Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
20.09.1850, Leman Street
Society of Don't stop breathing Rudeness
„Sagen wir du gibst mir den Wert für das…“, ich zog eine zerkratzte Taschenuhr aus meiner Manteltasche, die ich vor zwei Tagen einem armen Bastard abgenommen hatte, gab sie in Blacksmiths Hände und zog dann eine um einiges besser gepflegte Echtgold-Uhr ebenfalls aus der Tasche, die ich allerdings in der Hand behielt. „…und behältst das hier als… sagen wir Finderlohn, wenn der Herr es so möchte.“ Man konnte behaupten ich wäre dumm das bessere Stück für umsonst abzugeben. Aber es hatte seinen Preis wenn die Pfandleiher zu den Peelern hielten. Einmal abgesehen davon dass ich noch einmal wieder diesen Laden betreten wollte ohne mit einem Degen erschlagen zu werden. Gleichzeitig sorgte die Tatsache, dass Blacksmith mir die alte Uhr auszahlte dafür, dass er im Hinterkopf behielt, dass es Geschäfte zu machen galt. Der Hexer wusste woher diese Uhren stammten, aber es kümmerte ihn nicht und das war das was mich an der Sache interessierte. Er wusste den Mund zu halten. Meistens jedenfalls. Und als ich wie erhofft das gierig glückliche Glitzern in seinen Augen sah, wusste ich, dass die Nummer immer noch funktionierte.

Mit ein paar Pence mehr verließ ich also schließlich den Laden. Ich trat von der Stufe auf die Straße und die Tür fiel mit einem Klingeln der Glocken über dem Ladeneingang hinter mir ins Schloss. Es war längst dunkel und rauchig in der Straße, die Gaslaternen bildeten runde Lichtsphären in dem Dunst. Ich blieb stehen und ließ den Blick erst einmal die Straße hinauf und hinunter wandern, atmete den Geruch von Kohlenstaub und Pferdedung ein, der mir so vertraut war. Ich schob die Hände in die Manteltaschen, entdeckte Rhode ein einigen Schritten Abstand mit Cyneburg warten. Der Gefangenentransport war längst abgezogen, auch die Constables, nur Rhode war noch übrig. Vermutlich sollte ich dankbar sein. Jackdaw kam vom Dach herunter geflattert und setzte sich auf meine Schulter. „Der Junge kam aus der Richtung.“, erklärte ich und nickte an Rhode vorbei die ungepflasterte Straße hinunter. „Ist einen Moment vor dem Laden stehen geblieben und dann rein gekommen, schnurstracks bis an die Theke und hat dann einfach das Ding auf den Tresen gelegt ohne ein Wort zu sagen. Wenn du mich fragst, hat der ein komplettes Rad ab.“ Dann erst machte ich die paar Schritte um zu Rhode aufzuschließen und wischte mit einer beiläufigen Bewegung Jackdaw von meiner Schulter, die meckernd aufflog und stattdessen bei Cyneburg auf dem Rücken landete weil ihre Lieblingsstelle zur Zeit belegt war.

Meine Finger zuckten vor Cyneburgs Fell zurück als hätte ich einen Schlag erhalten, als ich das Klingen der Ladenglocken hinter mir vernahm. Ich kratzte stattdessen über die Ränder der juckenden Brandwunde an meinem Handrücken und ließ langsam den Atem entweichen, während die Gedanken, in denen ich mich eben noch verloren hatte, dahinschmolzen. Umdrehen musste ich mich nicht, ich erwartete nur noch Ardin, der den Laden verließ und ich kannte seine Schritte, die sich mir näherten. Erst als er neben mir stand sah ich zu ihm hin, wenn Blacksmith sich keinen Scherz erlaubte und Cyneburg mich zu warnen versäumte, war es tatsächlich Ardin. Ich setzte mich in Bewegung, zurück in Richtung Leman Street, während der James direkt anfing zu erzählen.

