Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Während mein wütender Blick noch auf Nascha liegt bemerke ich wie Nikola den Kopf hebt und mich ansieht. Sein Blick brennt auf meinem Gesicht ohne, dass das seine Absicht sein kann. Alles in mir schreit danach, hinzusehen. Also hebe auch ich schließlich etwas den Blick um dem Drang nachzugeben. Seine Mundwinkel sind angezogen, ein Lächeln irgendwo zwischen Entschuldigung und Mitleid liegt auf seinen schmalen Lippen, die meinen so ähnlich sind. Die Nervosität kehrt von einer Sekunde zur Nächsten zu mir zurück. Das Gefühl der Überforderung packt mich erneut und ich wende den Blick ab, mühsam eine Reaktion zurück haltend. Es fällt mir schwer das Lächeln nicht zu erwidern, eisern meine wütende Fassade aufrecht zu erhalten, und gleichzeitig läge mir gerade nichts ferner als zu lächeln. Er senkt ebenfalls den Blick. Ein Glück. Und gleichzeitig tut es mir Leid.

Ich sehe zu Nascha, aber die hat mich schon längst wieder vergessen. Stattdessen antwortet Asya provokant auf ihre Frage und ich kann nicht anders als die Hündin anzusehen während sie antwortet und es genießt die Geschichte kurz und unbedeutend zu erzählen und dennoch wie einen kleinen Triumph klingen zu lassen. Und kurz, das ist sie wirklich. Mama hatte geheiratet. Drei Jahre später. Geheiratet. Das Leben auf Dode Manor einfach zurück gelassen. Ein neues begonnen. Mich vergessen. Ich wende den Blick erneut ab. Einem plötzlichen Drang folgend sehe ich wieder hinaus. Der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung, endlich. Was muss Nikola für sie gewesen sein? Ein nerviges Anhängsel aus einem anderen Leben? Der Beweis ihrer Schande? Wie musste es sein, mit einem fremden Vater zu leben? War es wie mit einer fremden Mutter zu leben? Ich beobachte wie der Bahnsteig langsam und immer schneller an uns vorbei gleitet. Im nächsten Moment bemerke ich wie vermessen der Gedanke ist. Ich sollte mich schämen meine Mutter so zu verurteilen. Was ist man schon als Frau ohne Ehegatten mit einem Kind in dieser Welt? Was ist man ohne Mann? Es zeugt von ihrem Überlebensinstinkt, dass sie so pragmatisch gehandelt hat. Und doch, was wenn sie doch etwas gefühlt hat? Was wenn sie die Langdons hinter sich gelassen hat? Ich würde es sie gerne fragen. Auch wenn ich weiß, dass mir die Antwort nicht gefallen könnte. Ich will den Kopf drehen, nach Mama fragen. Wissen, wie es ihr geht. Der Wunsch danach lässt jede Barriere, jeden tiefen Graben zwischen uns wie Nichts erscheinen als wäre er nicht da. Die Sehnsucht nach meiner Mutter. Wie oft habe ich mir vorgestellt, sie wieder zu sehen? Dass sie mich wieder in ihre Arme schließen würde? Eines Tages? Und wie lange ist es her, dass ich diese Gedanken begraben habe? Sie sind alle wieder da, als hätte ich nie auch nur einen Spatenstich getan. Ich habe das Gesicht schon von den Knöcheln gelöst, will den Kopf drehen, da hat Asya bereits eine Gegenfrage gestellt und lässt mich in der Bewegung stocken. Schwer muss ich schlucken. Ich schließe die Augen und wende das Gesicht zurück zum Fenster, lasse es im Schatten meiner Hand verschwinden unter dem Vorwand mir mit geöffneten Fingern ins sauber gebundene Haar fahren zu wollen. Ich habe das Gefühl die Unterhaltung der Daemonen sonst nicht länger zu ertragen, während Nascha ohne auch nur eine Sekunde zu zögern zur Antwort ansetzt und mit ihren Worten weich, wie ein Messer durch Butter gleitet, mein Herz erdolcht.

„Oh, das ist eine einfache Sache. Kurz nachdem ihr weg seid, muss ungefähr zur Zeit gewesen sein als ihr diesen seltsamen Namen angenommen habt, hat sich Lady Langdon endlich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllt und einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Alle waren glücklich, die Erbfolge gesichert und wir weg vom Fenster. Sie haben uns nicht mehr gebraucht, also sind wir abgeschoben worden. Ins Kloster. Name weg. Geld weg. Alles weg. Wie du Abfall in die Grube entwirfst sozusagen. Wir waren ihr ja schon immer im Weg, aber das war ein starkes Stück das sie gedreht hat. Das musst du dir anhören! Sie haben gesagt Papa wäre bei der Jagd beinahe von einem Blitz getroffen und gerade so verfehlt worden. Und aus Dankbarkeit hätte er dem lieben Herrgott seinen ältesten Sohn versprochen. An dem Tag war überhaupt kein Gewitter, aber versuch mal das Gegenteil zu beweisen.  Das war es dann mit Lordschaft und so und mit Familie und überhaupt. Das Magisterium war unsere Fahrkarte da raus. Ich war heilfroh, dass das geklappt hat – ich wäre gestorben in diesem Bunker, das meine ich ernst. Ich habe immer gesagt, dass wir euch irgendwann wieder begegnen und euch finden, aber der Schwarzmaler da drüben hat mir nicht geglaubt. Und eigentlich würde er sich wahnsinnig freuen euch zu sehen, wenn er sich nicht so schämen würde. Ich glaube das nennt man einen Minderwertigkeitskomplex.“

Ich lasse die Hand sinken, öffne die Augen und sehe verdrossen und ja, durchaus ein wenig wütend, zu der Eule, die sich jetzt bequem in das Brustfell der Hündin geschmiegt hat. Perfektes Ambiente für ihre kleine Erzählstunde. „Danke, Nascha, du bist ein Scheusal. Gibt es sonst noch etwas, das du gerne ausplaudern würdest?!“, gifte ich sarkastisch zu ihr hinüber. Sie lacht nur keckernd und macht es sich einmal mehr in Asyas Fell gemütlich. Sie ist eine Sadistin der übelsten Sorte… Ich lasse den Arm vom Fensterrahmen sinken, lehne mich zurück und drücke kurz mit geschlossenen Augen den Schädel gegen das Polster der Lehne. Was bringt es jetzt noch, die Fassade zu wahren? Nascha hat jede sorgsam getragene Anstandsmaske zerstört. Jetzt sitze ich hier vor Nikola offen als das Häufchen Nichts das ich bin. Immerhin, ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich öffne die Augen wieder, hebe etwas den Kopf und komme damit in einer entspannteren, aber auch kraftloseren Haltung an. Zum ersten Mal sehe ich freiwillig zu meinem Bruder hinüber. Nikola Larkin. Wie er da drüben auf der anderen Seite des Abteils sitzt. „Tut mir Leid, dass du es so erfahren musstest.“, gebe ich ehrlich zu und es ist wohl das einzige, das ich noch für ihn tun kann, das einzige, das ich noch dazu sagen kann. Und ich meine es ernst, auch wenn meine Stimme bitter und müde klingt, sie ist nicht mehr so angespannt. Und es fühlt sich gut an. Ja, irgendwie ist es angenehm, nichts mehr zu verbergen zu haben. All mein Dasein, all meine Schande offen gedeckt zu haben und nichts mehr zu verlieren zu haben, als dass jemand mutwillig mein Herz zerstören würde. Das Verstecken ist anstrengend geworden. Es raubt Kraft. Auch wenn ich es immer erst hinterher bemerke. Und ein wenig bin ich dankbar um die Erlösung. Nascha weiß das. Und sie thront triumphierend auf Asyas Brust. Ich hätte mir schönere Arten vorstellen können, das zu erreichen. Aber immerhin, ich kann aus den Gegebenheiten nur das bestmögliche machen. Und wenn Nikola mich jetzt verachtet, dann bin ich wenigstens bereit dafür.

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Der Moment in dem wir uns ansehen ist kurz und peinlich und ich kann wohl froh sein, dass er einfach wegsieht ohne mich auszulachen, wie Asya es getan hätte, oder mich zu rügen, wie es ihm zugestanden hätte. Wenn es auch nicht seine Aufgabe gewesen wäre, ich hätte mich besser im Griff haben sollen. Es ist gut sich weiter von den Daemonen ablenken lassen zu können. Asya die über den Wechsel unseres Namens spricht, als wäre es nur eine unbedeutenden Belanglosigkeit. Ich weiß, dass sie das auch als eine Art von Verteidigungslinie tut. Oder zumindest, dass sie zwei Arten hat über Dinge zu sprechen. Knapp und oberflächlich und ausführlich und tief. Beide Versionen haben bis auf den groben Informationsgehalt nichts gemeinsam. Das hier ist die grobe Variante. Die bei der man keine störenden Gefühle braucht, bei der man einfach spricht, Wissen austauscht und dabei auf einer – nicht weniger liebevollen – aber doch im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlichen Ebene bleibt.  Das ist Spiel, das ist Wiedersehensfreude und die wird Asya verteidigen. Die wird sie nicht so schnell aufgeben, nur um eine ach so tragische Familiengeschichte zum Besten zu geben. Dass sie Mr. Langdon damit erzählt, dass seine Mutter neu geheiratet hat und dass sie mir all die alten Erinnerungen aufreißt – das ist nicht ihr Problem. So hart und pragmatisch wie sie mit sich selbst in diesen Dingen ist, so hart ist sie mit anderen. Nascha scheint damit kein Problem zu haben. Im Gegenteil, sie scheinen beide im selben… Zug zu sitzen in dieser Hinsicht. Sie beantwortet tatsächlich Asyas Frage. Das mit dem Sohn hatte ich gewusst und doch ist es etwas anderes es von Nascha bestätigt zu haben. Die Countess hat also einen Sohn geboren. Es waren nur zwei Mädchen gewesen, bevor ich von Dode Manor weg bin. Die Kinder der Countess… und des Earls. In gewisser Weise damit auch meine Halbgeschwister. Der Gedanke fühlt sich falsch an. Es ist einfacher sie als Mr. Langdons Geschwister zu sehen. Und doch, zumindest der Sohn scheint so viel mehr sein Konkurrent als ein Bruder gewesen zu sein. Ein über zehn Jahre jüngerer oben drein. Einer, der alles verändert hat. Ich hatte es nicht erwartet. Es hatte da diese Gerüchte gegeben, ja. Aber Gerüchte gibt es immer. Doch dass unser Vater tatsächlich… dass er seinen Erstgeborenen... Der in dem das Blut unserer Mutter fließt, dass er ihn tatsächlich derart hat wegwerfen können, wie Nascha es nennt. Ich begreife es kaum. Ich kann mich nur verschwommen an den Earl erinnern, habe das Gefühl ihn kaum eine handvoll Mal gesehen zu haben. Aber ich denke, ich hatte ihn immer als gerecht angesehen. Er hat mir mehr ermöglicht als jeder andere Lord seinem Bastard wohl ermöglicht hätte und selbst nachdem meine Mutter und ich Dode Manor haben verlassen müssen, hat sie immer dafür gesorgt, dass ich ihn nie mit Hass betrachte. Immer wieder hat sie mir Dankbarkeit eingebläut und mit einem Mal, bei Naschas Erzählung, frage ich mich, wie sehr ich das was meine Mutter mich – und womöglich auch sich selbst – hat glauben machen wollen, mit der Realität verwechselt habe. Ob die Bastarde die der Earl gezeugt hatte, nicht viel mehr Last für ihn gewesen waren. Den einen hatte er los bekommen, warum dasselbe nicht mit dem Anderen versuchen, nachdem es möglich geworden ist ohne zugleich die Chance auf einen Erben aufzugeben? Asya lacht als Nascha die Geschichte so überspitzt zu ihrem Höhepunkt führt. Doch auch bei ihr kann ich bittere Ungläubigkeit darunter hören. Kann sie spüren. Die Verachtung, die sie schon immer für diese Dinge gehegt hat, egal was unsere Mutter auch gesagt hat.
 
