecke aufzuschneiden. Das Kind schrie unablässig, während sich dein Kopf wie eine Dose öffnete, der Mann hinein griff und das Gehirn des Kindes daraus hervor holte. Er hielt es mit der Hand in die Höhe. Das war der Moment, in dem das Kind verstummte und leblos zur Seite kippte.
Soldaten packten sich den nächsten Menschen aus der verängstigten Gruppe der Umstehenden. Jemand rannte dem Entführten hinterher, der nun ebenfalls kniend an die selbe Stelle gezogen wurde, an der zuvor noch das Mädchen gehockt hatte, bevor man ihr den Schädel geöffnet hatte. Dieser Jemand wurde ebenfalls gepackt und dem anderen gegenüber gesetzt. Ich war mir ziemlich sicher, dass einer der beiden der Träumende sein musste. Aber es war mir auch egal. Ich schluckte. Bemühte mich den Blick abgewandt zu halten, mich auf die Menschen um mich herum zu konzentrieren. Ihre Gesichter. Die Dinge in ihren Händen. Es würde bald vorbei sein. Und dann würde ich diesen Traum hinter mir lassen.
Dem nächsten wurde die Schädeldecke geöffnet. Das nächste leblose Hirn in die Höhe gehalten, bevor es achtlos auf der Straße landete wie ein Stück fauliges Fleisch. Ich sah nicht hin. So lange bis mich jemand packte, ohne dass ich es vorhergesehen hatte. Ich wollte nach meinem Karambit greifen, aber natürlich, es war nicht da. Wehrlos, die Waffe auf der Schulter, zerrte man mich auf den Platz und ich verfluchte mich dafür, nicht achtgegeben zu haben. Man ließ mich vor dem verheulten Träumenden niederknien, packte mich im Nacken, das Messer schwebte schon über mir. Ich griff nach den Händen des Soldaten. Ich sollte nicht eingreifen, ich spürte es instinktiv. Und doch blieb mir kaum etwas anderes übrig. Ich würde mir nicht den Schädel aufschneiden lassen. Ich würde nicht… Ich würde nicht… Ich rang mit den Händen des Soldaten über mir. Spürte schon die Schneide des Messers in meine Haut fahren. Konnte mich mit einem letzten verzweifelten Griff abstoßen und…
* * * * *
…kippte mit dem Stuhl rückwärts fort von meinem Küchentisch auf die Dielen unserer Stube, die Wand hinter mir knapp verfehlend. Heftig atmend richtete ich meinen Oberkörper auf, sah mich um, erkannte meine Wohnung, erkannte die Realität. Mein Herz raste in meiner Brust, während ich meine Stühle wieder erkannte, meinen Tisch, Margorys Herdfeuer, Jackdaw, die besorgt auf den Tisch zu flatterte, das dumme Ding. Mein Blick traf Otis Rhode und erstarrte in einem Moment, in dem ich mich zu erinnern versuchte, was er hier tat.
Ich rappelte mich auf, nur um nicht länger am Boden zu liegen wie ein zappelnder Käfer, hob den Stuhl vom Boden auf, stellte ihn wieder an den Tisch, während sich meine Atmung langsam wieder beruhigte. Mein Blick glitt über die abgebrannte Kerze auf dem Tisch, das erste Morgenlicht, das hinter den Fenstern auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses schimmerte. Es fiel mir wieder ein. Was Otis Rhode hier tat. Dass er mit Ben gekommen war. Ben, der nicht mehr auf Rhodes Schoß saß. War er jemals da gewesen? Für einen Moment war ich unsicher, ob meine Erinnerung von letzter Nacht ein Traum gewesen war oder das was ich gerade erlebt hatte.
Ich zog den Stuhl wieder etwas ab und setzte mich darauf, um die Ellenbogen auf der Tischplatte abzustützen und mir mit den Händen über das Gesicht zu fahren. Ich fühlte mich als hätte mich eine Kutsche in voller Fahrt erwischt und über zwei Straßenkreuzungen hinweg mitgeschleift.
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