Die Dohle hockte inzwischen in Cyneburgs Nackenfell und sie trabte voran durch die Dunkelheit, ihr scheckiges Fell mischte sich mit dem Nebel. Ich warf einen Blick auf die Straße in deren Richtung der James gedeutet hatte. Ausgetretenes schlammiges Ding. Stumm nickte ich, fügte dann eine Frage an: ''Konnte Blacksmith sagen um wie viel Uhr der Junge in den Laden kam?'' An Uhren jedenfalls sollte es dem Mann nicht mangeln. Der Funken eines Grinsens streifte meine Züge und verflog so eilig wieder, wie die wabernden Nebelschwaden vor uns. Stattdessen hörte ich zu, was Ardin weiter zu sagen wusste. Vor meinem inneren Auge versuchte ich mir ein Bild zu machen. Blacksmith. Er hatte so stehen müssen, dass er nach draußen auf die Straße hatte sehen können, hatte die Straße beobachtet, sogar die Richtung gesehen aus der der Bursche gekommen war. Aufmerksames Kerlchen unser Blacksmith - oder hatte er sich vor etwas oder jemanden in Acht zu nehmen? Möglich war natürlich auch, dass dieses gestreifte Frettchen - Stinktier - die Straße für Blacksmith observiert hatte. Gut. Blacksmith also vermutlich hinter dem Tresen. Der Junge zögert, kommt herein, legt den Stein auf den Tisch. Blacksmith... nimmt ihn zwischen die gierigen Finger? Begutachtet ihn? Vielleicht durch ein Lupenglas... Erkennt den Diamanten wieder... Und... Jetzt hatte ich eine Lücke... Blacksmith erkennt den Diamanten, hat den traumverlorenen Irren vor sich... Und... Alarmiert die H Division...? Der Irre steht weiter unbehelligt im Laden, Blacksmith mit Degen? ''Hat Blacksmith gesagt, wie der Kerl reagiert hat, als er merkte, dass Polizei auf dem Weg ist? Warum der Degen? Vorhin war er nur noch apathisch gewesen.'' Ich nickte nur bezüglich Ardins Einschätzung zum Geisteszustand unseres Verdächtigen. Das wenigstens stand außer Frage.

Schweigend trottete ich weiter durch die Gasse, in Gedanken versunken. Unzufrieden sog ich die rußgeschwängerte Luft in die Lungen, schüttelte dann vage den Kopf, stellte die Frage, die mir nicht aus dem Kopf ging: ''Wie steht es eigentlich um Blacksmiths Absatzwege, seine Kontakte? Sind sie gut?'' Ich hatte sie bislang für gut gehalten, aber das war bevor Blacksmith wie ein besorgter Gutbürger die Polizei alarmiert hatte, mit einem Diamanten auf dem Tisch, der das Jahresgehalt von halb Whitechapel überstieg und einem Verhandlungspartner, der nur danach schrie über den Tisch gezogen zu werden. Möglich, dass es nicht klug gewesen wäre zu versuchen den Diamanten zu versetzen, aber wenigstens den Versuch hätte ich so einem verschlagenen Hund wie Blacksmith deutlich mehr zugetraut, als direkt die H Division zu alarmieren... Irgendetwas... irgendetwas passte da einfach nicht zusammen...

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Fast wie von selbst schoss eine meiner Brauen in die Höhe als wir uns in Bewegung setzten und Rhode nach der verdammten Uhrzeit fragte. Ich sah kurz über die Straße, ließ die Braue wieder sinken, bildete stattdessen eine tiefe Falte auf meiner Stirn. „Muss gewesen sein kurz bevor die uns gerufen haben. Ging wohl alles ziemlich schnell.“ Das war keine Antwort auf die Frage aber was wollte Rhode auch die Uhrzeit wissen… So weit hatte das doch alles nicht auseinander liegen können. „Als sie uns gerufen haben war es gerade kurz nach Acht. Rechne eine halbe Stunde runter, dann hast du es zwischen halb Sieben und kurz vor Acht.“ Es könnte sein, dass Margory normalerweise auf sieben Uhr das Essen vorbereitete. Es könnte also sein, dass ich das Abendessen sausen gelassen hatte um Rhode meinen Erfolg mit dem Constable, dessen Namen ich nebenbei wieder vergessen hatte, unter die Nase zu reiben. Könnte sein. Vielleicht.