Und dann endet Nascha. Wenn er sich nicht so schämen würde... Minderwertigkeitskomplexe... Ich höre den eigenen Herzschlag in den Ohren, spüre den Puls scharf an meinem Hals. Es fühlt sich an, wie unerwartet geschlagen worden zu sein. Dabei habe ich es doch geahnt. Ist es wirklich so überraschend? Stur sehe ich geradeaus. Blicke die herrschaftlich roten Sitze mir gegenüber an und sehe doch durch sie hindurch. Kann niemanden in diesem Abteil ansehen. Nicht einmal Asya. Wo ist die Wut wenn man sie so dringend braucht, um sich an ihr festzuklammern? Und gleichzeitig weiß ich, dass es besser so ist. Besser nicht wütend zu werden, sondern das Gefühl zu haben rückwärts von einer Klippe zu fallen. Völlig unkontrolliert, nur mit diesem Gefühl im Magen, dass es abwärts geht, dieser entsetzlichen Haltlosigkeit. Es ist angemessener nicht wütend zu werden. Denn, kann ich es ihm verdenken? Und gleichzeitig weiß ich, dass meine Zurückhaltung allein, die Tatsache, dass ich mir selbst unter diesen Bedingungen noch Gedanken über Angemessenheit mache, mich genau als das auszeichnet, was ich eben bin. Ein Diener. Selbst unter der Arbeiterklasse seltsam entkoppelt und kaum als Arbeit angesehen, wie mich das Treffen mit dem Gewerkschafter so nett erinnert hat. Wir sind eine eigene Klasse, eine deren Arbeit als am besten erfüllt gilt, wenn man sie nicht bemerkt – die Arbeit wie die Person dahinter. Ich dagegen falle in diesem Moment entsetzlich auf. Kann ich ihm wirklich verdenken sich dafür zu schämen? Dass ich ihn so aktiv daran erinnere, dass sein Bruder ist, was seine Mutter gewesen ist: Ein Diener. Und damit auch in ihm zur Hälfte dieses Blut fließt. Immerhin, so wie Nascha es ausspricht, so wie sie mit Asya umgeht, liegt es weniger in uns als Person begründet, als in dem was wir eben sind. In dem, was auch Mr. Langdon minderwertig macht. Was ihn den Titel und die Familie und das Erbe gekostet hat. Ich kann es ihm nicht verdenken. Es wäre vermessen das zu tun. Ich kann mir nicht einmal vorstelle, wie es ist so viel besessen und so viel verloren zu haben.
 
Mr. Langdon fährt seinen Daemon so scharf an, dass ich beinahe darunter zusammen zucke. Ich bin es in gewisser Weise gewohnt. Es ist eine seltsame Eigenschaft, dass so viele Herrschaften sich von der Anwesenheit eines Dieners nicht in intimen Gesprächen mit ihren Daemonen stören lassen. Ich kann mir nicht vorstellen auch nur ein Wort mit Asya zu wechseln, das nur für unsere Ohren bestimmt ist, wenn ein Anderer anwesend ist. Weil es sich für einen Diener nicht gehört in der Anwesenheit von Herrschaften mit anderen Dienern oder dem Daemon zu sprechen. Aber auch… elementarer. Ich hätte Angst davor, schätze ich. Angst was Andere über mich erfahren könnten. Und das ist exakt der Punkt, der das hier eben nicht gewohnt macht. Oder zumindest nicht mehr. Es hat etwas vertrautes, etwas wie aus Kindertagen. Wie Anisim und Nascha sich einfach vor unseren Ohren streiten, genau wie früher. Als er erneut spricht, registriere ich erst im nächsten Moment, dass er dieses Mal nicht seinen Daemon meint. Aber selbst, als ich es dann realisiere, sehe ich ihn nicht an. Ich spüre den Reflex und ich spüre den Moment verstreichen, in dem ich ihm eigentlich hätte folgen müssen. Ich verstehe es nicht. Dass er sich entschuldigt. Oder für was. Noch weniger verstehe ich die Vertrautheit darin. Er klingt müde und verbittert. Aber vor allem vertraut. „Ist schon in Ordnung“, erwidere ich. Noch immer ohne ihn anzusehen. Die Worte fühlen sich widerlich an. Dumpf nur bringe ich sie hervor. Spüre erst in diesem Moment wie sehr es eben nicht in Ordnung ist. „Ich schätze, es würde mir ähnlich gehen, wäre es andersherum.“ Ich hoffe, es wäre nicht so. Ich hoffe, wäre ich du, dann würde ich mich nicht für dich schämen. Ich hoffe, wäre ich du dann würde ich dir nicht das Gefühl geben, das schlimmste zu sein, das in meinem Leben passiert ist, selbst wenn es so ist. Und da ist sie mit einem Mal doch, die Wut. Heftig und unerwartet. Ich beiße die Zähne zusammen, um nichts davon auszusprechen. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt dabei, ich kann es spüren. Stille. Selbst unter den Daemonen und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor Asya spricht, bemerke ich, dass ich vielleicht einen Fehler begangen habe. „Sie meinen nicht uns, Nico.“ Ihre Stimme hat mit einem Mal jede Ausgelassenheit verloren. Es liegt eine konzentrierte Wachsamkeit darin. Ungläubig drehe ich jetzt doch den Blick. Bitte, was? Ich kann Asyas Augen von hier aus nicht sehen. Also starre ich stattdessen Mr. Langdon an. Was dann?!, hätte ich am liebsten hervor gestoßen und schaffe es nicht, dafür bin ich mir viel zu wenig sicher, dass Asya überhaupt recht hat.

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Ich starre Nikola Larkin länger an als es nötig wäre, aber ich kann meinen Blick nicht von seinem abgewandten Profil lösen. Wie er da sitzt auf der anderen Seite des Abteils, die Kiefermuskulatur in bitterere Ausdruckslosigkeit angespannt. Als sähe ich ein Spiegelbild meiner selbst vor nur wenigen Minuten. Seine Worte drehen Kreise in meinem Kopf. Ich habe gesagt, dass ich bereit für seine Verachtung bin. Aber das bin ich nicht. Nicht mit dieser Härte. Vielleicht hat ein Teil von mir trotz jeder Unmöglichkeit daran geglaubt, dass er mir verzeihen könnte. Aber, das kann er nicht. „Ich schätze, es würde mir ähnlich gehen, wäre es andersherum.“ Seine Worte drehen weiter wilde Kreise. Ich kann ihn nur anstarren. Schlucke. Der Schlag trifft hart, egal wie gut ich mich darauf vorbereitet gewähnt habe. Wäre ich an deiner Position, sagen seine Worte, ich würde mich auch schämen. Ich würde mich auch schämen für das was ich bin. Es geschieht dir ganz Recht damit. Und du musst nicht glauben, dass ich derjenige sein würde, der dich retten kommt. Natürlich nicht. Was habe ich auch erwartet, von meinem Bruder? Vielleicht ist er mein Bruder, aber es ist viel Zeit vergangen. Und ich habe versagt. Ich habe ihn enttäuscht. Die Entscheidung unserer Eltern sinnlos werden lassen. Er hat immerhin jede Möglichkeit genutzt, die ihm geboten worden ist. Er ist Valet, das ist für einen Dienstboten eine beneidenswert gute Position. Und es ist schwer diesen Stand zu verlassen. Er hat sein bestes gegeben um unsere Eltern stolz zu machen. Und was habe ich getan? Nichts. Ich habe mich ausgeruht auf meiner Verzweiflung. Ich spüre die Welt um mich zusammen brechen. Den Schmerz durch meine Eingeweide ätzen. Und kann doch den Blick nicht abwenden, als müsste ich mich an Nikolas Anblick klammern, als bräuchte ich seine Bitterkeit zur Bestätigung, dass ich mich nicht getäuscht habe. Nichts an seinem Ausdruck ändert sich. Nascha schmiegt sich am Rande meines Sichtfelds dicht an Asyas Fell. Fast scheint es mir sie duckt sich unter der Situation. Duckt sich unter meinen Gefühlen, unter der Art wie sie mich lautlos zerreißen. Sie dreht den Kopf weg und legt die befiederte Wange auf Asyas Brust.

„Sie meinen nicht uns, Nico.“ Asyas Stimme klingt durch die Stille im Abteil. Sie fällt mir erst auf als sie zerstört wird. Das gleichmäßige Rattern der Zugräder auf den Schienen hat sie bis eben gefüllt. Die Sekunden für mich in meinem Kopf gezählt. Ich sehe an der Art wie Nico impulsiv den Kopf hebt, mich plötzlich ansieht, wie sehr in Asyas Worte treffen. Ich starre in seinen Blick und in meinen Schmerz mischt sich Irritation. Langsam dringt die Bedeutung der Worte in mein Bewusstsein. Uns. Weshalb uns? Weshalb hätte ich Nico meinen sollen? Weshalb hätte Nascha Nico meinen sollen? Womit? Und plötzlich verstehe ich es. Die Schande. Die Scham. Sie… sie haben das auf sich bezogen. Aber weshalb? Weshalb sollten die beiden sich schämen? Nico und Asya? Was ist an ihnen verwerfliches? Weshalb hätte ich mich für sie schämen sollen? Wie könnte ich? Nikola ist mein Bruder. Nascha dreht am Rande meines Sichtfeldes den Kopf herum, sieht zu mir und drückt die andere Wange in Asyas Fell. Sie fühlt meine Verwirrung. „Sie sind Diener, Anis.“, sagt sie leise, fast behutsam, aber in dem selben Ton, den auch Asya an ihren Menschen gerichtet hat. Ich starre weiterhin in Nikolas Blick. Kann mich nicht rühren. Ich fühle mich wie ein lerngestörtes Kind, während mich die Verwirrung auffrisst. Nascha hat es längst verstanden. Nur ich stelle mich wieder an und verstehe rein gar nichts. Ich würde das zu gerne ändern. Aber ich bin wie blockiert. Und weil sie Diener sind… weil sie Diener sind, sollte ich mich für sie schämen? Denkt Nico das? Dass seine Position ein Grund zum schämen sei? Ausgerechnet er? Und mit einem Mal verstehe ich es. Kommt es zu mir. Wie mit einem einzigen umgelegten Hebel. Ich habe Nico verletzt. Er hat die Scham, wie Nascha sie genannt hat, auf sich bezogen. Er glaubt ich schäme mich für ihn. Weil er ein Diener ist. Das ist so weit weg von jeder Realität. Ich könnte niemals so denken. Aber wie soll ich ihm das sagen? Wie soll ich ihm sagen, wie die Wahrheit aussieht? Wie soll ich solche Dinge aussprechen? Ich kann sie kaum mir oder Nascha gegenüber ertragen. Sie könnte es aussprechen. Nascha müsste die Probleme lösen, die sie mit ihrem losen Mundwerk angerichtet hat. Aber ich habe das Gefühl als müsste ich das selber tun. Nascha würde nur noch mehr Unheil anrichten. Sie hat über meine Gefühle gesprochen. Und dabei hat sie nicht gelogen. Es sind meine Gefühle, ich muss sie erklären. Nicht Nascha.

Wenn es mir nur nicht so schwer fallen würde. Ich sehe die Verwirrung und die Wut in Nicos Zügen. Ich sehe zum ersten Mal seit wir uns wieder gesehen haben die blanken Emotionen auf seinem Gesicht. Für jeden anderen mag sein Ausdruck kühl und nichtssagend wirken. Aber ich bin mit ihm aufgewachsen. Zumindest ein paar Jahre. Genug um die kleinen Anzeichen zu kennen. Die Gefühle zu spüren, die dort vor sich gehen. Es schmerzt mich so sehr, ihn verletzt zu haben. Dass Nascha diese Dinge angestellt hat. Meine Gefühle ohne nachzudenken genutzt hat und damit ein Missverständnis geschaffen hat, das ihn so heftig getroffen hat. Das ist so weit weg von allem was ich mir in diesem Moment wünsche. Ich will etwas sagen, ich will es gerade biegen. Aber ich kann den Mund nicht öffnen. Es ist als wäre er gewaltsam verschlossen. Ich sitze nur hier und starre Nico an wie ein verblödeter Trottel. Gefangen in meinen Gefühlen, unfähig zu handeln. Ich weiß immer was zu tun ist, in jeder Situation. Jetzt nicht mehr. Ich kann es ihm nicht sagen.

Nascha schweigt. Ich spüre ihren Blick auf mir brennen. Langsam drehe ich doch noch ein wenig den Kopf, senke den Blick zu ihr hinunter. Meine Bewegungen fühlen sich steif an. Ich treffe auf ihren Blick. Fast behutsam sieht sie mich aus ihren runden dunklen Eulenaugen an, während sie dort einfach flach auf Asyas Körper liegt und atmet. Sich sonst nicht rührt. Aber mich ansieht. Sie ist so weich, so klar und aufrichtig. Ich will ihr sagen „Ich kann es nicht“. Und bringe kein Wort hervor. Aber sie versteht mich auch so. Während ich schlucke, blickt sie nur zurück. Und ihre Augen sagen behutsam: „Du kannst es. Du schaffst das. Ich bin bei dir.“ Worte die ich nur selten von ihr höre. Aber ich sehe sie in ihrem Blick. So klar und aufrichtig. Es bricht mir fast das Herz.

Ich presse Augen und Lippen zusammen, atme tief und bebend durch. Der Atemzug fällt mir schwer. Als sei meine gesamte Brust verkrampft. Ich zwinge mich, mich zurück zu lehnen. Senke den Blick, sehe auf meine Hände, deren Rücken auf meiner Anzughose ruhen, die Handflächen nach oben geöffnet. „Sie haben mich auf Dode Manor nicht nur wegen der Erbfolge gelassen. Sie haben mich dort gelassen und dich mitgenommen damit Lady Kentfordshire keine Eifersucht mehr hegen kann. Sie haben… Mutter… keine Wahl gelassen. Und ich erinnere mich noch daran wie sie sich von mir verabschiedet hat und gesagt hat, dass sie ruhigen Gewissens gehen kann, weil sie weiß, dass es mir gut gehen wird, dass ich alle Chancen haben werde, die man in dieser Welt nur haben kann. Dass du und sie, dass ihr klar kommt, in dem Wissen, dass es uns gut geht. Sie hat noch diese üblichen Dinge gesagt. Dass ich artig sein soll und solche Dinge. Aber vor allen Dingen, dass ich leben soll.“ Ich sehe auf meine Hände, auf die feinen Kerben darin. Die Narben von Naschas harten Krallenschlägen, wenn sie etwas zu fest zugeschlagen hat. Sie gehören dorthin als seien sie seit meiner Geburt Teil meiner Haut. Ich schüttle den Kopf, fassungslos, wütend über mich selbst, hebe den Kopf und sehe hinaus in die Stadt, die an uns vorüber zieht. „Ich hätte leben sollen. Jede Chance nutzen, die sich mir bietet. Für sie. Für euch. Damit all das einen Zweck hatte, einen Sinn… Stattdessen…“ Ich löse den Blick, richte ihn gegen die Decke und werfe kraftlos die Hände hoch. Eine hilflose Geste, als sie dieses Abteil, als sei dieser Zug Sinnbild meines verkorksten Lebens. Bitter senke ich den Blick, sehe wieder hinaus. Dann direkt wieder hinein, sehe zu Nascha. Zufrieden sieht sie mich an und schnäbelt an Asyas Haaren in ihrem Eulengesicht, als sei sie ein kleines Küken. Ernst sehe ich zu Asya hinüber. Ich schaue sie an, weil ich Nico nicht in die Augen sehen kann. So, kann ich wenigstens einem von ihnen den Respekt zollen, der sich gebührt. Und ich meine ihn, als ich spreche. „Bitte denke nicht, ich würde dich für irgendetwas verurteilen. Ich bin weit näher daran ein Dienstbote zu sein als an allem was sich unsere Mutter für mich erhofft hat. Du hast wenigstens alles getan was in deiner Macht stand. Ich dagegen ende als Davies‘ persönlicher Laufbursche.“ Bitter hebe ich kurz die Brauen und sehe dann finster wieder hinaus auf die Stadt. Ich kann die Wut nicht verbergen, die in mir brodelt. Ich habe sie noch nie mit dieser Heftigkeit gespürt. In den letzten Jahren ist sie ein ständiger Begleiter für mich geworden. Aber mehr wie ein dumpfes Gefühl am Rande meiner Wahrnehmung. Nichts das man greifen, nichts das man benennen konnte. Ich werde mir ihrer zum ersten Mal in diesen Ausmaßen bewusst, als ich über sie spreche. Und ich habe lange Zeit nicht mit einem anderen Menschen so gesprochen. Nascha ist alles was ich mir an Vertrautheit erlaubt habe. Und es hat mir gefehlt. So sehr es auch schmerzt. Ich bilde mir auch jetzt wieder ein, gegen alles gewappnet zu sein, was jetzt kommen mag. Es willenlos hinzunehmen. Egal was Nico dazu sagen wird. Aber wahrscheinlich täusche ich mich genauso wie zuvor. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, verletzlich zu sein. Und es fällt mir schwer stillzuhalten, während ich die Nähe zulasse.

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Mein Blick trifft Mr. Langdons Blick und ich starre in diese Augen, die den meinen so ähnlich sind. Vielleicht eine Spur dunkler. Eine reinere Nuance von Blau, weniger ins Grau gehend wie die meinen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich spüre Asyas Gedanken förmlich, ihr trockenes ‚Wie so einiges‘. Bilde ich mir das wirklich ein? Seine Abweisung, die Verachtung? Habe ich die Zeichen derart falsch interpretiert? Aber was ist mit Naschas Worten? Deutlicher hätte sie es kaum aussprechen können. Verständnisvoll. Keine Frage, sie war nicht herablassend gewesen. Nein, ihr Tonfall hatte viel mehr amüsiert und vermittelnd geklungen. Und doch so eindeutig. Jetzt starre ich in Mr. Langdons Augen und sehe die Verwirrung darin und die Verletztheit und begreife es schlicht nicht. Fühle mich von der gesamten Situation erschlagen und spüre die Wut dabei durch meine hohle Hand sickern und mit ihr meinen letzten trügerischen Halt. „Sie sind Diener, Anis.“ Wieder presse ich den Kiefer aufeinander, schnaube dabei kurz, aber es ist keine Wut mehr dahinter, nur noch abgeschlagene Müdigkeit. Bitterkeit. Ja, wir sind Diener. Wir werden euch nie erreichen können. Nie auf einer Stufe mit euch stehen. Nicht einmal die Wiedersehensfreude kannst du dir leisten, weil wir nun mal dieser niederen Klasse angehören. Ich registriere mit einem Mal, dass das auch für ihn hart ist. Das – womöglich – auch er sich gerne mehr leisten würde, aber nicht kann. Weil… ich sehe wieder weg. Bemerke erst jetzt, dass ich noch immer die Fingernägel in den Handballen gepresst halte und lasse mühsam nach. Spüre erst jetzt den Schmerz in der Hand. Weil… wir nun mal Diener sind… Ich habe diesen Fakt nie stärker gehasst, als in der Erkenntnis, dass mich das auf immer zu Anisim Langdon, zu meinem Bruder, auf Distanz halten wird. Das Schweigen dehnt sich ins unermessliche und irgendwann höre ich auf Worte zu erwarten, finde ich mich mit dem Gedanken ab, dass wir uns bis Sheffield anschweigen. Nicht einmal unsere Daemonen mehr Worte finden.
 
Als Anisim Langdon doch wieder spricht, trifft es mich so unerwartet, dass ich ihn aus Reflex ansehe, bevor ich mich erinnere, was zwischen uns ist. Er sieht auf seine Hände und ich will wieder wegsehen, doch seine Worte hindern mich daran. Gegen meinen Willen kann ich den Blick nicht abwenden. Ich will weghören, will mich vor den Worten verschließen, weil ich instinktiv spüre, dass sie zu viel sind. Aber auch das gelingt mir nicht. Jede einzelne Silbe dringt auf mich ein, geht mir bis tief unter die Haut, bis ich es kaum mehr ertragen kann. Versetzt mich so unmittelbar zurück in eine Zeit, die ich so oft verdrängt habe – und die sich gerade deswegen so tief in mir eingebrannt hat. So sehr, dass meine tiefste jämmerlich infantile Angst selbst heute noch ist, von ihm getrennt zu sein. Erneut. Als wolle die Vergangenheit uns einfach keine Ruhe lassen. Weil das Leben nun mal diesen grausamen Sinn für Humor besitzt, einen immer und immer wieder mit denselben Mustern zu konfrontieren, als wolle es einem die eigene Unfähigkeit beweisen die vorgesehenen Bahnen zu durchbrechen. Ich schlucke trocken. Versuche mir vorzustellen, wie meine Mutter mit meinem Bruder, mit ihrem Sohn, spricht. In diesem Wissen ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder zu sehen. Ihn zurück zu lassen. In eine ungewisse Zukunft zu gehen. Ihn dazulassen, mich mitzunehmen. Hübsch, wie sie uns aufgeteilt haben... Ich reiße jetzt doch den Blick los, reibe mir hart über das Gesicht. Ertrage es einfach nicht länger. Leben… Jede Chance nutzen. Sie haben sie damals verteilt. Die Chancen. Unsere Chancen. Haben unser Schicksal gewisser maßen festgelegt. Haben Gott gespielt, selbst wenn es Blasphemie ist, das auch nur zu denken. Und dann haben sie Anis betrogen… Um die Chancen, die ihm versprochen gewesen waren. Die Chancen, die sie unserer Mutter für ihn versprochen haben. Es erfüllt mich mit einer hilflosen Wut, die mir fast übel werden lässt. Bestand auch nur die geringste Möglichkeit, dass dieser große Plan einer höheren Ordnung gefolgt hat, dass es das Wert gewesen ist, dass man uns damals getrennt hat, dass wir heute Fremde sind, endgültig getrennt durch unsere soziale Schicht – so war all das sinnlos gemacht worden, weil Anis betrogen worden war. Weil man ihn weggeworfen und in das dunkle Loch eines Klosters gesperrt hat, statt ihm die Welt zu ermöglichen, die man ihm versprochen hatte. Anis sieht wieder auf. Ich bemerke es im Augenwinkel. Doch er blickt nicht zu mir. Er sieht Asya an. Es ist befremdlich und gleichzeitig… nicht befremdlich. Ich spüre Asyas Ruhe, während sie Anis‘ Blick erwidert, während Nascha sich weiter an sie schmiegt. „Bitte denke nicht, ich würde dich für irgendetwas verurteilen…“ Langsam lasse ich den Atem entweichen. Ich hatte nicht erwartet, dass diese wenigen Worte eine so tiefe Erleichterung in mir auslösen können. Dass ich sie laut ausgesprochen gebraucht habe, um es endlich zu begreifen. Ich schäme mich fast dafür, wie abhängig ich von seiner Meinung, seiner Anerkennung bin, aber ich kann es nicht leugnen. Doch als er fortfährt, spüre ich, dass da noch mehr ist. Dass Anis mir mit diesen Worten etwas erklären will. Dass er sich… nicht wegen uns schämt…? Sondern… wegen sich…? Dem was er getan oder… nicht getan hat…? Ich kann die entsetzliche Schuld darin spüren, als wäre es die meine, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, weshalb sie da ist.
 
Eine Weile beobachte ich ihn, meinen… meinen Bruder, warte ob es noch etwas gibt, das er ergänzen will. Doch er schweigt. Den Blick jetzt wieder abgewandt. Warum?, frage ich mich noch immer und fühle mich dabei so entsetzlich dumm und nutzlos, seinen Schmerz einfach nicht begreifen zu können. Weshalb schämt er sich so sehr? Weshalb fühlt er sich derart schuldig? Ist es nicht viel mehr unser Vater, der sich schuldig gemacht, der Anis seinen Chancen beraubt hat? Der seinen Sohn in ein Kloster, ein Loch der Kirche abgeschoben hat, ihn von der Außenwelt abgeschnitten. Was hätte Anis daran ändern können? Mir fällt nichts ein, doch ganz offenbar war Anis etwas eingefallen. Denn statt hinter unüberwindbaren Mauern eines Klosters ist er hier, untersteht – wenn ich es richtig verstehe – Lord Davies, einem angesehenen Chaplain der Magisteriumsbehörde der brytannischen Hauptstadt. Der vielleicht mächtigsten Organisation dieses Landes und vielleicht einem Großteil der Welt... „Der Earl hat versucht dich mit kirchlicher Unterstützung blind und taub vor der Welt zu machen, jetzt gehörst du zu dem was den gierigen Augen und Ohren der Kirche wohl am nächsten kommt. Ich weiß du fragst mich nicht, aber ich finde das fast schon brillante Ironie“, urteilt Asya erbarmungslos. Sie hat ein Talent darin Anerkennung wie eine einzige drohende Provokation klingen zu lassen. Mit einem letzten Blick auf Anis, stößt die Hündin schließlich Nascha an, als müsse man der Eule persönlich dafür gratulieren. Aber das registriere ich in diesem Moment kaum. Es ist die eine Sache gewesen, dass Anisim während seiner Worte Asya direkt angesehen hat, doch dass mein Daemon jetzt auch noch direkt mit ihm spricht, lässt mich innerlich zusammen zucken. Es versetzt mich mit solch grausamer Direktheit in unsere Kindheit, dass ich beinahe die Orientierung verliere.
 