Warum der Bursche apathisch gewesen war? Das hätte ich auch gerne gewusst. Ich hatte nur einen Blick auf den Jungen erhascht, aber der hatte mir gereicht. Ich fragte mich im Stillen ja langsam ob das nicht Rhodes Fall war. Erstaunlich dass er überhaupt Informationen von mir oder Blacksmith wollte, da er ihn so bereitwillig mir überlassen hatte. Ich überlegte im Stillen ob ich dafür noch eine Gegenleistung von ihm einfordern sollte, aber mir fiel für den Moment nichts ein, das ich unbedingt von Rhode bräuchte. Nichts von Relevanz zumindest, das es gelohnt hätte, meine weiteren Antworten zu verweigern. „Der Junge wollte laut ihm flüchten. Er musste die Ladentür versperren.“ Ich zog die Nase hoch, den Blick auf den Fenstern der Umgebung, in denen ab und an einmal eine Kerze in dem Dunst leuchtete und den Straßenlaternen halbherzige Gesellschaft leistete. „Er meinte der Junge hätte allerhand akrobatische Spirenzchen gemacht und ihm den halben Laden umgeräumt. Sah aber alles sauber und ordentlich für Blacksmiths Verhältnisse aus, wenn du mich fragst. Nach einem Kampf sah das nicht aus.“ Fragte Rhode mich? Sicher nicht. „Er meinte er hätte dem Jungen eins auf den Schädel gegeben und einen seiner Mitarbeiter“ – ich warf Rhode einen Blick zu, der ausgeschrieben etwas besagt hätte wie das glaubst du doch selber nicht„nach den Peelers geschickt und sobald zwei Constables ankamen, habe der Junge ganz plötzlich Ruhe gegeben und sei so… apathisch geworden.“, um einmal Rhodes Worte dafür zu benutzen. Ich ging weiter mit dem Blick die Häuserfassaden ab während wir die Straße hinunter zogen. Über Risse im Mauerwerk, die in dem schummrigen Licht aussahen wie tiefe Schluchten in der Haut dieser Stadt.

Blacksmiths Kontakte. Einen Moment sah ich noch so vor mich hin, versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Blacksmiths Kontakte. Ich gehörte dazu, oder? Gefiel mir nicht, wenn Rhode das in Frage stellte. Aber ich verstand worauf er hinaus wollte. Also gab ich nach. Zog kurz mit einem Schnalzen einen Mundwinkel abschätzig hoch, bevor ich ihn wieder fallen ließ. „Gut genug.“, antwortete ich. „Schläft mit allem was genug Geld gibt. Auch mit Peelern wenns sein muss.“ Ich lächelte zufrieden über das Offensichtliche, bevor ich wieder ernst wurde. „Aber er kennt genug Leute.“

Ardin hatte nicht nach der Uhrzeit gefragt, ich kaute unzufrieden auf dem Kiefer herum, hörte kaum zu als der mir erklärte, wie er den Zeitpunkt zurückrechnen würde. Genau so würde es mir der Pfandleiher ebenfalls erklären, sollte ich ihn später noch dazu befragen. Die Chance, dass sich jemand so plump in seinen eigenen widersprüchlichen Aussagen verfing, hatte man immer nur zu Anfang. Bevor sie die Zeit hatten alles zu überdenken und sich unbewusst – oder auch ganz bewusst – ihren eigenen kleinen Ablaufplan zu spinnen. Aber ich ging nicht weiter darauf ein, ich warf noch einen kurzen Blick zurück auf die umliegenden Häuser, vielleicht hatte ja irgendeiner der Nachbarn etwas gesehen. Ich würde Morgen noch einmal einige Constables hinschicken, selbst wenn ich wenig Hoffnung hatte.

Auch die Antwort auf meine zweite Frage blieb verworren. Eine Aussage, die nichts als ein einziger Widerspruch in sich war. Der Junge kommt in den Laden um einen Diamanten zu versetzen und dreht dann durch und Blacksmith muss ihn mit Gewalt in eben diesem Laden festhalten? Ein Kampf, aber der Laden in bester Ordnung? Lässt den Jungen, der jeden Moment wieder zu sich kommen könnte, in seinem Laden und alarmiert einen Constable? Und damit hatte der James sich zufrieden gegeben?! Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu, aber da kam nichts weiter. Was hatte ich auch erwartet, dass Ardin meine Arbeit tat? Ja. Irgendwie ja, vielleicht hatte ich das ein Stück weit erwartet im Ausgleich für den Bonus, dass der persönlich mit seinem Kontakt sprechen durfte, die Befragung selbst gestalten durfte. Dass James dem Burschen deswegen gleich derart in den Arsch kroch und jede Frage von Bedeutung ausließ, damit hatte ich nun nicht gerechnet. Passte gar nicht zu dem James. Nun ja, sei es drum. Ich würde mir Blacksmith noch einmal vorknöpfen und wenn ich dem James dadurch den Kontakt zerbrach, dann konnte ich mir immerhin nicht vorwerfen, dass ich ihm nicht die Chance gelassen hatte das zu verhindern.

Ein wenig fragte ich mich bei James‘ selbstzufriedenen Lächeln ja, ob Blacksmith noch mit Peelern schlafen würde, wenn ich einmal mit ihm fertig war – aber das war etwas anderes und James hatte seine Chance immerhin gehabt. Ich fragte mich ja ohnehin, wann ich so weichherzig geworden war dem James solche Geschenke zu unterbreiten und nicht einmal etwas als Gegenleistung zu verlangen. Und dann nutzte der das nicht einmal, sondern halste mir nur doppelte Arbeit zu Lasten seines guten Kontakts auf. Verdammter James, versteh den mal einer! Aber was sollte es auch… Gut waren sie also, die Kontakte des Pfandleihers. Ich hatte die Antwort erwartet, aber sie ließ mich gleichzeitig so ratlos zurück wie zuvor.

Mein Blick ging wieder hinüber zu dem James und ich stellte ihm die eine Frage auf die es wirklich ankam: „Warum denkst du hat er nicht versucht den Diamanten zu Geld zu machen?“ Blacksmith war Ardins Kontakt, er kannte ihn besser, also interessierte mich, wie der die Sache einschätzte.

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Warum nicht den Diamanten zu Geld machen. Auf diese Frage hin schwieg ich einen Moment, dachte tatsächlich nach während wir uns Schritt um Schritt der Leman Street näherten. Irgendwo bellte ein Hund, der nach einer ähnlichen Größe wie Cyneburg klang. Jackdaw ließ mich wissen, dass er hinter Gittern war und nicht jeden Moment um die nächste Straßenecke gewetzt kommen würde. Sie sagte auf der Themse wären heute Nacht viele Feuer und dass am St. Katharine Dock wie erwartet trotz angebrochener Nacht gearbeitet würde.

Warum den Diamanten nicht zu Geld machen.

Ich hätte gerne geantwortet, dass meine Beziehung zu Blacksmith derartig gut war, dass seine Loyalität eine Selbstverständlichkeit war. Aber die Wahrheit war die, wie so häufig, kompliziertere. Die Beziehung die Blacksmith zu mir unterhielt, und die er zu jeder lebenden Seele inklusive seiner eigenen Großmutter, unterhielt, war eine des Gebens und des Nehmens. Es gab nichts ohne Gegenleistung. Sein Geschäft lebte von offenen Gefallen, kleinen Geschäften und dem Ansammeln von geheimem Wissen, das er nicht mit jedem teilte. Er hätte diesen Diamanten also zu uns bringen können damit ich ihm einen Gefallen schuldete. Einen großen. Aber das wäre ihm selbst der Verlust dieses Diamanten nicht wert gewesen. Darum war es ihm nicht gegangen, dann hätte er sich mir gegenüber anders verhalten. Wenn man es genau betrachtete, war das was Rhode implizierte nicht einmal so unrichtig. Sein Umkehrschluss war der, dass Blacksmith mit einem solchen Fundstück, das er auch noch einwandfrei identifizieren konnte, viel eher den Weg des Geldes hätte wählen können statt den des Anstands. Es hätte Sinn ergeben, das stimmte. Ich kannte Blacksmith. Und er war Geschäftsmann. Er tat nichts der Aufrichtigkeit oder des Sinns für seine Mitmenschen wegen. Wenn er ein Geschäft abschloss, dann deshalb, weil er einen Vorteil darin sah. Welchen Vorteil also, sah er darin, uns den Diamanten zu übergeben, statt ihn klammheimlich unter der Ladentheke verschwinden zu lassen und zu Geld zu machen?