Gleichzeitig weiß ich, dass Asya die Situation zu kurz fasst und ich weiß, dass Asya das weiß und es mit Absicht tut, ich dagegen will noch immer das verstehen, was dahinter liegt. Es fühlt sich so nah, dass ich nur danach hätte greifen müssen, es nur gründlich von allen Seite betrachten. Die Lücken und Details finden, die meinem Bild noch fehlen. Aber dafür darf ich nicht länger schweigen. Ich muss mehr wissen, um es… um ihn verstehen zu können. „Wie ist… d-dein…“ Ich stocke kurz, versuche mich mit einem Blick zu vergewissern, ob die vertraute Art ihn anzusprechen wirklich in Ordnung ist. Ich stocke noch aus einem weiteren Grund. Ich weiß einfach nicht weiter. Ich hätte gerne gefragt ‚Wie ist dein Leben?‘. Gierig alles aufgesogen, was er mir preis gibt. All den Fragen eine Antwort gegeben, die mich so lange geplagt haben. All die Lücken auf einmal gefüllt, welche die Jahre ohne ihn gerissen haben. Aber ich weiß, dass die Frage zu weit geht. Unmöglich zu beantworten ist. Vielleicht bin ich auch einfach zu feige... „Wie ist deine Arbeit?“, frage ich schließlich, an seine letzten Worte anknüpfend. Leise. Als würde die Lautstärke es weniger unangenehm machen, wenn ich mit dieser Frage zu weit gehe. Wenn ich seine Offenheit ungebührend ausnutze. Wenn er mir nicht antworten will oder kann, mich zurück weist. Mich ausschließt aus seinem Leben. Dieses Mal aus eigenen Stücken, nicht weil die Umstände es erzwungen haben. Schon in dem Moment in dem ich sie ausgesprochen habe, bereue ich die Frage – oder… nicht unbedingt die Frage. Die Frage brennt mir förmlich auf der Zunge. Aber ich bereue es dem nachgegeben zu haben, zu fragen. Ich bereue Asyas harten Schalk. Es ist zu früh dafür. Zu riskant. Hatte ich mich nicht mit dem zufrieden geben können, was er mir freiwillig gegeben hat? Oder sie? Hatten wir nicht froh sein können über den zerbrechlichen Frieden? Darüber, dass er Asya und mich ohne die Distanz angesehen, dass er mir vertraut hat. Jetzt bin ich zu ungeduldig, reite auch noch auf dem Thema herum, das ihm ohnehin unangenehm ist. Dabei interessiert es mich so sehr. Gerade weil es ihn so zu quälen scheint. Weil er es derart gering macht. Sich selbst mit kaum mehr als einem Dienstboten vergleicht. Ich will es so gerne verstehen. Will so gerne mehr über ihn, über sein Leben erfahren, das so unsagbar lange ohne mich verlaufen ist. Und gleichzeitig habe ich so entsetzliche Angst das wenige, das er mir an Nähe gibt, direkt wieder zu zerstören. Denn die Wahrheit ist: Ich sehne mich danach. Nach seiner Nähe und Anerkennung. Er ist mein großer Bruder. Das habe ich immer getan.

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Bitter sehe ich hinaus. Erst als Asyas Worte die Stille durchbrechen, zieht mich die Gegenwart aus der Bitterkeit und meine Aufmerksamkeit zurück ins Innere des Abteils. Sie spricht mich direkt an, antwortet mir auf die Weise, auf die ich mit ihr gesprochen habe weil ich nicht die Kraft hatte mit Nico zu sprechen. Ihre trockene harte Art berührt mich ohne Umwege. Sachlich und pragmatisch betrachtet sie die Dinge. Ihre Distanz zu den Dingen, das schalkhafte Auge mit dem sie sie betrachtet, können jede Sorge lindern. Ich habe vergessen wie gut sie das kann. Ich drehe den Kopf zurück ins Abteil und schenke ich ein breites amüsiertes Grinsen, das sich durch den Schleier meiner melancholischen Bitterkeit schiebt. Schnaubend lache ich lautlos, ich kann nicht anders. Ich bin ihr dankbar für die Worte. So rau sie sind, sind sie das was ich in diesem Moment brauche. Sie machen die Dinge einfacher. Wie ich Nascha brauche um mich zu erden, so ist auch Asya einfach unschlagbar darin. Die zwei wie sie da auf dem Boden des Abteils liegen… es ist ein schöner Anblick. Sie gehören zusammen. Mit ihrer unvergleichlichen Art. Sie waren viel zu lange getrennt. Das Grinsen wird zu einem traurigen Lächeln. Nascha schnäbelt zufrieden mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin. Dann zupft sie spielerisch an Asyas Fell, versucht mit dem Schnabel Asyas Lefzen zu erwischen. Asya hat Recht. Ich bin einen weiten Weg gegangen. Und trotzdem bin ich weit entfernt von dem wo ich sein könnte. Wo ich sein sollte. Es wäre eine zu harte Realität wenn all das, die Trennung, der Schmerz, all diese Entscheidungen, umsonst gewesen wären. Es ist so wie das Leben nun mal läuft. Aber es ist grausam zu wissen, dass das Schicksal gewinnt. Es gibt mir ein Gefühl der Machtlosigkeit. Ich habe eine Wahl. Man hat immer eine Wahl. Es ist meine Schuld, dass ich nicht rechtzeitig gewählt habe. Meine Schuld, dass ich nicht weiß wohin als nächstes. Meine Schuld, dass ich in einer Sackgasse angekommen bin.

Also Nico spricht begegne ich seinem Blick. Er zögert. Verwendet das „du“ wie ein Fremdwort. Immerhin hat er endlich mit dem Sir aufgehört. Ich bin dankbar dafür. Ruhig sehe ich ihm entgegen. Habe das Gefühl, dass nichts mehr kommen kann, das schlimmer sein könnte als über meinen Schatten gesprungen zu sein. Meine ganz persönliche ausgedehnte Beichte. Es hat Kraft gekostet. Wie so vieles. Aber es fühlt sich auch gut an. Auch wenn es nichts besser macht. Asya hat dabei geholfen, es von der ironischen Seite zu sehen. Ich weiß, dass es nicht besser ist, nicht fort ist. Und doch ist es für den Moment wie eine liebevolle Umarmung.

„Wie ist deine Arbeit?“ Ich senke ein wenig den Blick. Das traurige Lächeln ist immer noch als Echo auf meinem Gesicht. Jetzt wird es langsam ernst. Ich atme tief durch, versuche mich zu entspannen. Es ist in Ordnung, dass Nico fragt. Besser er fragt, als dass er mir im Gegenzug Vorwürfe macht. Dass er fragt lässt mich vermuten, dass er mir zumindest ein Stück weit verzeihen kann. Und das wiederum erleichtert mich. Die Anstrengung mit mir selbst zu kämpfen ist richtig gewesen. Es hat dabei geholfen ihm zu zeigen, dass er keine Schuld trägt. Dass nicht er es ist für den ich mich so sehr schäme. Sondern dass es meine Probleme sind, die mich verfolgen, die mir Sorgen machen, wie er mich sehen könnte. Ich bin ihm dankbar für seine Neugier. Es ist nur fair ihm zu antworten. Auch wenn ich weiß, dass er nach Dingen fragt, deren Antworten sowohl ihm als auch mir nicht gefallen werden. Meine Stimme ist ruhig als ich antworte. Ich nehme mir vor die Bitterkeit aus meiner Stimme zu verbannen, aber ich weiß, dass ich es nicht vollständig schaffe. Ich sehe wieder auf meine Hände hinab als ich beginne. Aber diesmal fühlt es sich nicht mehr so hart, nicht mehr so gezwungen an. „Meine Arbeit ist…“ Ich hebe doch wieder den Blick, sehe hinaus. Muss erst die Worte finden. „…nicht schön. Sinnvoll und nicht besonders grausam, außerdem mit nur geringem Aufwand verbunden. Ich habe alles was ich brauche, ich führe ein gutes Leben, bekomme was immer ich brauche. Immer unter der Bedingung, dass ich da bin wann immer Davies mich braucht.“ Ich sehe wieder ins Abteil und suche Nicos Blick. „Ich zerstöre die Leben von Menschen. In Davies Auftrag beende ich Projekte, entlasse Mitarbeiter aus dem Dienst des Magisteriums, informiere sie über auslaufende Verträge, setze sie auf die Straße oder spreche hier und da eine Drohung aus um jemanden zurück in Davies‘ Bahnen zu bringen.“ Einen Atemzug lang lasse ich das so stehen. Dann fahre ich fort. „Ich habe es mal genossen und eine Zeitlang haben wir uns eingebildet uns ganz gut zu amüsieren. Aber es fällt schwer nicht die Schicksale dahinter zu sehen. Und es ist eintönig. Bedarf keiner besonderen Anstrengung. Es ist wenig ehrbar. Man kann Wut gut darauf abwälzen und sich selbst von seinen eigenen Problemen ablenken. Aber im Grunde war es nie das was ich wollte. Und je älter ich werde desto mehr stört es mich, unter Davies Hand zu stehen statt meine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Ich habe nicht aufgepasst als ich in seine Abhängigkeit gerutscht bin. Oder die Folgen unterschätzt. Ganz wie man es sehen möchte. Ich dachte einmal naiv wie ich war, er ist nur ein Sprungbrett und bringt mich hinauf in die Verwaltung des Magisteriums, zu den wirklich wichtigen Entscheidungen. Dorthin wo sie jeden Tag ihren Kampf gegen den Adel im Oberhaus ausfechten. Aber das hatte er nie vor. Er benutzt mich nur. Die meiste Zeit schaffe ich es, den Umstand zu verdrängen. Aber es schürt die Wut wann immer ich auch nur seine Visage sehe.“ Tatsächlich streiten Nascha und ich viel durch ihn. Ich sehe Nico an und bin ganz ruhig dabei. Das hier zumindest kann ich reinen Gewissens sagen. Keinem Menschen sonst habe ich das bisher gesagt. Das sind Dinge, die nur zwischen Nascha und mir existieren. Aber er ist mein Bruder. Ich habe ihm schon früher alles erzählt das mir in den Sinn gekommen ist. Von der kleinsten Belanglosigkeit bis zu größten Geheimnis. Er war mir so nah wie Nascha es war. Und ich habe das vermisst. Ich habe es vermisst, dass mir jemand nahe ist. Ich muss an Nascha denken, wie sie neben mir auf Asya kauert als sei sie nur eine physische Erweiterung der Hündin. Dass uns jemand nahe ist, korrigiere ich in Gedanken. Und vielleicht habe ich die Hoffnung, dass es dadurch wieder wie früher wird. Dass es einfach so passieren kann, alleine dadurch, dass ich es mir wünsche. Auch wenn ich weiß, dass es unvernünftig ist. „Wie ist es mit dir? Wie ist es ein Valet zu sein? Musst du dich mit kleinen Jungs rumärgern, die dein Zimmer umräumen?“ Ich muss ein wenig schief grinsen. Ich weiß, vielleicht ist es zu viel des Guten, aber ich komme nicht umhin diese Erinnerung hervor zu holen. Ich will Nico nicht überrumpeln und doch sehne ich mich so sehr nach diesen wenigen Dingen, die uns noch verbinden. Die Erinnerungen sind ein großer Teil davon. Als Kinder hatten wir so etwas wie Narrenfreiheit. Wir haben oft genug die Mansarde unsicher gemacht und eines Tages hatten wir das Zimmer des Valets unseres Vaters komplett auf den Kopf gestellt. Wir wurden nicht verpfiffen. Aber das hatten wir nur der guten Seele des Mannes zu verdanken. Es ist ein fast warmer Gedanke, jetzt erwachsen zu sein und die andere Seite der Münze zu kennen. Ich stelle es mir schwerer vor als das, ein Hausdiener zu sein. Und doch, hoffe ich innig, Nico die Schwere darin ein wenig abnehmen zu können.