„Nicht des guten Willens wegen oder weil er in die Zeitung kommen will, so viel steht fest.“, antwortete ich nachdenklich, durch diese Überlegung doch noch ins Grübeln geraten. Das war ein verdammt guter Punkt – der Gregor bewahre, dass ich Rhode das direkt ins Gesicht sagte, aber der Gedanke packte mich. Er würde mich für eine Weile nicht loslassen hatte ich das dumpfe Gefühl. Ich schnalzte leise durch die Zähne. „Er muss einen Vorteil für sich drin sehen. Anders kann es kaum sein bei so einem großen Stück.“ Mein Blick wanderte ruhelos über Mist und Stein, folgte einer davon huschenden Ratte. „Denkst du die Bonham Diamanten sind im Untergrund irgendwie verflucht? Dass keiner was mit ihnen zu tun haben will, sie nur los werden, egal wie viel sie wert sind?“ Ich biss mir auf die Unterlippe und sah zu Rhode hoch, ehrlich begierig darauf, dessen Gedanken dazu zu hören. Als könnte das eine Spur sein. Als könnte das die ominöse Erklärung für Blacksmiths seltsames Verhalten sein, das mir ohne Rhode nicht einmal aufgefallen wäre. Aber war es so abwegig? Nach allem was damals passiert war? Ich fragte mich nur warum… Hatten sie alle etwa ein moralisches Gewissen bekommen? Das konnte ich mir kaum vorstellen… Obwohl ich mir sicher war, dass es der eine oder andere sicher gerne so verkleidet hätte.

Ardin dachte nach über meine Frage und das allein war doch reichlich ungewöhnlich, dachte ich bei mir und fragte mich dann, ob der James die Frage womöglich nicht gehört hatte – oder sich dazu entschieden hatte, sie gar nicht hören zu wollen. Ich warf einen Seitenblick hinüber zu dem Anderen. Oh doch, der hatte mich gehört und der dachte nach. Ungewöhnlich, in der Tat. Ich sah wieder voraus. Das Hundegebell ließ mich unwillkürlich die Schultern straffen, ich atmete aus, zwang mich die Anspannung fallen zu lassen. Wachsamkeit, ja, das brauchte man in diesen Straßen. Aber nicht die verdammte Angst, die mir jene Viecher noch heute bereiteten, als wäre ich noch immer ein junger Bursche bei der Armee oder einer der Boater, umherreisendes Volk, das kein Hund, kein sesshafter Mann recht leiden konnte. Der Weg zurück in die Leman Street führte uns durch die engen, dunklen Seitengassen Whitechapels, die bei Tage erbärmlich dreinsahen und des Nachts ihr gefährliches Eigenleben entwickelten. Die Gaslaternen zeichneten weiche Lichtkegel und machten die Dunkelheit bis zu ihrer nächsten Schwester nur umso finsterer. Der Nebel hing tief zwischen den Häusern in dieser Nacht. Die rußverkrusteten, abgeschlagenen Hauswände standen so eng, als existierten sie nur, um den Raum zwischen sich mit blankem Stein zu beängstigenden Kluften einzugrenzen. Mein Blick glitt höher, hin zu der Dohle, deren dunkel und hellgrauer Körper über uns durch die Nebelschwaden glitt und fragte mich nicht zum ersten Mal, wie sein musste dort oben auf all das hier hinabzublicken.