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Wieder sieht Anis auf seine Hände was meiner Nervosität nicht unbedingt abträglich ist, aber ich begreife auch, dass ich nicht zurück kann. Ich kann die Worte nicht wieder ungeschehen machen. Alles was mir bleibt ist abzuwarten. Es gibt mir eine gewisse Ruhe, es von dieser Seite zu betrachten. Dass oder es ist Asyas Zuversicht, die mich durchströmt. Vielleicht auch… die Stimmung in diesem Abteil, die sich langsam wandelt. So verrückt es klingt, ich habe manchmal so meine Schwierigkeiten das zu unterscheiden. Irgendwann beginnt Anis zu sprechen, sieht dabei hinaus aus dem Fenster des Zuges. Ich folge seinem Blick, sehe die Landschaft an uns vorbeiziehen. „Meine Arbeit ist… nicht schön.“ Er spricht es wie: ‚Das Wetter könnte besser sein.‘ Ich atme ruhig, während ich ihm zuhöre, während die Landschaft weiter an uns vorüberzieht, wie die Welt des jeweils anderen an uns vorüber gegangen ist. Sein Leben vorbei gezogen ist, ohne dass wir noch Teil davon gewesen wären. Alles was bleibt ist zuzuhören. Die Bilder hinter dem Glas zu betrachten. Ich bemerke Anis‘ Blick, sehe ihn an, während er weiter spricht. Ich versuche mir vorzustellen, wie Anisim als Überbringer schlechter Botschaften umherzieht. Wie es sein muss als derjenige bekannt zu sein, der die schlechten Nachrichten überbringt. Der das Unglück bringt. Wird er gemieden dafür? Gehasst? Oder schafft er den Bogen, dass sie ihn nicht mit dem verwechseln, was er verbreitet? Ich versuche die Arbeit, die er beschreibt mit dem Jungen in Verbindung zu bringen, mit dem ich aufgewachsen bin. Es gelingt mir nicht. Anis hatte auf mich nie wie jemand gewirkt, der gerne das Unglück, der gerne negative Gefühle verbreitet. Der gerne irgendjemanden unglücklich weiß – schon gar nicht wenn er selbst daran Anteil hat. Und ich frage mich unwillkürlich, wie sehr es ihm wohl nahe geht? Den Unglücksraben zu spielen… „Unglücksdrossel…“, murmle ich, in dem Moment in dem er eine Pause einlegt, meine Mundwinkel zucken einen Moment freudlos in die Höhe. Schwarz ist das Tier dem wir den Namen unserer Mutter schulden, aber nicht einmal ein Rabe. Gerade einmal eine Drossel. Unscheinbar – und doch mit so zerstörerischer Wirkung in Anis‘ Fall. Genossen hat er es einmal. Nascha und er. Ich kann es mir vorstellen für Nascha. Nicht für ihn. Aber was bringt es mir schon ihn mit dem Jungen zu vergleichen? Er ist ein Mann geworden. Männer sind zu Dingen fähig, die man den Jungen, die sie einmal waren nie zugetraut hätte. Die sie sich selbst womöglich nicht zugetraut hätten. Ich weiß das. Ich denke an das erste Buch Genesis, ich denke daran, wie die Daemonen der ersten Menschen mit ihrer ersten gravierenden Sünde feste Gestalt annahmen. Ich sehe hinab auf Asya und Nascha, sie haben beide ihre endgültige Form. Werden sich nie wieder in halsbrecherischer Manier durch die verschiedenen Gestalten wandeln, sich nie wieder gegenseitig damit herausfordern, wer wohl das ausgefallenere Tier werden kann. Wir sind keine Kinder mehr. Viel zu lange nicht mehr. Unwillkürlich frage ich mich, ob diese Reise hier wohl in Wahrheit dem Zweck dient jemandem in Sheffield eine schlechte Nachricht zu verkünden?
 
Anis fährt fort, seine Worte gehen in eine andere Richtung. Eine für die ich mich noch nicht bereit fühle. Ich habe noch so viele Fragen, es gibt noch so viel, das ich nicht begreife. Aber ich werde wohl nie die Zeit dafür haben, sie alle zu füllen. Dafür ist zu viel Zeit vergangen. Knapp 25 Jahre. Die werden sich nie durch Worte auffüllen lassen. Doch mitten in diesem Bedauern, mitten in dem Wunsch ihn aufzuhalten, bemerke ich, wie ein leises Verstehen einsetzt. Es ist noch vage. Noch kann ich es erst den Konturen nach erahnen und ich weiß, würde ich bereits danach greifen, es würde meinen Fingern entgleiten. Aber ich spüre den Grad meiner eigenen Wachsamkeit steigen, während ich es im Fokus behalte. Dieses Leben ist nicht, was Anis gewollt hat. Die Verbitterung hängt zäh und lähmend über seinen Worten. Die Frustration. Er hatte mehr erreichen wollen. Ein freieres Leben führen. Tut er das nicht?, frage ich mich unwillkürlich. Aber ich kann sein Leben kaum mit dem meinen vergleichen. Für mich klingt es nach einem freien Leben, aber welche eigene Erfahrung habe ich in dieser Hinsicht schon? Ich kenne das Leben anderer Herrschaften, solche, die keinem Chaplain unterstehen. Solche die tatsächlich eigene Forschungsbereiche leiten. Damit muss ich Anis vergleichen. Ich bin keine Referenz in dieser Hinsicht. Doch ich kann verstehen, dass es ihn verbittert, das nicht erreicht zu haben. Von oben kurz gehalten zu werden. All die Frustration und Wut von der er spricht. Ein weiteres Mal um seine Chancen betrogen. Ich denke wieder an die Muster und wie sie sich immer und immer wieder wiederholen. Der Adel in Form seines eigenen Vaters hat ihn von sich gestoßen. Aber die Kirche hat ihm keinen wesentlich dankbareren Dienst erwiesen. Ja, ich verstehe, dass es ihn verbittert, ich meine sogar langsam zu begreifen, weshalb er sich dessen schämt. Wenn er sich selbst die Schuld daran gibt, nicht mehr erreicht zu haben in seinem bisherigen Leben. Aber ich verstehe noch immer nicht, was das mit unserem Wiedersehen zu tun hat. „…Aber vor allen Dingen, dass ich leben soll … Ich hätte leben sollen. Jede Chance nutzen, die sich mir bietet. Für sie. Für euch…“, wiederholen sich seine Worte in meinem Kopf. Für euch… Aber es ist zu viel. Ich kann es noch immer nicht ganz erfassen. Nicke nur trocken, auf seine abschließenden Worte. Ja, die Wut kenne ich…
 
Und mitten in den Strudel meiner Gedanken, mitten in meinen Versuch Worte zu finden, spricht Anis wieder. „Wie ist es mit dir? Wie ist es ein Valet zu sein?“ Die Frage trifft mich unerwartet und im ersten Moment starre ich ihn nur an, in sein schiefes Grinsen hinein. Er wäre nicht der erste Herr, der auf diese Art nach meiner Arbeit fragt. Gewissermaßen Interesse zeigt, aber er wäre so ziemlich der erste der es ernst damit meint. Dem es nicht um eine exotische Anekdote geht. Ist der erste, korrigiere ich mich selbst. Ich kann die Aufrichtigkeit hinter seinen Worten spüren. Weiß es mehr noch… Weil er… mein Bruder ist… „Musst du dich mit kleinen Jungs rumärgern, die dein Zimmer umräumen?“ Noch einen Augenblick länger sehe ich ihn einfach nur an, spüre wie der Laut sich meine Kehle hinauf bahnt, bevor ich in Lachen ausbreche. Es ist mir selbst nicht ganz geheuer, aber ich kann es nicht kontrollieren. Die Erinnerung an unsere Kindheit macht mich übermütig. Diese ganze Situation lässt mich jede Kontrolle verlieren und für einen Moment fühle ich mich befreit wie das Kind, das ich einmal gewesen bin. „Mr. Morris…“, bringe ich schließlich hervor, als hätte er mir ein Rätsel gegeben, kratze mich dabei einen Moment hinter dem Ohr, „… ich schätze wir haben ihn die grauen Haare gekostet.“ Ich habe über die Jahre und die verschiedenen Haushalte  die Namen unzähliger Dienstboten mitgenommen und mehr als die Hälfte wieder vergessen, tatsächlich ist mein Namensgedächtnis nie besonders gut gewesen. Es wäre ein Wunder könnte ich noch jeden Herrn beim Namen nennen, dem ich über die letzten fünf Jahre gedient habe. Aber Mr. Morris‘ Namen würde ich wohl nie vergessen. Ebenso wenig ihn und diesen Riesen von einer Hündin, einer Dogge oder dergleichen, die er zum Daemon hat. Ein edles Tier, wie es sich für den Valet eines Earls gehört. In meiner Erinnerung ist sie wirklich schön und kaum vorstellbar groß. Definitiv ist sie größer als Zhakar gewesen, der Daemon unserer Mutter, der allein schon ein stattliches Stockmaß besitzt. Ich erinnere mich an Mr. Morris als einen geduldigen Mann mit einem Talent darin zu erklären und einem von Erfahrung geprägten Wissensschatz, der mich ehrfürchtig seinen Geschichten und Lektionen hat folgen lassen, wenn er denn, selten genug, Zeit dafür hatte – und wenn ich ihn nicht gerade gemeinsam mit meinem Bruder und unseren Daemonen in den Wahnsinn getrieben habe. Gutmütig sind sie beide gewesen, er und sein Daemon, ich habe erst später erfahren wie sehr. Ich schüttle den Kopf, versuche die Erinnerung zu vertreiben, mich an Anis‘ Frage zu erinnern. Der Ernst kehrt zurück, während ich nachdenke. Ich versuche dabei nicht an das zu denken, was wir uns als Kinder ausgemalt haben. Versuche es nicht mit irgendwelchen Träumen zu vergleichen, die wir einmal gehabt haben. Ich schätze das meiste davon habe ich ohnehin vergessen, aber ein paar habe ich mir als kostbar gepflegte Erinnerungen bewahrt. Ich will jetzt nicht daran denken.
 
„Ich schätze, dass… ich schätze unsere Mutter würde wohl sagen…“ Ich verenge etwas die Augen ohne Anis dabei anzusehen. Schlucke und hebe dann doch konsequent den Blick, zucke mit den Schultern. „… dass ich dankbar sein soll. Ich so-… bin dankbar. Ich habe eine gute Anstellung, schätze ich.“ Ich nicke nachdrücklich, frage mich jedoch im selben Moment, wen ich eigentlich überzeugen will. „Stehe im Dienst der Kirche, begleite Herren die ohne Diener reisen. Manche sind zu Gast in London, andere begeben sich auf Reise. Dabei sehe ich eine Menge Herrenhäuser, solche in denen mein vorübergehender Herr Gast ist. Und da sind immer wieder… diese… diese Dienstmädchen. Dumme Dinger würde man wohl sagen. Oberflächlich und beschränkt. Aber… nun ja… sie kommen mit 12 oder 14 aus einer armen Familie oder aus dem Arbeitshaus in den Haushalt und sehen ihr Leben lang kaum mehr als dieses Haus. Kaum mehr als die immer gleichen Stufen, die immer gleichen Gesichter, die immer gleichen Abläufe. Von Morgens bis spät in die Nacht. Ich dagegen habe ganz andere Möglichkeiten, sehe immer wieder neue Orte, diene immer neuen Herren, die alle ihr eigenes Wissen, ihre Meinungen und ihren Blick auf die Welt haben. Ich bin… es ist ein wenig wie damals auf Dode Manor… wenn wir durch die Dienstbotengänge gerannt sind, Mr. Morris‘ Zimmer auf den Kopf gestellt, … – und gleichzeitig Zugang zu den herrschaftlichsten Räumen des Hauses hatten. Ich sehe die oberste Riege, bekomme all ihre Facetten mit. Aus dem Hintergrund, kaum beachtet. Und gleichzeitig kenne ich downstairs, gehöre dort hin. Ich würde lügen zu sagen, dass es nicht spannend ist. Dass ich es hassen würde oder dergleichen. Ich habe meine Freiheiten. Mehr als andere meiner Art. Aber ich bin auch…“ Ich lache kurz auf, hart und freudlos. „… ein Vogel in einem Käfig. Ich bin versorgt. Aber ich sehe die Gitterstäbe bei jedem Flug. Darf sie nie aus den Augen verlieren, sonst würde ich mich verletzen.“ Er schüttle den Kopf. Hatte es als Scherz gemeint und doch kommt es der Realität verdammt nahe. Mein Blick verliert sich ins unbestimmte.

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Unglücksdrossel. Ich sehe zu Nico, sehe den spöttisch traurigen Anflug eines bitteren Grinsens auf seinem Gesicht und muss auch ein wenig traurig lächeln. Ja, es passt so gut, dieses Bild. Drozdow. Die Drossel. Der Name, den wir beide tragen würden, wären wir keinem unserer Väter begegnet. Mögen sie echte oder falsche Väter sein. Es hat eine gewisse Ironie, dass es keinem von uns erlaubt ist, ihn weiter zu tragen. Er scheint uns dennoch zu verfolgen. Mir ist nie aufgefallen wie hündisch Nicos Lächeln sein kann. Ich ertappe mich bei der Frage ob es schon immer abzusehen war und ich es nur nicht wahrgenommen habe. Das hündische. Dass er einmal ein Dienstbote sein würde. Sie haben ihn schon damals so erzogen, ja. Aber für mich stand immer außer Frage, dass es keinen Stand geben würde, der uns trennen würde. Dass wir immer zusammen sein würden. Egal ob der eine nun anerkannt war und der andere nicht. Es hätte genauso gut andersherum sein können, es hätte für mich keinen Unterschied gemacht. Ich habe ihn in meinem Bett schlafen lassen. Ich habe alles was ich besaß mit ihm geteilt. Bis auf meine wirklich wichtigsten Lieblingsstücke und wusste dennoch, dass wenn er sie einmal hielt, ihnen nichts geschehen würde. Ich wusste, dass alles was mir gehörte, genauso ihm zustand. Nicht weil ich älter gewesen bin oder weil ich derjenige mit dem „Langdon“ hinten am Namen war. Nichts davon bedeutete etwas für mich. Er war mein kleiner Bruder. Er war der beste Spielgefährte, den ich mir wünschen konnte und ich habe es geliebt ihm alles zu zeigen was ich heraus gefunden hatte bevor er alt genug war um mit mir zu spielen. Ich hatte damals keine Ahnung welchen Unterschied es macht ein Dienstbote zu sein. Und dann kam der Tag an dem er gehen musste. Ich weiß es als wäre es gestern gewesen. Wie sehr ich geweint habe. Wie unser Vater mir gesagt hat, dass Männer der Familie Langdon nicht weinen und ich mich zusammen reißen soll. Wie meine Mutter ihre letzten Worte gesagt hat. Ich erinnere mich auch noch an den ungnädigen Gesichtsausdruck der Lady Langdon.

Ich löse mich von der Erinnerung, von dem abgeglittenen Weg, den meine Gedanken genommen haben und erzähle weiter. Berichte von den Problemen, die ich von Tag zu Tag mehr mit dieser Aufgabe, die ich erfülle entwickle.

Als ich ende und nach Nicos Stellung als Valet frage, da sehe ich mit Erleichterung das Lachen auf Nicos Gesicht treten. Vielleicht hatte ich Angst, dass ich zu weit gegangen bin. Dass ich ihn überrumpele mit der Erinnerung an unsere Kindheit. Aber das Lachen, das zusehends in ihm aufsteigt ist echt. Und es berührt mich so sehr, ihn lachen zu sehen, dass ich nicht anders kann als ein wenig mitzumachen. Mit ihm zu lachen fühlt sich noch so viel befreiender an. Es ist der pure Zustand des Glücks. Ich sehe die Erinnerung in seinen Augen und ich spüre das breite lachende Grinsen auf meinem Gesicht, während wir beide das Bild des verwüsteten Zimmers im Geiste vor uns haben. Es ist herrlich das Spiegelbild jener Ereignisse in Nicos Augen zu sehen. Ich verfalle in ein breites nachklingendes Grinsen während Nico den Namen jenes Valets nennt, dem wir es damals zu verdanken gehabt haben, dass wir keine schwereren Konsequenzen aus der Geschichte mitgenommen haben. Ich nicke schmunzelnd und senke für einen Moment den Blick um vor mich hinzugrinsen. Ich sehe wieder auf und nicke – ich glaube ich bekomme meine Wangenmuskulatur nicht mehr unter Kontrolle. Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal so gegrinst habe. „Mr. Morris.“, bestätige ich grinsend. Ich habe den Mann dafür geliebt, dass er immer einmal ein Auge zugedrückt hat. Und wenn er harsch wurde hatte ich immer aufrichtig Angst, aber er schaffte es, die Dinge im nächsten Moment wieder gut zu machen. Er war der einzige bei dem ich mich getraut habe, mein Herz auszuschütten als Nico fort war. Ich werde ihm nie vergessen wie weich und nachsichtig dieser Riese von einem Mann zu mir war. Unwillkürlich frage ich mich, was er heute wohl macht. „Mehr als das…“, lache ich grinsend.

Nico wird langsam ernster und so werde auch ich wieder ruhiger, während ich ihm zusehe und behutsam auf die Antwort warte, die er mir noch schuldet. Hätte er die Frage übergangen, die ich ihm eigentlich gestellt habe, es hätte mich nicht gestört. Ich bezweifle sogar, dass es mir aufgefallen wäre. Sein Lachen ist ein Geschenk, das alles andere wett macht. Aber ich nehme auch alles was danach kommen mag, höre aufmerksam zu, beobachte Nico während er schließlich spricht und sauge jedes Wort auf, das er sagt, als wäre es das wertvollste was ich habe.

Er sagt, dass er dankbar ist, dass nicht nur unsere Mutter das sagen würde, sondern dass es so sei. Aber es klingt wie eine Mahnung an ihn selbst. Ich höre heraus, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Es passt zu unserer Mamá, dass sie so etwas sagt. Es passt so sehr zu allem was sie uns geraten hat als wir noch klein waren… Schätze ich… Die beiden Worte, die Nicos Aussagen verraten. Behutsam beobachte ich seine Züge während er spricht… und verstehe was er meint. Lasse mich hinein ziehen in die Welt aus seinen Augen. Es sind wenige Worte, die er mir gibt und sie wirken fast formal und sachlich. Aber sie verraten mir so viel mehr als das. Sagen mir, dass auch Nico nicht glücklich ist. Dass er nur gelernt hat besser damit umzugehen als ich. Gelernt hat dankbarer zu sein. Ich lächle während sich vor meinem inneren Auge die Bilder von Gängen und Räumen formen. Räumen wie ich sie aus Dode Manor kenne, andere wie es sie im Magisterium gibt oder wie ich sie bei Freunden unserer Eltern erlebt habe als ich noch klein war. Wie Nico all diese Räume sieht. Als er es mit unseren kindlichen Ausflügen in die Mansarde vergleicht, wird mein Lächeln noch breiter. Es ist ein kleines Glück, das er da erlebt. Ich freue mich so sehr über die schönen Seiten, die er zeichnet. Sie blenden mich mit ihrer Schönheit und der Art wie sie Nicos ganz persönliches Geheimnis sind. Fast täuschen sie über alles andere hinweg. Doch Nico sieht die Dinge sachlich, abgeklärt, erstaunlich reflektiert verglichen mit jedem anderen Mann, dem ich bisher in meinem Leben begegnet bin. Er besitzt nicht die Selbstsucht mit der ich mich selbst bedaure. Er kennt seine Stellung und er kennt sowohl die guten, als auch die schlechten Seiten. Er denkt nicht in Extremen, nicht wie so viele andere Menschen, die dazu tendieren nur einen Aspekt eines Sachverhalts zu sehen. Er ist nicht so beschränkt. Es ist eine Art von Weisheit, die mich ihn bewundern lässt und mir gleichzeitig das Gefühl gibt, dass viel geschehen ist, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Ja, es wird mir zum ersten Mal wirklich bewusst wie viel Leben zwischen uns liegt. Ich habe mich immer gefragt wie es ihm geht, was er wohl tut. Und ich habe gewusst, dass er ein vollkommen anderer ist als damals. Aber dennoch ist es etwas anderes, es leibhaftig zu spüren.

Er ist ein Vogel in einem Käfig. Der große negative Aspekt an seiner Stellung. Jener Aspekt, der auch unsere Mutter seit jeher bestimmt und eingeschränkt hat. Sie hatte nie eine Chance gegen unseren Vater. Sie besaß keinerlei Macht. Sie war gefangen in einem Käfig. Wie gut dieses Bild passt. Und sie hat diesen Käfig an Nico weitergegeben. Wie eine Erbsünde. Niemandes Schuld und doch unausweichlich. Der Gedanke lässt mich ernst und melancholisch werden. Ich senke etwas den Blick und lasse mir durch den Kopf gehen was Nico sagt. Gitterstäbe. Mein Bruder ist gefangen. So viel gefangener als ich es bin. Ich habe es verglichen mit ihm noch gut. Und er hat es akzeptiert. So erwachsen wie er ist, sieht er diesen Sachverhalt so differenziert. Ich sollte das respektieren und anerkennen, stattdessen löst es in mir den unbändigen Wunsch aus, ihn zu befreien. Es war schon immer so. Jemand sagte mir ich könnte etwas nicht oder ich dürfte etwas nicht und ich habe es erst recht versucht. Als wäre der Satz „nichts ist unmöglich“ in meine Herzkammern eingebrannt. Ich glaube längst nicht mehr daran, aber der Instinkt, der dazu gehört, er ist noch immer da. Und er begehrt auf wie ein wütendes Tier unter dem Gedanken, dass mein Bruder ein Gefangener in einem goldenen Käfig ist. Ich ertappe mich bei dem Gedanken in was für einer Welt wir leben, in der unsereiner unfrei ist. Jeder auf seine Weise. Nie unser eigener Herr. Verfolgt von der Entscheidung unserer Eltern. Jede Handlung vorgeschrieben. Ich will Nico sagen, dass es mir Leid tut. Aber ich weiß, dass das seinem Sinn für die Situation nicht gerecht werden würde, dass ihn das verspotten oder bemitleiden würde und ich will ihn nicht bemitleiden. Das hat er nicht nötig. Nicht nach dem was er gesagt hat. Und doch… es berührt mich. Ich würde es gerne ändern. Ein verrückter, unmöglicher Gedanke. Fast kindisch in seiner Naivität. Aber gerade deshalb so stark. Ich versuche das Gefühl zur Seite zu schieben und weiß doch nicht was ich sagen kann.

Der Gedanke macht mir plötzlich bewusst… nein, stößt zum ersten Mal den weiteren Gedanken an, dass es ein wertvoller Zufall ist, dass wir uns hier auf der Reise nach Sheffield begegnen. Dass uns dieser Moment nur kurzzeitig gegeben ist. Wer weiß wann wir uns wieder sehen wenn diese Reise vorbei ist. Wer weiß wem sie Nikola als nächstes zuteilen. Das Magisterium verfügt darüber. Habe ich vor kurzem noch gehofft, dieses erzwungene Zusammensein möge möglichst schnell vorüber gehen, so wird mir jetzt, da es sich endlich wertvoll anfühlt, bewusst, dass es enden wird. Dass wir uns danach vielleicht nie wieder sehen werden. Wieder einmal. Der Gedanke bereitet mir Schmerzen. Und schürt meine Wut. Ernst drehe ich ein wenig den Blick, begegne Naschas runden schwarzen Augen. Ich muss daran denken was sie über Davies‘ Daemon gesagt hat. Daran, wie wir darüber gesprochen haben, dass Davies etwas im Schilde führt. Als wüsste er etwas, das alle andere nicht wissen. Als wüsste er davon, dass Nikola Larkin und ich Brüder sind. Die Karten ohne Sitzplatz. Es passt so erschreckend gut zusammen. Nein. Ich beschließe, dass es nicht sein kann. Es würde unser Treffen zerstören, unserer zaghaften Wiedervereinigung, unserem gemeinsamen Lachen die Heiligkeit rauben. Nein, ich will nicht über diese Möglichkeit nachdenken und mir davon den Moment zerstören lassen. Ich verdränge die Überlegung so schnell wieder, wie sie gekommen ist. Ein wenig traurig hebe ich den Blick und sehe Nico wieder an. „Wir leben wohl beide nicht ganz nach freien Stücken, hm?“, frage ich bedauernd. Das hätte schalkhaft klingen sollen. Aber es wird traurig. Nichts anderes. Und das wiederum tut mir fast Leid.

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Ich spüre Asyas Widerstand gegen mein Schweigen. Ihre Erwartungshaltung. Im ersten Moment begreife ich kaum weshalb. Fühle mich taub und ein wenig schwindelig gegen die Worte, die ich bereits verloren habe. Ich bin es nicht mehr gewohnt so viel zu sprechen, ohne es zuvor sorgsam geplant zu haben. Meine Spontanität ist wie bereits erwähnt so eine Sache, vor allem wenn es um soziale Belange geht. Ich neige dazu Dinge, die ich unbedacht ausgesprochen habe im späteren Verlauf stark zu bereuen. Es ist gut, dass meine Arbeit viel mehr das Zuhören von mir erwartet. Dass meine aktive Kommunikation viel mehr von standardisierten Antworten geprägt ist. Oder davon, die richtigen Impulse zu setzten, um eine Erzählung nicht abbrechen zu lassen, um ein Gespräch in die richtige Richtung zu leiten, zu erfahren was ein Anderer nicht unbedingt aus einfachen Stücken preis gegeben hätte. Ich hatte schon immer ein gewisses Talent darin, dass Menschen die seltsame Neigung haben, mir Dinge zu erzählen, die man vielleicht einem guten Freund erzählen sollte, aber sicher nicht einem halb Fremden. Selbst viel zu sprechen oder von sich preis zu geben hat das nie erfordert. Noch nicht einmal, bevor es Teil meiner Arbeit für das Magisterium wurde. Und das ist der Punkt, der Asyas Widerstand auslöst. Da ist noch mehr an meiner Arbeit. Mehr als der Valet, dessen Funktion ich nach außen hin erfülle. Sie erwartet, dass ich es ausspreche. Dass ich die Chance nutze. Und vielleicht ist es das, eine Chance. Direkt zu Beginn reinen Tisch zu machen. Anis zu erzählen, was er wissen muss. Dass man ihn beobachten lässt. Nicht beobachten lässt, du Idiot, schelte ich mich selbst. Durch mich beobachten lässt. Aber was soll ich schon sagen? Schön dich wiedergetroffen zu haben, wirklich, und dass du mir von deinen Problemen mit deiner Arbeit erzählst, dass du noch tiefere Konflikte andeutest, du kannst mir schon vertrauen, weil hey, ich bin ja nur da um genau das herauszufinden. Um deinen Schritten zu folgen, deine Worte zu belauschen. Also bitte behandle mich wie einen Bruder, bitte zieh dich nicht wieder zurück, bitte lass mich nicht allein… Was würde ich mit meiner Ehrlichkeit schon erreichen als genau das? Wieder allein zu sein, wieder seine Distanz und seine Abweisung zu spüren. Und zu wissen, dass es besser so ist. Dass er es besser dabei hätte belassen sollen. Mir besser nie weiter vertraut hätte, als er seinen Daemon bei stockfinsterer Nacht vor Augen sehen kann. Überhaupt nicht.
 