Da erklang Ardins Stimme wieder. Ich sah nicht zu ihm, aber ich sog jedes Wort auf, verwob es mit meinen Überlegungen. Nicht des guten Willens wegen. Nein, das hätte mich auch wahrlich überrascht. Und auch nicht für den kurzfristigen Ruhm in einem Zeitungsblatt Erwähnung zu finden. Ich nickte. Ein Vorteil für sich. Ich nickte einmal mehr bedächtig. Ja, das mochte wohl sein. Das klang nach dem Art Charakter, den ich von Blacksmith bisher erwartet hätte. Und dann sagte Ardin etwas, das mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Etwas, das an diesem Abend kein außer sich mit einem Degen umherfuchtelnder Pfandleiher und kein Wiegenlieder summender Irrer bisher vermocht hatte. Ich berührte die Knöpfe meines Mantels, als wollte ich sie schließen, doch ich wusste selbst, dass es mir nicht vor Kälte fröstelte. Ob sie im Untergrund wohl verflucht waren, die Diamanten. Ich schloss nur einen Moment die Augen. Genug unschuldiges Blut klebte jedenfalls an ihnen. Aber ob ihr Wert darüber – oder über irgendetwas anderes – gesunken sein mochte? Geld war am Ende Geld und Skrupel oder Zweifel, sie waren von wandelbarer Gestalt, so sagte mir meine Erfahrung.

‚Ts‘, machte ich also und schnalzte spöttisch mit der Zunge, versuchte darüber die Kehlen wieder frei zu bekommen und wandte den Blick kopfschüttelnd ab, als mir der absurde Gedanke kam. „Vielleicht bekommen die ja am Ende ein Gewissen“, meinte ich dann skeptisch amüsiert. „Das wäre immerhin ein Trick, den so alte Hunde wie du und ich noch nicht gesehen haben.“ Und damit schüttelte ich endgültig den Kopf, wurde wieder ernst. Ein solches Verhalten, als sei eine Ware verflucht, bedeutete im Untergrund meist eine Sache. Davon hatte ich zwar bisher nichts gehört, aber es war durchaus vorstellbar… „Nein, ich weiß es nicht. Es ist ein Diamant von Dreien und sie wurden so wir wissen bisher nicht zu Geld gemacht, nicht an einschlägiger Stelle jedenfalls. Mag sein jemand oder eine Gruppe hat die Diamanten für sich beansprucht. Einen Bann über sie gesprochen.“ Ich dachte einen Moment nach. „Vielleicht hatte Blacksmith am Ende gar nicht vor dem Jungen Angst gehabt…“ Genug Angst so ein großes Stück auszuschlagen, genug Angst etwas, das zu einem kleinen Vermögen hätte werden können, ohne Zögern der Polizei zu überlassen, nur um den Fluch los zu werden. Ich blickte zurück über die Schulter, wohl wissend, dass ich schon nicht mehr bis zu Blacksmiths Laden würde zurück sehen können. „Lust Mulligan zur Weißglut zu treiben?“, fragte ich. Rhetorisch versteht sich. „Lassen wir Blacksmiths Laden die nächsten Tage überwachen, nur zur Sicherheit. Falls außer uns noch einer wissen will, wie das mit dem Diamanten ablief.“ Mulligan würde toben bei so einer Ressourcenverschwendung. Er hielt nichts von Bow Street Ermittlungsmethoden. Und gut möglich, dass es tatsächlich zwecklos war, einen Constable dafür abzustellen. Aber falls einer die Diamanten „verflucht“ hat, dann bezweifelte ich, dass Blacksmith in dessen Augen aus dem Schneider war, nur weil er das Stück den Peelern überlassen hatte.