Mit welchen Worten hätte ich diese Fakten auch abmildern können? Wie hätte ich ihm begreifbar machen können, dass auch ich ehrlich zu ihm gewesen bin? Dass nichts davon gespielt war. Dass auch ich unglücklich bin mit vielen Dingen, dass ich mich gefangen fühle, dass Asyas abschätzige Kommentare gegenüber der Kirche tatsächlich mehr von unserer Meinung widerspiegeln, als die Loyalität, die wir ihr immer und immer wieder entgegen bringen. Weil ja, ich bin dankbar, aber nicht so dankbar wie ich sein sollte. Wirklich sein sollte. Und dass nicht nur, weil unsere Mutter es gesagt hätte. Nicht nur, weil ich zur obersten Schicht gehöre, die ein Diener erreichen kann. Nein, dankbar hätte ich vor allem sein sollen, für die Chance die mir die Kirche gegeben hat. Mein zweites Leben so zu sagen. Ein Leben in ihrem Dienst, aber ein Leben. Ein Leben, das vor allem ein Gefängnis darstellt, aber ich habe es gewählt. Dieses Leben. Das Leben gegen die Strafe, die mir all meine Sünden eingebracht hätte. Die Talente, die ich im Laufe meines vorangegangenen Lebens erworben habe in ihren Dienst gestellt. Wenn man es so plakativ will hat Father Ibrim mich vor dem Strick bewahrt, wie so einige seines netten kleinen ‚Programms‘ für gefallene Sünder. Ein wahrer Heiliger, der an die Rückkehr des verlorenen Sohns glaubt. Dafür dass wir ihm andere ‚verlorene Söhne‘ in die Hand spielen – oder an den Galgen, manchmal auch den unauffälligeren Tod. Je nachdem was der Kirche (oder den Strömungen in ihr denen Father Ibrim angehört) gerade zuträglicher ist.
 
Und deshalb stellt jedes Vertrauen, dass Anis mir entgegen bringt, jeden Moment den er mich wie einen Bruder behandelt eine Gefahr für ihn da. Und wäre ich nicht so selbstsüchtig, würde ich mich nicht so sehr danach sehnen, dann würde ich ihm das genau jetzt ins Gesicht sagen. Was ich bin, weshalb ich wirklich da hier bin. Ich suche nach Worten. Denke an diesen Part meiner Arbeit. Ich habe es nie darauf angelegt, dass man mir vertraut. Um ehrlich zu sein, habe ich nie begriffen, weshalb so viele es tun. In vielen Fällen versuche ich es mir mit Gleichgültigkeit zu erklären. Ich bin nur ein Diener. Ich bin keine Gefahr. Keine Bedrohung in jeglicher Hinsicht. In den Augen der Meisten vielleicht pflichtbewusst, aber wohl sicher nicht besonders intelligent. Was sollte man von mir schon befürchten? Weshalb die Mühe machen auf seine Worte zu achten? Das macht es einfacher für mich, das was ich erfahre an Father Ibrim weiter zu geben. Nicht direkt natürlich. Ich habe eine kleine Halbschwester, ein Küchenmädchen in einem Landhaus einer unscheinbaren Grafschaft, der schreibe ich regelmäßige Briefe. Ab und an füge ich einige Bögen in kyrillischer Schrift hinzu und bitte sie diese an einen entfernten Verwandten weiter zu leiten. Sie versteht zwar die moskovitische Sprache, aber kann die Buchstaben nicht lesen – ich auch nicht, bis vor fünf Jahren. Und selbst wenn sie es könnte, es hätte ihr nicht genutzt. Es ist eine mehrstufige Verschlüsselung, das kyrillische Alphabet zu verwenden ist nur die erste Ebene. Der Trick besteht darin, dass man erst gar nicht versucht, die Zeilen zu lesen. Selbst wenn jemand die Post, die an ein Dienstmädchen vom Land geht, abfangen würde, und das Glück hätte auch noch einen von denen zu erwischen, die neben privater Korrespodenz mit ihrem Bruder auch noch ein oder zwei weitere Blätter in kyrillischer Schrift beinhaltet. Sie wiederum gibt die Bögen in einen Umschlag, versieht ihn mit der Adresse, die ich ihr einmal mündlich genannt hatte und sie gibt den Umschlag in die Post des Hauses. Ich schätze sie glaubt, dass ich das Porto sparen will oder dergleichen. So lange es sich in Grenzen hält, übernimmt der Haushalt, in dem sie angestellt ist, auch das Entgelt für das Frankieren und Versenden der Post der eigenen Dienerschaft, vielleicht ein leises Eingeständnis dafür, dass sie so weit ab allem in Diensten stehen. Viel Sinn macht das mit dem gesparten Geld zwar nicht, aber nun ja… sie ist eines dieser Dienstmädchen. Sie hat nicht viel Böses gesehen in ihrem bisherigen Leben. Sie ist ein gutes Mädchen. Aber sie hat auch… allgemein nicht viel gesehen. Neugierig ist sie trotz allem und ich schätze, das ist ein gutes Zeichen. Ich versuche ihr viel zu schreiben, selbst wenn mir das Schreiben Mühe bereitet. Ihr viel zu erzählen von dem, was ich erleben kann. Sie beneidet mich darum, ebenso wie sie mich bewundert. Aber ich – ich weiß, wie selbstgerecht und egoistisch es ist – ich bin froh, dass es so ist, wie es ist. Dass sie mich durch die Geschichten beneidet, sich die schöne Welt und all ihre Möglichkeiten ausmalen kann – und nicht erlebt, wie sie tatsächlich ist.
 
Was sie aus mir gemacht hat. Was sie aus Anis gemacht hat. Bis wir heute hier sitzen. Davon sprechen, wie wir beide auf unsere eigene Art gefangen sind. Wie ich mir überlege, wie ich Anis die Worte beibringe, durch die ich ihn gleich ein weiteres Mal verlieren werde. Und ich einmal mehr dieser entsetzliche Feigling bin. Mich selbst damit zu erweichen versuche, uns nur noch ein wenig mehr Zeit zu gönnen. Diese Zugfahrt vielleicht nur. Uns nur ein paar Stunden lang Brüder sein zu lassen. Selbst wenn ich schon jetzt ahne, was für ein mieser Handel das ist. Schon jetzt ahne, wie sehr ich es einmal bereuen werde… „Wir leben wohl beide nicht ganz nach freien Stücken, hm?“ Anis‘ Stimme durchbricht das Abteil und ich zucke fast darunter zusammen. Meine Gedanken fühlen sich einen Moment blank und leer an und der Augenblick in dem ich noch etwas hätte hinzufügen können, scheint verloren. Es klingt seltsam abschließend für mich. Aber ich weiß, dass ich mir das vielleicht auch nur einrede, um das Schweigen vor mir selbst zu rechtfertigen.
 
„Irgendwie war das in Kentfordshire Wood einmal alles so viel einfacher…“, füge ich murmelnd hinzu, muss dabei an die Abenteuer denken, die wir dort erlebt haben, den großen Plänen, die wir einmal gehabt haben. Ich schüttle den Kopf, sehe wieder hinüber zu Anis. Die Last dessen, was jeder von uns beiden zu bereuen hat, droht mich beinahe zu erschlagen. „Wenn du damit meinst, dass wir hätten Räuber werden und im Wald leben sollen – ja, Nascha und ich haben euch das gesagt“, fällt Asya mir in jedes von Melancholie getränkte Wort, dass ich noch hätte hinzufügen können. Sie presst den Kopf noch einmal besonders dicht an Nascha und ich kann nicht alles verstehen, was sie ihr zuflüstert, aber irgendwas von „die ganze Zugfahrt so geht“ und „aus dem Fenster stürzen“. Missmutig wende ich einen Moment den Blick von unseren Daemonen ab und kann das leise Lächeln doch nicht verhindern, das sich auf meine Lippen stiehlt. „Wir waren verdammt gute Räuber“, behaupte ich trotzig und es bereitet mir fast diebische Freude ein ‚verdammt‘ unterbringen zu können, das ich mir außerhalb meiner freien Zeit und weit ab von den Orten, an denen man mich als Diener kennt, nie hätte leisten dürfen. „Räuber oder Entdecker – ich hab mich nie entscheiden können…“, ergänze ich, als wäre meine abweichende Berufsgestaltung allein diesem Fakt geschuldet. „Räuber!“, urteilt Asya fast sofort und stößt Nascha auffordernd mit der Nase an. Ihr Körper spannt sich an, während sie mit der Rute dumpf auf den Boden des Abteils klopft. Ich kann mir vorstellen, was passiert wenn Nascha ihr widersprechen sollte und ich muss leise Grinsen bei der Aussicht.

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Ich atme tief aus. Senke den Blick. Nicke. „Ja, das war es.“, gebe ich leise zu. Er hat Recht. Ich hebe den Blick wieder und betrachte ihn nachdenklich. Wie er ernst vor sich hinsieht. Seine gemurmelten Worte sind schwer von der Last der Dinge, die sich in unserer beider Welten geschoben haben. Es gibt so viele Dinge, die heute nicht mehr einfach sind. So viele Dinge, die einen vom Pfad fortbringen. Die kompliziert und schwer zu erklären sind. Zwanzig Jahre, die zwei Brüder trennen. Ich hätte gerne noch mehr von ihm gehört. Darüber wie er lebt. Aber er setzt nicht an um darüber zu sprechen und ich fühle zu sehr, dass er es nicht möchte, als dass ich noch weiter in ihn eindringen würde. Ich bin dankbar für das was er mir gegeben hat. Doch ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. An welcher neuen Stelle ich beginnen soll. Es fühlt sich an wie vor einem Scherbenhaufen zu stehen und nicht zu wissen an welcher Stelle man beginnen soll, sie wieder zu einem Spiegel zusammen zu setzen. Wissend darum, dass es Jahre dauern wird, bis er wieder vollständig sein wird. Es ist als hätte Nico gesagt, dass es nahezu aussichtslos ist. Wenn er das sagt, nimmt es mir die Hoffnung.