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Rhode schnalzte abfällig, aber es war offensichtlich, dass ihn der Gedanke auch beschäftigte. Dass da ein Fluch auf den Diamanten liegen könnte, vor dem sie alle Angst hatten. Kein Fluch im buchstäblichen Sinne. Das wäre uns nach den Jahren in Ravenna Blacks Gesellschaft nun doch aufgefallen. Aber eventuell eine Art moralischer Fluch…  „Vielleicht bekommen die ja am Ende ein Gewissen“ Genau das meinte ich. Aber wenn man es so aussprach klang es reichlich absurd, das stimmte. Ich sah wieder geradeaus ohne die schlammige Straße recht zu sehen, mit den Gedanken bereits tief bei dem Grund für Blacksmiths seltsames Verhalten. Alle Möglichkeiten abtastend, die sich mir erschlossen. „Das wäre immerhin ein Trick, den so alte Hunde wie du und ich noch nicht gesehen haben.“ Bei dem Gedanken musste ich doch ein wenig grinsen. Ein amüsiertes Schnauben entrann mir. Wahrlich, das wäre etwas Neues gewesen. Nichts mit dem wir gerechnet hätten. „Raffiniert.“, pflichtete ich Rhode mit einem Kopfwiegen bei.

Was Rhode weiter sagte, wurde dann wieder ernster. Er rückte mit Fakten über die Bonham Diamanten heraus. Dinge, die damals durch die Zeitungen gegangen waren. Die es womöglich bald wieder tun würden, wenn das Journalistenpack Wind davon bekäme, dass einer der Bonham Diamanten wieder aufgetaucht war. Dann hätten sie wieder einmal etwas anderes zu berichten als die großen ermittlerischen Errungenschaften des Yard in Westminster. Nein, stattdessen würden sie wieder einmal die Leman Street zerpflücken. Und Rhode würde ins Kreuzfeuer geraten. Nicht, dass der das nicht abkonnte, aber es war doch eben wieder die alte Leier, die mir unermüdlich auf die Nerven fiel.

Drei Diamanten. Keiner davon veräußert oder anderweitig wiederaufgetaucht. Bis jetzt. Jemand oder eine Gruppe mochte einen Bann ausgesprochen haben. Da hatte Rhode Recht, so etwas war keine Erfindung der magischen Welt. So etwas schufen Menschen auch ganz ohne Zauberei. Es musste nur jemand mit genügend Einfluss sein. „Einer der großen Fische…“, vermutete ich, während Rhode noch etwas anfügte, das diesmal mir einen Schauer über den Rücken jagte. Am Ende hätte Blacksmith nicht vor dem Jungen Angst gehabt. Degen um sich zu verteidigen. Jemand, der einem Blacksmith gefährlich werden konnte… Wenn der am Ende ganz genau wusste, vor wem er sich zu fürchten hatte. Es fühlte sich in diesem Moment ein wenig so an als habe sich der Wind in der Gasse gedreht. Als könnte ich plötzlich wittern was da in den Schatten lauerte und vor dem Blacksmith solche Angst haben mochte. Etwas großes. Etwas aus den alten Tagen. Etwas das es lohnte, es zu jagen. Und etwas in mir wollte rennen, beißen und packen. Meine Schritte wurden ganz ohne mein Zutun forscher.

„Lust Mulligan zur Weißglut zu treiben?“ Ich zügelte mich wieder ein wenig, aber als ich den Seitenblick zu Rhode hochwarf, war da ein verschwörerisch vorfreudiges Grinsen auf meinen Zügen. Dass er das überhaupt fragte. „Lassen wir Blacksmiths Laden die nächsten Tage überwachen, nur zur Sicherheit. Falls außer uns noch einer wissen will, wie das mit dem Diamanten ablief.“ Ich nickte, sah wieder geradeaus aber grinste dabei weiter vor mich hin. Oh wie Mulligan darüber toben würde, wenn er das hörte. Das machte jetzt schon Lust an der Freude. „Geht klar.“, bestätigte ich finster vor mich hin lächelnd. „Wie früher, Rhode.“, meinte ich zufrieden und ergänzte dann: „Überlass Mulligan nur mir.“ Das würde ein Spaß werden.





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