Aksinya erlöst mich für eine kurze Zeit. Richtet frech die Worte an Nico und nimmt dem Moment damit ein wenig der Schwere. Ich seh zu ihr, ein trauriges schiefes Lächeln stielt sich auf mein Gesicht. Ja, das haben die beiden in der Tat öfter gesagt. „Wir waren verdammt gute Räuber“ Ich lache leise mit geschlossenen Lippen. Das lachen hat zu wenig Kraft um abgesehen vom Schall meinen Körper zu verlassen. Dazu fühlt sich mein Körper zu schwer an in diesem Moment. Ich weiß warum man es „frei“ lachen nennt, wenn es anders ist. Dieses Lachen ist nicht frei. Aber ich komme dennoch nicht um den Charme hinter Nicos trotziger Behauptung herum. Es ist als würde er eine Wunde lecken, die die Hoffnungslosigkeit so eben geschlagen hat. Es hilft, auch wenn man keinen Erfolg sieht, der Schmerz weiterhin da ist. Aber es gibt einem das Gefühl, behütet zu sein. Es ist jemand da, der sich um deine Schmerzen sorgt. Jemand, der wünscht, dass es besser wird. Und das alleine macht den Schmerz… in Ordnung. Nicht fort. Aber es nimmt einem den Hass oder den Schock darauf. Die Trauer. Ich lasse mich fortziehen von den Dingen, die wir uns sagen könnten, um uns wieder näher zu kommen, hin zu den Dingen, die einmal waren. Auch wenn ich weiß, dass es uns nicht weiter bringen wird. Die Vergangenheit ist wichtig, aber sie wird uns in der Gegenwart nicht retten. Ich sehe keine Hoffnung darin zurück zu blicken. Ich hätte die Hoffnung gerne vor mir. Und zum ersten Mal seit einer langen Zeit habe ich kurzzeitig das Gefühl gehabt, dass es möglich wäre. Ein Gefühl, das von der Vernunft und der Realität auf den Boden der Tatsachen zurück gedrückt wird. Es ist als müsste ich mich von diesem Gefühl und von der Hoffnung erst lösen um Nico in die Erinnerungen unserer Kindheit folgen zu können. Es schmerzt so sehr zurück zu blicken, so schön die Erinnerung auch ist. Weil ich weiß, das nichts wie es damals war wieder so sein wird. Und dabei habe ich mit den Erinnerungen angefangen. Warum fiel es mir nicht so schwer es auszusprechen wie ihm zu folgen? Räuber oder Entdecker. Ich hebe ein wenig den Blick und sehe zu Nico. Habe immer noch das schiefe Lächeln auf dem Gesicht. Ich fühle dass da mehr unter den Worten steckt, aber ich kann nicht erkennen was es ist. Was er mir sagen möchte. Ich vertraue darauf, dass ich es später verstehen werde. In ein paar Stunden, in ein paar Tagen. Ich hoffe es zumindest. Es ist lange her, dass mir jemand etwas persönliches mitteilen wollte ohne es auszusprechen. Ich gebe der Sache Zeit. Ich weiß, dass ich geduldig sein muss. Alles andere hat keinen Zweck. Ich betrachte ihn und komme doch nicht von den Überlegungen los. Darüber was es mit dem Entdecker auf sich hat. Ich sehe uns durch den Wald rennen. Als wäre die Zeit verkürzt. Schemenhafte Silhouetten von Bäumen. Unser Geschrei, hell und glockenklar mit unseren kindlichen Stimmen. Wie sehr sich Nicos Stimme verändert hat. Ich erinnere mich an seine Stimme von damals. Ihre Textur ist immer noch die selbe und doch… es ist erstaunlich was der Stimmbruch aus dem Klang einer Jungenstimme machen kann.

„Räuber!“, erklingt es neben mir auf dem Boden des Abteils und es ist als würde Asya mich aus einer anderen Zeit holen. Nascha flattert auf und bringt unangenehm viel Bewegung in den Raum. Zögerlich, fast gezwungen löse ich den Blick von Nico um zu sehen was unsere Daemonen anstellen. „Entdecker!!!“, kreischt es aus der Luft, dann lässt sich Nascha auf Asyas Brust fallen und vergräbt spielerisch die Klauen in ihrem Fell bevor sie sich genauso schnell wieder nach oben begibt, mit kräftigen flatternden Flügelschlägen an Höhe gewinnt. „Und wir waren Entdecker!“, verkündet Nascha triumphierend aus der Luft als wäre das der Sieg über jedes Gegenargument, das Asya bringen könnte. Sie lässt sich wieder nach unten um nach Asya zu packen und redet dennoch ununterbrochen weiter. Nascha besitzt eine größere Fähigkeit zur Koordination als ich sie besitze, so viel beweist sie immerhin wieder einmal. „Wir waren in Sybirien und im Muskoviterreich! Und oben in Sveden bei den Hexenlanden!“ Normalerweise spricht Nascha nicht so stolz über die Hexenlande wie sie es jetzt tut. Ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass sie sie einmal als Triumpf anbringen könnte. Nachdenklich beobachte ich ihren Flug. Sie pflegt mir die Dinge vorzuhalten wenn es um die Hexen geht. Immer und immer wieder. Hin und wieder denke ich noch daran. An ihre und an Sir Starlings Worte damals. Ich bin darüber hinweg. Das sind Dinge, die längst begraben sind. Ich wende den Blick ab, sehe nachdenklich nach draußen wo der Zug langsam die Stadt hinter sich lässt und Londoner Häuser und Hinterhöfe durch Felder und Wiesen mit Hecken an den Kanten und vereinzelten Bäumen abgelöst werden. Ich hoffe nur Nascha schlägt nicht ihre Krallen in die Erde und gräbt alte Dinge wieder aus. Aber wer könnte es ihr auch verdenken? Wo wir doch alle gerade wieder die Schaufeln in die Hand genommen haben und die Erde aufwühlen. Deswegen wende ich den Blick wieder ins Zuginnere und betrachte die beiden spielenden Daemonen. Ich will bereit sein können wenn sie plaudert. Bereit sein um sie an die Dinge zu erinnern, über die wir gesprochen haben. Oder noch nicht gesprochen haben. Sie scheint Nico als uneingeschränkte Ausnahme zu betrachten. Aber ich würde ihm einige Dinge gerne behutsam erzählen. Er hat mich Jahre nicht gesehen. Was wird er über mich denken wenn Nascha eine meiner Schwächen nach der Nächsten vor ihm auspackt? Als sei er der Priester und ich zur Beichte bei ihm. Will ich so in seinen Augen enden? Mit all meinen Schwächen? Nein. Dafür war die Art wie er von meinem Dasein erfahren musste schon zu schlimm. Dafür wünsche ich mir zu sehr er könnte stolz auf mich sein. Ein Wunsch der so weit weg von den Möglichkeiten liegt, dass es irrational ist davon zu träumen. Und doch ist er unauslöschlich da. „Nascha…“, ermahne ich sie behutsam. Wie ein Kind, das man beim Spielen bittet, nicht ganz so wild zu sein. Die Art wie unsere Mutter uns zu ermahnen gepflegt hat. Zu liebevoll um es ernst meinen zu können. Und doch zu müde um der Ernsthaftigkeit die nötige Härte zu verleihen. Zu weich. Nascha wendet nur kurz den Kopf zu mir während sie mit Asya kabbelt. Sie sieht mich mit diesem unergründlichen Blick an, bevor sie sich zurück zu Asya wendet und mit den Klauen nach ihr greift. Sie wird nicht auf mich hören…

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„Ja, das war es.“ Anisim sieht weg und ich folge seinem Beispiel. Hatte ich bisher versucht meine Einbildung dafür verantwortlich zu machen, ist der abschließende Klang in seinen Worten jetzt überdeutlich. Ich schlucke, sehe dabei vage hinab auf meine Hände. Er hat Recht. Das war es. Eine vergangene Erinnerung. Eine die so viel Bedeutung für mich hat, die sich verwoben hat mit meinem Leben, mir immer wieder geholfen hat, mir Trost und Zuflucht war. Die Erinnerung an die Zeit, die ich in Kentfordshire hatte, hat mir vermutlich mehr als einmal das Leben gerettet. Ich hätte sie gerne geteilt mit demjenigen mit dem ich sie erlebt habe, hätte sie gerne aufleben lassen, sehen wie viel von dem an das ich mich erinnere auch seiner Erinnerung entspricht, was er noch weiß, an das ich mich vielleicht gar nicht mehr erinnere. Hätte gerne erlebt, wie er heute darüber denkt, was sich verändert hat, ausgehend von dem was wir gemeinsam erlebt haben, begriffen zu wem er geworden ist. Aber ich gehe zu weit. Und vielleicht, denke ich, vielleicht ist es besser so. Besser dass seine Worte mich bremsen. Ich habe nie darüber gesprochen, nie jemandem von meiner Kindheit mit ihm erzählt. Nie mehr als die bloße Tatsache erwähnt, dass ich in Kentfordshire aufgewachsen bin, meine Mutter dort eine Anstellung in einem Herrenhaus hatte. Selbst mit meiner eigenen Mutter hatte ich kaum mehr ein Wort über die Zeit damals verloren, selbst wenn ich immer wieder gemerkt hatte, wie gerne sie es getan hätte. Aber ich konnte es einfach nicht. Dafür stand sie zu nah, dafür trug sie zu viel Anteil an dem, was geschehen war. Und so ist es gewissermaßen zu meinem Geheimnis geworden, zu etwas, das ich geschützt in meinem Inneren aufbewahre, weil es schon viel zu sehr verletzt worden war. Weil es viel zu kostbar und viel zu angreifbar ist. Und weil ich nicht auch noch das letzte verlieren will, das ich von ihm habe.
 
Leider habe ich die Karten aus der Hand gegeben. Asya hat sich jetzt in einen Kleinkrieg mit Nascha verwickeln lassen, darüber ob die Räuber oder die Entdecker zu bevorzugen seien, ich bekomme es nur peripher mit. Versuche es gewissermaßen auszublenden, mich nicht mehr weiter darin verwickeln zu lassen. Sie zanken sich als wäre kein Tag vergangen. Allein die Tatsache, dass keine von ihnen in Anbetracht des engen Raumes ihre Gestalt verändert, um der anderen in raffinierten Zügen überlegen zu sein, ist so unerschütterlicher Beweis dessen, wie viel Zeit vergangen ist, was alles geschehen ist. Was alles zwischen uns steht.
 
„Und wir waren Entdecker!“ Ich höre Asyas Schnauben. Spielerisch protestierend. Ja, so leicht würde sie sich nicht überzeugen lassen. Und schon gar nicht beeindrucken. Da wollte sie schon mehr und das lieferte Nascha ihr auf den Fuß. Sie sind schon wieder völlig vertieft in ihre spielerischen Kämpfe und Wortgefechte. „Wir waren in Sybirien und im Muskoviterreich! Und oben in Sveden bei den Hexenlanden!“ Ich hätte gerne darüber gelächelt, aber selbst meine Mundwinkel fühlen sich müde an in diesem Moment. Ich erinnere mich an all diesen Orten gewesen zu sein. Mit Asya. Mit Anis. Mit Nascha. Vor so entsetzlich langer Zeit. Dafür hatten wir Kentfordshire Wood nie verlassen müssen. Ich registriere erst im nächsten Moment, dass etwas in Naschas Worten anders ist. Etwas nicht stimmt. Das ist nicht die Erinnerung an eine gemeinsame Kindheit, dass ist… „Wart ihr?!“, stößt Asya atemlos hervor. Jetzt ist sie beeindruckt. „Wa…“, hatte ich knapp nach ihr angesetzt und abgebrochen, sobald ich bemerkt hatte, dass sie schneller war. Wie so häufig. Mein Blick liegt gegen meinem Willen wieder auf Anis. „Seid ihr gewesen?“, frage ich ihn jetzt doch fast ebenso atemlos wie Asya. Ich bin dumm es zu tun, so dumm, mich so von meiner Neugierde tragen zu lassen. Ich hätte mich in Zurückhaltung üben sollen, das fällt mir doch sonst nicht so schwer. Wenn überhaupt hätte ich die forsche Fragerei Asya überlassen sollen. Ich hätte den Abschluss in Anis letzten Worten respektieren sollen. Stattdessen renne ich ihm schon wieder hinterher wie der kleine Bruder, der nicht begreifen will, dass er einem auf die Nerven fällt. Aber ich kann es schlicht nicht lassen. Er ist dort gewesen, wo unsere Mutter geboren ist? Und in den Gebieten der Hexen? Ich habe Hexen im Krieg getroffen, bezahlte Söldnerinnen mit feurigem Temperament und gefährlichen Talenten. Manchmal haben sie Geschichten erzählt, von ihren Clans, von ihrer Heimat, manches hatte zu fantastisch geklungen um wahr zu sein. Jedenfalls hatte ich das damals gedacht, habe wild mit Asya darüber diskutiert, was wohl stimmte und mit was sie uns nur hinters Licht führen wollten, sich nur einen Spaß mit uns machen. Aber ich war jung gewesen, damals, inzwischen habe ich mehr gesehen von der Welt. Von dem, was möglich ist. Ein paar Dinge fallen mir trotz allem noch schwer zu glauben. Und Anis ist dort gewesen?! Er hat diese Orte tatsächlich gesehen? Er ist tats… Bevor ich noch einen Gedanken fassen kann, tadelt Anis seinen Daemon, wenn auch sanfter dieses Mal, und ich weiß ich hätte nicht fragen dürfen. Unsere gemeinsame Kindheit scheint durch unsere Daemonen nur einen Schritt entfernt zu sein. Aber tatsächlich sind es über zwanzig Jahre, die uns trennen. Zwanzig Jahre und so viel mehr… Warum scheine ich das immer wieder zu vergessen? Asya teilt meine Scheu kein bisschen, das hat sie noch nie. „Erzählt!“, fordert sie mit vor Aufregung bebender Stimme.

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